M 181.
Dienstag, den 11. August
1885.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen W o^h e nb«ilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk^70 Pfg., Auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
O Der Raphaels Verein im Jahre 1884'
Der Rechenschaftsbericht des Comitee's zum Schutze katholischer Auswanderer (St. Raphaels-Verein) für das Jahr 1884 liegt jetzt vor. Wir entnehmen demselben, daß im Ganzen 11,168 Mk. 68 Psg. eingenommen und 10,466 Mk. 5 Pfg. ver- ausg abt wurden. Es blieb also am 1. Januar 1885 ein Kassenbestand von 702 Mk. 63 Pfg. In Folge der Entscheidung des königlichen Kam- mergerichts zu Berlin vom 24. September 1883, wonach das Anerbieten zur Ertheilung von Auskunft über Beförderung von Auswanderer, selbst wenn diese unentaeldlich geschieht, ohne staatliche Conzession straffällig ist, Hal der Vorstand des St. Raphaels-Vereins wie bereits 1883, so auch in diesem Jahre von den früher in den Zeitungen gemachten Veröffentlichungen abgesehen. Reue Anklagen auf Grund des § 10 des Gesetzes vom 7. Mai 1853 betreffend die Beförderung von Auswandern sind daher auch gegen den Verein nicht erhoben worden. Dagegen war die Folge davon, daß die Zahl der Schutzbefohlenen im laufenden Jahre sich etwas vermindert hat. — Dieser bedauerlichen Beschränkung der Thätigkeit des Vereins kann nur dadurch erfolgreicher entgegen gearbeitet werden, daß namentlich die Hochw. Herren Seelsorger keinen Auswanderer aus ihrer Gemeinde entlassen, ohne denselben auf den St. Raphaels- Verein hingewiesen zu haben. Leider geschieht dies noch lange nicht in dem gewünschten Maaße und die Vertrauensmänner klagen wiederholt, daß so viele Auswanderer in den Häfen eintrefien, denen Name und Wirksamkeit des Vereins völlig unbekannt sind.
Gegen das Vorjahr zeigt die Auswanderung aus Deutschland im Jahre 1884 abermals eine geringe Abnahme, die neben der bereits erwähnten Ursache dazu beigetragen hat, daß weniger Auswanderer als im Jahre 1883 die Vertrauensmänner ausgesucht haben. Laut Bericht des Reichs- kommiffars für das Auswanderungswesen reisten 1884 über deutsche Häfen 1-94,497 Personen, worunter 126,511 Deutsche (1883:201,308 bezw. 143,947). In den Vereinigten Staaten landeten 154,501 Deutsche (1883:180,812). Der Grund dieser Erscheinung liegt einerseits so der andauernd ungünstigen Geschäftslage Amerikas, des Zieles der weitaus größten Anzahl der Auswanderer, ande
❖ Ein gemüthlicher Harrswirth. (2°
Um Frau Sophie mit ihrem Gatten und den Kindern vollends zu versöhnen, sollte noch ein glücklicher Zufall Letzteren die Hand bieten.
Acht Tage nach ihrer Heimkehr wurde Frau Schulze in ziemlich früher Morgenstunde durch eine sanfte Musik aus dem Schlafe geweckt. Sie rieb sich die Augen und wollte ihren Mann fragen, was dieses Morgenständchen zu bedeuten habe. Zu ihrer Verwunderung hatte ihr sanfter Heinrich schon vor ihr sein Lager verlassen, was sonst nicht seine Gewohnheit war.
Sie richtete sich im Bett auf und horchte; die Musici spielten eine Melodie, welche sie nur einmal in ihrem Leben gehört und doch im Gedacht- niß behalten hatte, obgleich seitdem volle dreißig Jahre verflossen waren.
Frau Schulze faltete die Hände und sah vor flch hin. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, die ihrem Herzen wohlthaten.
„Ja, ja, die Melodie kenne ich," murmelte sie.
