1885.
Fuldaer
Ein gemnthlicher Hauswirth.(18
Frau Schulze war in der Thal zwei Tage vorher mit der Eisenbahn fortgefahren, um bei ihrer entfernt wohnenden Nichte das Ehrenamt einer Pathin zu übernehmen.
So lange Frau Schulze arm gewesen war, hatte die Nichte sich niemals um die Tante bekümmert. Aber die große Erbschaft, welche Herr Schulze gemacht, hatte die Sachlage verändert. Die Nichte hatte sich plötzlich erinnert^ daß man einer reichen Tante Liebe und Verehrung schuldig sei, und deß- haib an dieselbe einen zärtlichen Gevatterbrief ge- schrieben, der seine Wirkung nicht verfehlt hatte.
Christian's und Dörthe's Berichte wurden mit Jubel ausgenommen.
Selbst der alte Herr, der noch immer in Be- sorgniß schwebte, mußte so herzlich lachen, daß der Stuhl unter ihm wackelte.
Jetzt war das Spiel so gut, wie gewonnen.
Am nächsten Tage fand sich der Brauer Jakob Knorbe schon zeitig bei Herrn Schulze ein.
Ins Zimmer tretend, fand er den Haushern, den Kopf auf die Brust gesenkt, das Gesicht weh- tnüthig verzogen in einem Lehnstuhl sitzen.
Voraussetzend wahrscheinlich, daß es zu dieser Aussonderung niemals kommen werde, macht die Landesregierung von Elsaß-Lothringen den Versuch, durch die Volksschule dem übermäßigen Genuß von Branntwein entgegenzuwirken. Zu diesem Zwecke hat sie die Lehrer angewiesen, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit den Kindern die furcht- baren Folgen des Schnapstrinkens in den lebhaftesten Farben zu fchildern und dadurch tiefen Abscheu vor dem Schnaps in den Herzen der Kinder zu erwecken und durch diese in das elterliche Haus zu tragen, und neuerdings hat sie Preise von 100, 200 und 300 Mark ausgesetzt für die Abfasiung volksthümlicher Erzählungen, welche die schädlichen Wirkungen der Trunksucht zu lebendiger Darstellung bringen. Die preisge- krönten Erzählungen sollen durch den Druck vervielfältigt und zum Gebrauch an die Volksschulen in Elsaß-Lothringen vertheilt werden. Es dürfte indeß auch auf diesem Wege schwerlich viel erreicht werden. Die Landesregierung schlägt, wie es scheint, die Wirkung der Volksschule zu hoch an.
Die Verhältniffe in Elsaß-Lothringen geben der deutschen Presse Anlaß, auf Maßnahmen für das gesammte Reich zu dringen, durch welche der Branntweinpest im ganzen Reiche nach Möglichkeit gemehrt werde. Und in der Thai steht es auch in fast allen Landestheilen bei uns in puncto des Branntweingenusses durchaus nicht gut. Wie in der diesjährigen Reichstagssession dar^elegt worden, ist der Branntweingenuß bei uns stärker, als in irgend einem anderen größeren Lande Europas, stärker selbst als in Rußland. Es werden nämlich jährlich auf den Kopf der Bevölkerung in England 3, in Frankreich 5, in Rußland 6, in Deutschland 9 Liter Branntwein getrunken. Deutschland ist der fruchtbarste Boden für die Branntweinpest, die Hauptursache für Volks- und Familienelend, für Verbrechen, Wahnsinn, Selbstmord. Dafür erheben wir aber auch vom Branntwein die geringste Steuer. Während Frankreich aus der Besteuerung des Alkohols in diesem Jahre 246, England 520, Rußland 900, die Vereinigten Staaten in Nord- amerika 991 Millionen Mark erzielten, beziehen wir aus der Besteuerung des Nationalgiftes nur 3672 Millionen Mark. Selbst die kleinen Nieder- lande erzielen aus der Besteuerung des Brannt- meins 47 Millionen Mark.
