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J\S 140. Dienstag, den 23. Juni 1885.

Fuldaer

eilung

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Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juni.

'Zur „Bismarckspende und Lehrerfrage'' bringt die .Köln. Vztg.' in ihrer neuesten Nummer einen Artikel, den wir unverkürzt folgen lassen: „Die .Rheinisch-Westfälische Zeitung' brachte in einer ihrer jüngsten Nummern einen aus westfälischen Lehrerkreisen kommenden Artikel über die Bismarck­spende, welcher sich gegen die geplante Verwen­dung eines Theiles derselben zur Unterstützung hilfsbedürftiger Angehörigen des höheren Lehrer­standes mit eben so viel Würde als Entschiedenheit ausspricht. Genanntes Organ glaubt behaupten zu können, daß der Artikel nicht nur der west­fälischen, sondern der Lehrerwelt der westlichen Provinzen aus dem Herzen geschrieben sei. Das ist sehr wahr. Wir können versichern, daß wir noch kein Mitglied des Lehrerstandes über diesen Gegenstand gesprochen haben, welches nicht sein Bedauern über dieses Projekt geäußert hätte. So war es doch gewiß nicht gemeint, wenn die akademisch gebildete Lehrerwelt sich kürzlich rührte und ver­trauensvoll an die Regierung sich wandte, um endlich zu bekommen, was ihr nach Recht und Billigkeit zusteht: Gleichstellung mit den Richtern erster Instanz an Gehalt und Rang. Es wird ja Niemanden einfallen, an der guten Absicht zu zweifeln, aus der dieses Projekt entsprungen ist; auch unterliegt es keinem Zweifel, daß iu diesem oder jenem speziellen Falle — in jeder anderen Beamtenkategorie übrigens so gut wie in dem Lehrerstande — durch diese Verwen­dung der Bismarckspende ein Pflästerchen auf eine schmerzende Wunde gelegt werden würde. Aber man bedenke doch, wie beschämend und nieder­drückend die Sache für die Lehrerwelt im Ganzen sein muß! Man verwende also die Bismarckspende zur Linderung der Noth in den arbeitenden Klaffen in irgend einer Weise — und gebe, wenn der Ausdruck erlaubt ist, dem Lehrer, was des Lehrers ist. Die mit aller Bescheidenheit und- Loyalität vorgetragenen Wünsche des Lehrerstandes sind gerade jetzt um so berechtigter, als diesem vielge­plagten , bestbelasteten Stande neuerdings eine neue Bürde mehr aufgeladen ist, ohne daß von einer Entschädigung die Rede wäre: wir meinen die jetzt zust Pflicht gemachten Klaffen- Ausflüge. Wenn irgend ein Staatsbeamter in

ä Marie Seewald. <7

Eine Erzählung aus dem Leben von 6. D.

Marie hatte sich unterdessen zu ihrer Mutter begeben, welcher diese öffentliche Szene im höchsten Grade verletzend erschienen war, sie mußte unwill­kürlich nach dem fremden Professor blicken, und wendete sich erröthend ab, als sie sein kaltes, stechendes Auge fest auf sich gerichtet sah. Warum klopfte ihr Herz so wunderlich bei seinem Anblick? — Sie fühlte sich unbehaglich, unzufrieden mit sich selber, und schrieb es ihrer eigenen Schuld zu, — warum hatte sie diesem rücksichtslosen Manne, den sie zum ersten Male gesehen, so keck, so unweiblich geantwortet? — Das kalte Anstarren desselben erregte ihren Widerwillen und am liebsten wäre sie sogleich nach Hause gegangen, um sich in der einsamen Stille ihres Stübchens auszuweinen.

Wie eine vollendete Sängerin stand Luise auf der Tribüne, das Notenblatt in der Hand. Rein­hold begleitete am Flügel.

