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1885.
V, — mit der
** Die Politik des neuen englischen Cabinets
ist endlich aus nebelhaften Umriffen herausgetreten und das Ministerium Salisbury hat jetzt Anhaltspunkte gegeben zur Beurtheilung seiner politischen Aktion. Das Wolff'sche Telegraphenbureau meldet über die Sitzung im englischen Oberhause vom 7. d. M., was folgt:
Lord Salisbury erklärte:
Unter den Fragen, welche die auswärtige Politik beträfen, sei die Frage bezüglich der Unterhandlungen mit Rußland von allergrößter Wichtigkeit. Hinsichtlich dieser Frage wie auch in anderen Fragen sei es nothwendig, die Politik der vorigen Regierung an dem Punkte wieder aufzunehmen, wohin diese sie geführt hatten und sie zu einem Resultate zu bringen, welches dem Interesse des Staates entspreche. Die Aktion und die Erklärungen der gegenwärtigen Regierung seien dadurch wesentlich beschränkt, daß sie die von ihren Vorgängern eingegangenen Verpflichtungen erfüllen müsse. Die erste Pflicht sei, die von der englischen Regierung eingegangenen Verpflichtungen zu beachten. Was z. B. den Zulficar-Paß anaehe, welcher die Hauptdifferenz in der afghanischen Grenzfrage bilde, so habe England dem Emir zugesagt, daß der Zulficar-Paß innerhalb der Grenze Afghanistans verbleiben solle. Von diesem Versprechen könne die Regierung nicht abgehen, denn es sei eine Lebensfrage für sie. Allen, die Vertrauen zu ihr hätten, zu beweisen, daß ein einmal von England gegebenes Wort auch aufrechterhalten werde. Freilich sei dem Emir das Versprechen erst gegeben worden, nachdem von Seiten Rußlands die Zusage erfolgt war, daß Zulficar im Gebiete des Emirs verbleiben sollte. Hinsichtlich der Ausführung dieser Zusage seien Differenzen entstanden, welche jetzt den Gegenstand der Unterhandlungen bildeten. Es sei vielleicht zu früh, eine Ansicht über den Ausgang der Ver- 1 ’ yanoluugeü auszuspcecheii, jedenfalls würden <«te letztere- von Rußland sowie auch von England mit dem ernsten Wunsche geführt, eine freundschaftliche Lösung herbeizuführen Er hoffe, eine solche Lösung könne erwartet werden, er müsse aber gleichzeitig erklären, daß die Unterhandlungen noch nicht weit genug gediehen seien, um sich zuversichtlich darüber auszusprechen. Ein Trauerfall, der Herrn v. Giers leider betroffen habe, verhindere denselben, in diesem Augenblicke die Unterhandlungen fortzusetzen. Im Uebrigen sei den Unterhandlungen, wenn sie abgeschlossen würden, keine entscheidende Wichtigkeit beizumessen. Die Zustände der Länder Asiens seien unbeständig und England dürfe in Verträgen und Uebereinkommen, welche die verschiedenen Potentaten jenes Welttheils einzugehen geneigt sind, mit Rücksicht auf die hervorragenden Interessen Englands in Asien kein Vertrauen setzen. Obwohl die Regierung das Vertrauen und die Freundschaft des Emirs zu erhalten suche, hoffentlich mit Erfolg, müsse sie doch hinsichtlich der Vertheidigung der englischen Besitzungen geschickt entworfene, energisch und schnell auszuführende Maßregeln zur Vertheidigung der Grenze auf allen Punkten, wo dieselbe schwach sei, treffen; es seien Bollwerke nothwendig, welche nicht nur die Grenze, die
sie berühren, beschützen, sondern auch weit genug darüber hinausreichen, um zu verhindern, daß der Kriegsstrom ihre Füße bespüle. Er hoffe, daß derartige Vorbereitungen, gleichviel welche Partei am Ruder sei, nie aufgegeben oder vernachläisigt würden. — Lord Salisbury erörterte sodann die egyyt ische Frage: Die Schwierigkeiten dieser Frage seien so große, daß er nur deren Hauptkapitel und verschiedenen Charakter angeben und den Charakter der Heilmittel präzisiren könne, welche das Kabinet Vorschlägen werde. Bevor man sich für eine definitive Politik entscheide, müßren alle bereits gemachten Versuche zu Rathe gezogen, alle neuen Schritte so abgewogen werden, daß man dieselben, wenn einmal gemacht, nicht wieder ungeschehen zu machen brauche. Die Politik der Regierung müsse eine stetige sei, ohne jede Schwankung. Die erste Schwierigkeit, deren Lösung der Regierung obliege, selber Feind, welcher siegreich an der Grenze bei Khartum und Suakin stehe, es müsse die wichtige Frage entschieden werde», wie man die Streitkräfte Egyptens verwenden wolle, um ein sanatisches Barbarenthum fern zu halten und wie man die eventuellen Grenzen Egyptens sichern könne, damit die Civilisation, welche England hinter sich zurückzulaffen wünsche, eine blühende fei und keine Gefahr laufe, wenn