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Dienstag, den 7. Juli

1885.

Fuldaer

(1$

ä Marie Seewald.

Eine Erzählung aus dem Leben von E. |.

Auf dieses Blatt werden bei allen eäSHk Postanstalten, für Fulda bei der Expedition, Abonnements für die Monate Juli, August und September zu dem Preise von Mk. 1.5», excl. Bestellgeld, angenommen.

Als der Professor diesen Brief gelesen, wurde sein Gesicht steinern wie vordem, — er barg ihn ruhig in seiner Brusttasche, bezahlte mit dem Gelde, welches er bei seiner Ankunft eingewechselt und in der Börse bei sich trug, die Hotelrechnung und be- gab sich aufs Schiff, das noch am selben Morgen die Anker lichtete.

Es war dasselbe Schiff, mit welchem sie vor einem Jahre herübergekommen, der Kapitän nahm ihn auch ohne Vorausbezahlung des Paffagegeldes bereitwilligst mit und ungefährdet langte das Schiff in dem Hafen von Hamburg an.

Holberg war in der That nach diesem Schlage aus einem Sonderling zum Menschenseinde geworden, er haßte alles, was ein menschlich Antlitz trug und suchte seinen alten Bastian, den er vor drei Jahren mit einer kleinen Pension auf Wartegeld gesetzt, wieder auf, um ihn, der so gut zu ihm paßte, mit in die Einsamkeit des Waldhauses zu Aehmen. Vorher löste er alle Verhältnisse, welche ihn noch mit der Welt verknüpften, und blieb nur noch mit seinem alten langjährigen Banquier in Verbindung,

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Juli.

• lieber die Ansprüche des Herzogs von Cam- bridge auf den braunschweigischen Thron äußern sich die hiesigen liberalen Blätter sehr absprechend. So sagt die ,Voff. Ztg.': „Schade, daß der Herr Herzog nicht unfern Leitartikel über die Legitimität gelesen; er hätte vieleicht bemerkt, daß das S t a a t s- wohl jetzt in Deutschland der Legimität über ist." Die Zukunft wird sicherlich Anwendungen dieses Satzes bringen, an welchen man in Berlin weniger Freude hat.

* In der ,Nordd. Allgem. Ztg.' schreibt man sick Die Finger lahm zum „Nachweise", daß bezüglich der Arbeiterschutzgesetzgebung Nichts geschehen könne, weder in Sachen der Sonntagsruhe, noch der Maximalarbeitszeit u. s. w. Will das hochosfiziöse Blatt nicht endlich, wenigstens zur Abwechselung, wieder einmal irgend etwas sagen, was denn nun eigentlich für die Arbeiter geschehen soll, wann es geschehen soll, was davon etwa an Erfolgen zu erwarten sei u. s. w.? Was nicht geschehen soll, ist ja klar, aber was geschehen soll, verschwindet immer mehr im Nebel. Die hochtönenden Worte „Bismarck'sche Sozialreform", „Fürst Bismarck als Anwalt der Armen und Schwachen" und bergt, sind jetzt über vier Jahre alt. Und seit diesen vier Jahren besteht die ganze sozialreformerische Leistung im Kranken- und Unfallversicherungsgesetz. Wir sagen das nicht, um diese Gesetze herabzusetzen, deren Wichtig- feit für den einzelnen Arbeiter, welcher durch Unfall oder lange Krankheit in die traurige Lage kommt, ihre ganze Wohlthat zu erfahren, wir gewiß nicht verkennen. Aber das Wort „Sozialreform", auf diese Leistungen angewandt, erweckt doch ironische Gedanken, und deshalb ergeht noch einmal an die ,Nordd. Allg. Ztg.' die Bitte, im Ernste oder wenigstens zur Abwechselung auch wieder einmal von Maßregeln zu reden, welche auch nach ihrer Ansicht noch für die Arbeiter getroffen werden könnten, und zugleich zu sagen, wann etwa auf

die Inangriffnahme dieser Maßregeln zu rechnen sei. Der Glaube der Arbeiter an die „ Bismarck'- sche Sozialreform" war nie allgemein und selten sehr groß. Aber auch, wo er bestand, ist er jetzt zum Theil schon wieder verschwunden und droht allenthalben ertödtet zu werden.

