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M 160. Freitag, den 17. Juli 1885.

Die »Fuldaer Rettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementspreis ohne Bringerlohn uno Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Ml. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

A Zur Handwerkerfrage, in.

Von Einfluß auf die Verschlechterung des Hand­werks waren ferner die ganze Entwicklung unserer Kulturverhältnisie in den letzten Dezennien, das Börsen- und Bankwesen, Wechselreiterei und Kredit- unwefen, zumal die Freizügigkeit und Ge- werbefreiheit, der Gründungsschwindel mit seinen krankhaften Erscheinungen, der aus dem Kordon der „oberen Zehntausend" heraustrat, Bauer und Handwerker ansteckte und Tausende ruinirte. Je mehr die „Aufklärung" des 19. Jahrhunderts ihr Licht verbreitete, um so rascher schwand die alte Einfachheit und Genügsamkeit und wuchsen die Ansprüche an das Leben, Genuß­sucht, Luxus und Größenwahn; auch der Druck der religiösen und kirchenpolitischen Verhältnisie, welcher Unzufri.denheit und Mißmuth in allen Herzen trug, konnte einem blühenden Handel und Gewerbe, einem fröhlichen rüstigen Schaffen nicht gerade förderlich sein.

Alle diese Faktoren haben zusammengewirkt, um die alte goldene Blüthe des deutschen Hand­werks verwelken zu laffen. Aber die Verhältnisie liegen nun einmal so und man muß mit ihnen rechnen, die Welt läßt sich nun einmal nicht um 50 oder 100 Jahre zurückschrauben.

Aber die Erkenntniß, daß es nicht so weiter gehen kann, daß etwas geschehen muß, um den stetigen Rückschritt des Handwerks aufzuhalten und wieder gesundere Ve-häitniffe anzubahnen, hat sich überall Bahn gebrochen. Die Abstellung vieler Schäden, die wir oben skizzirt haben, liegt in der Hand und dem guten Willen des Handwerkers selbst, manche Gebrechen des Handwerkers erfordern aber auch die helfende Hand Anderer, die Mitwir­kung der Gesellschaft und des Staates. Selbst­hilfe und Staatshilfe muffen vereint wirken und Hand in Hand gehen, wenn eine dauernde Ge­sundung erzielt werden soll. An geeigneter Stelle verkennt man ja die bedrohte Lage des Hand­werkers nicht.

Das Prinzip des Manchesterthums, der „freien Konkurrenz" , des „Kampfes Aller gegen Alle", des „billig und schlecht", findet nur noch wenige fanatische Anhänger, und die Gesetzgebung von 1879 brach mit diesem Prinzipe, Dank dem energischen Bestreben des Centrums. Der nationalen Arbeit wurde der nöthige Schutz zu Theil, und

Wirthshaus-Typen.

Unter den Besuchern unseres Restaurants, namentlich der größeren Städte, stoßen dem auf­merksamen Beobachter gewiffe typische Erscheinungen auf, denen man immer wieder begegnet, wenn­gleich es natürlich in vielen Fällen nicht dieselben Individuen sind. Wir meinen nicht die wandern­den Hausirer, Bretzelfrauen, Kolporteure und wie alle jene „fliegenden Geschäftsleute" heißen, welche in den Kaffees und Restaurants tagtäglich aus- und eingehen und ihre Waare an den Mann zu bringen suchen, sondern wirkliche Gäste, die gewiffe Eigenthümlichkeiten an sich haben, durch welche sie sich von den anderen Gästen zu unterscheiden pflegen. Greifen wir zunächst eine der weitver­breitetsten und am häufigsten auftretenden dieser Figuren heraus — den Zeitungsmarder. Derselbe ist in allen Restaurants, wo eine größere Anzahl Zeitungen ausliegt, besonders aber in Kaffees, anzutreffen, und daran leicht kenntlich, daß er stets in einem wahren Berg von Zeitungen be­graben dasitzt. Während er ein Journal liest, liegen unter demselben noch zwei oder mehr andere, unter dem Arm hält er ein viertes geklemmt, ein fünftes liegt über feinem Schooß und auf einem sechsten sitzt er womöglich.

eine frischere frohere Thätigkeit entfaltete sich in Fabrik und Werkstätte. Und in den letzten Jahren wandte sich Staat und Volksvertretung auch der Hilfe des darniederliegenden Handwerks zu, und ein Anlauf zur Besserung der Lage ist ja gemacht worden.

