1885.fi
Freitag, den 21. August
Fuldaer I
MW
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X Die Sonntagsfeier auf dem Lande.
(Früher und jetzt.)
Wer die Sonntagsfeier auf dem Lande vor noch kaum 20 Jahren mit der heutigen vergleicht, wird zugeben müßen, daß in diesen noch n cht verfloßenen zwei Dezennien eine kolossale Umwälzung staltgefunden hat, die aber leider nicht zu Gunsten des Wohlstandes der Landbevölkerung beigetragen hat. Die allbekannte Sonntagsstille auf dem Dorfe hat einem kostspieligen, geräuschvollen Leben Platz machen müssen. Der Lohnsuhrwerker scheut sich nicht mehr an Sonn« und Feiertagen Geld zu verdienen und vergnügungssüchtige Vereine aus Festplätze zu fahren. Auch der Bierknecht hat keine Sonntagsruhe mehr. Mit schwerbeladenem Bierwagcn sährt er nach den Vergnügungsorten oder den benachbarten Konsumenten zu. Fast in allen Dörfern haben sich Krieger-, Sänger-, Turner-, Feuerwehr« rc.-Vereine, die man früher nur in den Städten kannte, gebildet und feiern in den vermehrten Wirlh- schaften in pompöser Weise ihre Weihe-, Stiftungsoder Namensfeste, halten Generalversammlungen oder ihre üblichen Sonntagskneipen ab. Vercins- fahnen werden für Hunderte von Mark angeschafft, wozu mancher Arbeiter außer den monatlichen Beiträgen sein Schärflein zeichnete und wofür Frau und Kinder darben müßen. Ein Verein sucht den andern an Pomp zu übertreffen. Einladungen folgen von Nah und Fern auf Einladungen. Auf bekränzten Wagen oder mit Sektionen im Schritt, marschirt man vor noch nicht beendigtem Nachmittagsgottesdienst mit Sang und klingendem Spiel einer Einladung folgend ins Nachbardorf, welches g» flaggt, Ehrenpforten gebaut und künstliche Alleen gesetzt, auf den Festplatz, wo Musikchöre, Deputationen und Ehcendamen zum Empfange bereit stehen. Auch Schaaren von Schulkindern haben sich inzwischen am Festplatz angesainmelt. Um die Religion doch nicht ganz in die Runipelkammer zu werfen, hat man sich auch am Morgen erst einen Fest« gottesdienst abhalten lassen. Bei dem Festakt folgen Reden auf Reden und zum Schluß der nicht fehlende Tanz, der bis zur frühen Morgenstunde mährt. Diesem bezaubernden Festspiel folgt natürlich der blaue Montag. Nun wird erst geschlafen. Der halbe oder ganze Wochenlohn und die Lust zur Arbeit sind fort. Mil Tbränen in den Augen blickt die fleißige und sparsame Frau auf ihr Häuschen Kinder, wo dem einen ein Kleidchen, dem
anderen Schuhe fehlen, und bew int im Stillen, daß die Sonntagszeche des Mannes wohl reichlich zur Anschaffung dazu ausgereicht hätte, aber sie darf kein Wörtchen sagen. Predigt der Herr Pfarrer oder Kaplan gegen diese kostspieligen Vereine, gegen Sonntagstänze und mahnt zur Sparsamkeit und Sonntags Heiligung, wie es das dritte Gebot Gottes gebietet, so heißt es: Der ist kein Mann für's Volk, der soll das Wort Gottes predigen, Tänze und Vereine gehen ihn nichts an. Willkommen aber heißt man den Pfarrer oder Kaplan, der über Sonntagsheiligung, Tänze, Vereine u. s. w. nichts spricht und mitmacht; der gilt als Mann für's Volk. Während nun auf der einen Seite der besonnene Arbeiter und der nüchterne Bauer mit den jetzigen Zeiten eigentlich eher zufrieden ist, als vor 50 Jahren, klagt man auf der anderen Seite nach so kostspieligem Sonntagsgewühl: Die Frucht gilt n.chts, das Vieh gilt nichts, es ist kein Verdienst. Aber bei all' dem Klagen über ver- vienstlose, schlechte Zeiten, kann man am Montag nach so theueren Sonntagsvergnügen am Kopfe von Festberichten lesen: Das ist der Tag des Herrn und ruft sich am Schluffe zu: Vivat aequena. Schutzzölle, Arbeiterversicherungen werden die Lage der Arbeiter und Bauern nicht beßern, wenn nicht der Vergnügungssucht gesteuert unv Sonntagsruhe eingeführt wird.
