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Sonnabend, den 1. August
Fuldaer
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1885.
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn» und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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Erstes Blatt.
Taktlosigkeit oder Hochverrath?
□ Wien, 31. Juli.
Während sich die österreichische Presse innerhalb der tobten Saison die Zeit vertrieb mit langath» migen Erörterungen über neue Klubbildungen auf der Rechten des Parlamentes und allerlei mehr oder minder praktische Vorschläge über die Organisation der konservativen Deutschen Oesterreichs zur Diskussion gelangten, vollzogen sich beim deutschen Turnfeste in Dresden und damit im Zusammenhänge im Lager der „Nurdeutschen" allerlei Dinge, die entschieden mehr unsere Aufmerksamkeit verdienen, als die noch so gut gemeinten, aber in der Praxis zur Zeit schwer realifirbaren Vorschläge über Fraktions» und Klubbildungen im konservativen Lager. Denn die bekannten Vorfälle in Dresden, bei welchen sich Unterthanen Sr. Majestät des Kai» sers von Oesterreich so weit vergaßen, ihre eigene Staatsangehörigkeit wenigstens für die Zeit des Festes über Bord zu werfen und dafür pangermanistische Allotrias zu treiben, zeigen, bis zu welchen Extravaganzen der nationale Furor, diese neueste Zeitkrankheit in Oesterreich, sich versteigen kann. Wir stnd im Allgemeinen geneigt, Kommersreden angesichts der vorgeschrittenen Stunde, wo sie verübt werden und weil sie inter pocula geschehen, keine allzugroße Bedeutung beizulegen und speziell für das Dresdener Turnfest bietet die große Hitze und der gewaltige Bierkonsum Milderungsumstände. Aber nichtsdestoweniger bleibt das Auftreten der Herren Knotz, Strache und Konsorten in Dresden absolut unqualificirbar und wir wissen wirklich nicht, sollen wir daffelbe als Taktlosigkeit oder bewußten Hochverrath bezeichnen. Die nichtliberale Presie Deutschlands hat die letztere Bezeichnung gewählt und ihr lebhaftes Mißfallen geäußert, das im Lager loyaler Oesterreicher nur das lauteste Echo finden muß. Zur Kundgabe deutschnationaler Schmerzensschreie war das nichtpolitische Turnfest absolut nicht der Platz und es war schon von Haus aus eine Taktlosigkeit, ein allem politischen Getriebe fernstehendes Fest, bei welchem die Hebung und Stählung des Körpers allein die Basis der Zusammenkünfte bildet, zu einem politischen zu stempeln und nationale Schmerzen, deren Nlchtberechtigung klar für Jeden
❖ Ein gemüthlicher Hauswirth.(12
Karl, der mit Fräulein Zippelmann, seiner Schwester und dem jungen Brauer gegenüber saß, konnte an Rosa's schelmischen Lachen leicht merken, welches Spiel sie mit dem ihr von der Mutter oktroyirten Bräutigam trieb. Ihre Schelmerei steckte ihn an, so daß er sich vornahm, die zimperliche, vornehm und gebildet thuende Bianka auch aufs Glatteis zu führen.
Der junge Mann hatte früher noch nie geheuchelt. An diesem Tage machte er sich zum ersten Male dieser furchtbaren Sünde schuldig.
