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JV 144

Sonnabend, den 27. Juni

1885.

2>e .Fuldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk 50 Ma belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. '

Inserate: Dre einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

— mit der

Zweites Blatt.

* Die Königsbauten im bayrischen Hochland.

Vom bayrischen Hochland erhält die,Frkf. Ztg.' folgenden „authentischen" Bericht: Auf den Luxus­bauten des Königs von Bayern herrscht gegen­wärtig eine fieberhafte Thätigkeit. Die Eilfertig­keit der Unternehmer angesichts der kurzen Bau­termine gab mir die seltene Gelegenheit, vermöge meiner geschäftlichen Verbindungen alle Werkplätze persönlich zu begehen, so daß ich in der Lage bin, ein ungefähres Bild von der Sache zu geben. Das großartige Königsschloß auf der Insel Herren- Chiemsee, ein potenzirtes Versailles, ist auf der äußeren Gartenseite bedeckt mit dem ganzen Material der Wasierwerke, welche die riesigen Fontänen, Cascaden und Bassins zu speisen haben. Eine einzige Stunde soll zur Belebung dieser Wasser­künste ein größeres Wasserquantum erfordern, als die Residenzstadt München in einem ganzen Tag bedarf. Da ein Gefälle nicht vorhanden, muß alles durch Dampfmaschinen getrieben werden. Im Innern des Schlosses werden die für den persönlichen Gebrauch des Königs bestimmten Ge- mächer, sodann die sogenannte kleine Gallerte und das feenhafte Badezimmer fertig gestellt. Von der Pracht der Vergoldung, der Stickereien, der Dekorationen, Möbel und Geräthe, — alles im üppigsten Style von Louis XV. — macht man sich keinen Begriff. Die Frage, die sich zunächst Jedem auf die Lippen drängt, tuet soll dies alles bezahlen? verstummt unter dem Pochen und Hämmern der Hunderte von fleißigen Händen, die sich dort in fliegender Hast abmühen. — Die neue Burg von Hohenschwangau, welches in schwindelnder Höhe das bescheidene alte Schloß des Königs Maximilian II. überragt, und die bereits bewohnbar ist, sieht unter Anderem in ihrem großartigen Thronsaale ein Werk erstehen, welches in byzantinischer Pracht die Wunderträume der üppigsten Phantasie zu erfüllen scheint. Auch hier in Hohenschwangau ist unter den Künstlern ein Hasten und Drängen, das fast etwas Unheimliches und Beängstigendes hat. — Während in Herren- Chiemsee und in Hohenschwangau Unternehmungen älteren Datums ihrer Vollendung zuschreiten, er­öffnet sich seit Jahresfrist auf dem Schlöffe Linder­hof, diesem zierlichen Trianon zwischen den bayrischen Bergriesen, durch das Niederreißen der

ä Marie Seewald. (12

Eine Erzählung aus dem Leben von 8. A.

„Ungeschliffener Bär!" lächelte der Kaufmann, „ich wünschte nichts weiter, als daß Amor sich recht gründlich an Dir rächte. Doch hat er recht mit Reinhold, die kleine Kokette reist ihn ins Ver­derben, sein Plan ist gut, unterstützen wir ihn."

Acht Tage waren nach diesem Weihnachtsabend verfloffen. Es war am Sylvester.

Der Schnee knisterte unter den Füßen der Wanderer, es fror, daß die Zweige an den Bäumen im hellen Mondlicht wie der herrlichste Krystall schimmerten.

In dem kleinen Gartenhause der Wittwe See­wald war es an diesem Abend recht still und trau­lich. Eine behagliche Wärme erfüllte die beiden kleinen Zimmer und verband sich mit einem süßen Wohlgeruche, welcher einem wohlgeordneten Blumen­tische entströmte.

Seit dem Tage, daß wir Marie nicht gesehen, scheint eine seltsame Veränderung mit ihr vorge­gangen zu sein.