Deutschem Reich.
Berlin, 20. August.
** .Kreuzzeitung', .Reichsbote' und .Norddeutsche', die also auch officielles Organ ist, veröffentlichen einen vom Vorstands der konservativen Fraktion des Abgeoronetenhauses unterzeichneten Rechenschaftsbericht über die abgelaufene Legislaturperiode. Der Aufruf enthält einen Rückblick auf die abgelaufene Legislaturperiode, ebenso auf die mit Hilfe der konservativen Fraktion gelösten Aufgaben, deren Erfüllung die Fraktion beim Beginne der letzten Legislaturperiode erstrebt hat. Der Aufruf bespricht gleichzeitig die Ziele, welche von der con- servativen Partei in Zukunft zu verfolgen sein werden. Der Aufruf sagt betreffend ven Kulturkampf folgendes:
Bei Regelung seines Verhältniffes zur katholischen Kirche hat der Staat ein weiteres Entgegenkommen dadurch bewiesen, daß er die Anzeigepflicht auf die Pfarrer beschränkte, das Spenden der Sakramente, das Messelesen sämmtlicher
„rechtmäßig" angestellten Geistlichen innerhalb derffganzen Monarchie freigegeben, die Gehaltssperre in allen Bis- ihümern außer dem Erzbisthum Posen beseitigt hat. Der größte Theil der Pfarreien ist mittels der gesetzlich erlassenen Dispensbestimmungen wieder besetzt. Die Zu- geständniffe an die Bedürfnisse und Interessen der katholischen Bevölkerung sind unter der entscheidenden Mitwirkung der konservativen Partei gemacht worden. Sie bürgen dafür, daß die konservative Partei einerseits der katholischen Kirche die berechtigte Freiheit und Selbstständigkeit auf dem innerkirchlichen Gebiete zu gewähren entschlossen; anderseits aber auch, daß sie dem Staate keinerlei Verzicht auf die Wahrnehmung wichtiger eigener Interessen zuzumuthen gewillt ist. Die konservative Partei ist bereit, in diesem Sinne in eine fernere Revision der Maigesetze einzutreten. Sie sieht mit Rücksicht auf die seitherige Entwickelung vertrauensvoll in die Zukunft; sie ist berufen und bereit, neben der Pflege der religiösen Güter die nationale, soziale und wirthschaftliche Wohlfahrt des Staates ohne Rücksicht auf Sonderinteressen weiter fördern zu helfen und unentwegt die verläßliche Stütze des machtvollen Königthums der Hohenzollern zu bleiben, treu dem alten Wahlspruch: „Mit Gott sür König und Vaterland!'" Der Vorstand der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses.
Die .Köln. Vztg.' übt an dem Aufruf eine kurze Kritik, indem sie schreibt: Dem konservativen Wahlaufruf oder „Rechenschaftsbericht" werden alle Parteien das Zeugniß geben, daß er nicht übermäßig bescheiden ist. Mit dem zufriedensten Gesicht von der Welt zählen die Herren eine Menge in der abgelaufenen Legislaturperiode zu Stande gebrachter Gesetze auf: kirchenpolitische Novelle und Höferolle, Lehrer-Pensionsgesetz und Stempelsteuer, die Gesetze über die Organisation der Landesverwal tung und über die Zuständigkeit der Behörden, Verstaatlichung, Sekundärbahnen und Verwendungs- Gesetz. Woher eigentlich die Entwürfe gekommen sind, ob sie selbst die Initiative ergriffen haben oder nur mitgegangen sind, scheint ihnen eine ganz untergeordnete Frage zu sein; denn sie haben ja überall „mitgewirkt", und so ist schließlich alle» konservatives Verdienst. Da ist nun freilich keine Kunst, denn wenn die Regierung Nein oder Ja sagt, pflegen die Konservativen nicht Ja oder Nein zu sagen, und dr ohne die Regierung kein Gesetz zu Stande kommen kann, so müssen bei allen Gesetzen, die wirklich zu Stande kommen, zienilich selbstverständlich die Konservativen „mitgewirkt" haben. Was die kirchenpolitischen Verheißungen betrifft, so haben wir leider längst gelernt, bei den Konservativen zwischen Worten und Thaten zu unterscheiden. Uebrigens ist uns von einer „Wiederbesetzung des größten Theiles der Pfarreien"
# D. B. Gunkelmann & Cie.
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Gu> kelmann's Blicke fielen auf den offenen, von Hilker vorhin in Aufregung durchwühlten Kassenschrank und eine Ahnung des Geschehenen begann in ihm aufzusteigen.
