¥ 142
Donnerstag, den 25. Juni
1885.
Die »Fuldaer Zeitung erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Rdonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.» auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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Fuldaer
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juni.
* Heute endlich hat der Justizausschuß des Bundesrathes die erste Sitzung in der braunschweigischen Angelegenheit abgehalten. Gleichzeitig ist der braunschweigische Minister Graf Görtz v. Wrisberg hier eingetroffen. Die Entscheidung im Bundesrath wird Ende dieser oder Anfang nächster Woche fallen. Es findet voraussichtlich überhaupt nur noch eine Sitzung des Bundesrathes statt. Außer den Ausführungsbestimmungen zum Börsensteuergesetz werden auch die zum Zolltarif vor den Ferien unerledigt bleiben. In der durch einen Agnaten des Lippe'schen Hauses angeregten Thronfolgefrage für das Fürst ent hum Lippe geschieht zunächst nichts. Das eingegangene Schreiben des Grafen und edlen Herrn zur Lippe- Biesterfeld kursirt noch bei den Bevollmächtigten und dürfte noch längere Zeit gebrauchen, ehe es zur Kenntniß Aller gekommen ist.
* Für den Statthalterposten in den Reichslanden sind bis jetzt folgende Kandidaten in den Zeitungen genannt worden: Prinz Wilhelm von Preußen, der sächsische Kriegsminister von Fabrice, der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, Graf Otto Stolberg und Graf Guido Henckel von Donnersmarck, Graf Hatzfeld, Prinz Reuß und — Graf Herbert Bismarck. Es ist anzunehmen, daß in den nächsten Tagen noch neue R'mne» chiazmommen werden. Einstweilen ist mit der interimistischen Verwaltung des Statthalter- Postens Staatssekretär Hofmann beauftragt. § 1 des Gesetzes, betreffend die Verfaffung und Verwaltung Elsaß - Lothringens, vom 4. Juli 1879, wonach der Kaiser landesherrliche Befugniffe, die ihm kraft Ausübung der Staatsgewalt in den Reichslanden zustehen, einem Statthalter übertragen kann, gibt zu den weitesten Vermuthungen Anlaß. Bei der Ernennung Manteuffel's im Jahre 1879 hat der Kaiser gesprächsweise zu erkennen gegeben, daß er nur einem kommandirenden General Statthalterei - Befugnisse übertragen wolle. Damals war zuerst der sächsische Kriegsminister von Fabrice in Aussicht genommen, der Manteuffel weichen mußte und heute wieder in der ersten Reihe der Statthalter-Kandidaten steht.
* Der verstorbene Freiherr von Manteuffel war ein Mann, der niemals seine Gesinnung !
ä Marie Seewald. (9
Eine Erzählung aus dem Leben von 8. D.
„Sie irren auch darin, Herr Professor," versetzte Marie sanft, „oder wähnen Sie, ein Weib könne keine Prinzipien haben?"
„Rein," sagte er kurz und rauh, indem er sich wandte. Plötzlich kehrte er hastig um und flüsterte: „Gute Nacht, Marie! wir verstehen uns doch!"
Dann eilte ec, als schäme er sich dieser Worte, hinaus, ohne von der übrigen Gesellschaft und dem Hausherrn Abschied zu nehmen.
In dem Ballsaal ging es lustig her, der große Tannenbaum war hereingebracht, um seine Früchte zu schütteln und die Fröhlichkeit zu erhöhen. Wieder war Luise die Königin des Festes und ihr eitles Herz, das jeden Ernst haßte, fühlte sich berauscht von den Huldigungen, welche man ihrer Schönheit brachte. Der arme Reinhold aber nahm demüthig, von seiner Leidenschaft gänzlich beherrscht, die Brocken an, welche von dem Tische der Geliebten für ihn abfielen.
Er hatte ihr schwören müssen, sie zu rächen an dem abscheulichen Professor, welcher es gewagt, sie zu demüthigen und dann gänzlich zu übersehen.
