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Mittwoch, den 24. Juni
1885.
Fuldaer
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* Das deutsch-österreichische Bündniß nannte der Abgeordnete Dr. Windthorst im März im Reichstage „den größten und glücklichsten Akt der neueren deutschen Politik" und sprach die Hoffnung aus, „es werde dieses Bündniß noch inniger und noch fester sein, und es werde auch durch pragmatische Sanktion klarer und fester formulirt werden, als es bis heute geschehen ist." Ueberein- stimmend damit erklärte der Reichskanzler, er sei „auch nicht dagegen", ja, er habe „schon vor Jahren in Oesterreich der. Vorschlag gemacht, oder wenigstens die Frage angeregt, ob es nicht möglich sein werde, solche pragmatische Einrichtungen, sei es auf dem Zollgebiete, sei es auf anderem Gebiete, zu treffen." Aber bei näherer Prüfung der Frage sei man auf „Schwierigkeiten" gestoßen, die im deutschen Reiche „eintreten könnten, die mehr aber noch in den österreichisch-ungarischen Verhältniffen lägen und hier noch mehr auf Seite ver Parlamente als der Regierung." Man darf daraus den, auch durch die thatsächlichen Verhältnisse begründeten Schluß ziehen, daß die Befestigung des deutsch-österreichischen Bündnisses durch pragmatische Verträge nicht nur von den beiden Kaiserhöfen, sondern auch den beiderseitigen Kabineten geschehen würde, wären nicht Schwierigkeiten in den Parlamenten vorhanden. Das vorausgeschickt, citiren wir die ,Köln. Ztg.', welche sich dieser Tage über unsere Beziehungen zu Oesterreich folgendermaßen äußerte:
„Von den vielen Beweisen von Theilnahme, welche dem Kaiser Wilhelm aus Anlaß des Ablebens des Prinzen Friedrich Karl zugegangen sind, dürften die des österreichischen Kaisers an erster Stelle genannt werden, wie sie auch zeitlich die ersten gewesen sein sollen. Auch die österreichische Presse versichert, daß die Völker der beiden Kaiserreiche, die vor noch nicht 20 Jahren in blutiger Fehde standen, sich heute als Verbündete wüßten. Das ist gut gemeint, aber wir in Deutschland können es nicht ohne eine gewisse Bitterkeit Tag für Tag wahrnehmen, daß das österreichische Volk Dank der jetzigen Regierungskunst in eine rechte Mosaik aufgelöst erscheint, von welcher nur ein einziger Stein von unserer Farbe ist. Diejenigen Elemente
ä Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von 8. fi.
„Wollen Sie so freundlich sein, Marie?" fragte Reinhold zerstreut.
„Ich singe niemals vor einer großen Gesellschaft," versetzte Marie bestimmt, „und dieses Lied um keinen Preis."
„Dann vielleicht ein anderes, mein Fräulein?" Es war ihr, als brächte er das Wort Fräulein nur mühsam mit einer spöttischen Betonung heraus.
„Auch kein anderes, wie ich schon bemerkt, mein Herr!"
Kalt verneigte sie sich und begab sich zu ihrer Mutter, welche sie besorgt anblickte, während der Profeffor ihr gleichgültig nachschaute und zu Reinhold gewandt, sprach: „Die Weiber sind doch überall gleich, die einen eitel, gefallsüchtig, boshaft und oberflächlich, — die Anderen überspannt, eigensinnig und eingebildet auf ihr bischen Wiffen und Können, während sie das leichtere Gehirn nirgends verleugnen. Sie waren, sind und bleiben eine Plage der Männer, weshalb ich Ihnen rathe, mein lieber junger Mann, nur die Kunst als Braut zu lieben — folgen Sie meinem Beispiele, ich habe mir die Wissenschaft zur Geliebten erwählt, habe
des österreichischen Volkes, denen seit Jahr und Tag der Wille gethan wird, hassen nichts so sehr als das deutsche Volk und das deutsche Reich, und sie singen es auf der Gasse und predigen es in ihren Zeitungen Tag für Tag ungestraft und unwidersprochen von Regierungswegen. Unsere Freundschaft mit Oesterreich beruht leider nur auf dem Willen des Kaisers Franz Josef und der Ergebenheit der Armee gegen den Kaiser Franz Josef, auf welche die unglückselige Politik des Grafen Taaffe bis jetzt wenigstens wie durch ein Wunder noch keinen verderbenden Einfluß geübt hat. Wie aufrichtig und aufmerksam aber Kaiser Franz Josef unserm Kaiser zugethan ist, geht neuerdings aus der rührenden Sorgfalt hervor, mit welcher er persönlich die Ehrenbezeigungen für den auf österreichischen Boden verstorbenen General-Feldmarschall v. Manteuffel, der ja unserm Kaiser besonders nahe stand, anordnete. Unsere,Armee und das deutsche Volk sind durch diese Aufmerksamkeit mitgeehrt worden. Unserm trauernden Kaiser aber hat es außerordentlich wohlgethan."
