1885.
Montag, den 20. Juli
Fuldm
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A Zur Handwerkerfrage, v.
Mit Recht hat der Berliner JnnungStag über dieGefänqniß arbeit, Militärwerkstätten und das Hausirwesen Klage geführt. Wir kennen Geschäfte, welche Handwerkserzeugniffe zu einem so billigen Preise in einem Gefängnisse angefertigt erhalten, daß der freie Handwerker nicht daran denken könnte, zu solchen Löhnen in Konkurrenz zu treten. Es gilt ja, die Gefangenen zu beschäftigen, aber eS geschieht auf Kosten und zum Nachtheile des freien Handwerks. Auch die Militärwerkstätten entziehen dem Handwerkerstande, welcher das B.kleidungSgeschäft betreibt, ein großes Stück Arbeit. Beim Hausirunwesen endlich tritt das „billig und schlecht" in nackter Gestalt hervor und die Klage der Handwerker über diese unliebsame Konkurrenz kann nur eine durchaus berechtigte genannt werden. Hier ist es Sache der Behörde oder des Staates, so viel es angeht, Abhilfe zu schafen. Wir geben zu, daß es mit Schwierigkeiten verknüpft ist, den Handwerkern völlig Rechnung zu tragen und ste von jener Konkurrenz gänzlich zu befreien. Aber eine Beschränkung derselben halten wir für ausführbar und im Jntereffe eines gesunden deutschen Handwerks geboten.
Auch das öffentliche Submissionswesen hat seine große Schattenseiten, nicht nur für die Großindustrie, sondern auch für das Handwerk. Wer den n i e d r i g st en Preis stellt, erhält in den meisten Fällen den Zuschlag, uhb oke Konstqumzrn, die daraus erfolgen, können nur verderblich auf Industrie und Handwerk wirken. Es ist bekannt, daß ein Eisenbahn-Minister für fast 7 Millionen Eisenbahnwaggons im Ausland, in Dänemarck, bestellte, weil stch die dänische Offerte günstiger, als die deutschen stellte. Dieses Kapital wurde also der deutschen Industrie entzogen, zu einer Zeit, wo die Konjunktur eine durchaus ungünstige und das Bedürf- niß nach Arbeit ein tiefgefühltes war. Es ist ferner Thatsache, daß eine Eisenbahn-Direktion bei einer Kohlen-Submission die Offerten sämmtlicher sub- mittirender Zechen anullirte, weil sie unter der Hand billiger anzukommen glaubte. Solche Fälle sind uns in der Großindustrie bekannt und bei Verdingung von Handwerksarbeiten Seitens der Behörden scheinen solche Eventualitäten eben nicht ausgeschloffen. Sollen denn die öffentlichen Sub-
❖ Ein gemüthlicher Hauswirth. (1
(Nachdruck verboten.)
In einer Mittelstadt Deutschlands befand sich um die Mitte dieses Jahrhunderts in einer engen abgelegenen Straße ein kleiner, unscheinbarer Gewürzladen, deffen Inhaber den Allerweltsnamen Schulze trug.
Das kleine, schmale, einstöckige Haus, im alten Stil gebaut, enthielt außer dem Laden mehrere ziemlich dunkle Zimmer und eine von der Zeit und vom Rauch geschwärzte Küche, außerdem ein paar Bodenkammern und einige sonst für die Wirthschaft nöthige Räumlichkeiten.
In dieser in jeder Beziehung ärmlichen Wohnung hauste Herr Schulze, der in der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, vor wenigen Wochen sein sechszigstes Jahr erreicht hatte, schon seit dreißig Jahren.
Nikolaus Heinrich Schulze war der Sohn armer Ettern und hatte sein ganzes Leben lang zu kämpfen gehabt, um nicht dem traurigen Loose zu erliegen, wozu das Schicksal ihn einmal aus- ersehen hatte.
