JW 161
Sonnabend, den 18. Juli
1885.
Fuldaer
Beim Recherchiren findet sich das betreffende Blatt auf dem Boden, natürlich ist es durch ein Versehen dahin gekommen, bei Leibe nicht während des Spielens, das nützt aber dem unglücklichen Spieler nichts, denn sein schönes Grand oder Solo ist nun doch ungültig. Der Skatfuchs ist natürlich ein Meister in feiner Kunst, er entwickelt nebenbei im Kartengeben eine wahre Virtuosität, kennt jede Karte, die heraus ist, und verzählt sich nie; spielt er ein Spiel, das für ihn eine mißliche Wendung nimmt, so überfällt ihn manchmal Farbenblindheit, so daß er verkehrt zugibt, worauf er sich den Mitspielern gegenüber entschuldigt, daß er seine Brille vergeffen habe. In der Regel ist der Skatfuchs von verbindlichen Formen, kann aber ungeheuer grob werden, wenn man den leisesten Zweifel in feine Spielehrlichkeit setzt. Findet sich übrigens der dritte Mann nicht gleich, so läßt sich der Skatfuchs auch zu einer Partie Sechsundsechzig herab.
Eine recht unangenehme Race ist der Politikesel. Er lebt und webt in rebus politicis und fahndet in der Kneipe nur auf Jemand, mit dem er politische Diskussion führen kann. Du sitzest ganz ruhig und nichts Böses ahnend bei einem Glase Bier, da gesellt sich plötzlich der Politikesel zu Dir und beginnt ohne weitere Ceremonien Dir
der Zukunft. Selten ist eine Einrichtung von vornherein fehlerlos und völlig probat; zeigen sich Mängel, so wird schon die bessernde Hand nicht fehlen, um Auswüchse zu beseitigen und Licht und Schatten auszugleichen. Auch das R e i ch s i n n u n g s- amt, wie es die Jnnungsmeister in Berlin mit großer Majorität als nöthig erkannten, dürfte ja doch nur die nothwendige Folge der obligatorischen Innungen sein. Eine oberste Behörde, eine Central-Instanz, welche alle Fäden in einer Hand vereinigt, kann unserer Meinung nach für die Ge- sammtheit der Innungen kaum entbehrt werden. Durch diese Einrichtungen würde das Handwerk mit seinen Innungen einen festen Schluß und eine sichere Vertretung seiner Jntereffen erlangen. Alles Neue sieht sich ja anfangs fremdartig und ungewohnt an, aber man möge erst reiflich erwägen und die Vorschläge prüfen, ehe man sie, wie die liberale Pceffe, zum Theil abfällig beurtheilt oder mit ironischem Lächeln kurz von der Hand weist.
einen großen Vortrag zu halten, der an die schwebenden politischen Tagesfragen anschließt und sich schließlich über das gesammte Gebiet der inneren und auswärtigen Politik mit Einschluß der wirth- schaftlichen und kolonialen Fragen erstreckt. Ein Protest gegen diese Redekunst nützt nichts und wenn Du nicht unliebenswürdig sein und Dich mit Deinem Glase Bier ostentativ wegsetzen willst, so mußt Du eben ausharren und den Redestrom des Politikesels über Dich ergehen laffen. Derselbe hält sich in seinem Genre für unfehlbar und wenn Du es wagst, feinen Anschauungen, die sich meist in sehr engen Grenzen bewegen, zu opponiren, so weist er Dich mit einer Ueberlegenheit in die Schranken zurück, die fast den Glauben aufkommen läßt, als sei der Politikesel in alle Geheimnisse der europäischen Diplomatie eingeweiht und sei mindestens ein Vertrauensmann des Reichskanzlers. Im Gegensatz zu dem Zeitungsmarder läßt sich die politische Farbe des Politikesels nach seinen Tiraden leicht bestimmen; gewöhnlich gehört er der Mode-Richtung an. Er hat stets etwas Unruhiges und Hastiges an sich, denn beständig geht er darauf aus, seine politische Weisheit an den Mann zu bringen und kaum hat er ein Opfer aus den Klauen gelaffen, so sucht er sich ein neues aus.
