Dienstag, den 21. Juli
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1885.
— mit der
der viele Leute beschäftigt, er wird davon ein Liedlein singen können. „Man muß die Feste feiern, rote sie fallen, man will doch auch leben." Gewiß, der Handwerker soll auch leben, aber es gehört noch lange nicht Alles zum Leben, was man als Lebensbedürfniß heute bezeichnet. Es ist ja nicht genug, daß die Groschen, welche in der Woche ehrlich verdient sind, beim nächsten Feste am Sonntage wieder verjubelt werden. Das ist schändlich! Es gibt ja so viele andere Bedürfnisse im Leben zu befriedigen. Das Geld wäre ja tausendmal beffer, als im „Verein", oder beim Feste und Vergnügen, angewandt für kräftige Nahrung, gute Kleidung, und zumal als Sparpfennig zur Grundlage für eine spätere selbstständige Existenz. Wie gut kommt dann der Groschen zu Statten, den man sich zurückgelegt und nicht in Gestalt von Wein, Bier und Branntwein den kurzen schnellen Weg der Kehle hinunterwandern lasten. Unser heutiges überhandnehmendes Vereins- Unwesen verschlingt auch oft mehr Geld, als Mancher verantworten kann, und es gibt leider Leute genug, die mehr in ihrem „Vereine" leben, als in ihrer Familie, und eifriger für diesen wirken, als für den Lebensberuf. Die schönen Zeiten sind aber vorbei, wo Einem die gebratenen Tauben von selbst in den Mund geflogen kamen, wo man nur den Teller zu wünschen brauchte, wenn die Wurst darauf liegen sollte. Wenn auch der Handwerker sein Fach versteht, so muß er sich doch frühzeitig an Fleiß, Einfachheit und Sparsamkeit gewöhnen, ohne diese Tugenden wird auch der geschickteste HaNdwrrLrr nicht auf einen gritrwn Zweig kommen.
auf den Tisch. Aber es war nichts weniger als mich nachlässig und unachtsam und drohte mir, auT öeJ‘ „ ™ _ ... . «n.L_____” men« nur noch einmal emen
ein lukullisches Mahl, das in der Wohnung Heinrich Schulze's, wegen seiner geduldigen, bescheidenen Gemüthsart von einigen alten Freunden „der sanfte Heinrich" genannt, aufgetragen wurde. Kartoffel und Heringe bildeten die ganze, dürftige Mahlzeit, die Alle mit traurigen Mienen versammelte, welche der Morgenbesuch des Herrn Kribbler allen Physiognomien aufgedrückt hatte. Mit dem Schlage Eins, der Mittagszeit bei Schulze, trat der Advokatenschreiber Karl in die Stube.
mich fortzuschicken, wenn ich mir noch einmal einen solchen Fehler zu Schulden kommen ließe. Aber' diese Drohung hätte ich geduldig ertragen, wäre nicht noch Schlimmeres hinterher gekommen."
„Noch Schlimmeres?" riefen die Anderen wie aus einem Munde.
„Ja, er hat mir von meinem Gnadenlohn, den er mir seit Jahren gibt, den vierten Theil ab*
Eine neue Bombe sollte platzen.
Der junge Mann war in heftiger Aufregung. Seine Züge zeigten eine an ihm ungewöhnliche Bläste und seine Augenbrauen waren im Zorn zusammengezogen.
