JM 158.
Mittwoch, den 15. Juli
1885.
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eitung
A Zur Handwerkerfrage. *) i.
Der deutsche Jnnungstag,welcherkürzlich in Berlin abgehalten wurde, hat die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maaße wieder auf einen Gegenstand gelenkt, welcher für unser Volksleben von höchster Bedeutung ist, auf das deutsche Handwerk. Früher führten sich diese Versammlungen als „Handwerkertage" ein, und wenn die Innungen schon sich so stark fühlen, einen deutschen Innung«- tag vor die Oeffentlichkeit treten zu lassen, so zeugt das von einem erfreulichen Fortschritt des Jnnungs- wesenS. Wies doch das Reformprogramm der Berliner Versammlung, welches im März versendet wurde, bereits die Theilnahme und gleiche Gesinnung von 293 Innungen in 167 Städten mit 150,000 Jnnungsmeistern auf — eine Anzahl, im Verhältniß zu der Gesammtheit der selbständigen Handwerker zwar noch gering, aber immerhin groß genug, um mit ihren berechtigten Wünschen und Forderungen Anspruch auf die allgemeine Aufmerksamkeit der Regierung und Berücksichtigung zu verdienen.
DieJnnungsfrage steht mit der Handwerkerfrage in so engem Konnex, daß man sie kaum mehr trennen kann, daß die Lösung der ersteren fast gleichbedeutend mit der Lösung der letztem erscheint, und so enthielt auch das Programm des Berliner Jnnungstages meist Vorschläge, wie und mit welchen Mitteln die Wunden des Handwerks zu heiler, seien, auf welchem Wege dem darnieder- liegenden Handwerke aufgehoifen werden könne. Absolut geklärt sind die Ansichten hierüber noch lange nicht, selbst unter den Vertretern des Handwerks auf jener Versammlung traten noch genug abweichende Meinungen theils in den Reden, theils in den Abstimmungen hervor. Das erscheint aber auch erklärlich, wenn man bedenk:, wie schwierig die zu behandelnde Materie ist, mit wie vielen Faktoren man bei der Handwerkersrage rechnen muß. Sind doch die besten Aerzte oft über die Behandlung einer Krankheit uneins, und wohl jeder von ihnen betrachtet seine Methode als die allein richtige. Doch es muß als eine erfreuliche That- sache konstatirt werden, daß über die dringendste Nothwendigkeit durchgreifender Refor- m e n aus dem Gebiete des Handwerks unter dessen Ver
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
ä Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von 6. H.
„Ich vergesse das nicht," erwiderte Holberg langsam, „aber ich liebe gerade jetzt eine reifliche Erwägung."
„Ihre Erwägungen sind zweierlei," fiel Reinhold beredt ein; „Sie fragen sich, ob das Glück, Hand in Hand mit Marie durchs Leben zu gehen, ein unvergälltes sein wird; Siefragen sich ferner, ob es Ihr Mannesbewußtsein zulasse, daß ich ein wenig, ein wenig nur, teurer Mann, zu Ihrem Lebensglück beitrage, indem ich von den tausend Wunden, welche ich Ihnen und Marie in meiner Verblendung geschlagen, einige heilen und zugleich neue Wunden von Ihnen, mehr aber noch von Marie, abwenden will. Beide Erwägungen jedoch—"
„Genug", rief der Professor. „Du avancirst wahrhaftig und ich würde einen Advokat in Dir ahnen, wenn Du nicht ein Geiger und leider--"
„Richt weiter!" bat Reinhold innig.
„Also lassen wir das."
„Richt das allein," fuhr Reinhold fort; „Sie gchen auf meine erste Bitte ein und gestatten mir noch die andere, daß ich einen Tag, einen einzigen
tretern die gleiche Stimmung und Ueberzeugung herrscht, wenn auch über die richtigen Wege zum Ziele die Ansichten auseinander gehen.