„Es ist das Ständchen, das mir und meinem Heinrich am Morgen vor unserer Trauung von guten Freunden gebracht wurde. Aber wie kommt es, daß gerade heute —"
rerseits in der Entwerthung des Eigenthums in Deutschland. Namentlich hält letzterer Umstand viele, die ihren Besitz nicht unter dem Werthe hingeben wollen, in der Heimath zurück.
Ueber Bremen wanderten 1884 aus 103,221 Personen (1883:111,285). Hiervon wandten sich an den Vertrauensmann des Vereins Herrn Pastor Schlösser (Lindenstraße 6) 18,320. 76 Mal wurde für die Auswanderer Nachmittagsgottesdienst mit Predigt abgehalten. 1700 unserer Schützlinge empfingen die hl. Sakramente. Briefe beantwortet unser Vertrauensmann 2001 und controlirte derselbe Zahlungen und Geldwechsel, empfing und versandte Depositen im Betrage von Mk. 535,665. — Die Behörden von Bremen und die Direktion des Nordd. Lloyd sind Herrn Schlöffer in jeder Weise entgegengekommen und haben alle Wünsche, die derselbe im Interesse der Auswanderer äußerte, möglichst berücksichtigt.
Ueber Hamburg reisten im laufenden Jahre 91,603 Auswanderer, darunter 16,339 indirekt via England (1883:89,465). Von diesen nahmen 1317 die Hilfe des Vertrauensmannes, Hrn. Th. Meynberg (Gr. Reichenstraße 52) in Anspruch. Derselbe vermittelte anständige Logis für 843 Personen und geleitete 779 zum katholischen Gottesdienste, 287 empfingen die hl. Sakramente. Die Summe, auf welche die von Herrn Meynberg controlirten Zahlungen, gewechselten, deponirten und versandten Gelder sich belaufen, erreicht die Höhe von 236,037 Mk. Briefe waren 1532 zu erledigen.
Obwohl der an der Spitze der obersten Aus- wanderbeyorve steyenven Polizeihrrr persönlich die besten Absichten hegt, so zeigen doch die Hamburger Auswanderer-Verhältnisse die mannigfachsten Uebelstände. Besonders steht die Einrichtung der Logirhäuser weit hinter denen in Bremen zurück. Noch in der Reichstagssitzung vom 8. Januar 1885 wurde auf die zahlreichen Unzuträglichkeiten in Hamburg aufs Nachdrücklichste hingewiesen, wiewohl damals schon von den Behörden einige Klagepunkte abgestellt waren. Bereits am 1. Mai 1884 hatte man sämmtliche Beamte des „Nachweisungs- Bureau für Auswanderer" zur Disposition stellen und durch neue Kräfte ersetzen müssen. - In Folge der vielen Unannehmlichkeiten, welche sich Herr Meynberg in verschiedenen Logirhäusern ausgesetzt sah, hat er den Besuch derselben bereits
> Sie hielt auf einmal inne und schlug die Hände zusammen.
„Hilf Himmel! Heute ist ja unser Hochzeitstag !" rief sie und erhob sich rasch, um sich anzukleiden.
„Mein lieber, guter Mann," fuhr sie fort, „hat das alte Musikstück aufgestöbert, um mir eine Freude zu machen, wie ich sie lange nicht gehabt habe.
Und meine Kinder haben ihm dabei geholfen. Und diese Kinder wollte ich unglücklich machen! O, ich bin eine Zeit lang eine recht schlechte, hartherzige Mutter gewesen, Gott möge es mir verzeihen! In Zukunft sollen sie kein böses Wort mehr von mir hören!"
Während sie so ihre Gedanken und Gefühle laut geäußert, hatte die Musik fortgespielt. Jetzt völlig angekleidet, stand Frau Schulze im Begriff, das Schlafzimmer zu verlaffen, um die Glückwünsche in Empfang zu nehmen, welche ihre Lieben ihr darbieten würden.
