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Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juli.
* Erzbischof Melchers ist am Sonnabend über Pari» nach Rom gereist.
• Die Zahl der aus den östlichen Provinzen ausgewiesenen russischen und österreichischen Unterthanen beträgt, wie verlautet, jetzt rund 30,000. Davon hat erst ein kleiner Theil Deutschland verlassen, die Mehrzahl hat längere Frist, bei Vielen schwebt auch das Verfahren noch. Juden sind unter den Ausgewiesenen etwa 4000. Es steht ihnen frei, zu gehen, wohin sie wollen. Viele wenden sich nach Amerika, der Schweiz und anderen Ländern.
* Fast mehr als die Politik haben in letzter Zeit Ereignisse die öffentliche Meinung beschäftigt, welche ein grelles Licht auf unsere sozialen und sittlichen Zustände werfen. Die Arbeiterstriken scheinen epidemisch werden zu wollen: in Berlin haben die Maurer, die Steinträger und Bauarbeiter, sowie die Schlosser die Arbeit eingestellt; in Liegnitz feiern die Cigarrenarbeiter fämmtlicher Fabriken und in Erdmannsdorf die Weber und Spinner, die für eipen wahren Hungerlohn arbeiten mußten und * beten Lage eine geradezu entsetzliche ist. Die . - Sinkenden fordern theils Lohnerhöhung, theils :• einen Maximalarbeitstag und die vollständige Abschaffung der Sonntagsarbeit. Dieses letztere Verlangen, welches von den Arbeitern im ganzen deutschen Reiche gestellt wird, dürfte den Fürsten Bismarck der Mühe überheben, in den betreffenden Kreisen erst anzufragen, ob den Arbeitern die Sonntagsruhe genehm sei oder nicht; allein bei der manchesterlichen Strömung, welche durch die leitenden Kreise geht, ist schwerlich daran zu denken, daß die soziale Frage in der vom Centrum und den Konservativen beantragten Weise gelöst werden wird. Es geht eine dumpfe Gährung durch das Land, und auch in Handwerkerkreffen hat es höchst peinlich berührt, daß die liberale und offiziöse Presse, die nur das Interesse der Kapitalisten im Auge hat, den deutschen Jnnungstag in spöttischer und
ä Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von 8. 8.
„Wie seltsam, daß mein Anblick selbst nach Jahren sogleich Ihre Spottlust erregt," sprach Marie mit einer Wehmuth, welche ihm das Herz zerschnitt.
„Rach Jahren," wiederholte Holberg, sie düster betrachtend, „ja freilich, wir sind älter geworden, auch Sie haben sich verändert, nur der Haß gegen mich scheint der alte geblieben zu sein."
„Wer sagt Ihnen das?" rief sie schnell und senkte, als schäme sie sich der Worte, sogleich das Auge zu Boden.
„Mein Gefühl sagt mir das, mein Kind! — ich kenne Sie zu gut, um nicht zu wissen, daß Sie nicht leicht vergessen und wie den Haß so auch die Liebe festhalten in Ihrem Herzen. Doch lassen wir das, thun Sie mir den Gefallen, mein Fräulein, und gehen ein wenig mit mir in eine der einsamen Seiten-Alleen, ich habe Ihnen vieles und wichtiges mstzutheilen. — Sie fürchten sich doch nicht vor mir, Marie?" fuhr er fort, als er chre Unschlüssigkeit bemerkte, „ich will sanft sein wie ein Kind, um mit Don Carlos zu reden. Es betrifft Ihren Freund Reinhold."
