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Mittwoch, den 8. Juli

1885

Fuldaer Zeitung.

Die »Fuldaer Bettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Psg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.» auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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* Verbot der Kinderarbeit.

Emen sehr erfreulichen Beschluß hat die Darm­städter Lehrerversammlung gefaßt, nämlich gegen die Kinder- und Frauenarbeit; das liefert den Be­weis, daß die Arbeiterschutzideen des Centrums sich selbst in solchen Kreisen Bahn gebrochen, welche auf ganz verschiedenem religiösen wie politischen Standpunkte stehen. Das Verdikt des Lehrertages ist aber um so höher anzuschlagen, als es von einem deutsch-freisinnigen Reichstagsabgeordneten (Halben) angeregt wurde, und es ist um so spon­taner, als die Regierung jener Forderung weniger sympathisch gegenübersteht. Bekanntlich hat Fürst Bismarck im Reichstage wohl über die Sonntags- nrhe und gegen den Normalarbeitstag gesprochen, aber über das Verbot der Arbeit von Kindern und von verheiratheten Frauen in Fabriken kein Wort gesagt. Die Forderungen des Centrums in Betreff dieser beiden Punkte sind dann von der Kommis­sion des Reichstages wegen mangelnder Zeit nicht mehr erörtert worden. Das Verdikt des Lchrer- tages wird also für die Berathungen der Kommis­sion um so mehr ein Sporn sein, als das Votum einstimmig angenommen wurde, und als selbst die freikonservative,Post' einigermaßen über die Aus­dehnung der Kinderarbeit entsetzt ist! Rach der Enquete von 1876, die Abg. Hitze in seinem Werke „Die soziale Frage" erwähnt, wurden damals in Deutschland 88,000 (in Preußen allein 47,000) Arbeiter unter 16 Jahren beschäftigt, davon waren 24 Prozent 12 bis 14 Jahre alt, 60 Prozent »naben unö 40 Prozent Mädchen. Und 1883? Da wurden bereits 124,276 jugendliche Arbeiter 14 bis 16 Jahren und 18,395 Kinder unter 12 bis 14 Jahren in deutschen Fabriken be­schäftigt. Die Zunahme ist also ganz bedeutend. Noch betrübender aber ist die Thatsache, daß die Beschäftigung der Kinder beim Bergbau in den Jahren von 1881 bis 1883 zugenommen hat, und zwar von 492 auf 646 gestiegen ist. Der Lehrer­tag erklärte sich natürlich deshalb gegen die Kin­derarbeit, weil sie direkt der Aufgabe der Schule widerspricht. In der Thal, wozu baut man luf­tige Schulhäuser, wenn man die armen Kinder in dumpfen Fabrikräumen einpferchen läßt? Das kann die geistige und körperliche Ausbildung der Kinder nur verkümmern. England hat in dieser Beziehung sehr traurige Erfahrungen machen müs-

ä Marie Seewald. (M

Eine Erzählung aus dem Leben von t. D.

„Sage lieber, daß mein Haß und meine Ver­achtung Dir Deinen knabenhaften Trotz zurückgeben würde," versetzte Holberg ruhig, „was weiß ein Sclave seiner Leidenschaft von Mannesmuth? Laffen wir die Phrasen, sie sind völlig unnütz und zeit­raubend. Beantworte mir eine Frage, doch auf­richtig, war, — jede Lüge soll Dir doppelt ange- rcchnet werden in dem Schuldbuch Deiner Bergan- Neuheit. Liebtest Du jenes Weib noch immer, als Du sie mordetest?"

Einen Augenblick zögerte Reinhold mit der Ant­wort, dann versetzte er mit fester Stimme: „Rein, ,n jenem Augenblicke war ich frei von der wilden unheimlichen Leidenschaft, ich haßte sie eben so Mhend, wie ich sie vordem geliebt."

