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180.

Montag, den 10. August

1885.

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Berlin, 9. August.

* Die »Nordd. Allgem. Ztg.', welche erst kürz­lich durch ihren Artikel gegen den ,Temps' die poli­tische Welt in einige Aufregung versetzt hat, leistete dieser Tage wieder ganz merkwürdige Stylübung. Ain 1. August brachte die .Germania' einen Artikel über den neuernannten Erzbischof Dr. Krementz von Köln, in welchem unter Anderem Folgendes gefügt wurde:

Die Kölner Erzdiözesanen haben einen ausgezeichneten Erzbischof erhalten, aber zugleich ist es kirchenpolitisch von unberechenbarem Gewinn, daß sein Vorgänger» Kardinal Melchers, in den höchsten Rath der Kirche berufen wurde, ein erfahrener Anführer in dem Kampfe, welchen die preu­ßischen Katholiken schon 13 Jahre kämpfen, ein Berather, der genau weiß, wie den Machinationen der Feinde der Kirche entgegenzutreten ist. So strömt aus der Erzdiözese Köln ein doppelter Segen, den die Gegner wider Willen der Kirche vermitteln. Gott lenkt Alles zum Guten!

Diesen Artikel der »Germania' beantwortete nun die »Nordd. Allgem. Ztg.' in folgender Weise:

Es sei in der That außerordentlich nützlich für den Frieden, daß ein Mann wie Melchers in den höchsten Rath der Kirche berufen wird, und sei nur zu wünschen, daß das Gewicht seines Rathes nicht durch Jntriguen verküm­mert werde. Er wird ein moderirendes Gegengewicht gegen den unehrlichen und verletzenden Einfluß bilden, welcher durch die Jesuitenpresse in Deutschland aus anderen als objektiv kirchlichen Interessen auf die Kurie geübt wird. Den deutschen Kulturkämpfern des Jesuitenlagers sei es nicht um die katholische Kirche zu thun, sondern um die Bekämpfung des deutschen Reiches und der evangelischen Dynastien. Von Melchers sei anzunehmen, daß ihm welt­liche Zwecke fern liegen und er nur die katholische Kirche ohne Nebenabsichten vertrete. Cs sei zu bedauern, daß er seinen zweifellos dem Frieden nützlichen Einfluß im höch­sten Rathe der Kirche nur int lateinischen Idiom geltend zu machen im Stande ist, da die deutsche Sprache in die­sem Rathe nicht verstanden wird und Melchers der italie­nischen Sprache nicht mächtig ist.

Selbst „kulturkämpfensche" Blätter können sich nicht Rechenschaft geben darüber, weshalb die,Nordd. Allgem. Ztg.' den Kardinal Melchers jetzt plötzlich mit ihrem Lobe verfolgt, nachdem doch die preu- ßifche Regierung bisher Alles gethan hat, um Mel­chers die Rückkehr in seine Diözese unmöglich zu machen.

Anläßlich dieses Artikels der .Norddeutschen' macht der ,Bad. Beob.' folgende Mittheilung, die seither noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen ist:

Als gerade vor einem Jahr in Fulda seit langer Zeit wieder die erste Bischofskonferevz tagte, erschien am Morgen des ersten Sitzungstages der Polizeikommissar von Fulda im bischöflichen Palais, um im Auftrage des Land-

❖ Ein gemüthlicher Hauswirth.(19

Der Tag der Rückkehr der Frau Schulze war erschienen. In den ersten Stunden des Nachmit­tags betrat sie ihr Haus wieder. Sie schien in der besten Laune zu sein und begrüßte ihre Kinver und auch ihren Mann auf das Herzlichste.

„Ich denke, Ihr seid während meiner Abwesen­heit in Euch gegangen und vernünftig geworden," sagte sie, „und ich kann nun Vorbereitungen zu Eurer Verlobung treffen. Morgen früh bringe ich die Sache in Ordnung. Herr Knorbe und Fräulein Bianka Zippelmann werden mit einverstanden sein."

Sie iha*, wie sie g>sagt. Am nächsten Tage in der üblichen Besuchstunde mußte Christian ihr eine Droschke bestellen, in welcher sie, sonntäglich geputzt, zu den genannten Familien fuhr.

