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JV 178.

Freitag, den 7. August

1885.

Die .Fuldaer Zeitung" «scheint täglich, Sonn- »nd Feiertage ausgenommen. Vierteliährlicher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilagr ,Sterne und Blumen" in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Deutsches Reich.

Berlin, 6. August.

♦ Für die Rückreise des Kaisers nach Berlin bezw. Potsdam sind endgültige Dispositionen noch keineswegs getroffen worden. Die Reise nach Ischl ist nun definitiv ausgegeben.

— Herr v. Schlözer ist heute Mittag hier angelangt.

* Bezüglich der Besetzung des durch den Ab« gang des Fürsten Hohenlohe erledigt werdenden Pariser Botschafterpostens ist noch keine Bestimmung getroffen. Namentlich sind die Nach­richten, daß Herr von Radowitz oder Herr von Schweinitz nach Paris ernannt seien, unrichtig. Als wahrscheinlich gilt noch immer die Sendung des Grafen von Münster.

• Die von dem Minister des Innern unter­zeichnete Anweisung betreffs der Volks zäh lun g am 1. Dezember ist erschienen. Der erste Theil enthält die Anweisung für die Zähler und be- stimrnt zunächst deren Amt und Aufgabe („das Amt des Zählers ist ein Ehrenamt, welches den zu demselben ausersehenen Personen in dem Ver­trauen übertragen wird, daß sie mit Umsicht und Eifer die Zwecke der Volkszählung zu fördern bereit seien"). Es folgen die besondern Obliegen­heiten des Zählers. Der zweite Theil ist den Be­hörden bestimmt. „Mit der Volkszählung ist eine Aufnahme der bewohnten und unbewohnten Wohn­häuser. sowie der sonstigen bewohnten Baulichkeiten verbunden." Die einzelnen Abschnitte der son­dern Bestimmungen lauten: Wer und was ist zu zählen? Wie ist zu zählen? Mitwirkung der zu Zählenden. Obliegenheiten der Gemeinde- (Orts-) Behörden, worunter die den städtischen oder länd­lichen Gemeinden, sowie den Gutsbezirken vor­stehenden Verwaltungsorgane zu verstehen sind, Bildung von Zähl-Kommissionen, Eintheilung des Gemeindebezirks in Zählbezirke, Annahme und An­weisung der Zähler, Schlußarbeiten der Zähl- Kommissionen, Obliegenhecken der Kreisbehörden („den Kreisbehörden — Landräthen, Ober - Amt­männern — und den Vorständen derjenigen Städte, welche die Zählung selbständig ausführen, liegt die unmittelbare Fürsorge für die sachgemäße An­weisung der Ortsbehörden, beziehungsweise Zähl- Kommissionen und Zähler, für die Vertheilung der Zählpaprere und die vorschriftsmäßige Durch-

❖ Ein gemächlicher Hauswirth.(17

In der geräumigen Bierstube, welche der Brauereibesitzer Jakob Knorbe im Vorderhause hielt, war eines Abends eine beträchtliche Anzahl Gäste versammelt, die sich den von König Gam- brinus erfundenen Gerstensaft vortrefflich schmecken ließen. Der Brauer war selbst zugegen und plau­derte vergnügt mit Stammgästen seines Lokals.

„Ich sage Dir," erwiederte Knorbe, gerade auf eine Frage des neben ihm Sitzenden antwortend, „die Frau, die ich mir ausgesucht habe, kann sich sehen laffen. Ich habe mir der Schönsten eine gewählt! Warum sollte ich auch nicht? Du wirst zugeben, daß auch ich ein hübscher Bursche bin, nach dem schon Dutzende von Mädchen die Finger ausgestreckt haben."

Er begleitete dieses Eigenlob mit einem selbst- gesälligen Lächeln und begab sich dann hinter den Schenktisch, um einem seiner Kellner einen Auftrag zu geben.

Im Begriff, nach dem soeben verlaffenen Tische wieder zurückzukehren, bemerkte er Christian Dreier, der soeben eingetreten war und sich an einem noch nicht besetzten Tisch niebergelaffen hatte.

