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Fuldm ffijl Zeitung.

165. Donnerstag, den 23. Juli 1885.

Vie «Fuldaer Zeitung" erscheint tLglich, Sonn- und Feiert»,, ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnemmtSpreis ohne df^lohn und Bestellgeld: 1 Rk. SO Pfg-, mit der ........—

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juli.

* Auf dem bereits erwähnten Parteitag der Nationalliberalen in Hagen hatte man die Vorsicht gebraucht, Karten auszugeben, so daß man also ganz „unter sich" war. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil man sich im Wahlkreise Eugen Richters befand. Der Parteitag verlief, wie alle Parteitage der National-Liberalen in Rheinland-Westfalen verlaufen: viel Pathos, viel Selbstlob, viele Angriffe auf Centrum und Frei­sinnige, viel Beifall und selbstredend der obligate national-liberale Lobgesang auf den Reichskanzler. Etwas Besonderes bot der Parteitag noch dar: es wurde bei weitem weniger Kulturkampf ge­ritten, als dies sonst zu geschehen pflegt. Das lag aber daran, daß der eigentliche Parsorze-Kul- turkampfreiter, Hr. v. Eynern, nicht anwesend war. Alle Redner betonten, daß das Liberale jetzt erst in zweiter Linie kommen solle, das Rationale sei die Hauptsache. Als ob gerade diese Partei die nationale Gesinnung gepachtet hätte! Die Rational- Liberalen Rheinlands und Westfalens hegen große Hoffnung, Eugen Richter bei der Landtagswahl aus Hagen zu verdrängen. Wenn sie sich nur nicht täuschen! So ein Parteitag thut es nicht allein, man muß auch der Wähler sicher sein!

* Der junge Graf Grote, welcher eine Adresse zur Wahrung der Rechte des Herzogs von Cum­berland umerschried, während er gsradr als Reservelieutenant beim 27. Dragoner-Regiment Dienste that, wurde vom Kriegsgericht zu mehr­monatlicher Festungsstrafe verurtheilt, da allen Offizieren jede Theilnahme an politischen Mani­festationen und Unterschreibung von Adressen streng untersagt ist. Ein anderer Unterzeichner, ein preu­ßischer Rittmeister a. D., wird aus gleichem Grunde das Recht, die Uniform zu tragen, verlieren.

• Münster, 20. Juli. In der gestrigen General- Versammlung des St. Vincenz-Vereins theilte der örtliche Verwaltuugsrath mit, daß gelegentlich der 32. General-Versammlung der Katholiken Deutsch­lands auch eine General-Versammlung sämmtlicher deutschen Vincenz-Vereine abgehalten werde. Als Tag der Versammlung ist der 1. September (Dienstag, Nachmittag von 4 bis 6 Uhr) und als Versammlungsort die Aula

des Real-Gymnasiums in Aussicht genommen. Es steht zu erwarten, daß auch ein Vertreter des Generalrathes in Paris erscheinen wird.

* Köln, 21. Juli. Der verantwortliche Redak­teur eines hiesigen Wochenblattes stand am 17. d. vor der Strafkammer, der Majestätsbeleidigung angeklagt. Diese wurde gefunden in einem Artikel betreffend die Begnadigung jener Offiziere, welche im vorigen Jahre in Hannover das bekannte Rencontre mit den Nachtwächtern gehabt hatten. Die Verhandlungen, die mit Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt wurden, endeten mit Ver- urtheilung des Angeklagten zu 2 Monaten Festungs- haft.