Zu ihrem größten Ei staunen wurde ihr Besuch m beiden Häusern zmückgewiesen.

Frau Knorbe, Ja'od's Mutter, ließ ihr durch ihre Dienstmagd an der Thür sagen, daß ihre Herrschaft für Frau Schulze weder an diesem Tage, noch zu irgend einer anderen Zeit zu sprechen fei und sie sich nicht wieder herbemühen möge.

rathsamtes die Namen der anwesenden Bischöfe zu er­fragen. Als ihm diese mitgetheilt waren, inquirirte er speziell nach dem Erzbischof Melchers, es wurde ihm aber der Wahrheit gemäß erklärt, daß Melchers nicht den Versammlungen beiwohne. Den weiteren Zusammenhang brauchen wir nicht auseinanderzusetzen. Melchers war steckbrieflich verfolgt unb hätte im Betretungsfalle in Deutschland verhaftet und ins Gesängniß gesteckt werden können. Damals galt Melchers der Regierung als der Schlimmste der Schlimmsten, man suchte seine etwaige Theilnahme an der Bischofskonferenz zu verhindern, wer seine Zurückberusung begehrte, wurde gewissermaßen als Hochverrüther gestempelt. Und heute wollen maßgebende Kreise sich von dem „friedlichen", „moderirenden" Einfluß dieses Mannes int Rathe der Kirche ein für den preußischen Staat günstiges Resultat versprechen. Das nennt man auf gut deutsch: preußische Kniffe!

So ist es.

* Mau theilt der ,Germ.' aus Schlesien mit, daß die Königliche Regierung es abgelehnt habe, dem Seelsorger Herrn Dr. Majunke in Hoch­kirch die Lokalschulinspektion über die katholischen Schulen der Parochie zu übertragen. Diese Ab­lehnung soll erfolgt sein, weniger wegen der poli­tischen Vergangenheit des Herrn Dr. Majunke, sondern weil derselbe sich geweigert hat, eine Er­klärung schriftlich abzugeben, welche die Anerkennung der absoluten Staatsomnipotenz in sich schloß.

* Frankfurt a. M. 8. August. Der Polizei- kommiffar Meyer, der Hauptschuldige bei dem betrüblichen Ereigniß auf dem hiesigen Friedhöfe, ist auf Grund der für ihn maßgebenden Diszi- plinargesetzvorschriften vor einigen Tagen seiner Dienstleistungen vorläufig enthoben worden. Die "gegen ihn und feine belheiligtNt Untergebenen eingeleitete Untersuchung hat das Stadium der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Eehebun- gen längst passirt und ist in die Hände des Untersuchungsrichters übergegangen. Zugleich werden die städtischen Behörden gegen zwei Friedhofs­wärter einschreiten, die sich an dem Dreinhauen der Schutzleute in höchst überflüssiger und rauf- lustiger Weise beteiligt haben sollen. Zu diesem Zwecke wurde in der am 4. ds. stattgefundenen Stadtverordnetensitzung der Magistrat Seitens zweier Mitglieder der Versammlung interpellirt. Damit ist dem die traurige Angelegenheit endlich in das Fahrwasser gelangt, in das sie die öffent­liche Meinung, die durch die Energie ihrer Worte den maßgebenden Behörden fast Gewalt angethan hätte, mit aller Macht hindrängte. Die Wogen der allgemeinen Entrüstung, die anfangs furchtbar

1 In derselben unhöflichen Weise wurde sie bei der Wittwe Zippelmann abgefertigt.

In hohem Grade empört, kehrte Frau Schulze nach Hause zurück.

Das erste war, daß sie Rosa und Karl ins Gebet nahm.

„Während ich fort war," sagte sie, „muß hier Etwas vorgegangen sein. Sagt mir die Wahr­heit. Haben Herr Knorbe und Fräulein Zippel­mann Euch einen Besuch gemacht uud habt Ihr Euch unhöflich gegen meine Freunde betragen? Ja, ja, so wird, so muß es sein!"

Aber ihre Kinder bethcuerten, sie hätten die Beiden mit keinem Auge gesehen und ihr Vater bestätigte ihre Aussage.

Frau Schulze schritt heftig im Zimmer auf und ab.

