JV 164.
Mittwoch, den 22. Juli
1885.
Fuldm
SHe »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfa belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfa.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.» sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
— mit der
A Zur Handwerkerfraae.
VII.
Ein anderes Gebrechen des Handwerks ist der Größenwahn nnd Dünkel unserer Zeit. Christus, der Sohn Gottes, hat in der Werkstätte zu Nazareth selbst das Handwerk geehrt und geadelt, es ist ein schöner ehrbarer Beruf, das Handwerk, welches in unserem gesellschaftlichen Leben eine so hervorragende Nolle spielt, und doch gibt es junge Leute, welche sich schämen Handwerker zu sein! Steht aber etwa derjenige höher vor Gott und der Welt, welcher in Lackstiefeln und Glace- Handschuhen umherspaziert und dem lieben Gott den Tag abstiehlt, oder der brave fleißige Schmied mit Lederschürze und schwieligen Händen? Nicht welchen Stand der Mensch bekleidet, welchen Rock er trägt, macht seinen Werih aus, sondern wie er seinen Beruf erfüllt. Wir wohnten einst einer Sitzung des Gewerbegerichts bei, und da verklagte ein Geselle seinen Meister, einen Tischler, daß er ohne die gesetzliche Kündigungszeit entlaffen worden sei. Der Geselle hatte sich nämlich geweigert, mit seinem Meister einen Tisch über die Straße zu transportiren, und er erklärte den Herren am Gericht rund heraus, zu solchen Arbeiten „vor der Oeffentlichkeit" gebe er sich nicht her! Ein Bäckergeselle hatte die Zumuthung seines Prin- cipals etwas stark gefunden, daß er bei der Erkrankung des Lehrlings mit dem Brodkorb über die Straße laufen sollte! Dieser Dünkel und Größenwahn sollte schon von Jugend auf von Eltern und Lehrmeister im jungen Handwerker energisch bekämpft werden, es sollte ihm eingeprägt werden, daß weder Handwerk noch Arbeit schändet, wohl aber die alberne Vornehmlhuerei und die Sucht, mehr zu scheinen, als man ist. Der Trieb nach Selbstständigkeit ist jedem Menschen eigen, er liegt in unserem Wesen begründet. Der Lehrling begrüßt froh den Augenblick, wo er die bitterböse Lehrzeit glücklich überwunden hat, und zum Gesellen avancirt. Der Geselle strebt nach dem Ziele, Meister zu werden, und wohl alle suchen sich auch auf „eigene Füße zu stellen". Ein eigenes Haudwerksgeschäft mit stolz prangender Firma bildet das Ideal der meisten Handwerker, und das Streben nach vorwärts ist gewiß löblich. Aber ohne jegliche Mittel ein Handwerksgeschäft zu eröffnen, ist doch ein sehr bedenkliches Unternehmen. Für Löhne, Materialien und den
der Kundschaft leider zu gewährenden Kredit muß wenigstens einiges Kapital vorhanden sein, soll das Unternehmen nicht bald wieder zerfallen.
Wer schon mit Schulden anfängt, wird sich nicht leicht mehr davon freiniachen können, sondern' nur immer tiefer hineingerathen, bis er schließlich nichts mehr hat und wieder genöthigt ist, als Geselle fein Brod zu verdienen, und das ist nach erlangter Selbstständigkeit sehr bart. Handwerker, die nicht mit Sicherheit ausführen können, was sie anfangen, sollten beffer auf ein eigenes Geschäft verzichten; sie haben dann zwar keine Werkstätte mit Gesellen, Firmenschild und Meistertitel, aber auch einen guten Theil Sorgen nicht. Es ist ein großer Wahn, wenn man glaubt, blos die Thüre öffnen zu muffen, dann spaziere die Kundschaft schon von selbst hinein. Die Konkurrenz erschwert das Geschäft überall, und der Brodneid, der auch im Handwerk keine ungewohnte Erscheinung ist, läßt einen Neuling nicht so leicht aufkommen.
