JV 159.
Donnerstag, den 16. Juli
1885.
Fuldm
eitung
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A Zur Handwerkerfrage.
II.
Der zweite Theil der Beschlüsse gipfelte in der Organisation des deutschen Handwerks nach Innungen, Handwerkerkammern, Jnnungsverbän- den und Reichs-Jnnungsamt. An Stelle der Ge- meinde-Aufsichtsbehörden sollen künftig Handmerkerkammern treten, die oberste Instanz über das Jnnungswesen fernerhin ein Reichs-Jnnungsamt bilden. Der erste Punkt wurde mit großer Majorität, der letztere mit 118 gegen 67 Stimmen angenommen.
Endlich wurden manche Uebelstände des deutschen Handwerks mit grellen Farben beleuchtet, so die Gefängnißarbeit, die Militärwerkstätten, das Hau- sirwesen, welche das Handwerk in äußerst fühlbarer Weise schädigen.
Man wird gewiß nicht verkennen, daß alle diese Forderungen zum Aufblühen des deutschen Handwerks in j der Beziehung berechtigt sind. Der Handwerker weiß ja am Besten selbst, wo ihn der Schuh drückt, und wir möchten nur wünschen, daß die Ansichten und Interessen der Handwerker, wie sie auf dem Jnnungstage so unverhohlen ihren Ausdruck fanden, auch das richtige Verständniß in jenen Kreisen fänden, welche hier helfend eingreifen können, die Anregung zur Hilfe ist ja genug gegeben.
Was fordern, was erstreben denn nun die Handwerker? Auf dem Jnnungstage haben sie ihre Forderungen und Wünsche in klarer Form vor die Oeffentlichkeit gebracht und auf die Mittel und Wege zu ihrer Realistrung hingewiesen. Auch in Handwerkerkreisen erkennt man an, daß schon Man- ches zu Gunsten des Mittelstandes, in welchem das Handwerk betrieben wird, geschehen ist, daß aber noch sehr viel zu thun bleibt, will man dauernde, gesundere Verhältnisse anbahnen.
Das Endziel, die reife Frucht der Handwerkerbestrebung ist die obligatorische Innung, deren Nothwendigkeit von der weitaus größten Anzahl der Handwerker anerkannt wird. Wenn auch mancher Handwerker zuerst vor dem Worte „Zwang" zurückschrecken mag, so wird und muß es doch schließlich zu diesem „Zwange" kommen, da sich ohne einen gewissen heilsamen Druck keine Ordnung feststellen läßt. Uebrigens handelt es sich ja in Wirklichkeit nicht um die beiden Gegensätze „Freiheit" und „Zwang", sondern nur um Herstellung einer Organisation zur Beseitigung der vorhandenen
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ö Marie Seewald. (2t
Eine Erzählung aus dem Leben von S. |.
(Schluß.)
Marie zitterte noch immer und blickte erglühend vor Scham und Wonne vor sich nieder, sie konnte dieses plötzliche Glück nicht fasien und hielt alles noch immer für einen Traum, aus welchem sie im nächsten Augenblick erwachen müsse.
Der Professor schob ihr den Ring seiner Mutter an den Finger, und blickte sie dann sanft und bittend an.
„O sage nur ein einziges Mal: Ich liebe Dich, Paul!" flüsterte er, ihr glühendes Angesicht zu sich erhebend.
„Ist es kein Spott?" bebte es wie ein Hauch von ihren Lippen.
„Spott! — o mein Gott!" murmelte Holberg, fid) hastig erhebend und einige Male auf und niedergehend. Ihr Blick folgte ihm zagend und ängstlich.
Dann kniete er plötzlich zu ihren Füßen, legte sein Haupt auf ihren Schooß und weinte.
„O, Paul, Paul!" flüsterte Marie außer sich, »was beginnen Sie?"
