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J\g 175.

Dienstag, den 4. August

1885.

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A Die Kammerwahlen in Bade«.*)

Zu verschiedenen Malen seit 1830, während des Laufes eines halben Jahrhunderts haben die inneren Verhältnisse des Großherzogthums Baden die Blicke von weit und breit auf sich gezogen, und demnächst dürfte es aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen zur Zweiten Kammer wiederum der Fall werden. Das Land hat Anspruch auf Berühmtheit durch verschiedene, wechselvolle Auszeichnungen, meistens im schlimmen Sinne, während 50 Jahren. Nach der Thronbesteigung des verewigten Großherzogs Leopold, die zusammenfiel mit der Periode der französischen Juli-Revolution von 1830, erscholl der Ruhm Badens durch alle Lande in Folge der in der Zweiten Kammer von Rotteck, Melker und Genosten geführten Kämpfe um Preßfreiheit, Oeffent« lichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens, um Geschworenengerichte, Trennung der Justiz von der Administration, Aufhebung des Zehnten und der Frohnden, Abschaffung der Prügelstrafe u. s. w. Großherzog Leopold wurde als Wiederhersteller der Verfassung gefeiert und war als „bürgerfreund« licher" Fürst in allen Schichten der Bevölkerung sehr beliebt. Baden wurde beneidet um dieses glückliche Verhältniß und stand im Ansehen einer musterhasten Vorleuchtung für das ganze Deutsch« land. Konfessionelle Reibungen und politische Par« teiusig nach der Konfession kannte man nicht; wer christlich gläubig war und lebte, ob katholisch oder protestantisch, hielt zur Regierung, alle Uebrigen, sowe't sie nicht politisch indifferent, hingen der liberalen Bewegungspartei an, die, nach und nach vom Radikalismus durchsäuert, die revolutionären Erschütterungen von 1848 und 1849 herbeiführte. Die Katholiken waren bis dahin, wenn von Partei­bildung gesprochen werden soll, politisch tobt. Erst ein Jahrzehnt später schlug für sie eine Stunde des Erwachens, als nämlich 1860 die nachmärz­lichen Liberalen, Nationalliberale genannt, sich des Staatsruders bemächtigten und alsbald den Kultur­kampf gegen die katholische Kirche eröffneten. Jetzt war wiederum Baden der Musterstaat, an der Spitze des Fortschrittes marschirend, aber in anderer verderblicher Mani r. Nach einseitiger Umstoßung der zwischen Papst und Großherzog abgeschloffenen Vereinbarung (Konkordat) war die Kirche in Baden haßvoller Verfolgung seitens einer kirchenfeindlichen

*) Nachdruck ist nicht gestattet.

Kammermehrheit preisgegeben, welche durch die Gesetzgebung ein Recht der Kirche um das andere, eine Freiheit der Kirche um die andere unter ihre Füße trat, und die kirchentreuen Katholiken bis aufs Blut bedrückte. Zehn volle Jahre wüthete der Kulturkampf bereits in Baden, ehe derselbe in Preußen und anderen deutschen Ländern begann. In solcher Lage rafften die Katholiken in Baden sich zur Vertheidigung auf; sie schloffen sich als politische Partei zusammen und zeigten den anti­christlichen Liberalen mit Benützung der konstitutio­nellen Freiheiten die Stirne.