Fräulein Bianka kramte ihr ganzes Wisien gegen ihn aus. Sie prunkte mit ihrer Bildung, wie ein Pfau mit seinen bunten Federn. Sie sprach von ihrer Liebe zur Dichtkunst und daß sie die englischen und französischen Autoren in der Ursprache lese. Sie erzählte, daß sie ost in den Gesellschaften, die sie besuche, zu deklamiren und zu fingen aufgefordert werde und mit Schwärmerei klassische Musik treibe. Und Karl äußerte zurück, daß er sich unendlich glücklich schätze, eine so reich talentirte Dame neben sich zu wissen, und pries den Mann als ben glücklichsten aller Sterblichen, ber einst in lern Tempel, besten Göttin sie sein würde, zu
zu Tage liegt, in einem fremden Staate in so illoyaler und geradezu widerlicher Weise kund zu thun. Wir erinnern uns nicht, daß von anderen Staatsangehörigen ähnliche Taktlosigkeiten begangen werden und wir haben noch nicht gehört, daß sich z. B. jemals mit den heimathlichen Zuständen unzufriedene Unterthanen des Königs von Preußen oder des Königs von Sachsen nach Oesterreich gekommen wären, um dort gegen ihr eigenes Vaterland zu demonstriren und hochverrätherische Reden zu vollführen. Wir würden es auch keinem Preußen oder Sachsen rathen, denn bei der Rückkehr würde ihn zweifelsohne ber Strafrichter in Empfang nehmen. Aber bie Herren Knotz, Strache unb Konsorten, bie nach Dresben zogen, um ihr Oesterreicherthum zu befubeln unb bafür „Allbeutsch- land" hochleben lasten, fünbigen auf bie Langmuth ber Regierung in Oesterreich, welche um bes Frie- bens willen unb um ihre Toleranz zu befunben, ben Herren „Nurbeutschen" viel bnrch die Finger sieht, was anderwärts auf strenge Ahndung rechnen müßte. Doch auch diese Langmuth hat ihre Grenze und sie muß eine Grenze haben, wenn das Treiben der Herren Reichspreisgeber den Rahmen bloßer Taktlosigkeit überschreitet und sich als Hochverrath qualifizirt; sie muß eine Grenze haben, wenn selbst das Ausland an dem Auftreten pflichtvergessener Demonstranten Anstand nimmt. Wenn es wahr ist, baß bie „Nurbeutschen", welche aus Deutschböhmen über bie Grenze zogen, in Boben- bach bie an ben sächsischen Lokomotiven angebrachten österreichischen schwarzgrlbev Fahnen„ ja bie Farben bes Lanbesherrn bilben, Herabristen, wenn all' bie Reben beim Turnfeste so gefallen sinb, wie sie unsere liberalen Blätter mit einem gewissen Wohlbehagen regiftriren, bann sagen wir gerabe heraus, baß bie Grenze ber Gebulb erreicht ist unb baß beriet illoyale unb [eben patriotischen Oesterreicher gerabezu empörenbe Dinge künftig ihre Ahnbung finben wüsten. Das Auftreten biese Pangermanisten hat allerbings keinen praktischen Werth; benn es wirb tausendfach para- lisirt durch die aufrichtige Loyalität, innige Kaisertreue und das warme patriotische Gefühl von Millionen von Oesterreichern; aber es macht doch einen höchst befremdenden Eindruck, wenn eine Handvoll Demonstranten sich ungestraft herausneh- men darf, dem patriotischen Gefühle Aergerniß zu bereiten und der ganzen Monarchie sozusagen in's
ihren Fützen sitzend, ihren Worten und ihrem Gesänge lauschen dürfe.
Das Herz des alternden Fräuleins ging in Sprüngen. Um den Ersehnten aber noch fester in Die Bande ihrer Liebenswürdigkeit zu schlagen, wußte sie, nachdem die Gäste vom Tische aufgestanden, es mit Hilfe ihrer Mutter zu veranstalten, daß sie von einigen Herrn und Damen zum Deklamiren und Singen aufgefordert wurde. Das war Master auf Karl's Mühle. Seine Lachmuskeln regten sich schon im Voraus und schnell fügte er seinen Wunsch dem der Anderen bei.
„Ich bin sonst zu schüchtern," erwiderte sie, einen zärtlichen Blick auf den liebenswürdigen Bittsteller richtend. „Aber was könnte ich dem Sohne so vortresflicher Eltern abschlagen, die mich so huldvoll empfangen haben?"