„Du kannst mir nicht verzeihen," sprach er leise,
Uebelstände. Obwohl nun gerade die Handwerker selbst berufen sind, in dieser Frage ein Urtheil zu fällen, weiß es die ,Post' doch wieder besser, indem sie nachweist, die obligatorischen oder Zwangs- Innungen seien schädlich, weil sie sich nicht von den schlimmen Elementen reinigen könnten und sie seien durch manche andere Umstände undurchführbar. Run ja, die Herren in der Redaktion ■ der ,Post' müssen ja besser wissen, was dem Handwerke nutzt und frommt, als die Handwerker selbst! Es ist nur ein Fehler des Jnnungstages, daß, trotzdem man die Nothwendigkeit der obligatorischen Innungen allseitig betont hat, man nicht den Muth oder das Verständniß besaß, die obligatorische Innung zu fordern.
Der Zeitgeist schreitet unaufhaltsam voran, hier umgestaltend und bildend, dort zerstörend. Es gab eine Zeit, wo die deutsche Großindustrie noch in den Kinderschuhen stand, wo Kapital und Maschine noch nicht dominirten, und der Hände Arbeit vorherrschte und eines guten Lohnes sich erfreute. Aber Deutschlands Großindustrie, Handel und Verkehr mußten in andere Bahnen einlenken, wollte dieses Land von dem übermächtigen England nicht durch seine industrielle Entwickelung überflügelt und auf dem Weltmärkte geradezu unmöglich gemacht werden. Deutschland nahm einen ungeahnten Aufschwung in Hanvel und Industrie, zumal in den letzten 20 Jahren, aber in demselben Maße, wie der Großhandel stieg, sank die Kleinindustrie, das Handwerk, welches im Mittelalter so hoch stand, und die Lebensader des Volkes war, bis es allmälig in das Stadium des völligen Siechthums versiel, an dem es heute noch leidet. Dieser vielbeklagte Rückgang des Handwerks hat seine Ursache sowohl in äußeren wie in inneren Ursachen und Gründen.
Die Dampfmaschine schuf zunächst alle gewerblichen Verhältnisse um, und in dem Bestreben der Konkurrenzfähigkeit und industriellen Superio- rität wurde der Dampf überall ausgebeutet und in staunenerregender Weise dem Geiste der Menschen dienstbar gemacht. Die Eisenbahnen durch- kreuzten die Erde und der ehrsame Fuhrmann konnte das Dampfroß mit feinem Gaul auf der Landstraße nicht beihalten, und er blieb zurück. Bergbau und Hüttenwerke bewältigten die Erde und das Erz mit Feuer und Dampf; der Dampf bildete die treibende Kraft in Schlossereien, Schmie-
„und doch, hier schwöre ich's Dir, daß ich Dich vom ersten Augenblick an geliebt, und aus Zorn darüber Dich verspottete, um dieses Gefühl aus meinem Herzen zu reißen, ich wollte Dich glücklich machen und griff zu den verkehrtesten Mitteln, weil ich des Weibes Herz niemals gekannt, es stets im stolzen Dunkel verachtet hatte. Jetzt ist's zu spät, Du glaubst mir nicht mehr."
„O, Paul, jetzt glaube ich Dir," sprach Marie, ihre Arme um seinen Hals legend, „jetzt darf ich's Dir sagen, wie sehr, wie unaussprechlich ich Dich stets geliebt."
„Ich wußte es," jauchzte Holberg, „hätte ich dieses alles denn sonst gewagt, wenn ich nicht die selige Ueberzeugung Deiner Liebe durch die Vorsehung selber erhalten?"
„Ich verstehe Dich nicht," sprach sie verwirrt.
„Aber unser Mütterchen versteht es," lachte der glückliche Mann, auf die eintretende Mutter deutend, „sie war in ihren Berechnungen glücklicher als ich, — sieh her!"
Und er zog das Tagebuch aus seiner Brusttasche und hielt es der Verwirrten hin.
