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Freitag,

1885.

Erstes Blatt

nur war Bennigsen deutlicher. Er forderte die Beseitigung der als extrem konservativ geltenden Minister, in erster Linie Herrn v. Puttkamers, als Preis, wurde jedoch von der,Nordd. Allgem. Ztg.', wenngleich sehr glimpflich, bei Seite geschoben. Wir zweifeln, daß die nationalliberale Partei die vorrigjährige Forderung ihres Exführers als Bor» bedingung für den Wahlpakt aufstellt:, wagte sie es aber, so würde ihrer Forderung jetzt ebenso wenig wie im Vorjahre entsprochen werden. Die Forderung ist aber auch unberechtigt, Bennigsen würd: als Minister ebenso wie v. Puttkamer Bis­marcks Willen auszuführen haben. Höchstens könnte er mehr Nationalliberale in hohe Aemter bringen, das scheint aber für diese das Ausschlaggebende.

» Die preußischen Landtagswahlen rücken immer näher heran und immer häufiger werden auch die Wahlerörterungen. Die Offiziösen und Freikonservativen predigen unausgesetzt wie im Vorjahre die Mittelpartei; die deutsch-konservativen Organe beharren bisher in Worten noch im Wider­stande gegen dieselbe; die Nationalliberalen sehen sich durch ihre Grundsätze und besonders durch Zukunftsrücksichten zu den Freisinnigen hingezogen und schlöffen mit ihnen nicht nur in vereinzelten Fällen eine Allianz ab, wenn sie dadurch nur nicht dem Zorn des Allgewaltigen verfielen. Die Offi­ziösen fürchten offenbar, daß der nationalliberal­freisinnige Pakt von Halle auch anderswo Nach­ahmung finden könne und darum werden ihre War­nungen an die Nationalliberalen, sich nicht vom Linken umgarnen zu lasten, stets dringender, ihre Angriffe gegen die Freisinnigen heftiger. Stellt doch die .Norddeutsche' erst neulich wieder die Frei­sinnigen als Arm in Arm mit den „schlimmsten Gegnern": Centrum, Sozialisten, Welfen, Polen und Dänen dar und warnt die Nationalliberalen davor, sich in diese erzböse Gesellschaft zu begeben. Woher rührt aber die stets wieder auftauchende Lust der Nationalliberalen zur Wahlallianz mit dem Freisinn ? Abgesehen von der Gleichheit der Grundsätze hat man im nationalliberalen Lager bereits unausgesetzt den Moment im Auge, wo sich eine „große liberale Partei" einem andern Träger der Krone als ^Regierungsmehrheit offeriren kann. Die Nationalliberalen, welche dann die erste Geige zu spielen hoffen, bedürfen also der Freisinnigen für ihre Zukunfts-Spekulationen und deshalb mögen sie die Brücke zu denjenigen, welche mit ihnen die große liberale Zukunftspartei bilden sollen, nicht vollständig abbrechen. Andererseits aber ist den Nationalliberalen ein Wahlpokt mit den Konser­vativen, abgesehen von ihrem Widerwillen gegen konservative Grundsätze, auch deshalb unsympathisch, weil sie im Stillen befürchten, daß die Konserva­tiven den Hauptvortheil von dem Bündniß ziehen und so erstarken könnten, daß beide konservative

