1885.
Montag, den 17. August
Fuldaer
* Die ostafrikanische Frage.
Zu den vielen „Fragen", an deren Lösung unsere Reichspolitiker grob und fein herumexperimentiren, ist endlich noch eine ostafrikanische Frage gekommen. Die deutsche Kriegsflotte hat ihre Segel von südlichen Winden blähen lassen und unter tropischen Breiten in der Bucht von Zanzibar die Banner entfaltet. Das bedeutet zwar nicht unbedingt die Vornahme einer kriegerischen Aktion, es hat aber notbwendig zur Voraussetzung, daß hinsichtlich unserer zweifelhaften „Besitzungen" an der Küste von Ostafrika sich Einflüsse geltend gemacht haben müssen, zu deren wirkiainer Unterdrückung man mindestens einer Demonstration, wenn auch vielleicht nicht sofort des thätigen Eingreifens der deutschen Seemacht bedarf. Jedenfalls hat das Geschwader in der gegenwärtigen Jahreszeit die Gegenden des Aequators nicht blos zur Abhaltung einer Parade ausgesucht, seine Anwesenheit muß vielmehr eine politische Nothwendigkeit sein. Diese Thatsache an sich ist, vorausgesetzt, daß es gar nicht zu einer ernsten Verwendung der aufgebotenen Marine kommt, wenig geeignet, im Lande eine neue Begeisterung für die Eolonialpolitik an- zusachen. D-e 5 Fahrzeuge unter dem Oberbefehl des Commodore Paschen sind mit mehr als anderthalbtausend deutschen Seeleuten bemannt, die sich der Möglichkeit preisgegeben sehen, den uncultivir- ten Einwohnerstämmen die Ueberlegenheit der Civilisation mit Bomben und Flintenschüsien klar zu machen. Die Kräfte der „Olga" an der ent- gezeugtfltzten Küste sinv ja, sagt die ,Ebl. Vztg das beste Beispiel hiesür. Wir fragen uns naturgemäß nach dem Grunde dieser Maßregeln. Ueber die äußere Ursache der offenbar mit möglichster Eile hervorgerufenen kritischen Situation erfahren wir so gut wie gar nichts; das Wenige, was von colonialfreundlicher Seite darüber geschrieben ist, fußt auf bloßen Vermuthungen, die nicht viel Beachtung verdienen, weil sie von den commerzieüen Kreisen ausgehen, die in erster Linie an der Unterstützung ihrer überseeischen Spekulationen das größte Interesse haben. Aus der plötzlichen Abberufung des Afrika-Reisenden Gerhard Rohlfs, der einen Regierungsauftrag zum Verhandeln mit dem Sultan von Zanzibar hatte, muß geschlossen werden, daß der Bevollmächtigte seine Aufgabe nicht erledigt hat, oder daß die Schwierigkeiten, welche ihm in den Weg gelegt sind, den Dispositionen der Reichs
regierung so bedeutend vorkommen, daß sie es darauf abgesehen hat, ihren Wünschen vom Bord einiger Kriegsschiffe aus besseren Nachdruck zu geben. Wir glauben uns über die Pflicht nicht Hinwegsetzen zu dürfen, sowohl die militärischen Operationen als auch die Beweggründe, welche von amtlicher Seite für deren Nothwendigkeit geltend gemacht werden, genau zu verfolgen. Es handelt sich in Ostafrika nicht um die Bedrohung deutschen Eigenthums, denn unser Rechtstitel auf die beanspruchten Landstrecken bedarf zunächst noch der Prüfung, es handelt sich auch nicht um eine Verletzung der Autorität des Reiches durch die Gefährdung deutscher Ansiedler, denn noch hat kein Sohn der deutschen Erde seine Colonialbegeisterung unter der tropischen Sonne ausschwitzen wollen, sondern es handelt sich dem Reich gegenüber um das energische Festhalten an den Zielen der Colonialpolitik und dem Auslande gegenüber um eine Kraftprobe im kleinen Stil zur See. Wegen solcher Rücksichten bürdet man, abgesehen vom mörderischen Klima, dem Etat Verpflichtungen auf, die leicht ins Unabsehbare wachsen könnten.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. August.