Durch leichtsinniges Borgen, der Schattenseite jedes Geschäfts, gelangt gar mancher Handwerker in böse Verhältnisse und nicht Wenige verdanken gerade der Borgwirthschaft ihren Ruin. Es gibt wohl nichts Schmutzigeres, als dem Handwerker deil sauer verdienten Lohn nicht zu zahlen, aber wie viele Federn sind schon über dieses Kapitel stumpfgeschrieben worden, ohne daß es bester geworden wäre! Wären die Handwerker darin einig, für den -mf-rch. nicht ju. Arbeiten, sie nicht bezahlt, so würde damit das Nebel von der Wurzel aus beseitigt.
Der Handwerker aber, der selbst lange Kredite geben oder borgen muß, ist auf der anderen Seite auch genöthigt, den Kredit seines Lieferanten in Anspruch zu nehmen, und so hat sich die Mode der „Jahresrechnungen" herausgebildet, die mit einem soliden Geschäfte nicht vereinbar ist. Daß der Handwerker aber Alles viel theurer bei Beanspruchung eines so langen Kredits zahlen muß, als bei Baarzahlung, versteht sich von selbst. Ist der Handwerker aber einmal in Noth gerathen, so treibt ihn seine Lage leicht in die Arme dec Socialdemokratie, wo ihm kein Heil blüht, oder in die Klauen des Wucherers, und dann wehe ihm! Ec wird ausgebeutet und bis auf den letzten Tropfen Blutes abgezapft, bis er, arm wie Job, zuFabrikproletariat oder zum Vagabunden herabsinkt.
Ein Handwerker in Schulden läßt sich leicht ver
leiten, durch Wechsel zu bezahlen, ohne auf dem kaufmännischen Gebiete vielleicht recht bewandert zu sein. Wer einen Wechsel acceptirt, legt sich selbst einen Strick um den Hals, der Gläubiger braucht bloß zu ziehen, dann baumelt der Schuldner. Wer aber nicht sicher ist, daß er am Verfalltage zahlen kann, sollte sich nicht in Wechselgeschichten einlasten. Mehr als ein Handwerker ist an einem „prolongirten Wechsel" und seinen Folgen zu Grunde gegangen. Wir wiederholen es also, zum selbstständigen Handwerksgeschäfte gehören einige Mittel und jeder Geselle sollte bei Zeiten durch Sparsamkeit den Grund zu einer selbstständigen Existenz und seinem Glücke zu legen suchen.
Auch wüsten wir das Handwerk auf die Stadt, auf den Kreis beschränken, der Handwerker muß in direkte Beziehung zur Kundschaft gebracht werden, er hat die Arbeit, er soll auch den Verdienst haben. Man gehe nicht in die Magazine und Bazare, sondern bevorzuge seinen benachbarten Handwerker. Man wird dadurch nicht das Opfer habgieriger Spekulanten, welche sich zwischen Handwerker und Kundschaft drängen und fährt bezüglich Qualität urtD Solidität Der Waare jedenfalls besser, wenn auch der Preis oft einen scheinbaren Vortheil zu gewähren scheint.
Es kleben also auch viele Gebrechen am Handwerke, die wir selbst verschulden, die wir auch fplfiftitnh fiaLsitinptt ttnifyon. nunn .'L fisitav werden soll. Was hilft die äußere Vernarbung einer Wunde, wenn sie im Innern nicht geheilt ist? Gewiß hegen wir die Erwartung, daß die energischen Bestrebungen der letzten Zeit, daß Jniiungswesen und Neuorganisation des Handwerks auch den inneren Schäden entgegentreten werden, aber der Handwerkerstand muß dazu mitwirken und seine Gebrechen ernst und offen in's Auge fassen. Es geht ja ein sicherer Geist durch das deutsche Hanvwerk, auf dem Boden des Jnnungs- wesens vollzieht sich ein Umschwung, langsam aber sicher, und wenn die Staatshilfe — was wir dringend wünschen möchten — sich mit Selbsthilfe paart, so wird hoffentlich das deutsche Handwerk den goldenen Boden wieder finden, dessen Verlust es so tief beklagt.
Und in dieser Hoffnung schließen wir mit dem Wunsche: Es lebe, blühe und wachse das deutsche Handwerk, Gott segne das ehrbare Handwerk!