* Aus Bad Ems wird der Mayen. Volksztg.' geschrieben: „Je mehr man im Allgemeinen in einem Badeort den Wünschen des Publikums ent­gegenzukommen pflegt, desto mehr muß es auf­fallen, daß die der Katholiken, welche doch in großer Zahl hier anwesend sind, so wenig berück­sichtigt werden. Ein katholisches Reisehandbuch ist hier in keiner Buchhandlung zu haben; katholische Zeitungen sucht man eben so vergebens sich zu ver­schaffen; selbst im Cursaal liegen unter der Menge von liberalen Blättern, welche häufig sogar in mehreren Exemplaren vertreten sind, nur zwei ka­tholische Zeitungen auf. Daß keine Nachfrage nach ihnen ist, kann die Verwaltung nicht behaupten; denn sie sind stets so abgegriffen und so zerlesen, daß man sieht, daß sie durch eine Menge von Händen gegangen sind, und wenn man sie erhalten will, muß man NS'üten, ehe tpoit sie be­kommt, wenn man nicht, wie 'es Schreiber dieses mehrfach erging, gar unverrichteter Sache fortgehen muß. Katholiken werden deshalb beffer thun, ihr Geld anderswo als in Ems zu verzehren, wo man so wenig für ihre Bedürfnisse sorgt."

* Frankfurt a. M., 22. Juli. Unter zahl­reicher Betheiligung seiner Parteigenossen fand heute Morgen die Beerdigung des langjährigen Mitgliedes der sozialdemokratischen Partei Hugo Hiller, vom Sterbehause, dem Bürgerstifte, statt. Als der große Leichenkondukt den Oederweg erreichte, begegnete er einer Reihe von Schutzleuten, die ihm das Geleite bis zum Friedhöfe gaben. Am Grabe angekommen, trat Herr Füllgrabe vor und legte im Namen der Frankfurter Sozialisten einen Kranz auf die Stätte nieder, wo der Verblichene seine Ruhe finden sollte. Diesem Kranze folgte

❖ Ein genrüthlicher Hauswirth. (4

Während Frau Sophie sich so mit dem Halb- vhnmächtiaen beschäftigte, hob die in geringerem Maße erschreckte Rosa das Schreiben vom Boden auf und begann es zu lesen.

Auf einmal sprang sie ausgelassen in die Höhe und rannte jubelnd im Zimmer umher, fröhlich ausrufend:

„Hurrah, hurrah! Meine Hoffnungsträume sind Wahrheit geworden! Da steht es schwarz auf weiß. Der Vetter, dieser Engel von einem Vetter, ist so gut gewesen, zu sterben und hat Dich, Vater, zu seinem Erben eingesetzt über ein Vermögen von dreimalhunderttausend Thalern!"

Der laute Ausruf diefer enormen Summe schien die Lebensgeister des Gewürzkrämers schneller als alle Belebungsversuche wieder auf die Füße zu bringen.

Zitternd an allen Gliedern, richtete er sich auf. Die unerwartete Freude war fast zu viel für den alten Mann, der, seinen sicheren Ruin vor sich sehend, trostlos sein Haus wieder betreten hatte, um solche Glücksbotschaft zu finden. Wäre nicht das Konsulatsschreiben gewesen, er hätte Alles für einen bösen Zauber gehalten; aber da war keine

Täuschung möglich. Rosa's Traum hatte sich er- füllt. Nikolaus Heinrich Schulze war wie über Nacht der Besitzer von drei Tonnen Goldes ge­worden !

Der Trostlosigkeit, welche kurz vorher noch in der Familie Schulze geherrscht hatte, folgte jetzt eine jubelnde Erregung, die nahe an freudige Aus­gelassenheit grenzte.

Der alte Mann lachte und weinte in einem Athem, Rosa hielt ihre Mutter umschlungen und drehte sie mit sich im Kreise, einmal über das andere laut jubelnd.

Die in dem Zimmer ertönenden freudigen Rufe kamen auch der treuen Dörthe und dem alten Christian zu Ohren.

Erstere kam grade vom Markte, wo sie das ge­wöhnliche Mittagsgericht, eine Metze Kartoffeln eingehandelt hatte. Christian Dreier lief aus dem Laden herbei.

Bevor sie die Thatsache vernahmen, standen sie auf dem Punkte des Glaubens, ihre Herrschaft sei plötzlich von einem furchtbaren Unglück heim­gesucht worden.