Aber was wir vermissen, das sind einschneidende Reformen, welche das Nebel an der W u r z e l er« fassen und jene Krebsschäden am Handwerke zu beseitigen suchen, welche die Handwerker selbst — die berufensten Vertreter ihrer Jntereffen und die besten Kenner ihrer eigenen Lage, — als die Quelle ihrer Leiden ansehen und beklagen. Man glaubt mit kleinlichen gesetzlichen Maßnahmen genug zu thun, und die liberale Prefle hat bei der Besprechung des Berliner Jnnungstages gezeigt, wie wenig sich die liberalen Manchesterleute und Offiziösen noch auf den Boden der Forderungen stellen können, welche die Handwerker auf dem Berliner Jnnungstage so klar und bündig zum Ausdruck gebracht haben. Man verargt es den Handwerkern gewaltig, daß sie nicht ruhig auf die Hilfe „von oben", vom Staate, warten, sondern den Faden zur Lösung der Handwerkerfrage selbst in die Hand nehmen und zur Selbsthilfe schreiten wollen.

Was zu thun bleibt, um das Handwerk vor dem völligen Ruin zu bewahren, das haben die Jnnungsmeister in Berlin deutlich gezeigt. Sie hoffen in der Bildung von obligatorischen Innungen den goldenen Boden des Handwerks wieder zu finden, welcher ihm durch die Errungenschaften der Neuzeit und den modernen Zeitgeist verloren ge­gangen ist. Die Handwerker wollen durch den Befähigungsnachweis das Pfuscherthum beseitigen und dem Wissen und Können Achtung verschaffen, sie wollen die hochwichtige Lehrlingsfrage ge­regelt und durch eine eigene fachmännische Behörde ihre Jntereffen gewahrt und vertreten sehen, sie suchen Schutz vor dem Haufirunwefen, dem schäd­lichen Einfluß der Militär- und Gefängnißarbeiten. Der Staat wird sich einer eingehenden Prüfung und Beachtung der Wünsche des Handwerkerstandes nicht entziehen können, und es ist seine Pflicht, nach seinen besten Kräften für diesen viele Millionen zählenden Mittelstand einzutreten, und helfend einzu- greisen. Die Handwerkerbewegung ist keine bloß momentane ober sporadische, sie entspringt aus dem Zwange der Verhältnisie, dem Kampfe um's Dasein,

Der Zeitungsmarder raubt Alles, was ihm unter die Hände kommt. Alles rafft er zusammen und schleppt die Beute dann nach seinem Platz. Er ist im Allgemeinen ein ziemlich unsympathischer und griesgrämiger Geselle, der nur mit Wider­streben etwas von seiner Beute herausgibt, ja seine Unverfrorenheit geht manchmal so weit, daß er, falls zwei Exemplare von einer Zeitung vor­handen sind, alle beide mit Beschlag belegt. Die politische Richtung des Zeitungsmarders auf Grund seiner Lektüre zu bestimmen, ist ein Ding der Un­möglichkeit. Bei Wirth und Kellnern ist der Zeitungsmarder gerade nicht sehr beliebt, da er, in seine Lektüre vertieft, bei einer Taffe Kaffee oder einem Glas Bier stundenlang zubringen kann, auch hinsichtlich des Trinkgeldes sich gewöhnlich etwas zäh erweist.

Ganz anders in seinen Manieren, als der Zei­tungsmarder, dabei aber in feiner Art nicht minder gefährlich, ist der Billardtiger. Man sieht ihn fast immer mit dem Queue in der Hand und findet er nicht gleich einen Partner, so vertreibt er sich einstweilen die Zest durch Kunststöße auf dem Billard. Stets befindet er sich auf der Sauer nach Jemand, den er auf dem grünen Tuche „bin» einlegen" kann und schon nach den ersten Stößen

und ist bereits zu einer mächtig fluchenden ange­wachsen, die nicht mehr ignorirt werden kann — trotz aller Bemühungen und der Ableugnung der liberalen Preffe.