England feine Truppen aus Egypten zurückziehe. Die militärische Schwierigkeit sei schon eine sehr große, vielleicht noch größer aber sei die politische Schwieng- keit bezüglich des Sudans. England könne diese Provinzen nicht gänzlich ihrem Schicksale überlassen. Es entstehe die Frage, wieviel vom Sudan bei Egypten bleiben und wieviel davon unter der militärischen Konirole Egyptens stehen müsse. Diese Fragen müßten entschieden werden, bevor man sagen könne, daß Egypten in einen Zustand der Sicherheit gesetzt sei. Noch viel wichtiger sei die Finanzschwierigkeit. Vor Lösung derselben könne nichts unternommenwerden. Diplomatische Schwierigkeiten verhinderten eine Operation auf Grund der abgeschlossenen Finanzkonvention. Salisbury hofft, daß diese Schwierigkelten auf dem Wege der Lösung seien, aber bisher seien dieselben noch-ungelöst. Bis die Lösung erfolge, sei die Finanzlage eine mißliche und ein Hinderniß "jedes Fortschritts. Wenn es unmöglich sei, die Schwierigkeiten zu beseitigen, so müßten Maßregeln strengster Sparsamkeit ergriffen werden. Es könne nichts geschehen, bevor nicht die Frage wegen der Herstellung des finanziellen Gleichgewichts befriedigend geordnet sei. Nach der Erledigung der Finanzfrage sei gegen die Barbaren eine gesicherte Grenze festzuhalten und die politischen Beziehungen Egyptens zu den ausgedehnten Gebieten festzustellen, welche der Schauplatz so beklagens- werther Ereignisse gewesen sind. Zu alledem komme noch die sehr ernste Frage wegen der Regelung der internationalen Beziehungen Egyptens zu anderen Ländern. Eine weise und umsichtige Politik, welche zur Erledigung aller dieser Fragen nothwendig sei, erheische Zeit. Es sei unmöglich, Egypten in dem Zustande wiederherzustellen, worin es sich bei der Landung englischer Truppen befand, wenn die Regierung nicht einen etwas langen Weg für ihr Vorgehen ins Auge fasse. Der Khedive zeigte sich England gegenüber stets loyal, England sei daher durch alle Erwägungen der Ehre an ihn gebunden. Schließlich hofft Salisbury, die Parlamentssesfion so bald als möglich schließen zu können, eine Verschiebung der Auf
lösung des Parlaments sei nicht seine Absicht. Salisbury hofft, die Neuwahlen könnten etwa am 17. November stattfinden.
Darauf legte Lord Carnarvon die Politik der Regierung bezüglich Irlands dar und erkärte, die Regierung sei entschlossen, eine Erneuerung der Ausnahmegesetze für Irland nicht zu verlangen, wolle vielmehr streng nach gewöhnlichen Gesetzen die Regierung Islands führen.
Es macht den Eindruck eines Provisoriums, was wir da hören. Das Torycabinet hat dem liberalen Regiments unter keineswegs günstigen Verhältnissen die Zügel aus der Hand genommen und lange dauerte es, bis es sich definitiv constituiren konnte.
Es ist deshalb ganz richtig, wenn zunächst die Zustände im Innern so bleiben sollen, wie ste Salisbury übernommen. Die Neuwahlen, welche unaufschiebbar am 17. November vorgenommen werden, sollen zuerst entscheiden, ob das neue Cabinet existenzfähig sein wird. Erst von da an wird man von einer selbständigen Politik des Torycabinets sowohl im Innern wie nach Außen reden können. Unterdessen muß sich die neue Regierung bemühen, sich günstige Momente für die Wahlen zu verschaffen, soweit sie in der zerfahrenen Situation eben möglich sind. Die Nichterneuerung der Ausnahmegesetze für Irland, welche Lord Carnarvon in Aussicht stellte, dürfte schon eine gute Wirkung in der öffentlichen Meinung erzielen. Ebenso in der äußeren Politik wird Salisbury, auch wenn er überall dieselben Fäden aufnimmt, wie sie das Cabinet Gladstone gesponnen, ein günstigeres Urtheil erzielen können. Die Frage ist eben, wie er sie weiter entwickeln wird. Der Zusammenstoß zwischen England und Rußland in Asien läßt sich wohl hinausschieben, aber nicht aufschieben. Für diese Eventualität muß Salisbury sich vorbereiten. Je eher er fertig wird, desto besser, denn in der Zwischenzeit wird auch seine Diplomatie einen festeren "Willen gegenüber Rußland zeigen und günstigere Urtheile erzielen können, wie man sie über Gladstone gefällt hat. Aehnlich ist's auch in Aegypten. Wenn Salisbury sich fest entschließt: Das und das vom Sudan muß bei Aegypten bleiben, um eine gesicherte Grenze gegen die Barbaren zu haben — und wenn er dann die bisherige Schaukelpolitik beseitigt und mit Energie sich auf die Erhaltung und gute Verwaltung des Behaltenen einrichtet,
ö Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von 6. 8.