Und zu diesen Bestrebungen, finden die Handwerker volles Verständniß und feste Stütze im Centrum und bei den Konservativen. Das Centrum, wie auch die Partei der Konservativen tritt rückhaltlos uno entschieden für den Schutz des Handwerks ein, während die Clique der Manchesterleute, welche an einer schrankenlosen Gewerbefreiheit nicht rütteln will, dem Grundsätze huldigt: „Laisser aller, laisser faire“ und den Mittelstand der Handwerker sich selbst und seinem Geschicke überläßt. Run gibt es noch eine dritte Klasse, die Offiziösen und Liberalen, welche weder kalt noch warm find, mit der einen Hand geben, mit der andern nehmen wollen, mit dem einen Auge den „armen Handwerker" anlächeln und mit dem andern listig dreinschauen. Um schöne Worte und billige Phrasen sind sie nie verlegen gewesen, wenn die Handwerkerfrage ventilirt wurde. Gilt cs aber, Hand anzulegen und von Worten zu Thaten überzugehen, so setzen die Herren plötzlich eine andere Maske auf, dann thun sie nicht mit, wollen von Selbsthilfe des Handwerks nichts wissen und dieses nur auf die Staatshilfe angewiesen sehen. Diese Gesinnung ist in der liberalen Presse bei Gelegenheit des Berliner Jnnungstages einmal wieder in nackter Weise zu Tage getreten. Man ist mit den Beschlüssen des Jnnungstages nicht zufrieden, bezweifelt dessen Kompetenz im Namen des deutschen Handwerks zu spreche»:, und s».cht aus jed. Weise jene Leute, welche ihre vitalen Interessen ernst und mit Ruhe ins Auge fassen, als eigenmächtige Agitatoren hinzustellen. So sagt die deutsch-freisinnige ,Voss. Ztg.': „Es ist schwer zu begreifen, daß von Seiten der Regierung diesem Treiben (!) nicht energischer entgegengetreten wird. Darüber darf ein Staatsmann doch nicht stillschweigend hinweggehen, daß Leute, deren Legitimation doch nicht unzweifelhaft ist, ganz ungenirt Forderungen heute schon aufftellen, welche sich dahin zuspitzen, der Innung eine obrigkeitliche Gewalt zu vindiziren, ja die Staatsverwaltung selbst in ihren Beziehungen zum Handwerk unter die Vormundschaft der Innungen zu stellen. Und diese thörichten Leute bilden sich ein, daß im 19. Jahrhundert eine Gesellschaft so vernagelt sein wird, eine solche Tyrannei sich gefallen zu lassen, daß eine Regierung unter
Tag nur, wenn rch unversehrt aus dem Kampfe > heimkehren sollte, unter Ihrem und Ihrer Marie Dache verweilen darf."
„Reinhold!"
„Denken Sie an Marie, an meine Sühne und dann Freund — so darf ich Sie jetzt bald wieder nennen — entscheiden Sie!"
Reinhold trat bei diesen Worten einen kurzen Schritt auf Holberg zu und schaute ihm bittend ins Antlitz.
„Du bist doch ein guter Junge," lächelte der Professor, um seine Bewegung zu verbergen, „nun, sei ruhig, wenn es sich ausführen läßt, will ich unter diesen Umständen Dein Opfer annehmen."
Kein Wort wurde nun weiter darüber geredet. Am nächsten Morgen verließen beide in aller Frühe das Waldhaus, um sich nach der Residenz eines thüringischen Fiirstenthums zu begeben, wo der Professor einen Freund aus früheren Jahren besaß, der Leibarzt des Fürsten war, und ihm nach genauer Untersuchung das ärztliche Zeugniß ausstellte, daß seine Konstitution den Strapazen des Krieges nicht gewachsen sei, während sein Reffe aus Amerika, Reinhold Stern, ein kräftiger junger Mann, für ihn einzutreten beabsichtige.