❖ Ein gemüthlicher Hauslvirth. (3
Nach Tische verfügte sich Karl wieder mit schwerem Herzen in das Bureau seines Prinzipals. Rosa nahm ihre Strickarbeit zur Hand und setzte sich ans Fenster, ein munteres Liedchen trällernd. Pausirte sie, bann beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem in Batavia weilenden Vetter ihres Vaters und sie fuhr fort, wie sie schon früher gethan, Luftschlösser auf Lustschlösser zu bauen und vertiefte sich so in dies heitere Phantasiespiel, daß sie am Ende zu dem Glauben gelangte, es könne gar nicht anders kommen, die Erbschaft von drüben müsse baldmöglichst eintreffen und aller Noth mit einem Schlage ein Ende machen.
Gelang es dem jungen Mädchen auch, ihrer Mutter ein Lächeln abzugewinnen, bei dem Vater wollte ihre frohe Laune nicht verfangen. Der alte Mann war es gewohnt, nach Tische ein kurzes Schläfchen zu halten und hatte sich in den beim Ofen stehenden Lehnstuhl gesHt und die Augen geschloffen. Aber Ruhe? Er fand sie nicht. Er seufzte wiederholt halblaut auf und fuhr mit der rechten Hand nach der Brust, als wenn er dort einen schweren Druck empfände. Und so war es in der That, wenn auch der Druck von keinem
Unwohlsein herrührte. Es lastete ihm etwas auf dem Herzen, was er seiner Familie, um sie nicht zu beunruhigen, bisher verschwiegen hatte.
Ein Jahr zuvor, als ihn die Miethenoth drängte, hatte er insgeheim bei einem alten Freunde eine Anleihe von zweihundert Thalern gemacht. Die Zinsen waren mäßig und die Termine so gestellt, daß er die Summe erst nach mehreren Jahren zurückzuzahlen brauchte, falls der Verleiher nicht zuvor mit dem Tode abgehen sollte.
Dieser Fall war aber vor drei Monaten eingetreten, und nun begehrten die Erden des alten Freundes eine schnelle Zurückzahlung. Schulze, der dieselbe nicht zu leisten vermochte, war bereits verklagt und verurtheilt, in drei Tagen gepfändet zu werden. Noch zwei Tage von dem heutigen an, dann würde der Pfandwagen mit dem Exekutor vor seiner Thüre erscheinen und ihm so viel ab» gepfändet werden, wie die Summe betrug. Umsonst war Schulze von einem Bekannten zum anderen geeilt, um Hilfe aufjutreiben; Überall war er mit leeren Worten abgespeist worden. Nur einer von seinen Freunden war noch übrig, von dem er möglicherweise Hülfe erwarten konnte, aber dieser befand sich auf einer Geschäftsreise und wurde frühestens erst am folgenden Tage zurückerwartet. ।
„Also morgen, morgen!" murmelte Schulze leise vor sich hin. „Schlägt dieser auch Gang fehl, dann stehe Gott mir bei, bann ist Alles bahin und mein Ruf als rechtschaffener Mann verloren. O, meine arme Frau, meine guten Kinder!"
Ruhelos, wie er war,' erhob er sich von seinem Sitze, um sich in den Laden zu begeben, wo indessen sein Faktotum, Christian Dreier, die spärlich erscheinenden Kunden bedient hatte. In demselben Moment, als der Vater die Stube verlassen wollte, sah Rosa von ihrer Arbeit auf. Seine kummervolle Miene bemerkend, flog sie auf ihn zu, schlang beide Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: „Hoffnung, Hoffnung!"
Aber diese Trostesworte vermochten die Angst des bedrängten Mannes nicht zu verscheuchen. Sanft machte er sich von seinem Kinde los und entgegnete:
„Hoffnung! Ich habe keine mehr, wenn nicht morgen — morgen —Was ihm noch auf der Zunge lag, er sprach es nicht aus. Mit gesenktem Haupte verließ er das Gemach.
Am nächsten Tage hatte die im Laden hängende Schwarzwälder Uhr eben die zehnte Stunde mit heiterem Tone angezeigt, als Herr Schulze den letzten sauren Gang antrat, von dem er noch Hülfe