Parteien für sich allein eine Mehrheit bildeten. Dann wären die Nationalliberalen das fünfte Rad am Wagen und nicht nur zur politischen Ohnmacht verurtheilt, sondern auch der Spott der ganzen Welt und in erster Linie der des Freisinns. Die Organe des letzteren, welche einer Wahlkoalition des Gesammtliberalismus das Wort reden, rech­nen denn auch den Nationalliberalen vor, daß die Konservativen nur 30 Stimmen zu gewinnen brauchen, um die Nationalliberalen zu den unnützen Möbeln werfen zu können. Diese Rechnung scheint nicht ohne Eindruck bei den Bedrohten geblieben zu sein, denn die ,Nordd.' korrigirte gestern die Rechnung und suchte die Nationalliberalen mit der Mittheilung zu beruhigen, daß nicht 30, sondern 40 Gewinne zu der rein konservativen Majorität erforderlich seien, und im schlimmsten Falle wären ja 57 Freikonservative da, welche Wasser in den Wein der „konservativen Ultras" gießen würden. Jn's richtige Deutsch übertragen heißt der letztere Satz: die Freikonservativen werden schon dafür sor­gen, daß in der Mittelpartei-Majorität nicht wirk­lich konservative, sondern abgeblaßte, gouvernemen- tal-liberale Ideen obsiegen. Diesen Satz mögen sich die Konservativen merken; um ihre Haut han­delt es sich! Indessen nach den kulturkämpferischen Leistungen ihrer Organe in der Paderborner An­gelegenheit kann man kaum noch einen Funken politischer Einsicht bei ihnen erwarten. Sie stür­zen blind in's Verderben und werden, wahrschein­lich wie früher, erst zur Einsicht kommen durch koloffale Verluste. Wird aber die Zusicherung der /Norddeutschen', datz mit der Mttetpartei eine den Nationalliberalen sympathische Politik getrieben werden solle, die letzteren zur Abschwenkung nach Rechts bewegen? Wenn die Nationalliberalen durch ein solches Wahlbündniß den Löwenantheil des Ge­winnes erhalten, so greifen sie, die konservative Bereitwilligkeit vorausgesetzt, ebenso gern zu, wie bet den Reichstagswahlen. Die Konservativen aber dülftcn diesmal vorsichtiger sein und für sich mehr Sitze bei dem Pakte reklamiren. Unter diesen Um­ständen forderte ein Blatt anderweitige Garantien für die Nationalliberalen. Die,Nat.-Zig.' glaubt, daß die Mittelpartei nur „durch einen Entschluß der Krone" geschaffen werden könne, der eine „Um­bildung der Regierung" und „Sicherheit für eine mittelparteiliche Regierungspolitik" herbeiführe. Das ist das Wahlprogramm Bennigsen's vom Vorjahre,

Deutsches Reich.

Berlin, 13. August

* Hebei den Termin der Landtags wählen sind schon allerlei Angaben gemacht worden, die jedoch um deswillen der Begründung entbehren, weil an maßgebender Stelle darüber noch gar keine Berathungen stattgefunden haben. Vor Ende Okto­ber wird der Wahlakt schwerlich zu erwarten sein.

* Heute findet die erste Gesammtsitzung der Telegraphen.Konferenz statt, worin, gutem Vernehmen nach, die wichtige Tariffrage zur Er­örterung gelangt.

• In Norderney starb gestern nach kurzer Krank­heit im Alter von 72 Jahren der General der Infanterie, v. Stülpri aael. Im französischen Kriege war er Kommandeur der 5. Infanterie- Division und zeichnete sich als solcher besonders bei Vionville aus, wurde dann zum kommandiren- den General des 13. (württembergischen) Armee­korps ernannt, welche Stellung er bis zum 24. Dezember 1873 wahrnahm. Er versah dann noch zwei Jahre lang die Geschäfte eines Gouverneurs von Berlin und des Chefs der Landgendarmerie. Er war Domherr von Brandenburg und wurde, als er in den Ruhestand trat, zum Chef des 5. Brandenburgischen Infanterie-Regiments Nro. 48 ernannt.

* Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' bespricht die Ueberfüllung im Juristensache ernstlich und dann auch in anderen höheren Berufsfächern, wie im Baufache, dem Kausmannsstande rc. und findet den Grund hierfür in der Sucht der Eltern, ihre

Wegen des Festes „Mariä Himmel- fahrt" wird die nächste Nummer dieses Blattes erst am Montag erscheinen.

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1. Kapitel.

Unter Verbrechern.