Das Antlitz, sonst so rosig von einer stillen,

alten Schlafzimmer und dem Neubau eines großen Schlafsaales im Style Louis XV. nach dem Muster jenes von Herren-Chiemsee, alles strotzend in Gold und reichster Stickerei, ein neues Feld der Thätigkeit für die Unternehmer, welche den neuen großen Anbau schon in wenigen Monaten fertig zu übergeben haben. — Ein anderes ganz neues Bau-Objekt ist das Bergschloß Falk en st ein an der österr. Grenze, welches auf einem weit in's Land vorspringenden Marmorkegel die Gegend be­herrscht, zu deffen Höhe bereits eine schöne Fahr­straße führt und welches mit seinen malerischen Zinnen und Thürmen bis zum Oktober dieses Jahres vollendet sein soll. — Ganz überraschend für den Wanderer ist ein seltsames neues Bauwerk, welches sich in der Gegend des Plansees unter dem Namen „Hubertuspavillon" als eine Rotunde im einsamen Waldthale aus dem Grunde erhebt, und deffen Zweck selbst den dabei beschäf­tigten Arbeitern unbekannt ist. Auch dieser Bau soll im Herbste fertig sein. — Bei Bauten von solchem exzentrischem Geschmack, von solcher ex- quisiten Prachtsucht handelt es sich um viele, viele Millionen. Diese großartige Bauthätigkeit steht in starkem Widerspruch mit den umlaufenden Ge­rüchten über die chronische Ebbe der bayerischen Kabinetskasse. Die Herren vom Hofe, welche im Gasthaus zur „Alpenrose" zu Hohenschwangau ge- niüthlich verkehren, tragen in der kritischen Finanz­frage die größte Zuversicht zur Schau, nicht minder die immerhin stark engagirten Unternehmer und Lieferanten, so daß alles zu dem Schluffe drängt, entweder bestehen große finanziel le Reserven, oder alles ist von einer unheilvollen Täuschung be­fangen, hinter welcher — eine Katastrophe steht.

Vermischtes.

sUeb ert rumpft.s In ein amerikanisches Redaklions- bureau trat ein kleiner sehr selbstbewußtauftretender Herr und bat, den Redakteur für das Fach „der öffentlichen Vergnügungen" zu sprechen. Diesem vorgestellt, zog der Fremde ein ca 10 Zoll im Quadrat haltendes Blatt Papier hervor und übereichte dasselbe. „Hier ist meine Karte, ich wollte mich mit ihnen wegen meines Cirkus besprechen, eines Riesen-Cirkus, des Cirkus der Cirkusse, mein Herr." Der Redakteur antwortete ruhig: „Hm, wollen einen „Puff" haben, nicht wahr?" „Gerade das", antwortete der Eigen- thüm.r des Riesen-Cirkus. „Beschreiben Sie, bitte, in Ihrem Blatt — 4 Meilen Käfige für wilde Thiere, darunter allein zwölf neue Arten von Elephanten und ein neuer­dings erst entdecktes Wunderthier aus Afrika, welches 3000 Pfd. wiegt. Unser Personal besteht aus 10,000 Personen, , ich importire Künstler ersten Ranges aus Europa zu 500 I

sanften Heiterkeit überhaucht, war bedeutend bleicher und ernster, das früher so klare Auge trübe und düster geworden.

Sie ordnete den Theetisch, wobei von Zeit zu Zeit ihr Blick nach der Uhr flog.

„Ich wollte, es käme Niemand heute Abend", flüsterte sie, „ich mag nicht spielen und auch nichts hören; der Kopf schmerzt mir zum Zerspringen. O, ich wollte, ich läge tief, tief unter der Erde. Warum die Natur mich gerade so häßlich, so un­liebenswürdig, so linkisch, so ganz anders wie meine schöne Schwester, welche jedermann gefällt, geschaffen hat?"

Sie schrak zusammen bei diesen halblaut ge­flüsterten Worten und blickte scheu um sich, als fürchtete sie, ein anderer könnte ihre seltsame Klage gehört haben; das bleiche Antlitz war von einer Purpurgluth überhaucht.

„O schäme Dich!" fuhr sie leise fort, „kämpfe gegen diesen häßlichen Gedanken an, auf daß deine Seele nicht ebenso unschön wird wie dein Aeußeres. Sei still und zufrieden und denke, daß neben der prachtvollen Rose auch die bescheidene Blume ihren Platz ausfüllt, zur Harmonie des Ganzen."