Daß der stärkere Verbrauch von Branntwein
in Deutschland auf die weit geringere Besteuerung des Branntweins zurückzuführen ist, dürfte kaum einem Zweifel begegnen. Preßorgane aller Parteien erheben darum laut die Forderung einer höheren Besteuerung des Branntweins. Die höhere Branntweinsteuer, so heißt es, ist eine Nothwendig- feit, sie kann nicht mehr aufgehoben werden. Nur so glaubt man der Branntweinpest entgegenzuwirken, nur so auch dem Drucke der direkten Steuer zu wehren, die Kommunen entlasten, die Gehälter der Beamten erhöhen zu können.
Das wirksamste Mittel gegen die Branntweinpest ist und bleibt jedoch die ungehinderte und eifrige Thätigkeit des Priesters in der Seelsorge. Will man daher der Trunksucht gründlich steuern, so gebe man vor Allem der Kirche die Freiheit.
* Zur Bekämpfung des Branntweins.
In den Reichslanden hat, seitdem sie mit dem deutschen Reiche wieder vereinigt sind, der Genuß des Branntweins überhand genommen. Man spricht sogar mit Rücksicht auf Elsaß-Lothringen von einer Branntweinpest, die dort seit der Einverleibung in das Reich zum Ausbruch gekommen fein soll, und sinnt auf Mittel, die Pest zu be- kämpfen und zu unterdrücken.
Der übermäßigen Vermehrung der Schankstätten, bic in Folge der Gewerbefreiheit zum Nachtheil unseres Volkes einriß, ist durch die vor einigen Jahren erlasiene reichsgesetzliche Bestimmung, daß zur Eröffnung einer Schankwirthschast oder des Kleinhandels mit Branntwein und Spiritus die Genehmigung der Behörde erforderlich sei, einigermaßen Einhalt gethan. Auch die durch landes- ^gesetzliche Bestimmung in den Reichslanden ringe- ' führte Licenzsteuer und dadurch bewirkte Ver- theuerung des Branntweins hat dazu mitgewirkt, eine Verminderung der Schankstätten mit Branntwein herbeizuführen. Die Verminderung der Schank- stätten hat aber nicht eine Abnahme des Branntweinverkaufs zur Folge gehabt; im Gegentheil, der Branntweingenuß hat zugenommen, während die Zahl der Schankstätten abgenommen hat.
Der Landesausschuß für Elsaß-Lothringen hat, um der vom Reiche eindringenden Branntweinpest in wirksamerer Weise Einhalt zu thun, darauf an- getragen, daß das Reichsland aus der norddeutschen Branntweingenoffenschaft (wozu auch Bayern, Wür- temberg und Bader, nicht gehören) ausgeschieden werde. Fände die Ausscheidung statt, so wäre die Landesregierung in Elsaß-Lothringen in lieberem- ftimmung mit der Landesvertretung in der Sage, die Einfuhr des billigen norddeutfchen Spiritus entweder ganz zu verbieten oder doch fo zu erschweren, daß der übermäßige Genß des Branntweins bet weitem nicht in dem Maße möglich wäre, wie es jetzt der Fall ist. Aber es darf wohl als unzweifelhaft angesehen werden, daß diese Aus- sonderung des Reichslandes niemals wird zugegeben werden. In gereiften Kreisen lhut es schon Leid genug, daß den oben gerannten Staaten das Recht gewährt worden ist, außerhalb der norddeutschen Branntreeingemeinschast zu bleiben. Dem Reichs- lanve die Ausscheidung bewilligen, würde ein nationales Herz, wie die.Reichsztg.' sagt, als die größte Sünde gegen das Reich betrachten.
Der Brauer grüßte kurz und verlangte Frau Schulze zu sprechen. ,
„Meine Frau ist verreist," war die m kläglich- stem Tone gegebene Antwort.
„Und wann wird sie wieder hier sein?" fragte Jakob Knorbe barsch.
Herr Schulze zuckte verlegen bte Achseln und schwieg.
Der Brauer musterte ihn mit höhnischen Blicken.
„Am Ende hat sie wohl schon das Weite gesucht und Sie beabsichtigen, ihr bald nachzufolgen? Man kennt das. Das kommt alle Tage vor!"