„Um des Himmels willen, Karl, was rst Dir? rief Rosa. „Was ist Dir begegnet? Hast Du Streit gehabt?" u
„Streit, ja, man kann es wohl so nennen, erwiderte Karl mürrisch. „Es hat eine heftige Scene mit meinem Advokaten gegeben. Ich habe, Gott weiß, wie es zuging, heute Morgen beim Kopiren eines Aktenstückes einen unbedeutenden Schreibfehler gemacht. Als mein Prinzipal meme Kopie durchlas und denselben entdeckte, hieß er
Politik schafft. Diese apathische Willenlosigkeit gedrückter abhängiger Handwerker wird oft künstlich gefördert durch ihre Brodherren. Sie haben ja ihre klingenden Jntereffen an dem Zustande ihrer Arbeiter, und manche liberalen Blätter studen es vortheilhaft, diese Handwerker in ihren Verhältnissen zu erhalten. Da wird denn zu „freien" Handwerkerversammlungen aufgefordert, der Segen der Gewerbefreiheit in den glänzendsten Farben geschildert, die Jnnungsbewegung als höchst gefährlich für das freie Handwerk dargestellt. Auf diesem Boden aber basirt die heutige Bewegung nicht, solchen Prinzipien steht sie schroff gegenüber. Die Handwerkerbewegung ist zünftlerisch, und sie wird auch jene Handwerker immer zahlreicher mit sich ziehen, welche bisher nicht Muth und Willenskraft genug besaßen, sich ihr anzuschließen. Die Hand- werkersache wird immer mehr eine allgemeine und gemeinsame, daran werden weder Manchestermänner noch jüdische Kapitalisten, noch liberale Zeitungen etwas ändern können.
Wir haben in unseren früheren Ausführungen die Gründe und Ursachen beleuchtet, wodurch das deutsche Handwerk immer mehr in Verfall gerathen ist,wir haben ferner auch die Mittel und Wege kennen gelernt, durch die man zu einer Besserung zu gelangen hofft. Aber die bösen Einflüsse und Heilmittel waren meist äußere, und darin allein beruht weder die Quelle alles Unheils, noch aller Rettung. Wir sind ja so gerne geneigt, unsere eigene Schuld auf fremde Schultern zu wälzen, aber nicht fremde Bünden sind es allein, unter, denen wir leiden müsten, fasten wir auch einmal die eigenen Gebrechen des Handwerkerstandes frei in's Auge — die Erkenutniß der Fehler ist ja der erste Weg zur Besserung.
Der moderne Zeitgeist hat die Lebensverhältniste des Arbeiter- wie auch Handwerkerstandes vollständig umgestaltet. Die alte Einfachheit ist durch unsere verfeinerte Kultur und Aufklärung verloren gegangen, und der Hang zum Vergnügen an Stelle der Einfachheit getreten. Keine Freude darf heute mehr ungenoffen bleiben, kein Fest übergeschlagen werden, und mancher Geselle geräth schon in frühen Jahren in einen solchen Strudel von Vergnügungen, daß es ihm schwer wird, wenn nicht ganz unmöglich, später wieder zur Nüchternheit und Solidität zurückzukehren. Man frage nur einmal einen Meister,
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli.
* Der Maurerstrike ist im Abbröckeln begriffen, ohne daß die Forderungen der Strikenden prinzipiell zur Durchführung gelangt sind. In den letzten Tagen haben Maurer in weit größerer An- zahl als bisher die Arbeit zu Taglohnssätzen von 4 Mk. 50 Pfg. und 5 Mk. wieder ausgenommen. Das theilroeise Mißlingen des Strikes hat in den Kreisen der strikenden Maurer eine große Erbitte- rung hervorgerufen, welcher es zuzuschreiben ist, daß in den letzten Tagen mehrfach Streitigkeiten zwischen strikenden und arbeitenden Maurern vor
gezogen."
Die Mutter schlug seufzend die Hände zusammen.
„Heute ist ein wahrer Unglückstag!" rief sie. „In der Miethe aufgetrieben und nun noch Dein Verlust, mein guter Sohn!"
Die beiden Alten ließen traurig die Köpfe hängen und Karl starrte mit finsterem Blick vor sich hin.
Nur Rosa, von der Natur mit einem heiteren Temperament beschenkt, verlor ihre gute Laune nicht.
„Was hilft alles Klagen und Jammer?" rief sie. „Damit wird nichts geändert. Trotz Allem, was uns betroffen, verliere ich den Muth nicht und blicke hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich werde noch fleißiger arbeiten, als bisher und so wird der liebe Gott uns nicht verlassen. Sagt doch auch das trostreiche Sprichwort: „Wo die Noth am größten, ist die Hülfe am nächsten!"