wegwerfender Weise behandelt hat. Dies Alles ist natürlich Wasser auf die Mühle der Anarchisten, von deren fanatischer Verbissenheit und Verwegenheit die Schwurgerichts-Verhandlungen gegen Lieske in Frankfurt neuerdings Zeugniß gegeben haben. Die maßlose Frechheit, mit welcher der Mörder des Polizeirathes Rumpff auftrat, ist der Ausfluß des infernalischen Hasses, welcher in der Brust der Anarchisten gegen die menschliche Gesellschaft lodert — und leider steht ein Lieske, was Rohheit und Verwegenheit anbelangt, nicht vereinzelt da! Wir leben in einer Zeit, wo Mord- und Schandthaten in erschreckendem Maße zunehmen, und mit Bangen fragen wir uns: wo soll das hinaus, was wird die Zukunft noch bringen? Und die Frevler sind meist junge Burschen, vor einigen Jahren aus der Schule entlassen! Es ist ein furchtbares Geschlecht, welches die siebenziger Jahre, die Jahre des heißesten Kulturkampfes, des Triumphes der „freigeistigen Idee", großgezogen haben!
* Es ist vielfach aufgefallen, daß das in der letzten Session des preußischen Landtags beschlossene Gesetz über die Pensionirung der Volksschullehrer noch nicht publicirt ist. Wie jetzt offiziös gemeldet wird, liegt dies lediglich an Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Finanzminister und dem Unterrichtsminister. Diese Bedenken werden jedoch, wie man schreibt, in kürzester Zeit beseitigt werden und demgemäß der Veröffentlichung des Gesetzes dann keine weiteren Hindernisse im Wege stehen., ...
— Der .Rordd. Allg. Ztg.' zufolge erhielt buä Lehrerpensions-Gesetz am 6. Juli die königliche Sanktion.
* Berlin ist bekanntlich das Eldorado der „Wahrsagerinnen", die in gläubigeren, besonders katholischen Städten wegen Mangels an Aberglauben nicht so massenhaft aufkommen können. In letzter Zeit wurde das „Wahrsagen" als „grober Unfug" bestraft; aber die „vornehmen" und „gebildeten" Kunden ärgerten sich sehr darüber, und jetzt haben sie ein obsiegendes Erkenntniß er- stritten, wie wenigstens das ,Berliner Tagebl.' mit» theilt, und zwar, weil das Haupterforderniß des „groben Unfugs", die Allgemeinheit, fehle. Es heißt darüber in den Erkenntnißgründen des Ürtheils: „Der Angeklagte hat nur in seiner abgeschlossenen Wohnung individuell bestimmten Personen ge- weissagt und durch diese Handlung weder der
„Reinhold?" stammelte Marie und hielt sich wankend am Geländer, „was wissen Sie von dem Unglücklichen?"
„Sie liebt ihn noch immer," murmelte er zwischen den Zähnen, „folgen Sie mir," setzte er mit einer kurzen gebieterischen Bewegung hinzu, und schritt ohne sich umzuschauen, aus der Halle, geradewegs nach einer der einsamsten Seiten-Alleen.
Marie zögerte einen Augenblick, dann folgte sie ihm entschlossen.
„Was haben Sie mir über Reinhold zu sagen, Herr Professor?" begann Marie mit fester Stimme, als sie sich in der Allee an seiner Seite befand.
„Daß er sich in Sicherheit befindet und Ihnen einen freundlichen Gruß sendet," versetzte Holberg langsam.
„Gott sei gedankt!" bebte es von ihren Lippen, indem sie unbewußt die Hände faltete.
„Er wird nach Amerika gehen," fuhr der Professor rauh fort, „um die Vergangenheit mit allen Verirrungen in den Ocean zu werfen. Mit einem Wort, als neuer Mensch dort drüben aus eigener Kraft sich einen Namen und Herd erarbeiten."
„Und das wird Ihr Werk sein," rief Marie mit leuchtenden Augen indem sie seine Hand ergriff und sie, ehe er's verhindern konnte, au ihre Lip-
öffentlichen Sitte und dem Anstand zuwider gehandelt, noch das Publikum als solches alterirt." Jetzt kann also das „Wahrsagen" wieder flott losgehen.
