JM 143.
Freitag, den 26. Juni
1885.
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* Der deutsche Jnnungstag, welcher kürzlich in Berlin abgehalten wurde, hat den Voraussetzungen entsprochen, die Alle von ihm gehegt haben, welche der Handwerkerbewegung seit Jahren mit Aufmerksamkeit gefolgt sind und zugleich die nöthige Personalkenntniß besitzen. Jeder Handwerker, der Theil an den Fragen genommen hat, die über das Sein und Nichtsein des deutschen Handwerkerstandes entscheiden, weiß sehr wohl, was er von „Berlin" erwarten kann, denn er kennt die abweisenden Worte, die der Herr Minister v. Bötticher in Bezug der obligat -rischen Innung an dir westfälischen Handwerksmeister richtete, er kennt den Standpunkt des Fürsten Bismarck in dieser Frage und kennt überdies die Herren, welche den Jnnungstag beriefen. Wer die höhnischen Worte des Hrn. Brandes auf dem „Allgemeinen deutschen Handwerkertage in Hannover" vernahm: „und Sie erhalten die obligatorische Innung doch nicht," der weiß zur Genüge, daß dieser Herr als Miteinbe- 1 - rnfer des Berliner Jnnungrtages -auch auf diesem seinen Kampf gegen eine Institution aufrecht erhalten wird, durch welche allein dem Handwerk aufgeholfen werden kann. Nicht, daß die obligatorische Innung an sich das Mittel zur Rettung ist, behaupten wir, aber daß sie allein die Mittel und Wege bietet, durch und auf welchen sie den Handwerkern die Gelegenheiten schafft, sich von der Herrschaft des Kapitals, das sie bereits zu Stück- und Lohnarbeitern herabgedrückt hat, zu befreien. Die obligatorische Innung ist die Gcundbasis für Produktiv-Genoffenschaften, die nicht erzwungen und gemacht, sondern aus den lebendigen Bedürf- niffen hervorgehen. Wenn sicher auch nicht alle Handwerker sich zu Produktiv-Associationen eignen, so gibt es doch Viele, welche voll und ganz auf sie Hinweisen und durch ihre Anwendung zu hoher Blüthe gelangen würden. Für alle Anderen aber bietet die obligatorische Innung ein gemeinsames
ä Marie Seewald. (to
Eine Erzählung aus dem Leben von 8. fi.
„Du bist auch ein sonderbares Mädchen," lächelte die Mutter, anstatt im Kreise der Jugend Dich zu freuen und zu tanzen, horchst Du am liebsten solchen ernsten Dingen, an denen kaum ein älterer Mann Geschmack findet. So warst Du freilich von Kindheit an, ein Buch war Deine Seligkeit und eine Erzählung aus meinem Munde Dein beständiger Wunschzettel. Ich glaube sogar, wenn Dir die Gelegenheit dazu geboten würde, Du würdest noch Astronomie studiren."
„O gewiß, Mütterchen, das ist sogar seit lange schon der geheimste Wunschzettel meines Herzens", rief das junge Mädchen mit leuchtenden Augen.
„Dann freilich wäre der Professor der rechte Mann für Dich, mein Kind! Denn wie Frau Höfer mir erzählte, ist er der lebendige Kosmos und treibt mit Vorliebe Astronomie. — Doch Scherz bei Seite, — was nützt mir alles Wisien ohne Herz, nein, nein, Kind! ich bleibe dabei ein Weiser ist es nicht, aber einer von den klugen Kindern dieser Welt, welche ihren Nebenmenschen einen Stein anstatt Brod und eine Schlange für einen Fisch bieten. Wie unangenehm ist es mir," setzte sie
Band und einen ausgiebigen Schutz gegen den Mißbrauch und die Verpfuschung des Handwerks.
Von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet war der Berliner Jnnungstag nicht für, sondern gegen die Interessen der Handwerker gerichtet und ist es nur dem Auftreten der wahrhaften Freunde des Handwerks zu danken, daß d^e wahren Motive, aus welchen der Jnnungstag von den Berliner Herren berufen wurde, zu keinem siegenden Durchbruche gelangten. Was noch die Handwerkerbewegung speciell betrifft, so ist diese durch große Opfer endlich so weit verbreitet und organisirt, daß es nun ganz in den Händen der deutschen Handwerksmeister liegt, welche Vorthcile sie aus der zu ihren Gunsten hervorgerufenen Bewegung erringen. Wenn es freilich noch viele so total unklare und unwissende Handwerker gibt als es diejenigen sind, die auf dem Berliner Jnnungstage „Bravo" riefen, als ein Beamter die Verdienste des Herrn v. Bötticher für das Handwerk hervorhob und dann noch Hochs auf den Herrn Kanzler ausbrachten, welcher der obligatorischen Innung direkt widerstrebt; und welche sich endlich von Leuten der Sorte des Hrn. Brandes imponiren lassen, so stehen die Aussichten für die Hebung des deutschen Handwerkerstandes äußerst schlecht.
Wir vermissen, sagt die ,D. Rchsztg.', innerhalb der genannten Bewegung die Klarheit des Willens und die Entschiedenheit in der Vertretung der nothwendigen Vorlagen. Was nutzt es, wenn die Forderungen noch so tulr und bestimmt werden, aber sobald energische und geschlossene Vertretung nothwendig wird, die Handwerker selbst ihre Glieder öffnen, um ihren anerkannten Feinden Raum zu gewähren? Fragen, die als richtig abgeschlossen betrachtet wurden, die müssen auch als abge- than festgehalten werden, insofern nämlich, daß sie nicht weiter zu ventiliren und wieder in Zweifel zu ziehen sind, sondern ihr Inhalt als unabänderliche Forderung aufrecht zu erhalten ist. „Erlauben" die Handwerker, daß man auf ihren Versammlungen immer und immer wieder die obligatorische Innung in Frage stellt, so liefern sie nur selbst den Beweis, daß sie für dieselben noch nicht reif sind.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juni.