Es war ein Ereigniß, als es ihnen erstmals gelungen, bei den Landtagswahlen einen ausge­sprochenen Ultramontanen (Lindau) in bie Kammer zu bringen, mitten in einen Pfühl voll glühenden Hasses. Bei den folgenden Wahlen brachten es die Katholiken zunächst auf 4 Kammersitze, das sog. Festungsviereck, und nach und nach immer höher, bis die Zahl der katholischen Abgeordneten bei der Landtagswahl von 1882 auf 22 stieg. Mit den wenigen Demokraten und Konservativen zusammen ergab dies eine Mehrheit gegen die bis dahin un- erschüttert gebliebene nationalliberale Kammer­majorität, allerdings nur mit 1 Stimme Über­gewicht, und das herrschende System kam dadurch ins Gedränge. Die Nationalliberalen mußten wider Willen dem inzwischen eingeschlagenen friedlicheren Entgegenkommen der Regierung sich fügen, d. h. den Zugeständniffen der Regierung in der Examen­frage und einer Staatsdotation für die katholische Geistlichkeit beistimiueu. Da zu gleicher Zeit, von 1878 ab, die N tionalliberalen im Reiche bis zur Bedeutungslosigkeit immer tiefer herabsanken, stieg die Besorgniß der nationalliberalen Partei in Baden, von den „Ultramontanen'' noch weit überholt zu werden, um so höher, und als neue Landtags­wahlen herankamen, verfiel man auf den Kniff, einen vertraulichen Erlaß des Ministers des Innern an die Vorstände der Bezirksämter zu veröffent­lichen, in welchem die Anleitung gegeben wurde, auf die Wahlen mit dem Hinweis einzuwirken, daß der Großherzog auf dem kommenden Landtage kirchenpolitische Debatten vermieden zu sehen wünsche. Damit war gemeint, daß die katholische Fraktion keinen weiteren Zuwachs an Mitgliedern erlangen möge, in welchem Falle Initiativanträge auf Wieder­herstellung kirchlrcher Rechte mit Sicherheit zu er­warten gewesen wäre. Die Berechnung war kluger­

weise auf die monarchische Gesinnung des Volkes und die wohlgepflegte Beliebtheit des Landesfürsten gemacht und verfehlte ihre Wirkung nicht. Die katholische Partei verlor bei der Landtagswahl von 1883 vier Sitze, anstatt daß sie nach dem Gange ihrer Erfolge und der aufgewendeten Betreibung hätte ebenfoviele weitere Kammersitze erobern muffen. Leider hat sich auch ein Theil der Geistlichkeit durch jenen Wahlerlaß bestimmen laffen, ihr Verhalten nach dem im fraglichen Wahlerlaffe ausgedrückten Wunsche einzurichten.

Nunmehr haben im Herbst dieses Jahres wie­derum Wahlen zur Zweiten Kammer stattzufinden, für welche bereits die Vorarbeiten seitens der Re­gierung getroffen und die Parteien in Bewegung sind. Die Nationalliberalen, bis an den Hals im Waffer stehend, haben sehr früh angefangen und verkünden einen Wahlkampf von solch gro­ßer Heftigkeit, wie noch keiner dage­wesen: es ist für sie allerdings ein Verzweiflungs­kampf, denn ihre Aktien stehen schlecht, zumal in ihren eigenen Reihen Zwietracht besteht. Für die katholische Volkspartei sind die diesmaligen Land­tagswahlen von gleich großer Wichtigkeit, denn es handelt sich ihrerseits darum, nicht allein den bei den vorigen Wahlen erlittenen Verlust wieder ein­zubringen, sondern wo möglich wenigstens noch 2 bis 3 weitere Sitze zu erobern, um endlich die nationalliberale Partei vollständig aus dem Sattel zu werfen. So lange dies nicht gelungen, besteht keine Aussicht auf Wiederherstellung der kirchlichen Verhältniffe in den-Sta«^ vor dem Kulturkämpfe von 1860 bis heute. Insofern wohnt den bevor­stehenden badischen Wahlen eine dergestalt beson­dere Wichtigkeit bei, daß für alle Katholiken Deutschlands Grund besteht, den Blick gespannt nach diesem Lande zu richten, denn wenn es gelin­gen würde, das Joch der nationalliberalen Partei in Baden gänzlich abzuwerftn, müßte dies einen wuchtigen Rückschlag auf die Kulturkämpfer im Ganzen werfen.

Die Aufgabe ist für Badens Katholiken eine ungemein schwierige, weil schwer zu überwindende mächtige Hindernisse gegen sie aufgerichtet sind. Nach dem Verhältniffe der Bevölkerungsziffer im Lande — 2/s Katholiken, Vs Protestanten — müßte naturgemäß die Kammermehrheit aus Katho­liken bestehen; das herrschende System hat aber die Abzirkelung der Wahlbezirke in der Weise vor«

❖ Gin gemüthlicher Hauswirth.(U

Der Rentier Schulze war im Laufe des Som­mers feinem alten Naturell treu geblieben und verdieyte deßhalb noch immer den Namen: „Sanf­ter Heinrich'', den ihm während der Krämerlauf­bahn seine Nachbarn und alten Bekannten gegeben hatten.

