1885*
Dienstag, den 30. Juni
Fuldm
Die .Fuldaer Reituna' erscheint täalich. Sonn- und Feiertaae ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementsprels ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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Wie schon oben angedeutet, begegnet das .Düsseldorfer Volksbl.' dieser zuerst von ihm gebrachten Nachricht mit einem sehr starken Pessimismus, indem es schreibt: „Wenn die Nachrichten wahr sind, so dürfen wir wohl fragen: Lohnt es sich noch der Mühe, von einem Kampfe auf Seite der preußischen Katholiken für die Rechte und Freiheiten ihrer Kirche zu reden? 2ltf dem Tage, der uns die letzte Spur der Hoffnung, die Nachrichten könnten sich nicht bestätigen, rauben wird, müssen wir fragen: Also doch geschlagen; unterlegen, besiegt ?! Moriamur!!
Die .Köln. Volksztg.' erwidert der rheinischen Kollegin: „Wir sind wahrlich keine Optimisten in kirchenpolitischen Dingen, und zwar je länger, je weniger; aber in den vorstehenden Zeilen erblicken wir doch den Ausfluß eines unberechtigten Pessimismus, vielleicht das Ergebniß einer jener finstern Stunden, wie sie in unsern Tagen jeder Katholik durchzumachen hat, der es mit seiner Kirche ehrlich meint." Und ferner: „Die preußischen Katholiken werden stets auf Wachsamkeit und Mißtrauen angewiesen sein; aber sie haben darum keine Veran- lasiung, die Flinte in's Korn zu werfen und die Frage zu stellen: „ob es sich noch der Mühe lohnt, von einem Kampfe auf Seite der preußischen Katholiken für die Rechte und Freiheiten ihrer Kirche zu reden". Dieser Kampf ist schwer, aber er wird geführt und wird fortgeführt werden, uno wir zweifeln nicht, daß auch das ,Düsseld. Volksbl.' sich durch trübe Anwandlungen nicht abhalten läßt, in diesem Kamps wie ÄShMMre» Manu s .-stehen."
Andererseits aber sollten den ohnehin so schwer geprüften und tief besorgten preußischen Katholiken doch auch möglichst Prüfungen dieser Art erspart bleiben, da die schon in den Sachen liegenden Prüfungen wahrlich schwer genug drücken. Die katholischen Schlachtreifen stehen heute noch vollständig muthig da; aber zu leugnen ist nicht, daß dieser Muth etwa bis zum Jahre 1880 leichter zu erhalten war, als seitdem, und daß deshalb sorgfältiger als je Alles vermieden werden muß, was mißverständlich, verwirrend und deshalb auf die Dauer entmuthigend wirken könnte.
Der Moniteur de Rome' betont den provisorischen Charakter der Verfügung, die er aber erst in der Version des .Düffeld. Volksbl.', noch nicht im Mortlaut kannte. Der .Moniteur' nennt das Circular, so wie er es kennt, „eine Maßregel
Bei dem bevorstehenden Quartalswechsel (1. JuliM85) werden die verehrlichen Abonnenten gebeten, ihr Abonnement bei den Kgl. Postanstalten schleunigst zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. Juli erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg. höhere Gebühr.
** Der Paderborner Studien-Erlaß.
Aufsehen erregt seit einigen Tagen eine vom 17. Februar datirte, erst jetzt in die Oeffentlichkeit gelangte Verfügung des General-Vikariats der Diözese Paderborn an die Geistlichen, welche die Vorbildung der Aspiranten für das Priesteramt behandelt. „Anerkennung der Maigesetze?" fragt die ,D. Rchsztg.'. „videant Consules“ mahnt die ,Köln. Volkszeitung'. „Also doch!" ruft das .Düsseldorfer Volksblatt' und ergänzt den Ruf zuletzt durch den Satz: „Also doch geschlagen, unterlegen, besiegt! Moriamur'', wogegen sich die.Germania' das entscheidende Wort bis nach näherer Aufklärung und gründlicher Prüfung vorbehält.
