1885.
Fuldaer
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* Protestantische Urtheile über Janssens Geschichte des deutsche« Volkes.
In dem „Literarischen Merkur" vom 15. Juli bespricht Hellmuth Pavckow den vierten Band von Janssen's Geschichte des deutschen Volkes. „Wenn irgend Jemand", sagt er, „so sei Janssen in dem Stande, Convertiten zu machen. Gerade dadurch, daß der Autor nur die nackten Thatsachen und zwar diese auch immer nur in wohlbeglaubigten Zeugnissen für sich selber sprechen läßt, übt er eine wahrhaft bestrickende und faszinirende Wirkung aus, von deren Bann sich auch der einsichtsvollste Leser nur durch nachhaltige Selbstbesinnung und energische Wachrufung seines gesammten kritischen Vermögens zu befreien vermag." Ein süddeutscher protestantischer Jurist äußert sich: „So lange deutsche Federn feit dein Auftreten Luther's für die Sache der katholischen Kirche eingetreten sind, ist diese Sache wobl noch niemals mit einer solch' kunstvollen Geschicklichkeit und einer solch' überlegenen, ich möchte sagen, verblüffenden Ruhe geführt worden, als dieses von Janssen geschieht. Es ist, glaube ich, ein dreifaches Moment, wodurch auch entschiedene Protestanten, wenn sie überhaupt katholische Bücher lesen, sich zu seinen Schriften hingezogen und dadurch gefesselt fühlen. Erstens die volle katholische Ueberzeugung des Verfaffers, die auch dem Gegner Achtung einflößt. Ich habe mir seine por mehr als 30^ Jahren erschienene erste Schrift über einen geistlichen Staatsmann des Mittelalters kommen lassen, um einen Vergleich anzustellen, und habe darin durchaus denselben Geist und dieselbe Auffassung gefunden, wie in feiner deutschen Geschichte. An zweiter Stelle ist es die warm u. treuherzig patriotische, für Kaiser und Reich fast schwärmerisch begeisterte Gesinnung, die ihres Eindruckes auf Niemanden verfehlen kann. Dazu kommt ein drittes und zwar ethisches Moment. Ich kenne Janffen nicht, weiß auch nichts Genaueres über sein persönliches Gebühren, aber aus seinen Schriften geht hervor, daß er nichts weniger als Haß trägt gegen Andersgläubige, seien es Christen oder Juden. Für diese Momente aber ist ganz besonders das Frauen- gemüth empfänglich und es ist aus diesem Grunde nicht schwer vorauszusagen, daß die weitgehendste Wirkung seiner Schriften erst dann beginnen wird,
wenn dieselben in die protestantische Frauenwelt eindringen. Wir könnten dann in Deutschland noch merkwürdige Dinge erleben. Ich weiß aus Erfahrung, was sein Werk über Friedrich Leopold von Stolberg in meiner Familie angerichtet hat. Er hat diesen ihm offenbar kongenialen Geist besonders nach Seite seines Patriotismus und seiner tief christlichen Duldsamkeit gegen Protestanten in so leuchtenden Farben geschildert, daß man unwillkürlich die Vertreter einer solchen religiösen Ueberzeugung nicht allein lieb gewinnt und ihnen Verehrung zollt, sondern auch für die von ihnen vertretene Sache eingenommen wird. Sein Ge- schichtswerk wirkt in dieser Richtung noch tiefer ein". Pankow will in dem Werk „eine Menge der feinsten psychologischen Kunstgriffe unterscheiden, die alle demselben einheitlichen Zwecke dienen". „Das psychologische Kunstmittel in seiner vollendetsten und umfassendstiN Gestalt" sei das eigentliche Werkzeug, womit Janssen arbeite. Derselbe verfolge eine „katholisirende Tendenz". Aber dieselbe „geht keineswegs so weit, daß sie ihm alle, ja auch nur die wesentlichsten Eigenschaften eines tüchtigen Geschirtsforschers zu rauben vermöchte. Noch