Doll, pro Woche, nur um dem Publikum stets das Beste zu bieten." — „Wirklich?" — „Ja mein Herr, und ein Mann wie Sie, dessen brühmte Feder in zwei Welttheilen . . .“ „Wie viele Spalten wollen Sie haben?" unterbrach der Redakteur den Redefluß des kleinen Mannes. „So viel wie möglich," lautete die Antwort, worauf der Redakteur fragte, wann der Cirkus denn ankomme? „In einigen Monaten; der Transport erfordert viele Zeit, sodaß wir nur langsam reisen können, außerdem aber reisen wir mehr des Vergnügens wegen, als um Geld zu verdienen." „Das kann ich mir denken", lautete die Antwort, „nun, unser Preis ist 150 Doll, pro Spalte im Voraus zu entrichten, außerdem 30 Prozent von der Einnahme jeder Vorstellung." Der Cirkusbesttzer zeigte ein recht langes Gesicht. „Ist das nicht etwas viel verlangt?" sagte er. „Das würde wohl zutreffen bei einem kleinen Winkelblatt, wie New- 2)otter ,Herald' oder der Londoner .Times', aber wir geben ein solches Riesenblatt heraus, daß der Preis, den ich namhaft machte, wirklich gering ist. Wir brauchen täglich allein 14 Güterzüge Papier und unser Blatt wird auf 50 großen Walter-Pressen gedruckt, welche keine Minute still stehen dürfen. Allein die Ausgaben für Dampf belaufen sich auf 10,000 Dollars pro Tag. Dadurch, daß der Heraus­geber das Format kürzlich uin Vs Zoll verkleinerte, hat er so viel erspart, daß er davon vier Schulen, jede zu 40,000 Doll, hat bauen können, und außerdem konnte er davon noch in jeder Kommune der Vereinigten Staaten zwei Kinderhospitäler errichten. Der Eigenthümer gibt das Blatt auch nicht des Geldes wegen heraus, sondern nur wegen seiner Gesundheit und Liebe zum Publikum. Allein die Werkstätten, in denen unser Blatt gefalzt wird, sind vier Mal so groß wie Krupp's sämmtliche Etablissements zusammengenommen." „Sind die Werkstätten hier?" fragte gedrückt der Cirkusmann. „I, Gott bewahre! hier ist nur eine Filiale für Cirkusanmeldungen. Unser Hauptbureau liegt....." Der Cirkusdirektor wartete das Weitere nicht ab, sondern machte schleunigst die Thüre von außen zu.

Gottesdienst-Ordnung in Fulda.

Sonntag, den 28. Juni.

Domkirche: 5, 6, 63/4, 7Vr U. hl. Messen; 9 U. Hochamt mit Predigt; 108/< U. Christenlehre für die Jünglinge und um 1 U. für die Jungfrauen; um 4 U. Predigt mit Abendandacht.— Stadtpf arrkirche: 5 U. hl. Messe mit Predigt; 6>/2 U. hl. Messe; 8 U. hl. Messe mit Predigt; 91/« U. Hochamt mit Predigt; 11 U. hl. Messe; ll>/2 U. Christenlehre; IVr U. Christenlehre; 2 U. Michaelsbruderschaft. — Michaelsberg: 10 U. Segens­messe, 2 U. Bruderschaft. — Hospitalkirche: 8 U. Hochamt, 5 U. Abendandacht, 10 U. Gottesdienst für die Sodalität. — Frauenberg: Nachmittags 2 U. Predigt und Bruderschaft.

Montag, 29. Juni. Fest der hl Apostel Petrus u.Paulus.

Domkirche: 5, 6, G3/4, 7'/- U. hl. Messen; 9 U. Ho chamt und Predigt; 5 U. Abendandacht; 7 U. Andacht in der Marienkapelle. — Stadtpfarrkirche: 5 U. hl. Messe mit Predigt; 6i/i hl. Messe; 8 U. hl. Messe mit Predigt; 9Vs U. Hochamt mit Predigt; 11 U. hl. Messe; 2 U. Andacht. — Michaelsberg: 10 U. hl. Messe. — Severikirche: 9>/,U. Hochamt mit Predigt.— Hospi­talkirche: 8 U. Hochamt, 5 U. Abendandacht. — Frauenb erg: Nachmittags 2 U. /Besuch des hl. Kreuz­wegs und Predigt.

Ein wehmüthiges Lächeln überflog ihr blaffes, sanftes Antlitz. Still setzte sie sich mit einer Arbeit an den Tisch.

In diesem Augenblick ertönten Schritte durch den Garten. Marie schreckte zusammen, ein Zittern durchflog ihren Körper, »ährend das, Antlitz noch bleicher wurde.

Auf ein rasches Klopfen wurde die Thür ge­öffnet, Professor Holberg trat herein.

Das junge Mädchen erhob sich, um den Gast zu begrüßen.

„Sie sind allein, Marie?" fragte er, indem sein Auge suchend umherflog und dann auf ihrem Ant­litz haften blieb.

„Die Mutter und Luise sind in Reinholds Be­gleitung ausgegangen, ich erwarte sie schon seit einer Stunde."

„Es ist gut, mein Kind!" versetzte Holberg in seiner kurzen, rauhen Weise, indem er ohne Um­stände Hut und Ueberzieher ablegte und dann einige Male rasch das kleine Zimmer durchmaß, wobei sein Blick oft prüfend auf ihr ruhte.

„Wie kommt's, daß ich Sie nicht beim Klavier finde?" fuhr er nach einer Pause fort.

(Fortsetzung folgt.)