Als die Mutter und Marie darauf bestanden,
verleugnete. Erinnern wir nur an eine That- sache aus seinem Leben. Am 21. Februar 1877 wurde der 82jährige Ludwig von Gerlach zur Erde bestattet. Was das Königshaus, was Preußen dem Verstorbenen verdankte, ist allbekannt. Daß seit zehn Jahren sein Preußen ein anderes geworden, mag die bitterste Enttäuschung seines Lebens gewesen sein; daß Fürst Bismarck ihm im Parlament in einer Weise begegnete, die mit parlamentarischen Ausdrücken kaum bezeichnet werden kann, zumal, wenn man bedenkt, daß der Reichskanzler seinem nachmaligen Gegner zum Theil seine Lebensstellung verdankt — das hat Herr von Gerlach schweigend hingenommen. Dieftr Ehrenmann wurde in's Grab gesenkt ohne Zeichen der Theilnahme und Anerkennung von Seiten der Regierung. Während sonst bei dem Begräbniß eines Abgeordneten das Ministerium durch das eine oder andere seiner Mitglieder vertreten war, war bei der Leichenfeier von Gerlach's weder ein Minister, noch ein Vertreter eines solchen sichtbar. Trotzdem erschien Herr von Manteuffel; er war der einzige aus den höheren Kreisen, der dem Verstorbenen die letzte Ehre nicht versagte!
* Wie der ,Köln. Vztg.' aus Freiburg mit« getheilt wird, sind von dem vierten Bande von Janssen's Geschichte des deutschen Volkes bereits über siebenzehntausend Exemplare verkauft.
* Nach Meldung der,Truth' werden demnächst die Memoiren der Frau v. Kolemine bezüglich ihres Verhältnisses zum Großherzog von Hessen und der darauf folgenden Heirath und Scheidung erscheinen.
• Hamburg, 23. Juni. Nachdem gestern Vormittag die Kasse der hiesigen Reichsbank-Hauptstelle vollständig in Ordnung befunden war, entdeckte der Kassirer gestern Abend einen Defect von 200,000 Mark, welcher unzweifelhaft von einem Diebstahle herrührt. Der Verdacht lenkte sich auf zwei Fremde, anscheinend Englänoer, welche in Begleitung eines Dritten gestern auch bei mehreren anderen Banken waren. Die Untersuchung ist im Gange.
* Vom Rh ein wird dem »Nass. 33.' geschrieben: Mit dem 1. Juli soll die Arbeiter-Kolonie für den Regierungsbezirk Wiesbaden und das Großherzogthum Hessen in Neuulrichstein eröffnet werden für die Angehörigen beider Konfessionen. Wie wohlorientirte Blätter mittheilen, hat die
nach Hause zu gehen, da durfte sie auf des Hausherrn Bitte, welche von der ganzen Gesellschaft unterstützt wurde, noch zurückbleiben. Man war es schon gewohnt, ihr in solchen Dingen stets den Willen zu lassen, wie sie überhaupt es liebte ihren eigenen Weg zu gehen.
Als Mutter und Tochter in ihrem traulichen Stübchen sich wieder befanden, sprach erstere mit einem tiefen Athemzuge:
„Gott sei gedankt, daß dieser Abend vorüber ist; o sprich, Marie! wußtest Du nichts von Reinholds wahnsinniger Huldigung?"
„Er hatte mir das Lied vor längerer Zeit, o, es mögen gewiß schon einige Monate her sein, gezeigt, — von seinem wahnsinnigen Entschlüsse wußte ich nichts."
„Seine Mutter ist ebenso betrübt darüber, wie ich es bin," fuhr Frau Seewald fort, „wohin soll diese Verblendung führen? — Luise treibt ihn ins Verderben, der Unglückliche sieht nur den Engel in ihr, wie glücklich könnte er sein, wenn er Augen und Verstand hätte. Gott möge ihn noch zur rechten Zeit erleuchten, um die Wahl zu treffen, welche allein ihn beglücken kann."
