JW 183.
Donnerstag, den 13. August
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1885.
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△ Ein Wort zur Klosterfrage.*)
In dem Verbot der Klöster und klosterähnlichen Niederlassungen und in der Verpönung des Wirkens katholischer Ordensgeistlichen ist so recht der in Deutschland herrschende, dem Katholizismus abholde Parteigeist ausgeprägt, der sich über das erste Erforderniß des liberalen Prinzips, über die Respektirung der persönlichen Freiheit schnöde hinwegsetzt. In jeder geordneten Staatsgesellschaft muß der Einzelne unbehelligt nach seinen Neigungen und Bedürfnissen leben können, sofern er nicht Andere im Genüße desselben Rechtes stört, oder gegen die öffentliche Moral und Ordnung verstößt. Gesetze zur Unterdrückung dieser Freiheit schaffen, ist nicht nur illiberal, sondern geradezu tyrannisch, und dieser Tyrannei haben die Nationalliberal.n in der Zeit ihres wirklichen Aufschwunges sich schuldig gemacht. Solche Unterjochung, solche Feindschaft gegen die indiv.du lle Freiheit erscheint um so verdammlicher und ver- abscheuungSwürdiger, als der Grund hierzu nicht aus irgend einem Staatsintereffe hergenommen werden kann. Oder will etwa Jemand behaupten, daß friedliche Menschen, die sich die Führung eines von der Welt zurückgezogenen Lebens gewählt haben, sei es der Beschaulichkeit wegen, oder behufs Pflege eines edlen Zweckes: — Studium, Kunst, Wissenschaft, Werke der Barmherzigkeit — dadurch dem Staate und der gesellschaftlichen Ordnung auch nur den geringsten Schaden zusügen? Wer dies behaupten wollte, würoe sich dem Gelächter seitens der Vernünftigen aller civilisirten Länder aussetzen. Die Pseudoliberalen haben auch noch nie gewagt, das Werk ihres Verfolgungsgeistes mit einem Gebote des Staatsinteresses rechtfertigen zu wollen; was sie desfalls vorbringen, ist alleiniger Ausfluß eines dreihundertjährigen Entstellungssystems und eines Lügengewebes, das seine Entstehung von der Lüsternheit des Raubritterthums und der städtischen Patrizier nach den Ktostergütern erhalten hat. Man hat sich der kirchlichen Klosterreform dazu als Vorwand bemächtigt und vorgekommene Unregelmäßigkeit im Klosterleben zu Umsturzzwecken und Annexionen benützt. Das Klosterverbot fußt heute auf ange- erbten Mißvorstellungen, und unsinnigen, meistens aus Schauerromanen geschöpften Ideen vom Wesen und Walten des Klosterlebens. Man stützt sich
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
* Wo ist der Jesuit?
Eine schaurige Geschichte will ich dem Leser erzählen; sie handelt — es ist schrecklich zu sagen — von Jesuiten und ähnlichen „reichsfeindlichen" Elementen und ist höchst wehmüthig und traurig zu lesen. Die Jesuiten sind zwar aus Deutschland ausgewiesen, aber die Jesuitenfurcht und die Jcsuitenriecherei ist geblieben. Der „altkatholische" Pastor Rieks in Heidelberg hat sogar die Entdeckung gemocht, daß das bekannte, den „Altkatholiken" ungünstige Erkenntniß des Reichsgerichts eine „durch irgendwelche jesuitische Machination erwirkte Sentenz" sein könnte. Jesuiten haben niemals Mienen gegraben, Dynamitbomben geworfen oder Attentate