* Heber die Zahl der am 1. Januar er. in Deutschland vorhandenen Rechtsanwälte gibt das kürzlich erschienene „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich" die ersten offiziellen Daten. Danach waren zur genannten Zeit in den Listen der deutschen Gerichte 4556 Rechtsanwälte eingetragen gegen 4342 im September 1883 und 4150 im März 1880. Es hat also eine Vermehrung in 33/< Jahren von 406 oder 8,9 pCt. stattgefunden. Von 20 Rechtsanwälten, die beim Reichsgericht, bezw. bayerischen Obersten Landesgericht eingetragen sind, abgesehen, zählt die meisten Anwälte der Oberlandesgerichtsbezirk Dresden (515), demnächst folgen Berlin (Kammergerichtsbezirk) mit 415, Breslau mit 303, Köln mit 298, Celle mit 225, Hamm mit 217, Naumburg mit 208, München mit 208 und Rostock mit 200. Die wenigsten Anwälte haben die Bezirke Braunschweig (50), Zweibrücken (41) und Oldenburg (16). Im 33er» hältniß der Anwaltszahl zur Einwohnerzahl zeigten sich zwischen den einzelnen Oberlandesgerichtsbezirken außerordentliche Verschiedenheiten. Während im ganzen Reich auf je 100,000 Einwohner 10,1 Rechtsanwälte kommen, haben die Bezirke Rostock auf 100,000 Einwohner 29,5, Hamburg 26,4, und Dresden 17,3 Anwälte. Dann folgen München mit 14,7. Braunschweig mit 1.44* Frankfurt a. M. mit 13,4, Darmstadt mit 13,1, Jena mit 12,3, Berlin mit 12,2, Kassel mit 10,3, Celle mit 9,9, Hamm mit 8,8, Köln mit 8,5, Augsburg mit 8,4, Karlsruhe mit 8,3, Stuttgart mit 8,2, Naumburg mit 8,1, Posen mit 7,9, Kiel mit 7,8, Breslau mit 7,6, Marienwerder mit 7,5, Stettin mit 7,4, Nürnberg mit 7,3, Bamberg mit 7,1, Königsberg mit 6,8, Zweibrücken mit 6,1, Oldenburg mit 5,4 und Colmar mit 4,0 Rechtsanwälten auf 100,000 Einwohner. An der allgemeinen Zunahme der Anwälte seit 1880 partizipiren, wie ein Vergleich mit früheren offiziellen Daten ergibt, nur 15 Departements, während in 11 die Zahl abgenommen hat und in 2 Departements eine Aenderung nicht eingetreten ist. Die stärkste Abnahme mit 20 pCt. zeigt der Oberlandesgerichtsbezirk Rostock, dann folgen Hamburg mit 15, Jena mit 13, Bamberg mit 12 pCt., ferner Augsburg, Cassel, Celle, Kiel,
pen zog, „o, Sie sind doch ein edler Mann trotz der rauhen Schale."
„Glauben Sie?" fragte er spöttisch, seine Hand ihr mit rauher Heftigkeit entziehend, „es muß fein eigenes Werk sein, sonst ist's Flickwerk, ich will nicht besser scheinen, als ich bin. Lassen wir die Phrasen, Kind und halten wir uns an das Wirkliche. Um dieses Ziel zu erreichen (so lautet sein Auftrag an die zwei Schwestern aus dem ©arten» hause), fehlt ihm Zweierlei: die Verzeihung der Einen und die Liebe der Andern. Ich soll ihm beides verschaffen," setzte er mit einer seltsamen Lustigkeit hinzu, „wollen Sie mir dabei behülflich fein, Marie?"
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Professor!" sprach sie, ihn angstvoll und verwirrt anblickend.
„Mein Gott, ich bin doch deutlich genug. Reinhold muß zu seinem künftigen neuen Leben die Verzeihung Ihrer Schwester, der gnädigen Gräfin Wildhausen haben, — das ist klar, wollen Sie ihm diese verschaffen?"
„Ich will's versuchen," lautete die Antwort.
„Gut, Sie nehmen mir da eine schwere Arbeit ab, ich bin kein Freund von solchen Unterhandlungen, besonders mit einer neugebackenen Gräfin.