»Gut, ich glaube Dir, — und nun höre, was '4 über Dein Schicksal beschloffen. Ich werde Dich hier in meinem Hause verbergen, bis die erste Gefahr für Dich vorüber ist; dann gehst Du nach Amerika und wirst Landmann, für das erste Roth- Endige werde ich sorgen; zeige mir, daß es Dir tn,ft ist, mit Deinem Namen, den Du natürlich

sen, ehe es sich zu gesetzlicher Abhülfe entschloß. In Folge der Beschäftigung der Kinder in der Fabrik mit ihrem Staub und ihren vergiftenden Gasen, denen schließlich auch abgehärtetere Orga­nismen als die jugendlichen sind, erliegen, nahm die Sterblichkeit in wahrhaft erschreckendem Maße zu. Waren ja auch, namentlich in Folge der Kinderarbeit, früher 68 Procent der militär­pflichtigen Bevölkerung des Elsaß Militär un­fähig, und in einigen Fabrikdepartements sogar 90 Prozent! Daß aber ein verkrüppelter und verkümmerter Menschenschlag, wie ihn die Kinder­arbeit zeitigt, auch geistig nicht geweckt werden kann, hat England in der Rauchatmosphäre von Lancashire erfahren. Soll nun das deutsche Reich, das so vielen Werth auf die Soldaten legt, auch erst solche Erfahrungen machen, ehe es sich zum Verbot der Kinderarbeit entschließt?

Es ist ja richtig, daß pekuniäre Rücksichten die Eltern bestimmen, wenn sie die Kinder in die Fabrik schicken. Aber einmal ist der Lohn der Kinder sehr niedrig, und dann nehmen sie den 200,000 Arbei­tern, die augenblicklich als Vagabunden herum­irren, den Verdienst, ganz abgesehen von dem spä­teren Siechthum, das bei Schonung der jugendlichen Kraft vermieden werden würde. Jndeffen solchen Widerstand wie dem Verbot der Sonntagsarbeit dürfte Fürst Bismarck dem Verbot der Kinder­arbeit, falls die Sache vor den Reichstag kommt, doch wohl nicht entgegensetzen. Und weshalb nicht? Weil eben Preußen tüchtigen Soldaten mehr Beach­tung schenkt, als den angeblichen Rücksichten auf die Industrie. Mit vollem Recht he>o oer Lehrec- tag ferner hervor, daß die Kinderarbeit in den Fabriken alles Pietätsgefühls für die Eltern ersticke. Die diesjährige Versammlung des „Arbeiterwohls" in Aachen hat dafür auch den Grund angegeben. Die in der Fabrik beschäftigten Kinder werden zu früh selbstständig, sie entziehen sich dann als jugendliche Arbeiter bald der elterlichen Aussicht und fallen dadurch den größten sittlichen Ge­fahren anheim. Das wirkt aber wieder auf das ganze Familienleben schädlich ein, und darum rief der Reichstagsabgeordnete Halben in Darmstadt mit Recht aus: „Gebt die Kinder der Familie zurück!" Das Verbot der Kinderarbeit ist aber auch zur Abwehr schwerer sozialer Schäden drin­gend nothwendig. Der sieche, schon in der Jugend zur Verzweiflung gebrachte und später in Folge

ablegen mußt, auch Deinen alten Menschen abzu­legen. Gründe Dir selber in der neuen Welt einen eigenen Herd, und Du kannst noch glücklich werden."

„Glücklich mit einem Mord aus der Seele?" seufzte Reinhold.

„Jenes Weib hatte Dich schmählich unterjocht und dann betrogen und hintergangen, ja bis aufs Blut beleidigt, Du rächtest Dich, das ist alles. Was nützt es der Welt wenn Du ebenfalls geopfert wirst? Also Muth, den Kopf oben, die Zeit hilft über vieles hinweg, und dann ist ja noch nicht ausgemacht, ob die Geschichte einen tödtlichen Aus­gang genommen, in diesem Falle kann die Lektion ihr nicht schaden."

Reinhold saß unbeweglich auf dem Stuhle und Thräne um Thräne rann aus seinen Augen, plötz­lich erhob er sich und stürzte auf die Kniee, beide Hände flehend gegen Holberg erhoben.