„O, mein Gott, jetzt verstehe ich alles," — rief sie beide Hände vors Antlitz schlagend, „Mutter! war das recht?"
den, Sägewerken, Webereien; er setzte Holzsäge und Hobel, Mühlrad, Druckerpresse, ja Dresch- maschine, Pflug und Egge in Bewegung. Gegen seine gebändigte Kraft erwies sich ja die Menschenhand als viel zu schwach, und wo früher Tausend fleißige Hände Beschäftigung gesucht und gefunden hatten, da arbeitete die Maschine mit großen Massen und schablonenhafter Exaktheit. Zumal die harte industrielle Krisis der 70er Jahre machte erfinderisch, und die hochentwickelte Technik wußte in den verschiedensten Zweigen der Gewerbe die Arbeit von Menschenhand fast überflüssig zu machen. Gegen die mächtige Großindustrie konnte der Handwerker und der kleine Mann nicht mehr ankämpfen, er mußte unterliegen.
Doch wäre es irrig, der Dampfmaschine alle Schuld an dem Darniederliegen des Handwerks zuschreiben zu wollen. Richt jedes Handwerk wird von der Maschine beeinflußt, wie Bäcker, Metzger, Schreiner, Schuster, Maurer, Schneider und das Kunstgewerbe. Glücklicherweise fehlt der Maschine der Geist und die Ueberlegung des Menschen, ohne welche nun doch nicht Alles geschafft werden kann. Denken hat sie Gottlob noch nicht gelernt, so weit hat es der Kopf des Technikers noch nicht gebracht — es sähe sonst wahrlich böse aus in der Welt.
Das Aufblühen der Großindustrie häufte auch das Kapital für die Großbetriebe an und entzog es dem Kleingewerbe und Handwerk. Industrielle Werke aller Art schossen wie Pilze aus dem Boden und durch vie Aktiengesellschaften wurde Jedem Gelegenheit geboten, sein Geld in die Großindustrie zu legen und an ihr zu participiren, und wo das Geld ist, ist bekanntlich auch die Macht. Kapital, Großindustrie und Handwerk traten sich schroff gegenüber, und die Kluft hat sich im Laufe der Zeiten nur noch erweitert.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juli.
* Eine Dreikaiserzusammenkunft und zwar in Deutschland kündigt die ,Jndep. Belge' heute an. Rach einer Privatdepesche des genannten Blattes, welche cs aus Petersburg erhalten hat, soll diese Monarchenbegegnung zwischen dem deutschen, österreichischen und russischen Kaiser wahrscheinlich im September statlfinden und zwar nicht auf öfter-
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' „So möchtest Du lieber, er wäre in den Krieg gezogen?" lächelte diese.
„Nein, nein, Du liebe Vorsehung, ich danke Dir auf meinen Knieen dafür," rief Marie, sich an ihre Brust werfend.
Holberg aber führte sein süßes Bräutchen an's Klavier und sang aus heller, jubelnder Brust:
Mein Daheim, welch' schönes Wort! Giebt's ein schön'res wohl hienieden? Mein Daheim, du sich'rer Port, Mit des Glückes stillen Frieden. Wem darum ein Herz noch blieb. Das sich nie von ihm mag trennen. Ein Daheim voll treuer Lieb', — Darf in Wahrheit sein er nennen.
Die furchtbaren Schlachten waren geschlagen worden in Nord und Süd, der grausig blutige Krieg in wenigen Wochen beendet, die Landkarte Deutschlands mit einem Schlage verändert.
Und dann kam der Friede.
Breiten wir einen Schleier über das blutige Gemälde, — das unser Auge entsetzt, unser Herz krampfhaft zusammenfchnürt.
Auf den Blutgefilden Böhmens schlummert Reinhold den ewigen Schlaf; er gab sich selber als Opfer zur Sühne seiner Verirrungen, — in ihm verlor die Kunst einen hervorragenden Jünger.