Zum größten Staunen des ehrlichen Bastian ließ er letzteren noch am selben Tage seinen Koffer zu einer längeren Reise packen, schärfte ihm die größte Vorsicht und Wachsamkeit hinsichtlich aller Neugierigen und Fremden ein und nahm dann Abschied von ihm und Reinhold, welcher ihm traurig Lebewohl sagte.
Holberg hatte Reinhold jene glückliche Nachricht über Luise noch nicht mitgetheilt, aus Furcht, er möge dann in seiner Freude den Wald verlassen, oder durch irgend eine Extravaganz seinen ganzen Plan, dessen Verwirklichung bei ihm zur fixen Idee geworden, zerstören.
Nur Muth, mein Junge!" sagte er deshalb bei Abschiede, „ich habe die gewisse Ahnung, daß noch alles gut und hell für Dich wird; nur selber kräftig und mit ernster Willenskraft vorwärts geschaut, mag die Vergangenheit versenkt sein ins Meer, wo's am tiefsten ist, die Zukunft sei Dein. — Apropos," setzte er nach einer kleinen Weile, in welcher er ihn sinnend betrachtet hatte, hinzu, „ich gehe vielleicht auch einmal nach Deiner Vaterstadt, soll ich die Mutter von Dir grüßen?"
„Die Mutter," wiederholte Reinhold leise, und Todtenbläffe überzog sein Gesicht; „o, sagen Sie ihr lieber, daß ich tobt sei."
„Unsinn," lächelte Holberg, ich werde ihr einen fröhlichen Auferstehungsgruß von dem Sohn bringen. Und ist denn sonst Niemand in der Heimath, wel- chen ein Gruß von Dir erfreuen könnte?"
„Niemand!" seufzte der junge Mann, „man flucht dem Mörder, der über seine Freude, Kummer und Thränen gebracht."
„Ich werde sicherlich nach dem Gartenhäuschen gehen," fuhr Holberg ruhig fort, „vielleicht finde ich die kleine Marie schon als glückliche Hausfrau, — fünf Jahre verändern oft viel im Menschenleben." , .
„Glücklich der Mann, welcher diese Perle fern nennt," sprach Reinhold düster.
„Ich glaube, mein Freund, daß Du sie emst ziemlich schnöde mit den Füßen von Dir gestoßen hast, diese Perle," versetzte Holberg scharf.
„Unmöglich, wie kommen Sie auf diesen Gedanken?" stammelte Reinhold verwirrt.
„Nein? — nun dann ist's gut, ich dachte es nur. Im übrigen hättest Du ganz vortrefflich für die kleine Künstlerin gepaßt, mein Junge! aber der Satan selber machte Dich blind. Nun, gehab'
Dich wohl, lebe verborgen wie bisher, die Gefahr ist nicht vorüber."
In der nächsten Viertelstunde saß der Professor in einem kleinen Wagen, der stets, mit einem munteren Ponny bespannt, von Bastian zu seinen Geschäftswegen benutzt wurde, und rollte der einige Meilen entfernten Eisenbahnstation zu. —
Reinhold aber bestieg den Thurm, um hier ungestört träumen zu können. Zum ersten Male nach langer, langer Zeit waren seine Gedanken ruhiger, friedlicher geworden, es war ihm, als müsse des Professors friedliches Wort wahr werden, und er frei und fröhlich wieder zum Himmel emporblicken können. Und da waren sie alle, welche ihm in Liebe und Freundschaft nahe standen im Leben, die Mutter, welche so viel um ihn gelitten und die er ganz vergessen im Strudel wilder Leidenschaft; — dort sah er das kleine freundliche Gartenhaus, er sah das Licht herüberschimmern nach der Straße, welches so oft sein Leitstern gewesen an einem traulichen Abend. Und, wunderbar, nicht Luise war's, welche sein Auge meist immer und immer nur in jenen Räumen erblickt, er sah Marie am Klavier, wie ihre feinen, schlanken Finger so geläufig über die Tasten irrten und das sanfte Antlitz im Feuer der Begeisterung