geplant; sie sind im Gegen- theil stets bemüht gewesen, durch Wort und Schrift das Autoritätsprincip zu kräftigen und die Menschen zu Gehorsam, Fleiß und Nächstenliebe zu ermahnen, — und dennoch steht es bei Tausenden, besonders bei solchen, welche einen Jesuiten nie gesehen haben, und welche sie nur aus Eugen Sue's „Ewigen Juden" oder ähnlichen Sudelromanen kennen, bombenfest, daß die Jesuiten die allergefährlichsten Menschen auf Gottes Erdboden sind; man nennt sie Jntriguanten, Reichsfeinde, Vaterlandsverräther, Erbschleicher, Wölfe und noch
auf willkürliche Meinungen, wie: „Klöster paffen nicht mehr in die heutige Zeit und Welt", „sie befördern die Faulheit", beeinträchtigen die allgemeine Betriebsamkeit, und wie die landläufigen hohlen Schlagwörter sonst noch lauten. Der eigentliche Hauptgrund für die Klosterfeinde liegt aber darin, daß sie einen kindischen Abscheu vor den „Kutten" haben. Wie sehr stemmten sich diese sog. Liberalen einst (1845) gegen die Zulassung der barmherzigen Schwestern im badischen Lande; das Erscheinen der ersten barmherzigen Schwester überrieselte verhetzte Gemüther mit Gruseln. Und nun? Gegenwärtig steht dort und anderswo der Orden der barmherzigen Schwestern so sehr im Ansehen, daß Protestanten und Israeliten im Verein mit den Katholiken Mittel zusammenlegen, um deren eine größere Anzahl unterhalten zu können; Niemand mehr läßt sich eine Verlästerung des Ordenskleides beigehen; wir haben in den letzten Jahren erlebt, daß in einer sehr liberalen Stadt, ein sehr liberaler Wirth zur Faschingszeit Masken, welche Spott mit diesem Ordensgewande treiben wollten, aus seinem Lokale hinausgeworfen hat. In gleicher Weise würde der allgemeine Volksgeist sich mit der Anwesenheit von anderen kirchlichen Orden im Lande befreunden sowie auch mit der Errichtung von Klöstern, besonders wenn einmal die Einsicht von den guten Früchten ihrer Wirk- samkeit zum Durchbruche gekommen; womit wir in sozialer Hinsicht nicht die Klostersuppen allein meinen .Der veryorben^französische Stpo^smann Thiers sagte einmal in der Nationalversammlung," als die Geister durch Bangen vor dem „rothen Gespenste" bewegt waren: „Der Boden Frankreichs muß sich wieder mit Klöstern bedecken." Darin liegt die Bedeutung der Klöster und der religiösen Orden in Bezug auf Lösung der sozialen Frage. Wiederholt ist schon der Klage Ausdruck gegeben worden, daß die Katholiken Badens in Sachen des Seelenheiles genöthigt seien, wenn sie den Beistand von Ordenspriestern suchen, in das Ausland zu reisen — wir stellen die Fragen der leiblichen Wohlfahrt auf eine gleiche Stufe; gerade hinsichtlich der materiellen und sozialen Volksnöthen macht sich die Knebelung der katholischen Kirche am einschneidensten fühlbar. Die Kirche muß zur Freiheit gelangen, dem Volke durch die selbstlose Thätigkeit bestehender und weiter zu begründeter geistlicher Orden zu Hilfe kommen, wo weiter nichts
schlimmer. Es gibt Leute, denen schon beim bloßen i Namen „Jesuit" eine Gänsehaut über den Leib geht, wie Andere, wenn sie von der Cholera hören, und die sich unter den Jesuiten den Inbegriff aller Schlechtigkeiten denken.