Wiffend, daß derselbe das ganze Vertrauen seiner

führung der Zählung ob"). Den Obliegenheiten der Kreisbehörden schließen sich die der Regierungs- Präsidenten und Regierungen an. Letztere sollen „thunlichst darauf Bedacht nehmen, daß Veran­staltungen, welche den Stand der ortsanwesenden Bevölkerung vorübergehend wesentlich verändern können, wie öffentliche Versammlungen und Feste, Jahrmärkte, Truppenmärsche, Gerichts-Sitzungen u. s. w. zur Zeit der Zählung nicht stattfinden." Das statistische Bureau in Berlin ist für den preußischen Staat „letzte Revistons-Jnstanz."

♦ Flunkereien haben kurze Beine. — Die Warnung des Freiburger erzbischöflichen Ordinariates vor dem „Reichswaisenhause" zu Lahr hat natür­lich überall „große Entrüstung" hervorgerufen; die .-.Brüder entrüsten sich ja stets, wenn sie bei ihrer stillen Arbeit gestört werden. Doch andauernde Entrüstung stört die Verdauung, und darauf müssen die Herren, zumal in dieser choleraschwangeren Zeit, doch gebührend Rücksicht nehmen. Flugs langte man, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzu­stellen, auf das Repositorium, wo die „guten Tropfen" stehen, und erquickte sich an einer Be­kanntmachung der deutschen Reichsfechtschule in Magdeburg, die, wenn wir nicht irren, vom 12. April 1884 herrührt, und welche die liberale Presse „in der Lage" war, wie folgt mitzutheilen: „Mit besonderer Freude machen wir unseren Freun­den und Fechtgenossen die -Mittheilung, daß seine bischöfliche Gnaden, Bischof Wilhelm von Hildesheim unserem Vereine als lebenslängliches Mitglied beigetreten ist," Ha. wie schmeckte dieser „Tropfen" dem für das Lahrer „Reichswaisen- hyus" begeisterten Philister, zumal in dieser Zeit, wo es eine Lust ist, Bischof gegen Bischof auszu­spielen ; der „Tropfen" schmeckte sogar, obwohl er von den bösen Magdeburgern kam, die den „Brüdern" in Lahr den schnöden Mammon vorenthalten haben. Wir müssen nun leider in den Becher der Wonne etwas Wermuth mischen. Der hochwürdigste Herr Bischof von Hildesheim ist s. Z. im guten Glauben der Genossenschaft der „Reichsfechtschüler" beige­treten, genau unter den Voraussetzungen, welche identisch sind mit den Anschauungen, welche dem Freiburger Erlaß zu Grunde liegen, sobald er aber über das wahre Wesen der „Reichswaisen­häuser" unterrichtet war, erklärte er öffent­lich seinen Austritt. Es bleibt nun abzu- warten, ob die „wahrheitsliebende" liberale Presse

Herrschaft besaß, trat er auf ihn zu und legte seine wuchtige Hand auf dessen Schulter.

„Guten Abend, Herr Dreier!" redete er den alten Diener an. „Sieht man Sie auch einmal hier?"

Christian, auf dessen Gesicht eine finstere Wolke lag, erwiderte den Gruß und versetzte dann trübselig:

„Ich gehe sonst nur selten in's Bierhaus. Die­ser Abend macht eine Ausnahme. Wenn Einem etwas schwer, auf dem Herzen liegt, dann thut man wohl, stch die Grillen zu vertrinken."

Jakob Knorbe sah den Sprechenden verwun­dert an.

„Grillen, Herr Dreier? Wie haben Sie die gefangen? Sie haben es bei Ihrer Herrschaft doch wahrlich gut."

Christian verzog das Gesicht und seufzte tief auf.

„Hatte es bis jetzt, Herr Knorbe, aber alle Freude hat ein Ende."

„Was soll das heißen, Alter?" fragte der Brauer und setzte sich zu ihm. „Will mein zu- künftiger Schwiegervater Sie ablohnen?"