Herr Heinrich Schulze verharrte in seinem Schweigen.
Der Brauer trat mit drohender Miene auf ihn zu.
„Es ist also wirklich wahr, daß Sie pleite sind?" fragte er.
„Leider, Herr Knorbe, leider. Aber, weiß der Himmel, nur mein zu großes Vertrauen ist daran Schuld." , . „ ,
„Sagen Sie lieber, Ihre Einfältigkeit, Herr! Mm könnte das nicht passiren!"
Schulze sah wehmüthig zu ihm auf.
„Ich weiß, Herr Knorbe, daß Sie viel mehr Verstand und Weltklugheit, als ich, besitzen. Aber Sie sind auch ein edler und hochherziger Mann
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. August.
* Die .Köln. Volksztg/ veröffentlicht ein Schreiben des Hrn. Cardinals Dr. Melchers, in welchem derselbe für die vielen Beweise inniger Theilnahme und treuer Liebe, die ihm aus Anlaß seiner Berufung zugegangen, seinen herzlichen Dank aus- spricht. Das Schreiben schließt mit den Worten:
„Ich verbinde damit zugleich die erneuerte Einladung, in täglichem Gebete für die grocen Anliegen der Kirche und insbesondere auch für das theuere Oberhaupt der Kirche, Papst Leo XIII, welcher von allen Leiden und Bedrängnissen derselben am meisten betroffen wird, die Anliegen aller ihrer Glieder in seinem Herzen trägt, und mich, einen ünwüroigen Diener der Kirche, mrt einer wahrhaft väterlichen Huld und Liebe hier ausgenommen hat, standhaft auszuharren und nicht nachzulaffen von der entschiedenen und eifrigen Vertretung und Vertheidigung der für die h. Kirche durchaus nothwendigen Freiheit und Rechte, bis der große Endzweck, um deffentwillen die göttliche Vorsehung die gegenwärtige Kämpfe und Bedräng- niffe der Kirche zugelassen hat, erreicht sein und sie als die Allen unentbehrliche Quelle des göttlichen Lichtes, der Wahrheit und Gnade wieder Allen, welche sie jetzt verkennen und verfolgen, erfcheinen und erleuchten wird."
* Es soll wieverholt vorgekommen sein, daß in eins Inen Verwaltungsressorts Personen auf Grund des Civilversorgungsscheines Anstellung gefunden haben, die wie später sich herausstellte, im Widerspruch mit ihrer bei der Prüfung abgegebenen Erklärung vorher bei andern königlichen Verwaltungen ober im Reichsdienst angestellt und während solcher Anstellung wegen mangelhafter Führung bestraft ober wieder entlassen worden waren, und werden Ihrem zukünftigen Schwiegervater gewiß gern wieder aufhelfen."
Jakob Knorbe schlug ein Gelächter auf, daß es von den Wänden wiederhallte.
„Es hat sich ausgeschwiegervatert," rief er höhnisch. „Das könnte mir paffen, der Schwiegersohn eines —"
Er wollte das Wort „Lumpen" hinzusetzen. Doch Herr Schulze siel ihm in die Rede:
„Sie lieben meine Tochter aber doch, Herr Knorbe —"
„Aber mein Geld noch mehr," schnitt ihm der Brauer das Wort ab. „Als Sie noch der reiche Rentier waren, da war Ihre Tochter eine Parthie für Jedermann. Jetzt wird sich Jeder bebauten. Wir finb geschiedene Leute! Wollen Sie einmal ein Glas Bier bei mir trinken, fo vergessen Sie Ihr Portemonnaie nicht. Solchem leichtsinnigen Patron kreditire ich nicht einen Seidel!"
Und mit dröhnenden Schritten verließ der Brauer das Zimmer und warf die Thür heftig hinter sich zu.
„I, Du vertrackter Grobian!" rief Herr Schulze. „Und diesem Holzklotz hat meine Frau ihre Tochter an den Hals werfen wollen? Hätte ich ihn früher so gekannt, ich würde doch meiner Alten