„So müffen die Menschen verrückt geworden sein, oder man hat mich bei ihnen aufs Schänd­lichste verläumdet," versetzte sie. „Wie einer Bettlerin haben Sie mir die Thür vor der Nase zuschlagen laffen, mir, einer Frau, deren Mann schwer reich ist und ein eigenes Haus besitzt!"

Sie wandte sich an ihren Mann.

„Hast Du denn keine Ahnung, wie das Benehmen dieser Leute zu erklären ist?"

hoch gingen, beginnen sich denn auch allmählich zu legen. Man wartet ruhig das Urtheil des Richters ab und nur noch vereinzelte Stimmen Mißhandelter und Verletzter, Berichtigungen u. dgl., dringen in das Publikum. Die Zahl der Verletzten allein beträgt übrigens nach den in den hiesigen Blättern erschienenen Namenslisten, wie sie auf Grund der Eihebungen des vorübergehenden socialdemokratischen Bureaus aufgestellt wurden, nicht weniger als 54, ganz abgesehen von denen, die nur verprügelt, aber nicht weiter beschädigt wurden. Das erwähnte Bureau hat seine Arbeit beendet und ist wieder eingegangen. Das ge­sammelte Material ist indeß einem hiesigen An­walt zum Zwecke cher Wahrnehmung der Rechte der Verletzten übergeben worden. Derselbe soll einerseits die Entschädigungsansprüche der Ver­wundeten, die durch Kurkosten, eingetretene Ar­beitsunfähigkeit 2C. entstanden sind, im Civilwege geltend machen, andererseits das angehäufte Be- weismaterial seiner strafgerichtlichen Verwerthung entgegenführen. — Auf das Ergebniß der ge­richtlichen Untersuchung kann man mit Recht ge­spannt sein. Die Welt erlebt hier einmal das intereffante Schauspiel eines Sozialistenprozesses, in dem Sozialisten nicht als Beklagte resp. An­geklagte, sondern als Kläger und Ankläger fungiren.

Ausland.

** Wien, 7. Aug. Wiederum hat inmitten des schönen Sulzkammergutes eine jener Monarchen- Begegnungen stattgefunden, die stets in Deutsch­land wie in Oesterreich freudiges Echo finden. Se. Majestät der Kaiser Franz Joseph hat in Gastein seinem erlauchten Alliirten, Kaiser Wil­helm von Deutschland, von Ischl aus einen Besuch abgestattet und mit demselben fast zwei Tage im engen Familienkreise gemeinschaftlich verbracht. Die herzliche Begrüßung und der intime, freundschaft­liche Verkehr bekunden uns auf's Neue die Fort­dauer der österreichisch-deutschen Allianz und sind ein schwerwiegendes Unterpfand des Friedens, das in Deutschland wie in Oesterreich stets freudig begrüßt, vom Auslande aber gebührend gewürdigt wird. Von Gastein aus hat sich der österreichische Kaiser direkt nach Innsbruck zum Schützenfeste begeben, während Kaiser Wilhelm über Rosenheim zunächst nach der Insel Mainau sich begibt. —

Schulze verneinte erst, meinte aber dann, die Herrschaften möchten sich wohl anders besonnen haben, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil sie eingesehen hätten, daß ihre Llebcsbewerbungen von Rosa und Karl nicht günstig ausgenommen worden seien.

„Nein, nein, das ist es nicht," behauptete Frau Sophie. „Es muß etwas Anderes dahinter stecken. Aber ich will, ich muß es erfahren; eine solche schnöde Behandlung laffe ich mir nicht ge­fallen, weil ich sie nicht verschuldet habe."

Noch denselben Tag mußte Christian zwei Briefe austragen. Der eine war an Frau Knorbe, der andere an Frau und Fräulein Zippelmann gerichtet. Frau Schulze forderte in diesem Schrei­ben eine bestimmte Erklärung von ihnen, weshalb sie in so ausfälliger Weise ihr den Eintritt bei ihnen verweigert hätten und daß sie umgehend eine Antwort auf diese Frage erwarte.

Hätte Frau Schulze nicht eine so kräftige Kon­stitution beseffen, die Antworten, welche sie am nächsten Tag empfing, würden ihr ein Gallen­fieber zngezogen haben.

Wie aus den Briefen hervorging, hatten die beiden Wittwen eine Berathung zusammen ge-