Mit Dem Anstande einer Königin im Puppenspiel trat Bianka in die Mitte des Saales. Die geladenen Herren und Damen bildeten vor ihr einen Kreis. Frau Zippelmann, die auf ihre talentvolle Tochter stolze Dame, warf triumphirende Blicke nach allen Seiten. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen. Dann räusperte sich die Vortragende und deklamirte, da sie sich vor Allem im Vortrage tragischer Dichtungen groß dünkte, die ।
Gesicht zu schlagen. Wir hätten durchaus nichts dagegen, wenn diese Herren Nurdeutschen ihre Sympathieen für Alldeutschland dadurch betätigen würden, baß sie ihr Domizil außerhalb ber schwarz- gelben Grenzpfähle nehmen; aber noch sinb sie Oesterreicher unb Unterthanen des Habsburger- reiches unb als solche grenzt ihr Treiben an Hochverrath. Einen solchen braucht sich aber ber Staat nicht bieten zu lasten unb beshalb hegen wir auch bie feste Erwartung, daß bei weiterer Fortsetzung ein Einschreiten der Behörden erfolgt. Der ganze Vorfall zeigt aber aufs Neue, daß ber nationale Furor vom Hebet ist unb baß bie „schärfere Tonart" Blütheu zxitigt, bie mit bem Wohle ber Monarchie absolut nicht vereinbart«}) sinb.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Juli.
* Heber das Dresdener Turnfest läßt sich die ,Nordd. Allg. Ztg.' an leitender Stelle in folgender Weise aus: „Natürlich werden diese Turnfeste auch Gegenstand ber politischen Bewerbung, unb wir haben es im Anfänge ber 60er Jahre erlebt, welchen Einfluß bie Fortschrittspartei auf bie beutschen Schützen- unb Turnvereine ausübte, und welche Aspirationen sich an dieselben knüpften. Aber die Turnvereine und ihre Feste an sich haben darum nichts von ihrer Werthschätzung verloren. Man weiß ja, wie leicht der Geist einer enthusiastisch angeregten Versammlung Blasen wirst. Allerdings aber werden die Turnfreunde, je ernster sie ihre Hebungen nehmen, sich fortgesetzt mehr und mehr davor zu hüten haben, daß sie dieselbe in ihrem höchsten Zwecke compromittiren, indem sie sich zu Trägern und Pflegern ungesunder Bestrebungen oder Werkzeugen politischer Parteidemonstrationen hergeben." Die .Norddeutsche' will damit den Eindruck verwischen, den das Gebühren einiger österreichischen Turner zu Dresden in Oesterreich hervorgerufen hat. Ein Redner äußerte sich beleidigend über bie „römische Papst-Tiara", ein anberer, ReichsrathS- abgeorbneter Stracke, sagte: „Gegen unfern österreichischen Kaiser üben wir unsere Pflichten, Deutschlands Kaiser aber unb seinen Kanzler verehren unb lieben wir." DieserAbgeorbneteStracke ignorirt, was bas beutsche Reich ohne Oesterreich wäre, ganz unb gar. Preußen-Deutschlanb ist
„Kinbesmörberin" von Schiller. Um ben schauerlichen Einbruck bes Gebichtes noch zu erhöhen, gebot sie ihren Augen, wagenräberähnlich zu rollen, währenb ihre mageren Arme marionettenartig bie Lust burchsäbelten.
Nachbem sie mit kreischender Stimme bie letzten Verse herauSgewürgt:
„Henker, kannst Du keine Lilie knicken?
Bleicher Henker, zitt're nicht!"
brach nicht blos unter ben Gästen ein einstimmiger Beifall los; auch Frau Schulze, nebst Rosa und Karl, welche Letzteren nur mit Mühe bie Anwanb- lung, laut auszulachen, bekämpft hatten, applau» bitten aus Leibeskräften. Dörthe, welche sich mit Christian im Hintergrunb befanb, war tiefbewegt ihrem alten Liebhaber an bie Brust gesunken unb ließ ein krampfähnliches Schluchzen hören. Der Rentier aber murmelte in sich hinein:
„Ich habe noch nie ein Irrenhaus besucht, kann mir aber jetzt beutlich vorstellen, wie bie Wahnsinnigen dort ihre Wärter zur Verzweiflung bringen !"
Fräulein Zippelmann, welche nebenbei gesagt, nach Beendigung ihrer Deklamation von ihrer in Freude schwelgenden Mutter mit großer Zärtlichkeit geküßt worden, hatte nach ihrer Uiberjeugung einen kolossalen Erfolg errungen unb zugleich wie