Das eitle Mädchen wußte, daß sie mit ihrer Stimme einen großen Triumph feiern werde, da sie bereits den bühnenkundigen Vortrag in der Ge­walt hatte. Die großen stahlgrauen Augen schos­sen Blitze nach allen Seiten und hasteten über»

Ausübung seines Amtes sich über drei Kilometer von seinem Wohnort entfernt, so bekommt er seine gut gemessene Diäten; der gute Lehrer läuft stunden­lang mit seinen Schülern durch Feld und Wald, oder unternimmt mit ihnen Tages-Ausflüge zum Niederwald, zum Hermanns-Denkmal rc., lebt dabei aus seiner eigenen Kasse und bittet höchstens um Entschuldigung, daß er existirt. Was die akademisch gebildeten Lehrer in aller Gesetzlichkeit und Loyalität den Leitern des Staates unter­breiteten, war eine Bitte um Recht s- nicht um ein Almosen."

* Der Knecht Griogolaitis, welcher am 5. und 6. Mai Steine nach dem Fenster des kaiserli­chen Palais warf, ist von der ersten Straft im­mer des Landgerichts I. wegen wiederholter Ma­jestätsbeleidigung und wiederholter vorsätzlicher Sachbeschädigung zu l1/2 Jahren Gefängniß ver- urtheilt worden.

* Kiel, 21. Juni. Der für den Gouverneur von Kamerun bestimmte Dampfer ist gestern auf der Werft „Germania" glücklich vom Stapel ge­lassen worden. Der Vice-Admiral v. Wickede taufte das Schiff auf Befehl des Kaisers mit dem Namen „N a ch t i g a l", damit der Name desjeni­gen Pioniers der Civilisation, der so Hervorragen­des bei Erwerbung unserer Colonien geleistet, der sein Leben dabei gelassen, auch fernerhin auf dem Schauplatz seiner Thätigkeit nie vergessen werde.

* Ems, 22. Juni, Se. Majestät der Kaiser ist im besten Wohlsein hier eingetroffen.'"

* Von der Ems schreibt man der ,Köln. Vztg.': Das mehr und mehr allgemein werdende Frontmachen gegen den Mißbrauch geistiger Getränke durch Gründung von Vereinen, durch Wort und Schrift u. s. w. scheint doch vielfach seine Wirkung nicht zu verfehlen. Als ein gewiß erfreuliches Zeichen kann constatirt werden, daß die Bewohner des platten Landes selbst bei außer­gewöhnlichen Veranlassung sich mehr und mehr des Brantweines zu enthalten scheinen. Bei den so­genannten Hollandsgängern, den Arbeitern, welche alljährlich im April und Juni zum Torfgraben bzw. Grasmähen aus der hiesigen Gegend nach Holland gehen, und die fast ausnahmslos aus Heuerleuten vom Lande sich recrutiren, spielte sonst der Brantwein eine große Rolle, wenigstens wurde bei der Abreise, wenn die verschiedenen Trupps an dem bestimmten Ort sich gesammelt

müthig auf dem Fremden, welcher sie noch immer nicht zu sehen schien, sondern sich angelegentlichst mit seinem Vetter, dem Kaufmann Höfer unterhielt.

Luise erröthete jetzt vor Verdruß, was galten ihr alle Huldigungen, wenn dieser eine ihr dieselbe versagte, ja, sie absichtlich zu ignoriren schien?

„Warte, wenn ich gesungen habe," tönte es in ihrem Innern, „Du sollst an meinen Siegeswagen, so wahr ich dereinst noch Fürstin zu werden hoffe."

Luise sang entzückend schön, sie bot ihre ganze Kunstfertigkeit auf und errang einen wahren Sturm von Beifall.

Ihr Blick streifte den Fremden, er saß stumm in seinem Winkel und rührte keine Hand.

„Er wird jetzt kommen, wie bei der Schwester," dachte sie, „was war jenes Spiel gegen dieses zündende Lied."

Er kam nicht, doch als der Sturm sich gelegt hatte, hörte sie seine Stimme, die sie unter hun­derten erkennen wollte, sagen: „Solche Lieder ver­langen einen einfachen Vortrag, da nützen weder Kunstfertigkeit, noch brillante Bühneneffekte, sie muffen mit dem Herzen, oder wie es landläusiger heißt, mit der Seele gesungen werden. Der Kom­ponist hat seine Sache brav gemacht."