immer ist leider auch heutzutage jene Zunft von Geschichtsforschern nicht ausgestorben, die die Geschichte nach rein formalen Gesichtspunkten betrachten und in ihrer Darstellung der bewegenden Geschicke der Nationen nur von den diplomatischen Händeln der Fürsten und beyn Kriegsaffairen zu berichten wis- sen, dagegen'die Fülle organischer Bildungen und die unzähligen kleinen Triebfedern und Motoren, die das Leben der Völker recht eigentlich bestimmen, völlig unberücksichtigt lassen. Sie errichten gewissermaßen ein leeres Gerüst, dem jede lebendige Ausfüllung und Bekleidung mit Stoff und Farben und daher auch jeder charaktervolle Typus mangelt. Janffen nun gehört zu den einflußreichsten Vertretern der entgegengesetzten richtigen Anschauung. Er weiß, daß zu einem vollständigen Geschichtsgemälde die Beachtung der verschiedenen sich kreuzenden und gegenseitig fördernd ober hemmend auf einander einwirkenden Factoren, nicht die einseitige Verfolgung dieses ober jenes Ereignisses gehöre; er weiß auch, baß ber wahre Geschichtsforscher nicht immer auf den Höhen des Volkslebens zu weilen vermöge, sondern zuvörderst in die Tiefen desselben hinabsteigen und an der umfassenden Kennt-
niß von Einzelthatsachen des wirthschaftlichen und sittlichen Lebens einen soliden Untergrund für die richtige Würdigung und das schöpfende Verständ- niß der weiteren Verhältnisse und wichtigeren Ereignisse gewinnen müsse. Daher fein wahrhaft minutiöses Quellenstudium, daher seine für den wirklich historischen Sinn so überaus anziehende Detail- und Minutunnalerei." Darin, erlauben wir uns hinzuzusügen, liegt die Wirkung der Werkes, nicht in „psychologischen Kunstgriffen".
(,Germ.')
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juli.
• Ein Hochwasser von Krokodilsthränen durchströmt gegenwärtig die Spalten der national- liberalen und pseudokonservatioen Presse. Man kennt seit Jahren die zärtliche Sorgfalt, welche diese „Kulturkämpfer" für die katholische Kirche hegen und ihre liebenswürdige Gesinnung gegen die Katholiken. Wenn nun diese Hetzblätter, die nichts tiefer hassen, wie die katholische Kirche, mit besorgten Worten fragen: Wer in Deutschland die katholische Kirche regiere, der Papst und die Bischöfe, oder die „Hetzpresse des Centrums" ? — wenn sie weh- müthig klagen: In der Paderborner Angelegenheit hätten Papst und Bischöfe sich diM „Terrorismus" jener Presse unterworfen — so weiß das katholische Volk die Bedeutung solcher Klagen wohl zu würdigen. Nichts fürchtet das katholische Volk mehr, als das Lob aus dem Munde 'der"„Kutturtämpfer"! Der Beifall, den diese Todfeinde der katholischen Kirche dem Paderborner Erlaß gespendet, die Hoffnung, welche sie daran geknüpft hatten, das war das Todesurtheil dieses Erlasses nicht blos in den Augen des katholischen Volkes, sondern — wie sich eigentlich von selbst versteht — ganz besonders in den Augen der Bischöfe und des Papstes. Die liberale Presse freilich, die alle „Ultramontanen" für dumm hält, erwartete nicht, daß diese „dummen Ultramontanen" vom Feinde lernen könnten! Nicht der „Terrorismus der Kaplanspresse" hat Papst und Bischöfe „unterjocht", denn die Regie- rung ber Kirche ließe sich — wenn überhaupt — von bet Presse lange nicht in betn Maße imponiren, wie man bies von gewissen Regierungen ber liberalen Presse gegenüber gewöhnt ist. DaS Triumph- g eschr eider liberalen und „konservativen" „Kultur-
❖ Ein gemiithlicher Hanswirth. (6
Plötzlich zeigte sich Christian Dreier in der Salonthür.