„Will nicht, aber muß, Herr Knorbe," stöhnte Christian. „Ich muß fort, die Dörthe muß fort und die Katharine auch. Es ist zu traurig! 30 Jahre war ich bei Herrn Schulze und habe ihm

„in der Lage" ist, auch dieses ihren Lesern mit­zutheilen.

* München, 4. Aug. Ein bedauernswertstes Unglück hat sich in unserer Vorstadt Giesing zu­getragen, indem der erst fünfundzwanzigjährige Hilfspriester Schwemmer, der Tags vorher, von Trostberg hierher versetzt, an seinem neuen Be­stimmungsorte eingetroffen war , in einem Anfall von Verfolgungswahn zuerst mit seinem Taschen­messer sich etwa 20 Schnitt- und Stichwunden bei­gebracht und dann sich von dem ersten Stock in den Garten hinuntergestürzt hat. Der Unglück­liche erlag noch am nämlichen Tage seinen Ver­letzungen. Er soll schon von Jugend au Spuren von Geistesstörung gezeigt haben. (K. Vztg.)

Ausland.

* Rom, 6. Aug. In Folge der Cholera in Marseille wurde von heute ab für den französi­schen Grenzverkehr die ärztliche Untersuchung ein» geführt.

* Ein großer parlamentarischer Korruptions- Skandal, welcher sich während der Kammerferien in Rom abspielt, nimmt die gesammte italienische Presse lebhaft in Anspruch. Der einträglichste und höchste Beamtenposten, welchen der Finanzminister zu vergeben hat, ist jener des Konservators der Hypotheken in Neapel. Derselbe ist nicht mit einer festen Einnahme botirt, sondern das Einkommen der Konservatoren besteht in den Abgaben für die Eintragung. I» Neapel variirt diese Einnahme zwischen 50-' dis 100,Vüv Lire jährlich. Gewöhn­lich wird dieser Posten des Konservators hoch- stehenden, mittellosen, um bert Staat verdienten Beamten zugewenbet. Bei ber kürzlich burch ben Tob des Konservators in Neapel eingetretenen Vakanz ging es anders zu. Eines schönen Morgens erwachte ein obskurer Beamter des Rechnungs­hofes in Rom, ein Sicilianer Namens Pagano, mit dem Füllhorn des Glücks. Ein Dekret ernannte den Mann, welcher bisher eine Einnahme von etwa 6000 Sites bezogen hatte, zum Conservator von Neapel mit einem Einkommen von mindestens 50,000 Lire. Alle hochgestellten Beamten, welche sich um den Posten beworben hatten, waren über- gangen worden. Ein ministerieller Deputrrter aus Sicilien wird offen beschuldigt, dem Finanzminister Magliani gewissermaßen den Beamten Pagano als stets redlich und treu gedient. Und nun — und nun —"

Christian zog fein Taschentuch hervor und drückte es an die Augen.

Der Brauer wußte den sichtbaren Kummer Chri­stians nicht zu deuten.

„Was ist denn bei Euch passirt," fragte er, „daß der Herr Euch Alle fortschickt?"

„Sie werden es bald genug erfahren, Herr Knorbe." Aber die Neugierde des Brauers stieg bis zur Unerträglichkeit.

„Ich muß den alten Burschen redselig machen," dachte er und winkte einen Kellner herbei.

„Zwei Glas Sier, frisch vom Faß!" befahl er und wandte sich dann zu Christian: „Wir wollen ein Glas Bier zusammen trinken, Herr Dreier. Dabei schütten Sie mir Ihr Herz aus. Sie wissen, ich bin ein Freund Ihres Hauses und heirathe die schöne Rosa."

Christian stieß mit Knorbe an.

„Wirklich? Wollen Sie das noch? Das ist sehr edel von Ihnen. Da ist dem armen Kinde ja für alle Zukunft geholfen."

„Was, nennen Sie meine zukünftige Frau arm? Ihr Vater ist ja enorm reich und sie erbt doch einmal die Hälfte seines Vermögens."