* Der ,Voss. Ztg.' wird aus Wien gemeldet, daß der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, vier Tage lang beim Fürsten Bismarck in Varzin verbleiben und Hann, ohne Aufenthalt in Berlin oder Babelsberg zu nehmen, nach Wien zurückkehren werde. Derselben Quelle zufolge ist die Zusammenkunft der Kaiser von Oesterreich und Rußland in Kremsier offiziell auf den 24. und 25. d. anberaumt. Dieser Kaiser- begegnung sollen außer Graf Kalnoky, Giers, Taaffe und Orczy auch die beiderseitigen Botschafter, Graf Wolkenstein und Fürst Lobanoff, anwohn-n. Das russische Kaiserpaar soll sich von Kremsier aus zu eintägigem Aufenthalt nach Gmunden zum Besuch des Herzogs von Cumberland begeben. Die Kaiserin von Rußland ist bekanntlich eine Schwester der Herzogin von Cumberland.
* Der Magdeb. Ztg.' schreibt man von hier: „Es verlautet, daß Herr v. Schlözer der Ueber« bringet neuer Vorschläge der Kurie bezüglich der Wiederbesitzung des erzbischöflichen Stuhles in Posen-Gnesen sei. Der Papst persönlich soll
# D. B. Gunkelmann & Cie.
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Der Fremde indessen schien, wie mit den Lokalitäten, auch mit der Art der Jnsasien vertraut zu fein, denn er schritt ruhig weiter, ohne sich im mindesten beirren zu laffen.
Endlich blieb er vor einem kleinen Tische stehen, an welchem zum Gegensätze von den anderen nur ein einziger Mann mit wenig Vertrauen erwecken- den GJichtszügen Platz genommen hatte. Der Mensch mußte baumstark sein, das verrieth der herkulische Bau seines Körpers, sowie die mächtigen Fäuste, welche große Aehnlichkeit mit zwei Schmiedehämmern hatten. Rechnete man noch dazu den Stiernacken mit dem verhältnismäßig kleinen brandroth behaarten Kopse und den kleinen Schlitzaugen darin, so wurde dieser Eindruck nur noch bestärkt.
Der Fremde schien indeffen dem Dasitzendeu durchaus nicht fremd zu sein, denn er nickte ihm freundlich zu, während er sich seines Ueberrockes, sowie seines Hutes entledigte.
„Gelt, ich habe Wort gehalten, Willem 1" äußerte er dann mit merkwürdig scharfklmgender Stimme.
„Ich habe lange genug auf Dich gewartet",
erwiderte der Andere. „Setze Dich zu mir und trinke!"
Der Fremde machte bei der herbergeerlten, rhn mit einem vertraulichen Lachen begrüßenden Kellnerin seine Bestellung.
„In der That," sprach er, sich setzend, zu Willem, „in der That, jedesmal, wenn ich hierherkomme, muß ich immer wieder die Rasfinirtheit bewundern, mit welcher Ihr Euch von der Oberwelt abgeschloffen und auch dem spähendsten Polizeiauge unsichtbar gemacht habt. Man wird versucht, an Zauberei zu glauben!"
„Unsinn I" polterte der Andere. „Em brschen Mechanismus, nichts weiter, das ist das ganze Wunder. Ich habe die Verschlüsse fast ganz allein ausgefühlt! , . ,
„Du bist ein wahrer Teufelskerl mit Deiner Schlosserei!" sagte der Angekommene mit ungeheuchelter Bewunderung, indem er dem Freunde das für ihn mitbestellte Glas Punsch zuschob, „und ich kann kaum begreifen, rote so viel Geschicklichkeit in einem Menschen vereinigt sein kann."
„Nun", lachte der Andere geschmeichelt, „ich kann wohl sagen, daß kein Schloß vor mir sicher ist, auch nicht die sogenannten diebesfesten. Gun- kelmann weiß ein Lied davon zu fingen! Hahaha!"
von dem lebhaftesten Wunsche beseelt sein, auch die Personenfrage im Einvernehmen mit der preußischen Regierung zu lösen . . . Auch auf der gegenwärtigen Kandidatenliste sollcn sich keine Namen befinden, die der preußischen Regierung genehm sind." Es wird auch schwer halten, Priester zu finden, die der Regierung „genehm" sind, sie müßten denn vor Allem keine Polen sein.