In schweren Tropfen fiel der Regen auf die Straßen der Großstadt nieder. Vom Winde ge­peitscht schlug er gegen die Scheiben der Fenster und Laternen, daß sie, unter der Wucht des An­pralles zitternd, einen schwachen Laut von sich gaben. Dabei tönte das unaufhörliche Plätschern des herabströmenden Masters, welches sich in den geräumigen Dachtraufen gesammelt hatte und einen anderen Raum zum Verweilen suchen mußte. Dazu noch der schneidende, kalte Herbstwind, welcher den eilig ihres Weges Vorübergehenden durch tue verhüllenden Tücher hindur ch in das Gesicht blies, halte der Abend durchaus keinen verlockenden Reiz, die gemülhliche Stube zu verlosten.

Jener Herr, welcher eben aus der breiten Haupt- straße in eines der zahlreichen Nebengäßchen bog und der in einen langen Havelock eingemummt war, während die rechte Hand das Dach des auf­gespannten Regenschirmes zum Ueberfluste dicht vor das Gesicht hielt, schien ebenfalls mit dem Herr- 'chenden Unwetter nicht recht zufrieden zu fein; >

das verkündeten die zahlreichen Verwünschungen, welche er zwischen den Zähnen hervorstieß, wenn ein heftiger Regenschauer ihm trotz aller Abwehr in das Gesicht wehte oder ein pfeifender Windstoß die angezündeten Gasflammen flackern machte und ihr ohnehin spärliches Licht so verkleinerte, daß der eilige Wanderer wohl oder übel einige Augen­blicke in vollständiger Finsterniß gehen mußte.

Dazu waren die Trottoirs der Straßen, welche er durchschritt, immer schmäler und von schlechterer Beschaffenheit geworden, bis sie schließlich ganz aufgehört hatten. Die Häuser zu beiden Seiten des Weges hatten gleichfalls die Eleganz verloren, welche bi:her ein hervorragendes Merkmal der Großstadt bildete, und waren zu kleinen, elenden Baracken herabgeschrumpft, aus welchen der Vorüber­wandernde eben — es mochte 9 Uhr Abends sein — lautes Schelten und Toben, vermischt mit dem Geschrei einer zahllosen Kinderschaar, hörte. Da­zwischen zeigten sich trotz des Unwetters an der Thür ober beim Umbiegen an den Straßenecken verdächtige Gestalten, welche scheu und gedrückt in sich dastanden und welchen zu begegnen jeden­falls nicht rathsam gewesen wäre, wenn nicht gerade in diesem ärmlichen Stadttheil zahlreiche Schutzmannschaften mit ihrem fchützenden Helm

und dem langen Regenstoffmantel umherpatrouillirt und gerade auf diese schleichenden Individuen be­sonderes Augenmerk gehabt hätten.

Aber auch der unaufhaltsam seinen Weg fort­setzende Herr schien seine Gründe zu haben, von den Dienern der Gerechtigkeit nicht gesehen zu werden. Wenigstens duckte er sich, sobald er in die Nähe eines Sicherheitswächters kam, noch tiefer in den ihn verhüllenden Mantel und strebte noch eiligeren Schrittes vorwärts.

Endlich schien der Geheimnißvolle den Ort er- reicht zu haben, welchen er sich zum Ziele ge- nommen hatte.

Er blieb vor einem hohen, düsteren Hause stehen, aus besten untersten, geschloffenen Fenster- läden schwaches Licht hinburch schimmerte.

Die Hausthür, über ber ein wurmstichiges Holz­schild mit der Aufschrift: „Gastwirthschaft zum Pfannenstiel" hing, war nur angelehnt, so daß der Ankömmling sie mühlos mit dem Fuße auf­stoßen und in das Innere des Gebäudes treten konnte.

Rasch durchmaß er den zugigen, mit holprigem Pflaster versehenen Hausflur und betrat die Parterre- lokalitäten, deren Eingang durch eine Oellampe schwach erleuchtet wurde und einem guten Auge