* Der jetzt fertig gestellte Abschluß der Reichs­hauptkasse für das Etatsjahr 1884/85 ergibt ein Defizit von 5,700,000 Mk., statt, wie ursprüng­lich angenommen, von 141/2 Millionen. Das günstige Ergebniß ist hauptsächlich durch den Mehr- Ertrag der Rübensteuer erzielt.

• Die langwierigen Verhandlungen, welche zwi- scheu den Testamentserben und den Jntestaterben des verstorbenen Herzogs Wilhelm von Braun­schweig stattgefunden haben, find in den letzten Tagen durch einen rechtsgiltigen Vergleich, welcher von den Bevollmächtigten der streitenden Theile in Darmstadt abgeschlossen worden ist, definitiv been­digt worden. Als Bevollmächtigter fungirte der Adg. Dr. Windthorst für den Herzog von Cum­berland, Jnstizrath Dehme aus Leipzig für den König von Sachsen und Justizrath Lotheisen für die Jntestaterben, die Prinzessin von Hohenzollern- Sigmaringen, die Herzogin Max in Bayern und den Prinzen Alexander von Hessen. Die letzteren erkennen auf Grund des Vergleiches den Herzog von Cumberland und den König von Sachsen als gültige Testamentserben an und empfangen eine haare Schadloshaltung für ihren Verzicht im Be­trage von P/2 Millionen Mark. (Fr. Zta.)

* Hr. Rickert, der Fahnenträger des Man- chesterthums, scheint jetzt sein Glück mit den Frauen versuchen zu wollen. In der Generalversammlung des Vereins zur Verbreitung der Volksbildung in Posen reklamirte er für die Frauen Gleichberech­tigung mit den Männern in Bildungsvereinen und warf die Frage auf, warum sie nicht an der Wahl von Geistlichen Theil nähmen und nicht Sitz und Stimme in den Schulvorständen hätten!

* Dem Kaiser in Ems und dem Reichs­kanzler in Kissingen wurde der Spruch der Ge­schworenen und das Urtheil des Gerichtshofes im Prozeß Lieske sofort telegraphisch gemeldet.

* Leipzig, 5. Juli. Einem elenden De- nuncianten ist hier der gebührende Lohn für seine Schusterei geworden. Hierselbst besteht eine Tabakhandlung unter der Firma Seidel & Sonn­tag. Die Leute treiben ihr Geschäft, wie Andere da er doch keine Lust verspürte, wie die Thiere des Waldes von Wurzeln und Kräutern zu leben und demnach auch Geld gebrauchte.

So waren zwei Jahre in dieser Einsiedelei ver- gangen; wie er gelebt und gepeinigt wurde von der Erinnerung, die er gewaltsam von sich abzu­trennen vermeinte, haben wir gesehen. Wie sein Herz noch immer trotz seines Menschenhaffes mit dieser Menschheit, die er gründlich verachtete, zu­sammenhing, sahen wir ebenfalls ans dem Briefe des Banquiers, da er dem Manne, der ihn so schmählich betrogen, noch fortwährend und heim­lich Wohlthaten erwies.

Er war ein wahrhaft edler Mann, deffen rauhe Hülle einen seltenen Kern barg. Die ganze Ver- gangenheit zog in dieser stillen Nacht wie ein Nebel­bild an seinem Geiste vorüber, — er litt noch einmal den ganzen Schmerz jener Stunden durch und seufzte oft schwer auf.

Da war's ihm, als tönte em Echo diesem Seuf­zer nach, er schüttelte mit einer energischen Be­wegung die Träume von sich ab und richtete sich in seinem Seffel empor, um zu horchen.

Stand da an der Thür ihm gegenüber nicht eine fremde Gestalt im zerriffenen Rock, mit geister- bleichem Gesicht und hohlen Augen?