Was steht denn in jener Verfügung? Die Geistlichen werden angewiesen, den jungen Leuten, die Theologie studiren wollen, in Erinnerung zu bringen, daß sie nach Ablegung des Abiturientenexamens sechs Semester auf deutschen Universitäten zu studiren, während der ersten Semester auch Vorlesungen aus dem Gebiete der Geschichte und deutschen Literatur zu hören und sich über den Fleiß im Besuch derselben am Schluffe eines jeden Eem-ster» von den b-rreffend-m Dozenten ein Zeug- niß zu erbutcn - haben. Mehrere Blätter hatten auch behauptet, es sei zugleich angeordnet, es solle in Zukunft Niemand mehr die Priesterweihe erhalten, der den Vorschriften der Verfügung nicht entsprochen habe. Von anderer Seite wurde dies in Abrede gestellt und in der Verfügung selbst ist ja auch eine derartige Androhung nicht zu sinden. Wie aber heute die ,Köln. Volkszeitung' mittheilt, verhält sich die Sache so, daß denjenigen, welche den Nachweis der vorgeschriebenen Vorbildung nicht erbringen können, sowohl der Eintritt in das Priesterseminar versagt, als auch die Erlaubniß, sich die Subdiakonatsweihe ertheilen zu laffen, verweigert wird. „Es haben", so heißt es dann noch, „aus diesem Grunde Theologen der Paderborner Diözese ihre Entlassung aus dem Diözesanverband nachgesucht und erhalten".
ö Marie Seewald. <u
Eine Erzählung aus dem Leben von 6. 8-
Marie erhob langsam das Auge von ihrer Arbeit und versetzte ruhig:
„Darf ein Mädchen stets am Klavier zu finden sein?"
„Eine Künstlerin — ja — eine Stümperin L niemals — sie mag Strümpfe stricken; — ich mag « Sie gar nicht bei einer solchen Arbeit sehen, Marie! d — Oder — sollten Sie sich schon auf eine künftige hausbackene Ehe vorbereiten?"
„Ich bin es gewohnt, von Ihnen verspottet zu werden, Herr Professor!" sprach Marie nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit.
„Verspottet? — Von mir? — Ei, das wäre mir selber neu," lachte Holberg nun wirklich spöttisch, „wie empfindlich eine solche Künstlerseele ist. Zur Strafe Ihres häßlichen Argwohnes singen Sie mir jetzt ein Liedchen."
„Es ist mir unmöglich zu singen." versetzte Marie mit zitternder Stimme, „ich bin heiser."
„Ah, kapriciös wie eine Bühnenprinzessin," — rief Holberg stirnrunzelnd, „Sie sind entweder unglücklich oder unausstehlich launenhaft mein Kind!"
„Ich weiß in der That nicht, mein Herr, womit ich Ihre systematische Verhöhnung mir verdient habe," sprach das junge Mädchen mit Thrä- nen in den Augen, indem sie sich rasch erhob. „Seitdem Sie durch Reinholds Fürsprache unser Haus betreten haben, ist Ihre Gegenwart eine fortgesetzte Beleidigung, eine Reihe grausamer De- müthigungen, ja, die Quelle ungekannter unangenehmer Gefühle für mich geworden. Zum ersten Male empfinde ich den Haß und weiß, daß meine Seele desselben fähig ist."
Während sie diese Worte in höchster Aufregung, ja, fast mit einer Art wilder Genugthuung in athemloser Hast hervorstieß, stand der Profeffor vor ihr, sie mit düsteren Blicken betrachtend. Aus seinem Antlitz war jede Spur von Spott oder Hohn gewichen, nur ein leiser Anklang von Weh- muth vibrirte in den wie aus Stein gemeißelten Zügen.