A Zur Handwerkerfrage.
IV. »
Von der Ausbildung des Lehrers, der Tüchtigkeit der Gesellen, hängt das Blühen und Gedeihen des ganzen Handwerks wesentlich ab, und es liegt daß der Handwerkerstand diese wichtige Frage in erster Linie ins Auge gefaßt hat. Man hält es für nöthig, daß nur Jnnungsmeistern unter gewiffen Beschränkungen das Recht des Lehrlingshaltens eingeräumt wird. Aber auch diese Bestrebung stößt auf Schwierigkeiten, die nicht gering zu schätzen, aber zu überwinden sind. Es bleibt nachzuweisen, daß sich die Innung im Lehrlingswesen auch bewährt und sich bewähren kann. Dazu gehören aber auch genaue Vorschriften über den Bildungsgang des jungen Mannes und die Kontrolle darüber, was den Meistern Aufwand an Zeit und Geld verursachen und sie veranlassen könnte, aus der Innung auszutreten. Haben aber die Jnnungsmeister das alleinige Recht auf Lehrlinge, so ist auch nach der Ansicht des Sozialpolitikers Dr. Hitze die Innung in der Lage, die Gesellen- und Meisterprüfung erfolgreich durchzuführen und obligatorisch zu machen.
Das Handwerk wird trotz Dampf und aller Technik nie entbehrt werden können, und der Handwerker, welcher etwas Ordentliches gelernt hat, findet auch heute noch immer sein Brod. Aber die Lehrzeit wird vielfach verpfuscht, eine gute Ausbildung bei einem tüchtigen Meister überhaupt nicht erlangt. „Leute gibt es genug", gört man oft äußern, und wenn man Jemanden sucht, wird man'überlaufen; aber Leute, die ihre Arbeit verstehen, auf die man sich verlaffen kann, sind rar, und man zahlt ihnen gern einen hohen Lohn. Dieses Stümperthu m nagt mit giftigem Zahn am Handwerke, und führt es zum Ruin, und dem Jnnungswesen ist es vorbehalten, dem Keime des Uebels beizukommen.
Trotzdem können solche Leute, die nichts Rechtes leisten, bei unseren heutigen gewerblichen und sozialen Verhältniffen doch treiben, was sie wollen. Jeder kann sich in's Handwerk drängen, wie die Tauben in einen fremdem Taubenschlag, und was bei Kunst und Wiffenschaft zum Lebensberufe erforderlich ist, der Nachweis der Befähigung, das gilt beim Handwerke als überflüssig. Wer auf den Amboß schlagen kann, ist Schmied, wer ein Thürschloß befestigen kann, Schlaffer, und wer ein
Wirthshaus-Typen.
(Schluß.)
Letzteres gilt auch mitunter vorn Skatfuchs, der immer und ewig bemüht ist, einen Skat zusammen zu bringen, sei es, um seine Leidenschaft für das edle Spiel zu fröhnen, sei es, um Unerfahrene zu rupfen und sich hierdurch täglich ein paar Mark zu verdienen. Diese Art der Skat- füchse ist natürlich die geriebenere, häufig gehen sie zu Zweien auf ihre Raubzüge aus und kennen einander in der Kneipe gewöhnlich nicht, d. h. sie thun fo, um oesto besser die Gimpel auf ihren Leim zu locken. Haben sie den dritten Mann ge- fnnden, so kann der sich sicher darauf verlaffen, daß er nie die vier Wenzel bekommt, wenn er sie sich nicht einmal selbst giebt; aber selbst wenn der Unglückliche das schönste Grand in Händen hat, so kommt es vor, daß er es verliert, da sich seine beiden Partner ganz genau verstehen. Scheint es aber unmöglich, den Gimpel durch allerhand Kniffe, in der Terminologie des Skatspiels „Mogeln" genannt, ein Spiel abzunehmen, so hat dann der eine von seinen Gegnern am Ende des betreffenden Spieles nur noch eine Karte, während die beiden anderen Spieler deren noch zwei haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Juli.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht das Lehrerpensionsgesetz.