„Herr Schulze," meldete er laut, „ich habe Alle angetroffen. Die ganze Kompagnie steht draußen. Sollen sie ihre Aufwartung machen?"
„Ich erwarte die Leute mit Sehnsucht," erwie- berte Schulze unb Christian zu sich winkenb unb ihm einige Worte zuflusternd, fügte er laut hinzu: „Führe bie Wartenden herein!"
Christian lächelte verschmitzt unb machte sich eiligst davon. Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Thür und herein traten eine Anzahl Personen beiderlei Geschlechts, mit verwunderten Blicken auf die Familie Schulze und ihren, eine unaussprechliche Grimasse schneidenden, alten Hauswirth Kribb- ler blickend, während Schulze, im Vorgefühl seines Triumphes, sich stillvergnügt die Hände rieb und dabei doch mit keiner Miene merken ließ, welche Revanche er an feinem jahrelangen Quälgeist zu nehmen auf betn Sprunge stand.
Die Mienen ber ben Salon betretenden bekundeten, daß ihnen das Leben bis jetzt nicht allzu viele Rosen auf den Weg gestreut hatte.
Da Christian Dreierjihnen hatte nicht klarmachen
können, warum der neue Hauswirth mit ihnen zu sprechen verlangte, so drückte sich in ihrem Wesen theils Neugier, theils Schüchternheit aus.
Herr Schulze winkte ihnen, näher zu treten unb stellte sich ihnen als ben jetzigen Besitzer des Hauses vor. Dann fragte er ber Reihe nach, weß Namens unb Standes ein Jeder und eine Jede sei und wie viele Kinder ihnen der Himmel bescheert habe.
Der Erste, der ihm Antwort gab, war ein kleiner, auffallend magerer Mann in schwarzem, abgetragenem Rocke, der seinen längst aus der Mode gekommenen Hut verlegen vor sich hielt.
„Mein Name ist Kempe," sagte er. „Ich bin Schullehrer mit Frau und sieben Kindern und bewohne den ersten Stock, wofür ich eine leider sehr hohe Miethe zahlen muß."
Der Zweite nannte sich Flüchting und war seines Gewerbes Friseur.
Er hatte das Glück, verheirathet und Vater von fünf Kindern zu fein. Er wohnte mit dem Schulmeister auf einer Etage.'
Ein hübscher, gutgekleideter, junger Mann trat vor und verneigte sich mit einigem Anstand.
„Mein Name ist Hobe. Ich bin Kommis und wohne mit meiner Mutter im zweiten Stock über Herrn Kempe."
Ein halblautes, freudiges „Ah!" wurde hörbar. Es kam aus dem Munde ber hübschen Rosa.
Sie hatte in bem jungen Mann ben gewandten, liebenswürdigen Tänzer erkannt, mit bem ihre Phantasie, bevor ihr Vater bie Erbschaft gemacht, sich so lebhaft beschäftigt unb den sie in ber neuesten Zeit auch nicht vergeffen hatte.
Er — er lebte hier, ganz in ihrer Nähe! Welch ein glücklicher Zufall! Sie hätte laut aufjauchzen mögen unb hielt nur mit Mühe ihre Fceube vor einem lauten Ausbruch zurück.
Der junge Mann aber trat, nachbem er gesprochen, bescheiben zurück.
Dann präsentirte sich ein Mann, ber einen braunen Sammetrock unb lange, halbgraue Locken trug, bie ihm fast bis auf bie Schultern herab- fielen.
„Ich habe bie Ehre mich bem neuen Hausherrn als ber Dichter Vielmagen vorzustellen," sagte er, „Der Name ist roeber romantisch noch poetisch," fügte er hinzu, „aber er paßt auf meine Verhältnisse, ba ich außer dem meinigen noch sieben Magen, die meiner theuren Gattin unb meiner sechs Kinder zu versorgen habe. Ich bin der Nachbar des Herrn Hobe, der sich Ihnen soeben vorgestellt hat und hier," er deutete auf eine in den mittleren