Rach acht Tagen befand sich Reinhold bereits
die Vormundschaft von Handwerker-Innungen sich begeben wird." So weit das deutsch-freisinnige Blatt. Die Kritik daran wollen wir nicht selbst üben, sondern dem Leser überlassen.
Im Uebrigen bewegten sich die Beschlüsse des Jnnungstages in einer dreifachen Richtung. Zunächst stimmte man den Beschlüssen der Kommission zu, welche ven Antrag Ackermann berathen hat, man erklärte sich mit Einhelligkeit für den Befähigungsnachweis zum Eintritt in die Innung. Allein in dem Umstande, daß nur ein geprüfter Meister der Innung angehören darf, liegt die Garantie, daß das betreffende Gewerbe von der Innung würdig vertreten werden kann. Doch soll zum Unterschiede von dem Anträge Ackermann nicht der Bundesrath, sondern das Gesetz entscheiden, welche Handwerker den Nachweis der Fähigkeit zu leisten haben. Auch soll ferner nur den Jnnungsmeistern das Recht der Lehrlingsausbildung zuerkannt, die Nichtinnungsmeister sollen dagegen zu den Jnnungslasten herangezogen werden. Auf diese Weise werden Handwerker, welche sich der Innung fernhalten, entweder isolirt, oder bei Seite geschoben werden, was im Interesse einer rechten, würdigen Vertretung und Ausübung des Handwerks als einzig möglicher Weg zur strikten Durchführung der Innung erscheint.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juli.
* Der Centrakvdrstaüd des Allgemeinen deutschen Handwerkerbundes beruft den diesjährigen deutschen Handwerkertag nach Köln und zwar auf die Tage vom 16. bis 18. August ein. Die Generalversammlung ist auf den 18. August in Aussicht genommen.
• Der Paderborner Erlaß wirb bereits fruktifizirt, dies scheint ja sein Zweck gewesen zu sein. Hr. v. Schlözer in Rom legt, dem Vernehmen nach, viel Werth'auf den Erlaß und meint, der Weg sei damit gewiesen, auf dem man in der Ecziehungs- fcage einer Lösung näher kommen könne, wenn alle Bischöfe Preußens den Theologen solche praktische Vorschläge gemacht hätten, so würde Herr v. Bismarck Gelegenheit gehabt haben, nach und nach die Härten aus den Maigesetzen zu entfernen, ohne Aufsehen bei den „Liberalen" zu erregen. Der Gesandte bohrt angeblich in kirchlichen Kressen, um
> bei der Armee des Kronprinzen an der böhmischen Grenze, währenddem der Professor Holberg seinen Abschied erhalten hatte wegen körperlicher Schwäche.
Marie Seewald hatte die launische und undankbare Schwester, welche sich bereits wieder wohl befand, verlassen und war in dieser Zeit, wo der Sturm von allen Seiten über Deutschland herein- zudrechen drohte, nach Hause zurückgekehrt, zur Freude der einsamen Mutter, welche von dem Erlebten nichts sagen durfte und vergebens auf ein Lebenszeichen von dem Professor harrte.
Es war ein wundervoller Abend, — der kleine romantische Garten vor dem Thore lag im stillen Frieden. Durch die Blätter der Blutbuche und Traueresche säuselte der Wind so leicht und wunderbar, als flüstere er von längst vergangenen Freuden, von entschlafenem Weh. Das erste Viertel des Mondes streute mit seiner silbernen Sichel ein Dämmerlicht durch die Blüthenbäume und süße Düfte zogen berauschend durch die laue Sternennacht. Jetzt flötete die Nachtigall ihr schwermüthiges Lied und erfüllte immer und immer wieder von Geschlecht zu Geschlecht die Herzen der Jugend mit Lust und Seligkeit.
Auf der kleinen Terrasse des Hauses stand Marie im hellen Gewände und schaute träumerisch wie