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144. Sonnabend, den 27. Juni 1885.
S)ie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfq — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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Erstes Blatt.
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X Sozialdemokratisches.*)
Die Arbeiterfrage, welche mit dem Wesen der Sozialdemokratie enge zusammenhängt, hat schon viele Zungen und Federn in Bewegung gesetzt, ohne daß sie ihrer Lösung bemerklich näher gebracht worden wäre. Auch die Randglossen der nationalliberalen Presse über die „sozialdemokratische Wäsche" und den jetzt so heftig entbrannten Kampf zwischen Bebel, Frohme und Genossen sind nicht geeignet, eine Besserung der Dinge anzubahnen. Gerade die Liberalen haben wesentlich Schuld an den Uebel- ständen, unter denen unser Staats- und Volksleben leidet, die liberale Herrschaft hat den Arbeiter und Handwerker vielfach der Sozialdemokratie in die Arme geführt.
Der Kulturkampf, der uns aufgedrungen worden ist, mußte nothwendig auf Religion und Sitte verderblich und auf alle gesellschaftlichen Verhältnisse zersetzend einwirken. Das katholische Volk sah seine Bischöfe und Priester in die Verbannung geschickt, die Klöster geschlossen, die Schwestern aus Dem Lande gejagt, die Kirche in Ketten gelegt — Alles der „Kultur" wegen. Eine Empörung, ein Knirschen ging durch das Land, das Vertrauen schwand, die Opposition gegen die Behandlung der Kirche und Katholiken machte sich überall bemerklich — die allgemeine Unzufriedenheit unter der arbeitenden Klasse war da. Durch die Maigesetze wurde das Gefühl für Recht und Unrecht verwirkt, die Achtung vor dem Gesetze gelockert, im ruhigen friedlichen Bürger gährte es, und mit Erbitterung und blutendem Herzen sah er sich in seinen heiligsten Gefühlen auf's Tiefste verletzt. Die Regie- rung schuf sich selbst die Opposition und die Unzufriedenheit der Massen trieb sie ihr in die Arme.
Die Kirche war gefesselt und konnte ihren fegens»
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
reichen Einstuß nicht mehr ausüben. Die Folge davon war, daß die Pflege der Religion und guten Sitte fast aufhörte und Glaubens- und Sittenlosigkeit wuchsen. Der Kulturkampf mußte das Volk entchristlichen und demoralisiren und der Schrankenlosigkeit es preisgeben; er hat dem Arbeiter den Trost der Religion genommen und ihn demokrati- sirt, und diesen Vorwurf werden die Liberalen, welche das Feuer des Kulturkampfes entzündet und geschürt haben, nie von sich abschütteln können. Der Arbeiter hat Gewaltakte gesehen gegen die Katholiken und er hat sie nachgeahmt gegen seine vermeintlichen Unterdrücker und sich Nutzen in seinem Stande davon versprochen. Vor den Schranken des Gesetzes hatte er keine Scheu mehr und die Religion, welche sein Bewußtsein für Recht und Pflicht erhalten hätte, mußte der Kulturkampf in seinem Herzen ersticken.
Leider müssen wir heute noch diese Folgen in der Sozialdemokratie wahrnehmen. Die Achtung vor dem göttlichen und weltlichen Gesetze ist ihr gänzlich abhanden gekommen, von Kirche und Religion wollen die Sozialdemokraten nichts wissen, und diese tiefe Kluft sondert sie völlig von den Katholiken ab, macht einen Packt mit dem Centrum gänzlich unmöglich. Sie entblöden sich sogar nicht, über Religion und die Kirche mit Schmähungen herzuziehen. Aber wo die Religion fehlt, da fehlt auch die Achtung vor der göttlichen und weltlichen Ordnung, und so lange die Kirche ihrer Fesseln nicht entledigt ist, werden sich diese traurigen Zustände nicht ändern.
Auch die Macht des Kapitals hat die Sozialdemokratie gefördert. Zu Beginn des vorigen De- cenniums, als der Milliardensegen die Sinne berauschte und die Glanzperiode ganz anormale industrielle Verhältnisse schuf, suchte das Großkapital diese Verhältnisse auszubeuten, Werke und industrielle Anlagen schossen wie Pilze aus dem Boden, und ganz horrende Löhne rissen den Arbeiter aus seiner gewohnten Lebensweise ganz heraus. Doch die „gute Zeit" nahm ein Ende, die Ernüchterung folgte, der Krach trat ein. Ueberall machte sich ein empfindliches Mißverhältniß zwischen Produktion und Konsum fühlbar, die Fabrikanten verloren meist wieder, was sie verdient hatten, und die Löhne wurden reducirt, denn es mußte gespart werden. Unzufriedenheit und Strike blieben nicht aus, und der Mißmuth wuchs, je schärfer die in
dustrielle Krisis sich zuspitzte. Da war es leicht, die Mißmutigen gegen ihre Arbeitgeber aufzuhetzen und sie mit allerlei Lockspeisen zur Sozialdemokratie herüberzuziehen. Unter dem „Aufschwung" von 1871 — 1873 aber leidet die Industrie heute noch, und Arbeiter wie Handwerker ist froh, wenn er Beschäftigung und ein karges Verdienst findet.
Reben diesen Folgen trauriger Zeüläufte aber fallen manche anderen Umstände für die Ausdehnung der Sozialdemokratie schwer in die Waag- schaale. Zunächst ist es die Behandlung, welche die Arbeiter vielfach erfahren. Wo ein humaner Verkehr zwischen Brotherr und Arbeitern besteht, da werden letztere auch willig sich den Vorschriften fügen und ihre Pflicht nach Kräften erfüllen. Aber oft werden die Leute in einer Weise behandelt, die sie empören muß und Milde und Humanität sind für manchen Fabrikherrn oder Direktor ganz fremde Begriffe. Man gehe einmal an's Gewerbegericht und wohne den Verhandlungen bei, um zu sehen, wo die Schuld liegt, daß die Arbeiter sich auflehnen und sich der Sozialdemokratie anschließen.