„Sie Haffen mich also," sprach er nach einer kurzen Pause mit vollkommen ruhiger Stimme, „gut, ich will mich nicht beklagen, es ist noch immer besser als Gleichgültigkeit. Wenn meine Ausdrucksweise nicht immer salonfähig ist, so hätte ich bei Ihnen am allerwenigsten auf ein solches gänzliches Verkennen gerechnet, ich überschätze diese Weiber-
von exceptioneller Wichtigkeit" und sagt dann: „Es kann sich nur um eine provisorische Maßregel der bischöflichen Verwaltung zu Paderborn handeln, durch welche den Priestern vorübergehende Instructionen gegeben werden, um die augenblicklichen praktischen Schwierigkeiten zu vermeiden, in der Erwartung, daß die Frage der Priestererziehung definitiv gelöst werde . . . Das Circular kann keine andere Tragweite hiben." Das ist auch unsere Meinung, sagt die Germ.', und wir haben deshalb als besondere Schwierigkeit hervorzehoben, daß das Circular zwar sich als Provisorium b i s zur gehofften Wiedereröffnung der Paderborner bischöflichen philosophisch, theologischen Lehranstalt bezeichnet, aber sogleich zufügt, die Verfügung solle „künftig jedes Jahr" in Anwendung kommen. Dann würde die preußische Regierung gewiß keinen Anlaß haben, jemals wieder die Paderborner theologische Lehranstalt ins Leben treten zu laffen, denn sie sparte dann das Geld für diese Anstalt und das Studium auf den von dem Circular bezeichneten blos staatlichen Anstalten ist der preußischen Regierung lieber, als jedes Studium auf irgend einer kirchlichen Anstalt.
Genug! Wir sehen der Lösung aller dieser Schwierigkeiten und Fragen entgegen. Den preußischen Katholiken aber rathen wir, mit uns das letzte Wort noch zu suspendiren, und vor Allem die Tragweite der Sache nicht zu überschätzen. Die preußischen Katholiken haben den Culturkampf so geführt, daß sie verdient haben zu siegen, und sie sic werben siegen unter Führung ihres himmlischen Königs und seines Statthalters auf Erden. Die jetzige „dilatorische", „versumpfende" Periode des Culturkampfes neigt sich zu Ende. Nicht lange mehr kann dieses Hinhalten von Seite Berlins dauern. Wir kommen da^n einen tüchtigen Schritt weiter zum Frieden, oder es beginnt von Neuem der Kampf.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni.
* Heute sollte bekanntlich die Sitzung des Justizausschusses des Bundesraths zur letzten Berathung der draunschweigffchen Angelegenheit stattsinden. Diese Sitzung ist aber verschoben worden, weil verschiedene Mitglieder noch ohne Instruktionen sind; sie soll jetzt Mittwoch oder Donnerstag statt
seele, das ist Alles. Im Uebrigen sind Sie be- reits mit dem letzten Tage des alten Jahres von meiner verhaßten Gegenwart befreit. Ich reise Morgen mit dem Frühzuge ab."
Marie zuckte heftig erschreckt zusammen und ihr Antlitz wurde um einen Schatten blässer.
„Sie erschrecken, anstatt sich zu freuen, mein Kind! Freihlich, ich nehme ihren freundlichen Reinhold mit mir, um ihn in der Fremde zu kuriren."
Marie schien seine letzten Worte nicht verstanden zu haben; wie einem Traum befangen und unter dem Druck einer zwingenden Nothwendigkeit, schritt sie in das anstoßende Zimmer, zündete die Klavierkerzen an und sich umwendend sprach sie mit tonloser Stimme: „Welches Lied wünschen Sie, Herr Profeffor?"
Dieser schaute sie finster und erstaunt an und eine rauhe Antwort schwebte auf den zusammengepreßten Lippen. Marie's blasses Antlitz, auf welchem der Schmerz so unverkennbar in großen Lettern geschrieben stand, entwaffnete ihn. Er schritt zu ihr hin und sagte, indem er sein Taschenbuch hervorzog und ein Blättchen herausnahm: „Ich fand unter meinen Papieren diesen Vers mit Musik dazu, woher er stammt, weiß ich nicht, — bitte,