Um in seinem Thun als nie dagewesener Haus­wirth nicht von seiner Frau behindert zu werden, mischte er sich nicht in ihre Heirathspläne, obwohl er mit ihrer Wahl durchaus nicht einverstanden war und bei jibem Zusammentreffen mit Fräu­lein Bianka Zippelmann unb bent Brauer Jacob Knorbe, bie zunuibn seine Frau besuchten, sich Mühe geben mußte, seine Abneigung gegen diese Personen zu verbergen.

Diese Abneigung theilten aber außer seinen Kindern auch noch die treue, resolute Köchin Dörthe und der alle Christian Dreier, und so duiften Rosa und Karl also in ihren Herzensangelegen­heiten diese guten Seelen getrost zu ihren Verbün­deten zählen.

Dörthe trug die kleinen, zierlichen Briefe, welche Rosa's Feder entfloffen, nach oben zu dem hübschen, I

jungen Bernhard Hobe und lieferte die von diesem dem Papier anvertrauten Zärtlichkeitsversicherungen immer pünktlich in die Hände ihrer sehnsüchtigen jungen Gebieterin.

Christian dagegen kundschaftete stets die Stunde aus, in welcher Wilhelmine Bornheim ihre Woh­nung verließ, um zur Probe ins Theater zu gehen. Dadurch fand Karl Gelegenheit, mit seiner Ange­beteten, mit der er nicht mehr sprechen durste, wenigstens einen traulichen Gruß zu wechseln.

So wurde die sich auf ihre Klugheit viel ein« bildende Frau Schulze hinters Licht geführt.

Von der Mehrzahl seiner Miether hatte Herr Schulze in der nächsten Zeit noch manche Vexa- tionen zu ertragen.

Mehr als ein wunderliches Verlangen wurde an ihn gestellt.

Der Schuhmacher wollte ihm fast jede Woche neue Lackstiefel aufdrängen.

Der Fiifeur Flüchtling machte ihm bittere Vor­würfe, daß feine schönen Lockenperrücken Nicht auf seinem und Chnstian's Haupte prangten, sondern den Katzen zum Spielzeug dienten, und nannte das eine Kränkung seiner Künstlerehre, die ihm Appetit und Schlaf raube.

Der mit vielen Kindern gesegnete Dichter Viel- 1

magen bat Herrn Schulze, seinen Kindern zu er­lauben, in den Freistunden, die ihnen die Schule ließ, in seinem Garten spielen zu dürfen.

Herr Schulze sah in dieser Bitte keine Unver­schämtheit und ertheilte die erbetene Erlaubniß. Doch schon in den nächsten Tagen sah er ein, daß er bester gethan, sie zu verweigern. Die von ihrem Vater als artig gepriesenen Kinder plünderten die Blumenbeete und kletterten in die Obstbäume hinauf, um sich mit den unreifen Aepfeln und Birnen den Magen zu verderben. Aber der Rentier blieb taub gegen alle Vorstellungen.

„Ich darf den Poete: nicht vor den Kops stoßen," sagte er. „Er will mir seine Gedichte dediciren. Dadurch kommt mein Name noch mehr in die Ocffentlichkeit. Er bat mir schon das Titelblatt gezeigt. Auf der dritten Seite steht mit g oßen Buchstaben: „Meinem hochverehrten HauSwirth, Herrn Nicolaus Heinrich Schulze, in Dank­barkeit gewidmet." Und dabei noch der rührend schöne Vers:

„Dich hat der Himmel auserlesen

Zum Hauswirth, wie noch nie gewesen Und wie, so lang die Welt wird stehen. Man nie wird einen Wiedersehen."

Aus eine ganz besondere Weise nahm der Schul­lehrer Kempe die Güte seines Hauswirths in An-