„So sprechen Sie, Hilker," wandte er sich zu dem jungen Manne und eine leise Ungeduld machte sich in seiner Stimme bemerkbar, „damit ich endlich weiß, woran ich mich zu halten habe."
„Wir find müder auf die schmählichste Weise bestohlen," brachte Hilker todtenbleichen Anllitzes hervor. „Die sechzigtausend Mark, welche gestern eingegangen sind —"
„Ist das Alles?" unterbiach ihn der Handelsherr gespannt.
„Das ist die fehlende Summe!" sagte Hilker wie vernichtet.
„Ist nach der Polizei geschickr?" fragte Gunkel- mann weiter.
Faack bejahte.
„Es sind nun nahezu zweimalhunderttausend Mark, welche in dem Zeitraum von drei Jahren gestohlen worden sind, H lker," sagte er endlich, „beiläufig so lange, als Sie da sind. Sie haben mir Unglück ins Geschäft gebracht — "
„Aber, Herr Gunkelmann," wendete Viktor ein.
„Schon gut!" wehrte der Handelsherr ab. „Ich weiß, daß Sie Nichts dafür können, aber ein unglücklicher Zufall bleibt es immerhin."
Damit wendete er sich und ging längere Zeit schweigend im Gemach auf und ab, während der Buchhalter hämisch vor sich hinlachte.
Hilker bemerkte es und hätte auf den wider- wäriigen Menschen zueilen und ihn züchtigen mögen.
Glücklicherweise unterbrach das Erscheinen des Kriminalamtrs, aus dem Untersuchungsrichter, einem Kommissar und mehreren Osftcianten bestehend, den gereizten Gedankengang des jungen Mannes.
Der Untersuchungsrichter, Oberamtsrichter, Dr. Wendelin, verneigte sich höflich vor dem Chef des Handelshauses und nickte dann dem jungen Kassierer freundschaftlich zu.
„Zu meinem Bedauern habe ich den Berichten Ihrer jungen Leute entnommen, daß Sie wieder in empfindlicher Weise bestohlen woroen sind," redete er Gunkelman an.
Dieser nickte leicht mit dem Kopfe.
„Leider muß ich düse Berichte bestätigen," sagte er dann, „und ich möchte Sie bitten, Herr Ooer- amISrichter, Ihren ganzen Scharfsinn anzustrengen,
um den hinterlistigen Gaunern endlich auf die Spur zu kommen!"
Wendelin verbeugte sich.
„Es soll an anserein E fer nicht fehlen," meinte er dann, „jedoch wird sich die Untersuchung durch den Umstand erschweren, daß die Diebe genau mit der Lokalität vertraut sein und Kenntniß von dem erst gestern anqelangten Gelde haben mußten. Indessen werden wir thun. was in unseren Kräften steht, zumal der Vertust einer fj bedeutenden Geldsumme selbst einem so reichen Manne p inlich sein muß."
Die Stirn des Kaufherrn, welcher nicht einen Augenblick um seine Ruhe gekommen war, umzog sich mit Falten leichten Uilinuthes.
„O," sprach er, „was dies betrifft, kann das Haus Dietrich Valentin Gunkelmann & Sie. wohl einen zwanzigfach härteren Schlag ertragen, ohne in feinen pekuniären Jndereßen, erheblich geschädigt zu werden. Jndcßen, mich ärgert Die Rasfinirlheit der Spitzbuben, der Mantel des Geheimnißes, mit welchem sie sich schlau genug zu umgeben gewußt Halen!*
U ber die Geüchtszüge des Buchhalters zog ,in flüchiiges Lächeln, welches Niemand aufer dem Untersuchungsrichter bemerkte, welchen sein Berr-s