Das deutsche Handwerk leidet schwer unter den modernen Lebens- und Kulturverhältniffen, es ist tief gebeugt, aber nicht geknickt. Es spürt noch Lebensfähigkeit und die Kraft in sich, sich wieder aufzurichten. Tritt nicht seit einigen Jahren ein frischerer Zug, ein neuer Geist im Handwerkerstand hervor? Das Handwerk will sich zum neuen Leben und Blühen emporraffen, das zeigt die ganze Be­wegung, das Zusammenschaaren und Zusammen­halten der Handwerker, welche gleiche Jntereffen verfolgen: Einigkeit macht stark. Auch industrielle Werke, welche unter der Ungunst der Konjunktur zu leiden haben, treten zusammen und suchen sich vor dem Ruin durch Konventionen und Kartelle zu schützen, und warum sollte eine solch enge Ver­bindung gleicher Gewerbe und Handwerke durch die Innung nicht gleich gute Erfolge erzielen? Ist eine solche Innung obligatorisch für den ganzen Handwerkerstand, so wäre damit auch der Boden gefunden, auf dem sich die ganze Organisation auf­bauen und durchführen ließe. Auf das mittel­alterliche Zunftwesen mit Zopf und Formenkram braucht dabei ja nicht zurückgegriffen zu werden. Freilich werden sich noch viele und große Schwierig­keiten geltend machen, bereit Ueberroinbung erst burch bie Erfahrung möglich werben wird.

Einen Hauptpunkt auf dem Handwerker-Reform- prögramm biibet die rleyriiligsfrage. i/us Lehrlingswesen, wie es heute betrieben wird, kann unmöglich zum Aufblühen des Handwerks förder­lich sein. Oft hört “man die Eltern klagen, daß ihr Junge so lange bei irgend einem Meister in der Lehre gewesen sei und doch nichts Rechtes ge­lernt habe. Wie kommt das? Oft fehlt wohl das Talent, aber dieses spielt ja beim Handwerk nicht die eminent wichtige Rolle, wie bei Kunst und Wissenschaft, und Fleiß und gu.er Wille können Vieles ersetzen, was an Fähigkeit fehlt. Leider sind sich aber manche Lehrmeister nicht recht der Pflichten bewußt, die sie mit der Annahme eines Lehrlings übernommen haben. Von dem, was der angehende Handwerker lernt, hängt ja meist seine Zukunft, sein Lebensglück ab, und der Meister ladet eine schwere Verantwortung auf sich, wenn er das Ziel einer guten Ausbildung seines Lehr-

> des Betreffenden weiß der Billardtiger, was für einen Spieler er vor sich hat. Ist derselbe noch verhältnißmäßig schwach, so macht sich der Billard­tiger oft das Vergnügen, sein Opfer in eine Ka­rambolage-Partie zu fünfzig Points bis auf vierzig kommen zu laffen und sich dann erst dem verblüff­ten Gegner in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Der Billardtiger ist in der Kegelpartie wie in der Karambolage gleich perfekt, er kennt alle Kunst­griffe und „Kunstbälle", und es geschieht daher nur in seltenen Fällen, daß auch er einmal „gemacht" wird. Der Billardtiger kleidet sich stets elegant und ist ebenso gewandt wie höflich den Mitspielern gegenüber, im gesellschaftlichen Leben gehört er aber nicht selten zu den fragwürdigen Existenzen, von denen man nie recht weiß, aus welchen Mit­teln sie ihren Unterhalt bestreiten. (Schluß folgt.)

Das Eisenacher Oberland.

Der im vorigen Jahre erschienene zweite Theil des ver­dienstvollen Werkes von Dr. Emanuel Sax: „Die Hausindustrie in Thüringen" (Jena, Verlag von Gustav Fischer), der sich mit Ruhla und dem Eisenacher Oberlands beschäftigt, hat unlängs in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik durch den großherzog- lich sächsischen Bezirksdirektor a. D. Herrn Dr. Freiherr vonThüna eine eingehende.Besprechung gefunden, welche