* Eine der ,Germ.' zugehende römische Nach-
nach einer Weile hinzu, „daß Luise noch dort geblieben."
„Ei darüber beunruhige Dich nicht, lieb Mütterlein ! — wenn ich sie in Reinholds Schutz weiß, fürchte ich nichts, und er läßt sich heute Abend sicherlich nicht abweisen."
„Sie wird's thun, ganz gewiß," seufzt« die Mutter, „um nicht dennoch für seine Braut gehalten zu werden. Nun, in diesem Falle wird Höfer sie selber nach Hause geleiten, ich kenne seine Ehrenhaftigkeit."
Mutter und Tochter sagten sich jetzt gute Nacht, und als Marie auf ihrer Kammer war, hüllte sie sich in einen Shawl und begann noch eifrig zu schreiben.
Es war ihr Tagebuch, der einzige Vertraute ihrer stillen Träume, ihrer Liebe und jetzt ihres Schmerzes.
Wir werden später einen Blick hineinwerfen, lassen wir das gute Kind jetzt weiter träumen; von solchem Schmerze, der sich fast in jedem jungen Herzen wiederspiegelt und in wenig neuen Variationen das alte Lied wiederholt, bricht so leicht kein Herz, wie manche Leserin mir das bezeugen wird.
Was Marie in dieser stillen nächtlichen Stunde
richt theilt mit, daß der preußische Gesandte am Vatikan, Hr. v. S chlözer, dem Papste angezeigt habe, er werde wenigstens drei Monate Urlaub nehmen. Hr. v. Schlözer geht früher fort, weil die Verhandlungen wegen der Besetzung des Posener Eczstuhles gescheitert sind. — Aus derselben Quelle erfährt genanntes Blatt, daß der h. Vater nächstens einen Brief an einen Souverain schicken werde. Man wird vermuthlich sein Augenmerk auf Deutschland oder Rußland zu richten haben.
• Die ,Germ.' fürchtet, daß die preuß. Regierung sich an der Ostgrenze (in den vorwiegend polnischen Provinzen) des Staates ein „preußisches Irland" schaffen werde. Sie erblickt in der Theilung Polens ein Vorkommniß, das „an sich und in der Weise der Ausführung zu den abscheulichsten Vorkommnissen der Weltgeschichte gehört." „Der protestantische Geschichtschreiber Friedrich v. Raumer urtheilte sogar, an Polens Theilung habe Gott die Moralität der Großen vor der Menschheit offenbaren wollen." Die ,®erm.' hält es nun für die Aufgabe der jetzigen Besitzer der früher polnischen Landesthei'.e, „den polnischen Unterthanen das Einleben in die neuen Staatsverbände möglichst leicht zu machen. Statt dessen sehen wir in Preußen seit 15 Jahren in immer ärgern Mißgriffen überaus vieles geschehen, was nur geeignet sein kann, die polnische Bevölkerung abzustoßen, in der Behandlung von Kirche und Schule und Sprache werden fort und fort die Verträge und feierlichen Verheißungen gebrochen und wird sogar gegen das natürliche Menschenrecht ohne Unterlaß gesündigt.".....Den schlimmsten
Fehler erblickt das genannte Blatt darin, daß die preußische Regierung im Hinblick auf die Neubesetzung des Posener erzbischöflichen Stuhles Bedingungen stelle, „die über das bestehende Recht hinweggehen und dahin führen müßten, daß die polnischen Unterthanen in der Erzdiözese nun auch das Vertrauen zu ihrer kirchlichen Leitung verlören, wie sie weithin das Vertrauen zu der staat- lichen Leitung bereits verloren haben. In solcher Lage aber würde jede Bevölkerung, vor allem aber eine Bevölkerung, in der, wie bei der polnischen, das Gemüth so sehr vorwiegt und so lebhaft ist, allmählich immer mehr haltlos werden, sie würde der Verzweiflung immer weiter anheim- fallen und es würde den gegenwärtig ohnehin so mächtigen Versuchungen socialistischer Sekten
niederschrieb, wir werden es später einmal lesen, jetzt müssen wir diskret sein und nicht aus der Schule plaudern.
Schauen wir uns lieber ein wenig nach Luise um, welche mittlerweile nach Herzenslust den Freuden des Tanzes huldigte und die Schmeicheleien der jungen Männerwelt mit großem Selbstgefühl entgegennahm.
Die reiche Last des riesigen Tannenbaumes war unter Scherz und Lachen und einer ungeheuren Heiterkeit vertheilt worden und kein einziger in der Gesellschaft leer ausgegangen.
War es Zufall oder boshafte Berechnung, daß Reinhold just aus Luisens Händen ein zierliches Zuckerkörbchen empfing, während sie selber sich durch das Loos eine Grafenkrone zog?
Der arme Geiger zerdrückte das ominöse Körbchen, welches etwas boshaftes Gelächter hervorrief, mit vor Zorn bebender Hand und setzte sich in ein Nebenzimmer, von wo er den Saal überschauen konnte. Professor Holberg, welcher zurückgekehrt war, gesellte sich zu ihm, präsentirte ihm eine Cigarre und beide begannen schweigend zu rauchen.
„Ist jener Affe mit dem Lockenkopfe die Schwester der jungen Klavierspielerin?" sprach Holberg nach einer Weile kurz.