A Zur Handwerkerfrage.
VI.
In Köln hatte der E t a g e n-M öbel-Schwindel allgemach solche Dimensionen angenommen, daß die Schreinermeister der Stadt zusammentraten und sich sagten, „das kann so nicht weiter gehen, wenn wir nicht alle ruinirt werden wollen". Bald war es ein „Beamter", bald ein „höherer Offizier", der „versetzungshalber", oder „wegen Sterbefalls" seine Möbel verkaufen mußte, die auf einer näher bezeichneten Etage anzusehen waren. Alle Möbel waren aber in Wirklichkeit in der Fabrik mit Dampf hergestellt oder einem armen Schreinermeister für einige Armsündergroschen in Auftrag gegeben unb nur „für das Ange" gemacht. Die Schreiner- meister gründeten nun einen „Verein gegen ©tagen« Möbelschwindel", deckten ganz schonungslos jeden einzelnen Fall auf und warnten das Publikum, und sie fanden bei der Polizei anerkennensroerthe Unterstützung. Diese Selbsthilfe hat einen wunderbaren Erfolg gehabt. Die Schwindler fühlten das Terrain nicht mehr geheuer, und mit dem Möbel- Schwindel hat es aufgehört.
Diese Ausbeutung des Handwerkers durch schmutzige Spekulation und gewissenlose Großhändler, welche aus der Noth des fleißigen braven Handwerkers „Kapital" zu schlagen und seinen Schweiß in Goldstücke umzusetzen wissen, befördert nicht nur das materielle Elend des Handwerkerstandes, sondern zieht auch eine moralische Versumpfung desselben nach fich-
Der Handwerker, welcher von Bazaren, Lagern, Konfektionsgeschäften lebt und nur auf einen Hungerlohn angewiesen ist, wird bald an seiner Lage verzweifeln, die Achtung vor der Ehrbarkeit feines Standes ganz verlieren und sich nicht mehr zur Selbstständigkeit im Handeln und Denken empor- arbeiten können. Andere gehen, der „freien" Arbeit überdrüssig, und helfen das Fabrik-Proletariat vermehren, wo der Handwerker nur noch als willenloser Handlanger der Maschine und vielfach auch als gefügiges Werkzeug seines Brodherrn bei den Wahlen zu fungiren hat. Sie fühlen in ihrer Abhängigkeit und Noth gar nicht mehr die Kraft, sich der Bewegung freier Handwerker, welche nach ihrer Meinung ja doch nutzlos für sie ist, anzu- schließen; aber daraus folgt noch nicht, daß sie jene nicht billigen, ebenso wenig, als die Nichtwähler mit allen Dingen zufrieden fein dürften, welche die
Ein gemnthlicher Hauswirth. (2
Dieser Herr Kribbler, das Urbild eines hartherzigen Hauswirthes, hatte den armen Gewürz- Erämer Schulze von je zu je fünf Jahren in der Haus- und Ladenmiethe gesteigert, so daß Letzterer nach dreißig Jahren das Vierfache wie beim Einzug in diese Wohnung bezahlen mußte. Dadurch waren die Sorgen des sechzigjährigen Mannes ins Ungeheuerliche gewachsen. Freilich hätte er die ärmliche Wohnung verlassen können und mancher Nachbar hatte ihm gerathen, sich der Zwangsjacke Kribbler's zu entziehen. Das war leicht gesagt, aber schwer gethan. Diese Wohnung zu verlassen und sich anderswo neue Kundschaft zu sammeln, das war ein Unternehmen, dem der alte Mann sich nicht mehr gewachsen fühlte. So mußte er sich denn wohl oder Übel auch diesen Mai eine neue Steigerung gefallen lassen.
An einem der schönsten Frühlingstage hatte Kribbler seinem armen Miether die neue Erhöhung der Miethe in den Morgenstunden angekündigt und dieser hatte mit schwerem Herzen sich darauf eingelassen. , , ~ r
Einige Stunden später brachte Frau Schulze mit Hülfe ihrer getreuen Dörthe das Mittagessen