Diese Auslassung der .Köln. Ztg/ ist eine Erläuterung der „Schwierigkeiten", welche der Reichskanzler gefunden hat. Eine Sanktion des deutschösterreichischen Bündnisses durch pragmatische Verträge ist nur unter Garantie der reinlichen Scheidung, der inneren Selbstständigkeit und Großmachtstellung beider Staaten möglich. Aber das Streben der Liberalen in beiden Reichen, welchem die ,Köln- Ztg.' Ausdruck gibt — nur so ist ihr Tendenzartikel aufzufaffen — geht dahin, nur eine Großmacht an die Stelle zu setzen, wo deren zwei vorhanden sind. Rach dem rheinischen Blatte hätte sich die innere Politik des österreichischen Staates nach der des deutschen zu richten und müßte besonders den Deutschliberalismus wieder zur Maxime der Regierung in Oesterreich erheben. Daß das den österreichischen Völk^staat- an den Abgrund des Ruins bringen würde, hat man gesehen. In Oesterreich ist nur eine Politik der Versöhnung der Nationalitäten die ersprießliche; jede Nation kann beanspruchen, daß ihr innerhalb des Staatsverbandes ihre historische Stellung und verfassungsmäßigen Rechte garantirt sind und die Ausübung derselben nicht geschmälert wird. Das ist die Politik des auf dem deutsch-österreichischen Bündniß stehenden Kabinets Taaffe. Was von dem weiteren Programm des Kabinets Taaffe zu halten sei, ist oft genug während der letzten Wahlperiode in Oesterreich gesagt worden: es genügt uns nicht, und die Deutschliberalen haben keinen Grund, die österreichische Regierung „reactionär" zu nennen. Wenn der Deutschliberalismus trotzdem mit solcher Leidenschaft auf Taaffe eindrängt, so thut er es in dem Bestreben, im Trüben zu fischen, denn wenn nicht
ihr den Schwur der Treue geleistet und befinde mich ganz zufrieden bei dieser Liebe."
Reinhold seufzte und schwieg, was wußte auch so ein zwischen Büchern vertrockneter Profeffor von der Leidenschaft des Herzens, welche ihn verzehrte? — und noch dazu ein alter Professor!
Er nahm diesen letzten Gedanken sogleich zurück, als er den seltsamen Mann schärfer betrachtete, — von Alter war noch keine Spur, die ganze Gestalt, nur schlank und schmächtig gebaut, schien gestählt zu sein gegen Schwäche und Krankheit.
„Ich habe mir vorgenommen, hier einige Zeit zu verweilen," fuhr der Professor fort, „Sie gefallen mir, weil Sie mehr Talent als Genie zu sein scheinen. Mit den sogenannten Genies ist kein Auskommen, sie denken meiner Treu, die Welt sei nicht allein ihrethalben erschaffen, sondern müsse auch wieder aus den Fugen gehen, wenn die Ordnung nicht zuweilen, wie sie es wünschen, auf den Kopf gestellt werde. Nun, kommen Sie Morgen ein wenig zu mir, ich wohne im . . . Hotel, und werde mich freuen, ein Stündchen mit Ihnen zu verplaudern, vielleicht sind Sie so freundlich, mir alsdann die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt zu zeigen."