Rosa zögerte nicht, sie von dieser Meinung zu befreien, indem sie Beiden den Inhalt des Schrei­bens mittheilte und Frau Sophie nahm das Wort.

einer der Hanauer Parteigenossen; die sozial­demokratischen Frauen Frankfurts widmeten dem Tobten eine rothe Schleife, dann folgten Kränze von den Höchstern und Mainzern rc. Als sich diese Vorgänge abspielten, ersuchte der über­wachende Polizei-Kommissär Meyer die Anwesenden, den Platz zu verlassen, und als dieser Aufforder­ung nicht sofort stattgegeben wurde, zogen die Schutzleute blank und trieben die Leidtragenden zum Kirchhofe hinaus. Der Augenzeuge Herr Schubli sagt über die nun folgenden Scenen aus: „Als der Kommissär die dreimalige Aufforderung, den Platz zu räumen, hatte ergehen lassen, folgte sofort die Entblößung der Waffe und ungefähr 60 Schutzleute drangen auf die Menge ein. Alles was sich ihnen in den Weg stellte, wurde zurück­getrieben, wobei eine Reihe von Leidtragenden, unter Andern auch zwei Kinder, verletzt wurden. Am Eingänge zum Portale fand ich (Schubli) einen Mann, der in der linken Seite heftig blutete. Er wurde von Seiten seiner Freunde in die An­lage getragen, wo er die Besinnung verlor. Natür­lich hatte sich des Publikums eine ungeheure Auf­regung bemächtigt, doch kam es von Seiten der Leidtragenden zu keinerlei Ausschreitung. Bei dem Eindringen der Schutzleute auf die Menge hörte ich die Rufe: „Auf die Bande!" Ein anderer Augenzeuge Schardt sagt aus, er habe gesehen, daß ein Kirchhofwärter beim Herannahen der dem Ausgange zueilenden Menge die draußen wartenden berittenen Schutzleute benachrichtigt habe, in Folge dessen diese sofort am Portale Posto faßten und in die Aktion mit erngnffeu. Der ÄHttukr Loreü,' Merz ist durch einen Stich in den rechten Arm verwundet, der Arbeiter Friedrich Brüner hat einen Hieb über die linke Hano erhalten, der Arbeiter Willmuths bekam einen Schlag mit der Waffe über den Rücken, eine Frau Kayser bekam in Folge des ausgestandenen Schreckens die Krämpfe und noch eine Reihe von Personen, die bis jetzt den Gewährsleuten der ,Frkf. Ztg.' noch nicht bekannt sind, wurde mehr oder minder erheblich verletzt. Ein weiterer Zeuge, Edmund Staitig, hat den Ruf: „Blank! - Auf die Schwefelbande!" gehört, und alle betheuerten, es sei absolut nichts pro- vocirt worden und man habe sich bei der Trauer­feierlichkeit vollkommen ruhig verhalten, selbst da noch, als die Beamten von der Waffe Gebrauch gemacht, obgleich es den Hunderten von Leidtra-

„Dörthe", sagte sie, „gieb die Kartoffeln und die Häringe an arme Leute in der Nachbarschaft. Heute Mittag wollen wir essen wie die Fürsten. Nimm das Geld aus der Ladenkasse und kaufe ein, was Du willst."

„Und Du, Christian", ergriff Schulze die Rede, „eile sogleich zu dem Advokaten Goldner und rufe meinen Sohn nach Hause. Der Sohn eines Man­nes, der bald dreimalhunderttausend Thaler sein eigen nennt, soll sich nicht mehr die Fmger krumm schreiben."

„Aber, Herr Schulze, was soll mit dem Laden werden? erwiederte fragend das getreue Faktotum.

„Der Laden wird geschlossen, Christian. Wir brauchen keine Groschen- und Pfennigskunden mehr. Was wir noch in den Schiebladen und Büchsen haben, wird Alles verschenkt. Morgen trommelst Du mir die ganze arme Nachbarschaft zusammen."

„Na, die Leute werden große Augen machen," versetzte Christian und eilte mit Dörthe davon, um die erhaltenen Befehle auszuführen.

Schulze mit Frau und Tochter setzten sich zu- sammen und schmiedeten ihre Pläne für die Zukunft.

Sobald die Gelder flüssig würden, sollte ein eigenes Haus gekauft und aufs prächtigste einge­richtet werden.