Erst Lehrling bei einem Gewürzkrämer seines Wohnortes, dann ein schlecht besoldeter Kommis,
Missionen denn nur dazu da sein, die Preise zu drücken? In einigen Zweigen der Großindustrie haben sich Konventionen gebildet, welche das zu vergebende Quantum theilen und die abzugebenden Preise bestimmen. Auch für das Handwerk wäre eine Einigung der verwandten Erwerbszweige dringend zu wünschen, um dem Verderbniß des billigsten Angebotes energisch zu begegnen. Die Offerte soll die bMgste sein, die Arbeitsleistung aber allen Bedingungen an Güte völlig entsprechen — und das ist in den meisten Fällen nicht möglich. Würde bei einer Reform des SubmissionSwesens, die aber noch gute Weile hat, die billigste Offerte unter allen Umständen ausgeschlossen, so würde jenes viel von seinem bedenklichen Charakter verlieren. Wir sind der Ansicht, daß hier auch die vom Jnnungstage geforderten Handwerker- Kammern und das Reichsinnungsamt gerade berufen seien, bei größeren Verdingungen die Preisfrage zu regeln, das Arbeitsquantum bestimmten Fachverbänden der Innungen zuzuweisen und so das Handwerk vor Schädigung durch ruinirenbe Submissionen zu schützen.
Was das ehrliche Handwerk weiter benachtheiligt, das ist die Magazinwirthschaft und das Lagerunwesen. Das Kapital weiß sich das Handwerk dienstbar zu machen und aus seiner gedrückten Lage Vortheil zu ziehen. Tausende Handwerker arbeiten auf das Lager ober für bas Magazin bes großen Hänblers unb zwar für Hungerlöhne. Zumal die Bekleidungsindustrie weiß b4c Poth beü ftrtren .^Lvbwe'-ksrS.jn eiper geradezu empörenden Weise äuszudeütesi. Das' ,DtRE Vaterland' brachte vor längerer Zeit eine Zusammenstellung der Arbeitslöhne, welche für einzelne Bekleidungsstücke gezahlt werden, und man muß gestehen, daß selbst der angestrengteste Fleiß nicht ausreicht, den Arbeiter vor dem Hunger zu schützen. Wie in Oesterreich, so liegen aber auch die Ver- hältniffe bei uns. Die Kaufleute einer Großstadt beschäftigen viele fleißige Hände, und sie werden reich durch die Roth jener, welche gezwungen sind, um jeden Preis Arbeit zu suchen. Thut es der Eine nicht, so thut es der Andere, denn Roth kennt kein Gebot. Auf Solidität darf solche Magazinwaare allerdings keinen Anspruch machen. Kann man dem Handwerker zumuthen, daß er für den erbärmlichen Arbeitslohn alle Sorgfalt auf seine Arbeit verwenden soll? Er arbeitet ja nur
> batte er es doch gewagt, in seinem dreißigsten Jahre ein eigenes Geschäft in dieser engen Straße zu etabliren. Der Hauptsporn zu diesem Wagniß war die Liebe zu einem jungen, hübschen Bürger- Mädchen gewesen, die ihm aber Nichts als ihre eigene Armuth mit ins Haus gebracht hatte und in einer überaus glücklichen Ehe zwei Kinder schenkte, welche der Blutter sehr ähnlich sahen und folglich ebenso hübsch wie sie waren.
Diese Kinder hießen Karl unb Rosa.
Karl zählte jetzt vierundzwanzig, Rosa achtzehn Jahre.
Der junge Mann, der nur eine sehr gewöhnliche Schulbildung genoffen, woran die dürftige Lage seiner Eltern Schuld, war seit vier Jahren in dem Bureau eines Advokaten als Schreiber angestellt, hatte angestrengt zu arbeiten unb erhielt nur geringfügigen Lohn dafür.
Rosa suchte durch Näh- und Stickarbeit ihren Theil zum Haushalt beizutragen.