„O, die Scham tobtet mich," stammelte er, „jetzt erst rächen Sie sich, in diesem Augenblick erkenne ich erst ganz, was ich gegen Sie verbrochen, — und einen solchen Mann konnte ich hintergehen, so bübisch ihm den letzten Glauben an die Mensch­heit rauben. Nein, nein, meine Sünde ist so groß, daß sie mir nicht vergeben werden kann."

der Ueberanstrengung zur Arbeit unbrauchbare Mensch ist der Verbündete aller Mißgestimmten, und insofern kann man sagen, daß die Kinderar­beit, zumal bei ihr keine gründliche religiöse Er­ziehung möglich ist, geradezu für die Sozialdemo­kratie präparirt. In Berlin besonders stellten jugendliche Arbeiter das größte Kontingent zu den sozialdemokratischen Versammlungen. Es wäre unter diesen Umständen gewiß sehr wünschenswerth, in Petitionen beim Reichstage für das Verbot der Kinderarbeit einzutreten.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juli.

* Zu dem Frankfurter Anarchistenmord schreibt das .Leipz. Tgbl.':

„Das Wichtigste bei diesem Prozesse ist die Gewißheit, daß eine im Geheimen wirkende Mordbande besteht, welche der vorhandenen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung den Tod geschworen hat. Der Fürstenmord und der Mord der Vollzugsbeamten ist diesen Leuten nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck besteht in dem Umsturz von Grund aus. Die Urheber der Morde in Wien und Frankfurt a. M. haben in der Schweiz ihren Sitz, das ist durch den Verlauf der Prozesse gegen Kammerer und Stellmacher und gegen Lieske klar erwiesen, aber leider ist auch die Thatsache durch die Prozesse klar gestellt worden, daß diese Urheber unbekannt sind. Es ist vor einiger Zeit eine Anzahl verdächtiger und der Gemeinschaft mit den Anarchisten überführter Personen aus der Schweiz ausge­wiesen worden; ob sich ein Hauptanführer darunter be­findet, ist nicht bekannt. Die Fäden, welche von der Schweiz nach Frankfurt führen, sind nicht ermittelt wor­den, es sind nur Anzeichen vorhanden, daß sie mit dem Morde am Polizeirath Rumpfs verbunden waren. Leider ist nach den Erfahrungen, w-lche die Verhandlung gegen Lieske gebracht haben, die Befürchtung nicht ausgeschlossen, daß die Bande weitere Schandthaten verüben wird. Lieske hat gegen einen Zeugen geäußert, daß Hinrichtungen Verbrechen, wie sie Kammerer und Stellmacher verübt haben, nicht zu hindern vermögen. Der Fanatismus ist freilich durch keine Strafe aus der Welt zu schaffen, aber wenn die Umsturzmänner sehen, daß ihnen die Behörden scharf aus die Finger passen, so werden sie dadurch doch zur Vorsicht gemahnt werden. Auch der Nihilismus in Rußland ist durch festes Auftreten in gewisse Schranken gebannt worden; möge es bald gelingen, das eigent­liche Rest des Anarchismus aufzudecken und auszu­heben.

* Es ist Aussicht vorhanden, daß dem nächsten preußischen Landtage die Kanalvorlage endlich auf's Neue vorgelegt wird. Bekanntlich hat das Abgeordnetenhaus, nachdem die Inangriffnahme des Rhein-Ems-Kanals an dem Widerstande des Herrenhauses gescheitert war, in diesem Frühjahr

Der Profeffor hatte sich erhoben und schritt einige Male heftig auf und nieder.

„Entschließe Dich", fuhr er ernst fort, indem er vor ihm stehen blieb, „es ist der einzige Ret­tungsweg, — kennst Du jedoch einen besseren, wohl, dann benutze ihn, ich bin's zufrieden."

„Ich weiß keinen andern, als den Tod!" seufzte Reinhold.

„Nun dann, zum Henker! hänge Dich meinet­wegen auf, es sind Bäume genug im Walde und einen Strick will ich Dir schenken," rief Holberg ärgerlich.

„O, Verzeihung!" murmelte der unglückliche junge Mann, „ich will ja alles thun was Sie wünschen!"

„Gut, dann steh' auf," befahl der seltsame Manu, folge mir!" Er nahm eine Kerze und führte ihn in eine Kammer, wo Reinhold zum ersten Male wieder fest und ruhig zu schlafen vermochte.

Holberg aber kehrte noch einmal auf seine Stern­warte zurück; — hier konnte er unter Gottes freiem Himmel noch einmal alles leichter durch­denken, was er soeben vernommen und einen wohl­geordneten Plan zu der Rettung des Unglücklichen entwerfen, den er noch immer liebte und so gern recht glücklich gesehen hätte.