Luise erstarrte vor Wuth, die neidische Damen»

hatten, noch 'mal ordentlich der Flasche zugesprochen ; es mußte Courage getrunken werden, und wir hatten öfters Gelegenheit, zu beobachten, wie einige von den Arbeitern völlig betrunken an der Erde lagen und von ihren Kameraden förmlich weiter­geschleppt werden mußten. Daß unter solchen Umständen der Friede unter diesen Leuten nicht immer erhalten blieb, ist selbstverständlich, ja die Zänkereien gingen sogar häufig in Tätlichkeiten über. Wenn schon im vergangenen Jahre in dieser Beziehung ein Wandel unter den Arbeitern einge­treten zu sein schien, so ist es in diesem Jahre vollständig geschehen. Die durchpassirenden Arbeiter gehe.! ruhig ihres Weges weiter; man hört kein Toben und Lärmen, wie früher, und sieht keine wankenden Gestalten. Fast sollte man glauben, es sei heute eine ganz andere Generation, so groß ist der Unterschied.

* München, 21. Juni. Die ,N. N.' bemen» tiren die Nachricht, der verstorbene Fürst von Thurn und Taxis habe dem Könige von Baiern eine Schenkung von acht Millionen Mark testamentarisch vermacht.

Ausland.

* Die Brünner Tumulte sind als beendet zu betrachten. Nachdem der Sonnabend ruhig ver­laufen, haben die zwischen einem Arbeiterausschuß und den Fabrikanten unter Mitwirkung der Be­hörden geführten Verhandlungen zu einer Verein­barung geführt. Die Arbeiter erklärten den Vor­schlag der Fabrikanten auf eine 623/4ftünbige wöchentliche Arbeit für annehmbar. Eine theilweise Lohnerhöhung wirb bet freien Vereinbarung über­lassen.

* Aus Rom wird der ,Germ.' in Betreff der italienischen Ministerkrisis geschrieben: Allgemein ist man der Ansicht, daß die einzig mögliche Lö­sung ein theilweise erneuertes Kabinet Dep retis ist. Aber der alte Mann, der wohl mehr als jeder Andere diese Ueberzeugung hegt, will sich erst recht bitten lassen, um in die Lage zu kommen, seine Bedingungen stellen zu können. Auch wird es län­gerer Betathungen und Unterhandlungen bedürfen, um das neue Kabinet so zu konstituiren, daß es durch Aufnahme neuer Mitglieder unter den De- putirten mehr Freunde gewinnt, als es durch das Ausscheiden Mancini's und einiger anderen bis­herigen Minister verliert. Es zeigt sich bei dieser

weit freute sich innerlich, während die jungen Herren außer sich geriethen.

„Und diese Beleidigung soll ruhig ertragen wer­den?" fragte sie, indem ihre Hand krampfhaft Reinholds Arm ergriff, „jetzt zeigen Sie Ihre Liebe oder ich zerreiße dieses Blatt vor Ihren Augen."

Reinhold stürmte die Stufen hinab zu dem Pro­fessor hin, welcher ihn mit einem vornehmen Lächeln empfing.

„Herr, Sie scheinen Ihr Vergnügen daran zu haben, die Kunst und ihre Vertreter zu verspotten und der Verachtung preiszugeben, — Sie haben in dieser Dame uns alle und insbesondere mich beleidigt. Ich fordere Genugthuung."

„Ist die junge Dame ihre Verlobte?" fragte der Professor ruhig.

„Ja," rief Reinhold mit einem kühnen Entschluß.

„Dann thut es mir leid, mein Urtheil ausge­sprochen zu haben," versetzte der Professor achsel­zuckend, „ich glaubte, nach ihrem Austreten und ihrer Gesangsweise eine Bühnensängerin zu tritt» fiten. Mein Urtheil über Gesang bleibt dasselbe, von Beleidigung kann hier keine Rede sein."

Ein Sturm von Glückwünschen brach jetzt von allen Seiten über Reinhold sowohl als über Luise