Und wie treiben es die liberalen Herren Fabrikanten denn häufig genug bei den Wahlen? Wie muthet es den Arbeiter an, wenn er mit Gewalt an die Wahlurne geschleppt wird und gegen seine bessere Ueberzeugung im Sinne seines liberalen Brodherrn wählen muß? Wie manche widerlichen Scenen haben wir schon erleben müssen und mit eigenen Augen angesehen! Ist es da wieder zu verwundern, wenn der Arbeiter bei der Sozialdemokratie Schutz gegen solchen Raub persönlicher Freiheit und den Gewissenszwang zu finden hofft?
Der Arbeiter ist Mensch und bedarf nach den Stunden harter Anstrengung auch der körperlichen und geistigen Erholung und Ruhe, in der er einmal sich und seiner Familie angehört. Deshalb ist es unverzeihlich, wenn gewissenlose Arbeitgeber ihre Leute über Zeit und Maaß anspannen und sie bis zur völligen Entkräftung ausbeuten. Da muß Remedur geschaffen werden und wenn auch der Reichskanzler den Normalarbeitstag für eine unausführbare Idee hält, er wird kommen müssen, die Verhältnisse zwingen dazu. Der christliche Arbeiter bedarf auch der Sonntagsruhe, durch die er sich ausspannt und sich des ersten Zweckes seines Daseins bewußt wird und feine religösen Pflichten erfüllen kann. Aber auch hier findet Fürst Bismarck nur Worte der Abweisung.
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Sine Erzählung aus dem Leben von 6. D.
Als dem Zurückgebliebenen endlich die Zeit lang wurde, trat er in den Saal und sah ihn kopfschüttelnd an der Seite des jungen koketten Mädchens.
„Welche Schwäche bei so viel Talent," murmelte er, „wie lächerlich die sogenannte Liebe einen Menschen machen kann. Es ärgert mich, diesen braven Kerl so erbärmlich wie einen Maikäfer am Faden flattern zu sehen, er soll durch mich kurirt werden, so wahr ich selber die Liebe für Wahnsinn halte."
„Sprechen Sie aus Langeweile mit sich selber, lieber Herr Vetter?" tönte des Hausherrn Stimme hinter ihm, „ich glaubte Sie wahrhaftig schon auf und davon geflogen."
„War auch schon nahe daran, ohne Abschied davonzulaufen," brummte Holberg, „der Bursche da zog mich zurück."
„Reinhold?"
„Derselbe, es ist ein Künstler von Gottes Gnaden, und dabei doch ein solcher Schmacht-Lappen. Wie kann ein Mann mit gesundem Verstände sich in ein solche» kokettes Ding verlieben? Ja, wäre
es die Schwester, da ließe ich die Tollheit allenfalls hingehen."
„Nicht wahr?" flüsterte der Kaufmann eifrig, „das gäbe ein Paar, worüber sich die Engel im Himmel freuen könnten. Wenn mein Instinkt mich nicht trügt, so ist die Marie sogar in ihn verschossen."
Der Professor drehte sich hastig um. „Meinen Sie wirklich, Vetter?"
„Ich glaube es sogar fest behaupten zu können."
„Dann sollen Sie ein Paar werden!"
„Ja, wenn Sie den Gott in der Maschine ein wenig spielen wollen, Professor!" lachte der Kaufmann.
„Ich will's, und damit gut," brummte Holberg, sie sind beide noch viel zu jung zum Heirathen, am liebsten er bliebe unbeweibt, ein Künstler mutz sich keine Kette schmieden. Ich will ihn mitneh- tnen, nach Italien, Frankreich, England oder zu den Lappländern, wohin er will. Unterstützen Sie mich dabei, Vetter!" .
„Er ist kontraktlich gebunden an unserer Hofkapelle, man wird ihn nicht fortlassen."
„Thorheit, wir stellen einen Anderen, bezahlen Reugeld, was man will. Ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, der Bursche soll fort, hier geht er unter."
„Nun, bann Glück auf, mir wär's schon recht, und feiner Mutter jedenfalls auch. Gehen Sie aber vorsichtig zu Werke, Vetter! solche Künstler sind excentrisch. Wissen Sie was, ich will meine Frau mit ins Geheimniß ziehen, die versteht dergleichen besser als wir, die wir gewöhnlich mit plumpen Händen dreinfahren. Also abwarten, Vet- Lerchen, abwarten!"
„Acht Tage, länger nicht; zum Henker! — ich käme um, sollte ich wochenlang in diesem Neste vegetiren, wo die Neugierde ans allen Taschen guckt."
„Gut, gut, Wetterchen! acht Tage sind hinreichend für eine Frau, um zwei Herzen zu trennen oder zu verbinden."
„Seht Jhr's, daß ich recht habe mit meiner Verachtung gegen dieses abscheuliche Geschlecht?" polterte Holberg, „die Weiber sind nur zum Unglück der Männer erschaffen, wo etwas Böses geschieht, ist sicher eine Frau dabei beteiligt."
„Nun, bann ist es auch ebenso sicher des Schöpfers Wille," lachte Höfer mit gutmütigem Spott, „und wir Männer müssen mit christlicher Geduld unser trauriges Loos tragen. Ausnahmen werden Sie doch jedenfalls auch gestatten, lieber Vetter! Wie zum Beispiel die kleine Klavierspielerin, welche noch nie getanzt oder sonstige tolle Possen der