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auch. Sie beschäftigen Arbeiter, sie geben Roh­materialien auf Credit, haben natürlich auch bis­weilen mit säumigen und nachlässigen Kunden Streit. Der Geschäfts-Inhaber, Herr Sonntag, ist ein Mann, dem Politik nicht viel Kopfzerbrechen macht. Er ist ein loyaler Steuerzahler, steht mit vielen höheren Beamten auf dem freundschaftlichsten Fuße und läßt im Uebrigen Gott einen guten Mann fein. So schien es wenigstens äußerlich, bis am 29. April des laufenden Jahres ein Brief bei dem Fürsten Bismarck eintraf: „Herr Sonntag ist Anarchist, ein ganz gefährlicher Anarchist. Er hat mich beauf­tragen wollen, den Kaiser und den Reichskanzler zu tobten; allein ich will das nicht thun und kann das nicht thun . . ." Zum Glück behielt das Sprüchwort Recht: „Blinder Eifer schadet nur!" Der Denunciant, der Cigarrenarbeiter Friedrich Dswald Vorwerk, hatte die Sache zu eilig. Sein Bries wurde nicht einfach, wie man vielleicht hätte erwarten sollen, in den Papierkorb befördert, son­dern einer weiteren Recherche werth erachtet — zum Gluck für die Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, die Verhältnisse genau zu untersuchen, Herrn Sonntag zu überwachen, und über Herrn Vorwerk sich zu informiren. Allein ehe diese Un­tersuchungen zum Abschluß gediehen, glaubte Vor­werk ein Weiteres thun zu müssen, um Staat und Gesellschaft und Thron zu retten. Er reifte nach Berlin, um den Eindruck seines Brieses durch per­sönliche Mittheilungen an den Fürsten Bismarck zu verstärken. Es gelang,, dem Denunciauten jedoch nicht, bis zürn KanzMWMU^ vorzudrmgen; dazu erweckte sein Aeußeres in den Vorzimmern nicht das genügende Vertrauen. Dagegen führte ihn ein Criminalbeamter auf das Polizei-Präsidium, wo der in Rachsucht verrannte Mensch die Geschichte von dem anarchistischen Attentatsplan in allen Ein­zelheiten zu Protokoll gab, um bann heitersten Muthes nach Leipzig zurückzukehren. Die Ermit­telungen an Drt und Stelle ergaben indeß, baß Herr Sonntag über den Verdacht anarchistischer Gesinnung ober gar verbrecherischer Morbpläne burchaus erhaben sei, der Denunziant dagegen ein mehrfach bestraftes Subject, das dem Denuncirten feit geraumer Zeit Geld schuldig war, trotz aller Mahnungen nicht bezahlte und daher schließlich verklagt wurde. Statt seine Schuld zu tilgen, ging er hin und benuncirte, und neben der sofortigen Verhaftung seines Gläubigers, die er wiederholt

Es mußte eine Täuschung sein, da er, wie er sicher wähnte, die Hausthür fest verschloffen hatte, — freilich das Zimmer tag parterre und die Fen- fter standen weit offen, da er die dumpfe Zimmer- lüft selbst im Winter nicht vertragen konnte.

Der Mann mußte während seines Träumens hineingestiegen sein.

„So hast Du mich gefunden, das ist gut, sprach der Professor plötzlich, nachdem er ihn einige Augenblicke fest angeblickt, „tritt näher, Unglück­licher !"

Er selber erhob sich rasch aus seinem Seffel, um die Fenster zu schließen und die Vorhänge herunter zu laffen.

Auf dem bleichen Antlitz des fremden Mannes kämpften Hochmuth und Zerknirschung einen harten gewaltigen Kampf mit einander. Plötzlich stürzte er auf feine Kniee und schluchzte dumpf: „Ver­zeihung ! Verzeihung! ich sterbe vor Hunger!"

„Soweit mußte es kommen, o Menschen, Men­schen !" murmelte Holberg, „steh' auf", fetzte er lauter hinzu, „setz' Dich an jenen Tisch, ich will Mr zu effen bringen."

Er ging selber um Wein, Brod und Fleisch zu holen. Nach einer Viertelstunde hatte der Fremde seinen Hunger gestillt; — er erhob sich, warf