* Ueber die Erledigung der Za nzibar-Fr a^ge gibt folgendes Reuter'sche Telegramm nähere Auskunft: „Commodore Paschen, der Befehlshaber des deutschen ostafrikanischen Geschwaders, übergab am 11. d. dem Sultan von Zanzibar seine vorläufigen Forderungen. Deutschland drohte im Falle des Nichtnachgebens den Abbruch freundlicher Unter« Handlungen nach Ablauf von 24 Stunden an. Ohne daß eine Antwort einlief, nahmen die deut- scheu Schiffe Stellung vor dem Palast des Sultans." Die Erledigung der streitigen Punkte zu Gunsten Deutschlands geschah nun sehr schnell. Die deutsche- ostafrikanische Gesellschaft hat nun glücklich erreicht, daß durch Aufbietung gewaltiger Machtmittel seitens des Reiches gut gemacht worden ist, was zuerst durch ihre Uebetgriffe, iyre Taktlosigkeit und den Mangel an Vorsicht bei den Verhandlungen mit dem Sultan verschuldet wurde. Die deutschen Colonisatoren haben nun Freiheit des Handelns. Man wird sehen, ob sie im Stande sein werden, dieselbe zu benutzen, und welche Früchte sie aus den neuen Erwerbungen gewinnen werden.
♦ Frankfurt a. W., 12 Ang. Herr Prälat Janssen ist vor einigen Tagen von Wrldungen zurückgekehrt. Die Cur ist von bestem Erfolge begleitet, so daß er in gewünschter Gesundhert und Frische die Arbeit wieder aufnehmen konnte. Wenn Gott Leben und Gesundheit erhält, dürfte der 5. Band des epochemachenden Geschichtswerkes um Weihnachten schon die Presse verlassen.
» München, 12. Aug. Das königliche Hof- sekretariat, zu dessen „einstweiliger Geschäftsführung" Herr königl. Rath Klug befohlen wurde, soll nach einer Mittheilung in der .Franks. Ztg/ eine „Anleihe von 30 Millionen Mark für die Kabmets- kasie" beabsichtigen. Die ,N. Nachr.' sind in der Sage mitzutheilen, daß an zuständiger Stelle von einer solchen Absicht nichts bekannt ist. Zahlrerchs bezügliche Anerbietungen, welche wohl auf vage Gerüchte hin einlaufen, finden nicht die geringste Beachtung. _________________
„Daß ich es nicht vergesse!" meinte der Andere, nachdem er einen Schluck des dampfenden Getränkes zu sich genommen. „Der Alte ist seit unserem letzten Geniestreiche höllisch vorsichtig geworden. Er hat das Schloß an seinem Kassenschrank gänzlich verändern lassen."
„Das soll ihm wenig nützen," rief Willem, dem das Hinabstürzen des ganzen Glases Punsch auf Augenblicke eine heisere Stimme machte, „das soll ihm wenig nützen, dem reichen Herrn Gunkelmann. Ich will ihm schon eine Probe davon ablegen. Ich denke doch, KriSpin, Du hast Etwas auf dem Kerbholze," fügte er lauernd hinzu; „denn umsonst wirst Du mich doch nicht hergesprengt haben und selbst gekommen sein?"
„Da magst Du Recht haben," meinte Krispin mit leichtem Lachen, „denn so hübsch und gemüth- lich Ihr Euch hier auch eingerichtet habt, ziehe ich überirdische Restaurants doch vor."
„Jeder nach seiner Weise!" brummte Willem. „Mir ist es hier ganz wohl zu Muthe. Indessen, erzähle! Ich bin gespannt auf Deine Eröffnungen. Ich bin wieder so blank wie eine Kirchenmaus und es ist die höchste Zeit, daß ich wieder Etwas unternehme! Wenn Du wirk.ich mein Freund brst.