Das Prachtexemplar eines Jesuitenfreffers war der Probecandidat Streber am Gymnasium in Dingskirchen. Besagter Herr, der eine goldene Brille und ein großes Selbstbewußtsein zur Schau trug, brachte Morgens und Nachmittags den Sextanern die Geheimniffe der lateinischen Sprache via und amo, bei, und Abends verzapfte er in Volksbildungsvereinen Darwin'sche Affentheorie und Schimpfereien über die Bibel und Rom. Der junge Mann der schon einen Obercollegen, den alten Religionslehrer am Gymnasium, beim Cul- tusminister Falk wegen „reichsfeindlicher Tendenzen" denunzirt hatte, witterte überall Jesuiten und Verräther und war unablässig bemüht, nebenbei die verhaßte „Kaplanokratie" mit Stumpf und Stiel auszurotten. Er hielt sich für ein Gefäß der Weisheit und wollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen; es sollte leuchten in die Nacht der ultramontanen Finsterniß und ihm selbst zu einer glänzenden Laufbahn verhelfen. Streber wollte etwas werden; eine Kraft, wie er, durfte nicht in 1
als ein Gotteslohn für die Hilfe erwartet wird. Unser desfallsiger Gedanke erstreckt sich auf ein weites Gebiet. Wie übel ist z. B. der Dorfbewohner in Erkrankungsfällen daran; er hat weit zum Arzt, und dieser ist erstens nicht so rasch als nöthig herbeizubringen, und dann verursacht die ärztliche Hilfe beträchtliche Kosten, größere als der Stadtbewohner im gleichen Falle zu leisten hat, Kosten, die für den minderbemittelten Landmann drückend sind, und zwar in dem Maße, daß solche Landleute, wie wir von einem Landedelmann in einer Gesellschaft aussprechen hörten, „ihre Kinder sterben lassen, weil sie die Kosten nicht bezahlen können". — Von der Diphteritis war die Sprache. Der Mund, welcher diese Aussage gethan, trügt nicht. — Man wird uns verstehen, wie wir die kostenlose und stets präsente Hilfe, welche die Kirche durch ihre Orden dem Volke bringen soll, meinen. Klöster mit Ordensleuten, welche der Heilkunst obliegen, inmitten eines Umkreises von einigen Ortschaften, welche Wohlthat läge darin für das arme Volk!____________________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 12. August.
* Graf Kalnoky ist kurz nach 8 Uhr nach Varzin weitergereist.
* Zu welchen bedauernswerthen Vorfällen die Ausweisungen der polnischen Ueber- läufer aus Preußen führen, wird durch zwei weitere Beispiele illustrirt. Aus S o l d a u wird berichtet: Am 5. d. M. wurden, der ,Th. O. Z? zufolge, einige säumige polnische Ueberläufer per Polizei zur Bahn gebracht, und es sammelte sich dabei eine große Menschenmenge an. Eine Frau, die ihrem Manne nicht nach Polen folgen wollte, weil sie hier geboren und erzogen ist, suchte sich durch Ertränken der gewaltsamen Ueber Weisung nach Rußland zu entziehen, wurde aber drei Mal daran verhindert. Die meisten Frauen der polnischen Ueberläufer sind deutsch und evangelisch und wollen von Rußland nichts wiffen; sie wollen schlimmstenfalls Mann und Kinder verlaffen, um nicht in Rußland zu wohnen. Unter den Ausgewiesenen befindet sich auch ein Arbeiter, der 35 Jahre hier am Orte gelebt hat. Ferner wird der ,Nogat-Ztg.' aus Marienburg gemeldet: Am 4. d. M. sind mehrere Familien ausgewiesen worden, darunter auch ein Pole Namens Obludda,
i den Schu sälen eines Gymnasiums verpufft werden; er wollte höher hinaus, träumte von Berufung in's Ministerium und erzählte Jedem, daß er bei der Königl. Regierung persona gratissima (lieb Kind) sei. Jede patriotische Aufklärungsrede, die er hielt, ließ er in der liberalen Zeitung der Stadt abdrucken, und alle diese Zeitungsnum-1 mern übersandte er, blau angestrichen dem Re« ‘ gierungspräsidenten.
In Dingskirchen — die Stadt ist groß und die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung ist katholisch — wohnten nun auch zwei Männer, die Mitleid mit dem strebsamen Streber hatten, und die in Folge deffen beschloffen, den Candidaten von seiner Krankheit, seinem Wahne und seiner fixen Idee (so nannten sie seine Jesuitenriecherei) zu kuriren. Der eine von beiden, Scherz mit Namen, kannte oberflächlich seinen „Patienten" und meinte: „Man muß den Aermsten heilen; früher litt die Welt an Hexenwahn, jetzt krankt sie an der Jesuitenfurcht; cs ist also human und christlich, fixe Ideen auszutreiben." Sein Freund, welcher bis dato nie die Ehre gehabt hatte, dem Herrn Streber vorgestellt zu werden, fand den Vorschlag sehr vernünftig und war erbötig, sich an der Kur zu
1 betheiligen.