* Kaum steht es fest, daß Bischof Krernentz von Ermeland zum Erzbischof von Köln ernannt ist, so beschäftigt man sich schon mit dem Nachfolger des Kirchenfürsten auf den ermländischen Bischofsstuhl. Ein elsässisches Blatt theilt nämlich unter dem nöthigen'Vorbeyalt mit, daß Herr Oberschul- rath Berlage in Straßburg zum Nachfolger des hochw. Hrn. Krernentz ausersehen sei. Wir möchten den „nöthigen Vorbehalt" stark betonen, bemerkt hierzu die .Köln. Vztg.', denn uns ist bereits ein anderer Priester als „ausersehen" bezeichnet worden, und diese beiden Herren werden schwerlich die einzigen bleiben.
* Im großen Saale des Piusbaues zu Köln waren gestern Nachmittag aus fast allen Dekanaten der Erzdiözese Delegirte versammelt, um zu be- rathen, was anläßlich der Abberufung des hoch- würdigsten Herrn Erzbischofs Paulus Melchers, und wegen deffen Erhebung zur Kardinalswürde zu geschehen habe. Aus den einzelnen Reden gab sich neuerdings die echt katholische treukirchliche Gesinnung der Katholiken der Erzdiözese, sowie deren unerschütterliche Anhänglichkeit an ihren hoch-
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Brett fein durchzusägen versteht, fühlt sich als Schreiner, und daß er dann auch gleich den Titel „Meister" annimmt, versteht sich von selbst. Allerlei Existenzen, bankerotte Kaufleute, heruntergekommene „Künstler" aller Art, verunglückte „Studiosen", kurz alle sinden im Handwerke noch eine Noththüre offen, durch die sie laufen können; gelingt es, gut! wenn nicht, so ist doch nicht viel zu verlieren. Das Handwerk ist ja der Tummelplatz für Alle, das Versuchsfeld, auf welchem Jeder nach Belieben hernmexperimentiren kann. Diesem Treiben soll nun durch den geforderten Befähigungsnachweis ein Riegel vorgeschoben werden werden. Der Antrag Ackermann im Reichstage hat ihn angestrebt, und der Berliner Jnnungstag sich dem Anträge angeschloffen, nur mit dem Unterschiede, daß die Arten der Gewerbe, bei denen der Nachweis erforderlich ist, durch Gesetz festgestellt und nicht der diskretionären Gewalt der Behörde überlaffen bleiben sollen.
Damit wird auch dem leichtsinnigen Annehmen von Leuten, die nichts gelernt haben, Einhalt gethan, und das verderbliche Umherlaufen der Gehilfen von einem Meister zürn andern wird etwas abnehmen. Der Meister frage die Gesellen vor der Annahme nach ihrem Fähig- keitsatteste, er erkundige sich nach Charakter und Moral, dann wird ein sittlicher Geist in's Hand- werk einziehen.
Aber wer soll die Fähigkeit der Handwerker- Gesellen prüfen er.b em Z-ugniß ausstellen? Der Bürgermeister, die Ortäbehörde? Zweck hat das Attest doch nur, wenn Fach gen o s z en die Kennt- niffe geprüft und konstatirt haben. Diese Frage ist noch eine offene und das „wie" nicht recht klar. Und wo findet der Handwerkerstand Schutz und festen Halt in allen Bedürfnissen und Jntereffen, welche sein Gewerbe berühren? Diese Frage ist auf dem Berliner Jnnungstage lebhaft diskntirt und eine Klärung darüber erzielt worden. Der Handel findet seine Interessen gewahrt in den Handelskammern, die sich als recht segensreich erweisen. Sollte das Handwerk nicht aus ähnlichem Institute Vortheil ziehen? „Aber die Hand- werkerkammern sind zu einseitig, sie gerathen mit den Gewerbekammern und Handelskammern in Kollision, suchen sich zu befehden und gegenseitig zu drücken" — so wurden von liberaler Seite Bedenken geäußert. Doch man überlaste das ruhig