Reinhold verbeugte sich und versprach zu kom-
alle Wogen der Leidenschaft aufgerührt würden, könnte man klar sehen, was das „Deutschthum" der österreichischen Liberalen eigentlich für ein Ding sei. Sie geben bekanntlich die „Rettung des Deutsch- thums" vor dem Untergange" vor; würde der Kampf nicht so verwirrend geführt, so müßte es im Volke Jeder einsehen, daß der Schutz der nichtdeutschen Nationalitäten in ihrem Bestände und die Befriedigung ihrer berechtigten nationalen Bewerbungen mit Nichten eine Gefährdung des Deutschthums ist, man würde einsehen, daß diese Nationalitäten-Versöhnung auch das Deutschthum in seiner berechtigten Stellung läßt und sich nur gegen den liberalen Centralismus richtet, welcher den vielgestaltigen Kaiserstaat an der Donau nach einer Schablone regieren möchte mit Unterdrückung der anderen Nationen. Diese Politik des Kabinets Taaffe macht das österreichische Völkerconglomerat aber gerade bündnißfähiger mit Deutschland. Die das Gegentheil behaupten, leisten den deutsch-österreichischen Beziehungen und deren Befestigung durch pragmatische Verträge den schlechtesten Dienst. Denn dadurch werden gerade jene „Schwierigkeiten", von deren der Reichskanzler gesprochen, geschaffen. Das österreichische Parlament muß ja dadurch mißtrauisch werden und glauben, daß der Abschluß pragmatischer Verträge die innere Selbstständigkeit Oesterreichs gefährde.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juni.
* Ueber die Verhältnisse in Elsa ß - L crfrir» - ringen schreibt die ,Corr. Falkenb.' anläßlich des Todes v. Manteuffel's das Folgende: Die liberale Presse Berlins wird dem Verschiedenen, dessen gute Absichten übrigens allgemein anerkannt werden, nur halb gerecht. Seine militärischen und diplomatischen Verdienste finden allgemeine Anerkennung. Anders steht es dagegen mit dem Wirken Manteuffels als Statthalter, denn hier stellt die liberale und kulturkämpferische Brille, durch welche die meisten Blätter auf diese Thätigkeit blicken, alles als schwarz oder doch als verfehlt und wirkungslos dar. Beachtung verdient es, daß auch die Blätter des Elsaß dem Fleiße, der Energie und der Schaffenslust des verschiedenen Statthalters ihre Anerkennung nicht versagen und rück haltslos die guten Absichten seiner Versöh'
men, er verwünschte den langweiligen Schwätzer, wie er ihn im Stillen nannte und fluchte der ganzen Welt.
Mittlerweile hatte die Hausfrau das Abendessen anrichten lassen und die Gesellschaft begab sich zu Tisch zum heimlichen Verdruß des Professors und auch des Hausherrn, dem durch alle diese albernen Zwischenfälle die ganze Soiree verdorben war.
Die frohe Laune der Gesellschaft wollte auch bei Tische nicht wiederkehren, der Professor schien besonders der jungen Welt ein Dorn im Auge zu sein und Reinholds finsteres Gesichtz durchaus nicht zu dem festlichen Abend zu passen.
Die Tafel wurde deshalb auch bald gufgehoben, da die Jugend sich nach der Lust eineS kleinen improvisirten Balles sehnte, bei welchem ein Riesen-Tannenbaum mit seinen Ueberraschungen eine Hauptrolle spielen sollte. Auch sehnten sich die jungen Damen fast aus der Gesellschaft des Professors, welcher mit einigen älteren Herren eine Unterhaltung über wissenschaftliche Gegenstände begonnen hatte und mit seiner Tenorstimme alles beherrschte. Sein kaltes Auge schien wie eine Alp jene Fröhlichkeit zu bannen und über die seichten Scherze der jungen Herren zu spotten.
So kam es denn, daß sich der Gelehrte in kur-