Marie hob das Auge rasch zur Mutter empor und sagte ernst:
bischöfliche Behörde in Mainz es abgelehnt, sich an der Sache zu betheiligen, solange nicht getrennte Anstalten für jede Konfession errichtet werden. Für Nassau ist Herr Stadtpfarrer Münzenberger von Frankfurt im Verwaltungsausschuß wohl der einzige Katholik, und müssen bestimmte Garantien gegeben worden sein in Betreff der Katholiken. Je eher diese Garantien veröffentlicht werden, desto besser, weil hiermit manche falsche Auffassung beseitigt wird, indem auch neuestens in der Rheinprovinz die Parole ausgegeben und verbreitet wird durch die Zeitungen: keinen Pfennig für Simultan- Arbeiterkolonien, sondern nur für konfessionelle ausgeben.
* Die Ausstellung von Kraft- und Arbeitsmaschinen für das Kleingewerbe in Nürnberg 1885 beginnt am 1. August. Ihre Dauer ist 2 Monate.
* München, 24. Juni. Sicherem Vernehmen nach wurde der Hauptmann des 13. Jnf.-Reg., Joseph Müller, der bekanntlich unlängst wegen Soldatenmißhandlung vom Militäruntergericht zu 14tägigem Stubenarrest verurtheilt wurde, von der obersten Militärbehörde aufgefordert, um Pen- sionirung nachzusuchen, und hat bereits seine Functionen niedergelegt.
— Wie das hiesige „Vaterland" berichtet, tritt Frau Elise Gräfin Fugger, Gattin des Grafen Franz von Fugger - Kirchberg - Weißenhorn, eine Protestantin, demnächst zur katholischen Kirche über.
Ausland.
* Pest, 24. Juni. Die internationale Winterfahrplan-Konferenz pro 1885/86 wurde heute eröffnet. 74 Eisenbahnoerwaltungen sind vertreten. Der Antrag der Generaldirektion der österreichischen Staatsbahnen, den Einführungstermin des jeweiligen Winterfahrplanes auf den 1. Oktober festzusetzen," wurde mit 43 gegen 24 Stimmen angenommen. Die nächste Fahrplankonferenz findet am 20. Januar 1886 in Hamburg statt.
* Bern, 24. Juni. Der Nationalrath beschloß einstimmig, den Bundesrath aufzufordern, zu untersuchen, ob der Handelsvertrag mit Deutschland zu kündigen und in der Türkei eine eigene diplomatische oder konsularische Vertretung zu errichten sei.
* Rom, 24. Juni. In der Kammer theilte Dep reti s mit, der König habe ihm den Auftrag
„Ich bebaute jede andere Wahl, kein Mädchen von Charakter Geist und Herz kann mit einem Manne wie Reinhold glücklich werden."
„Ist das Dein Ernst, Marie?" fragte die Mutter erstaunt.
„Mein völliger Ernst, Mütterchen!" in solchen Dingen scherze ich niemals."
„Armer Reinhold!" seufzte Frau Seewald betrübt, „er hätte dieses Glück wohl verdient. Wie ganz anders erscheint er neben einem Manne wie dieser Professor; — ein Gelehrter ist doch eine widerwärtige Creatur, und dieser, welcher die Sonderlingsmaske vorgehängt, ein geradezu verächtlicher Mensch. Gönnte uns nicht einmal die Bro- samen seiner Weisheit."
„Es ist wahr, dieser Mann hat einen abstoßenden Eindruck auf mich gemacht, wie kein anderer," versetzte Marie, nachdenkend ins Licht starrend, „er trägt auch keine Spur von demjenigen an sich, was ich mein Ideal nenne. Sein Äußeres ist häßlich, der Blick geradezu unerträglich und doch hat der Kopf einen echt klassischen Ausdruck, wie überhaupt seine ganze Erscheinung und Ausdrucks- weise so himmelweit verschieden von dem unserer gewöhnlichen Männerwelt ist, auch Reinhold nicht ausgenommen."