Aber sie kam noch nicht dazu. Im Begriff, ihre Hand auf den Thürdrücker zu legen, schlugen unerwartet sanfte Harfentöne an ihr Ohr und nach dem kurzen Präludium ließ sich eine wohltönende, weibliche Stimme vernehmen, welche, von Harfenklängen begleitet, folgendes Lied sang:
seit einigen Jahren eingestellt und logirt derselbe nunmehr alle an ihn sich wendenden Auswanderer in einem guten Hause ein, das sich bereitwillig seiner Controlle unterwirft. Es ist dies nach gewisser Seite hin zu bedauern, da die Wirthe ihm in Folge dessen die bei ihm einkehrenden katholischen Auswanderer verheimlichen, dieselben nicht zur Kirche schicken und möglichst von ihm fern halten, mit Ausnahme etwa derer, welche ohne Geld sind. — Rühmend anzuerkennen ist, daß der Vertrauensmann mit seinen früheren Schützlingen, namentlich dem hochwürdigen Clerus in schriftlichem Verkehr bleibt und sich dadurch über die Verhält« niffe in den verschiedensten Ländern jenseits des Oceans, u. A. Süd- und Westafcika, Brasilien, Chile, Australien auf dem Laufenden erhält. Im Anschluß hieran sei erwähnt, daß Herr Pastor Bögershausen in Joinville (Südbrasilien) den St. Raphaelsverein in seiner Pfarrei eingeführt, 30 Mitglieder gewonnen und den ersten Beitrag von 30 Mk. uns überwiesen hat. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 10. August.
* Die.Wiener Abendpost' vernimmt, der Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky werde sich demnächst nach Varzin begeben, um dem deutschen Reichskanzler Fürsten von Bismarck einen mehrtägigen Besuch abzustatten.
* Das deutsche Geschwader ist am 7. d. vor Zanzibar eingetroffen. Die Nachricht wird bei allen Kolonisations-Enthusiasten und ganz besonders bei den zunächst beteiligten kaufn-ö-"'s<hpn Kreisen große Freude Hervorrufen. Demgegenüber ist es an der Zeit, daran zu erinnern, daß gewiffe Summen für die Kolonialpolitik nicht bewilligt worden sind, um damit einzelnen Kaufleuten oder kaufmännischen Gesellschaften ihre Spekulationen zu erleichtern. Hoffentlich wird vor Zanzibar kein Blut fließen, wie dies leider an der Guinea-Küste der Fall war. Sollte es doch geschehen, dann wäre wohl die Anfrage an den Reichskanzler gestattet, ob heute die „Knochen pommerscher Grenadiere" nicht mehr so hoch im Werthe stehen, wie früher.
Die .Niederrh. Volksztg.' schreibt: „Als verbürgt wurde uns jüngst mitgetheilt, daß die Abneigung gegen den hochw. Bischof von Trier so weit gehe, daß bei der jüngsten Konsekratlons-
„Wo sich Herz zum Herzen findet. Da erblüht das Glück allein;
Wenn die Lieb' ein Paar verbindet. Kehrt im Hause Frieden ein.
Ob der Reichthum sie erfreut, Oder Armuth ihnen droht, Gott hat ihren Bund geweiht, Hält und stärkt ihn bis zum Tod!„ Frau Schulze hatte unbeweglich dagestanden und thränenden Auges gehorcht. Noch einen Moment lauschte sie hoch klopfenden Herzens, dann öffnete sie rasch die Thür und trat ins Nebenzimmer. Es war leer, die Musici und die Sängerin hatten sich bereits zurückgezogen.
„Ich werde Alle im Salon finden," sagte sich Frau Schulze. „Sie erwarten mich gewiß dort."
Ein kurzer Korridor führte dahm. Nur wenige Schritte, und sie trat durch eine Saalthür, die mit frischen Guirlauden festlich umkräuzt war, in den gleichfalls geschmückten Raum. Aber sie fand nur ihren Mann, der ihr mit offenen Armen entgegenkam, sie zärtlich an sich zog, sie küßte und sie beglückwünschte, was sie tief gerührt eben f» herzlich erwiderte.
„Aber wo sind denn die Kinder?" fragte sie.
„Die, liebe Sophie," versetzte Herr Schulze, „wollten nicht vor Dir erscheinen, ohne die Geschenke, welche sie ihrer guten Mutter darbringen