Außer diesen Personen befanden sich bei Schulze noch ein ältliches Dienstmädchen, Dorthe, und ein fünfzigjähriger Hausknecht, das Faktotum Christian Dreier. Beide dienten schon durch zwanzig Jahre bei Herrn und Frau Sophie Schulze und obgleich sie nur spärlich besoldet wurden, so fühlten sie sich
auf Stück-Lohn, will er nicht verhungem, so muß er viel schaffen, und die Qualität leidet unter der Quantität. Das solide Handwerksgeschäft aber muß hinter den Magazinen mit ihren „Spottpreisen" zurückstehen. Mit guten Maaren können sie ja nicht gegen den Schund konkurriren, der leider noch immer von Gimpeln und Dummen, die ja nie „alle" werden, Abnahme findet.
Kapitalistisch organifirt find also die Magazine den Handwerksprodukten vom liebet unb saugen außer der Schädigung des kleinen Waarengrschäftes auch das Handwerk aus. Wie aber im Mittel- alter die Ordnung der Arbeit, der Produktion, des Absatzes, sowie auch der Vertheilung des Produktes zwischen Kapital und Arbeit festgestellt war, so können wir einer solchen auch heute nicht auf die Dauer entbehren, und den Innungen ist es wiederum vorbehalten, diese Aufgabe zu lösen, und den soliden Handwerkerstand vor dem Ruin durch die Magazinwirthschaft und die Schwindelgeschäfte zu bewahren.
Als solche betrachten wir auch die Wanderlager, die Schmarotzerpflanzen an gesunden Bäumen. „Heute hier, morgen dort" , brauchen sie auf guten Ruf und dauernde Kundschaft nicht zu reflektiren. Sie locken durch die haarsträubenden Versprechungen und Plakate, durch Scheinkäufer und Statisten die Menge an, drängen den Leuten für gutes Geld schlechte Maaren auf, brechen bann bei Nacht und Nebel wie die Zigeuner ihr Lager auf, und: „fort ziehen die Gestalten, wer sagt dir, wohin?"
Di« Innung^ mWen. in ihrer -Wen, strammen Organisation hier wieder einschrerieü ttnb liefe Pestbeulen am deutschen Handwerk mit Energie ausschneiden. Einigkeit unb Energie überwinden ja oft die größten Schwierigkeiten.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli.
* Die ,Germ.' erhält ans Paderborn die amtliche Mittheilung, daß der hochwürdigste Herr Bischof von Paderborn sein Generalvikariat beauftragt hat, den Februar-Erlaß, die Studienordnung der Theologen betreffend, aufzuheben. Dem entsprechend ist den Dechanten mitgetheilt, daß der Erlaß zurückgezogen sei. Damit sind sowohl die Thatsachen wie die Insinuationen, welche die
doch wohl in dieser Familie, in der sie als treue Hausgenossen geschätzt wurden.
In seinen ersten Geschäftsjahren war es dem Krämer Schulze leidlich ergangen. Aber ein unangenehmer Wechsel war gar zu bald eingetreten.
Drei Jahre, nachdem Schulze das Haus bezogen, war der bisherige Besitzer gestorben und das Haus durch Verkauf in andere Hände übergegangen. Leider waren es aber schmutzig geizige Hände, welche die Armverlängerungen eines alten Privatiers Namens Kribbler bildeten, der verschiedene Häuser in dieser Stadt besaß und allgemein als ein Wucherer bekannt war und seinen schlechten Ruf in jeder Beziehung verdiente. (Forts, f.)
Das Eisenacher Oberland.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Die Holzschnitzerei wird in einem ganz beschränkten Gebiete, nicht „in sechs bis acht Dörfern zu beiden Seiten der Feldabahn von Dermbach abwärts", sondern nur auf der westlichen Seite der Feldabahn und in nen- nenswerther Weise nur in Dermbach und dem aufwärts gelegenen Empfertshausen betrieben. Nach den statistischen Ermittelungen zur Hausindustrie im Jahre 1882 waren überhaupt nur 105 Haushaltungen, darunter 40 in Dermbach und 52 in Empfertshausen, daran betheiligt. Verfasser