1885
Montag, den 22. Juni
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ö Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von 8. D.
„Wie alt der Rothbart wohl sein mag?" warf Luise die Frage auf.
Man kam dahin überein, ihn für fünfzig zu halten — obgleich er soeben erst die dreißig überschritten hatte.
Ein Glück, daß in diesem Augenblick die Musik begann, die beleidigten Schönen standen schon im Begriff, sich den nöthigen Succurs unter ihren gegenwärtigen Anbetern gegen den fremden Eindringling zu verschaffen.
Wie gern hätten sie ihre Randgloffen über den unglücklichen Profeffor, der mit souveräner Verachtung ihre Gegenwart ignorirte, noch Ungenirter fortgesetzt, wenn nicht eine heilige Scheu vor den Musikgesetzen ihre Zunge gefeffelt, — kein fremder Laut durfte während der Aufführung hörbar werden, wer dagegen frevelte, wurde ohne Erbarmen von der nächsten Einladung ausgeschloffen, eine Strafe, welche jede und jeder fürchtete, da es bereits zum guten Ton, ja, zu einer besonderen Auszeichnung gehörte, zu den musikalischen Soireen des Kaufmanns Höfer eine Karte zu erhalten.
Das prächtige Beethovenfche Musikstück wurde
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Juni.
* Der Kriegsminister Generallieutenant Bronsart v. Schellendorff macht folgende Allerhöchste Kabi- netSordre der Armee bekannt mit dem Hinzufügen, daß einer weiteren Allerhöchsten Bestimmung zufolge die Trauer um den General-Feldmarschall Frhrn. v. Manteuffel überall beginnen soll, sobald die Trauer um den General-Feldmarschall Prinzen Friedrich Karl von Preußen, Königliche Hoheit, beendet ist.
„Gottes Fügung hat Mir, Meiner Armee, und dem Vaterlande durch den Tod des General-Feldmarschalls Frhrn. v. Manteuffel wiederum einen sehr schweren Verlust auferlegt. Wir haben uns dem Willen des Allmächtigen Gottes zu beugen, aber unsere Herzen trauern um diesen, in so vielen besonders wichtigen Stellungen hochverdienten und hochbewährten Mann, den Mein wärmster Dank zu seiner letzten Ruhestätte geleitet und dessen treue Dienste Ich wahrlich schmerzlich vermissen werde. Es wird den Empfindungen der Armee voll und ganz entsprechen, für ihn, der so viel für die Armee gethan, Trauer anzulegen, welche — wie Ich hierdurch bestimme — von sämmtlichen Offizieren der Armee nnd Marine 8 Tage, von den Offizieren des 15. Armeekorps, des 1. Garde-Dragoner-Regi- ments Nr. 5 aber 14 Tage — Flor um den linken Unterarm — getragen werden soll. Sie haben hienach das Erforderliche bekannt zu machen. Berlin, den 18. Juni 1885. An den Kriegsminister. Wilhelm."
* Der Maurerstrike nimmt immer größere Dimensionen an. Sämmtliche Bauten ruhen vollständig; die Zahl derer, die durch diesen Strike direkt und namentlich indirekt außer Arbeit gesetzt sind, wird auf 40,000 veranschlagt. An 3000 unverheirathete Maurer haben Berlin bereits verlassen, in einzelnen Vororten, wohin starke Trupps der Sinkenden gezogen sind, um auch die dortigen Maurer zur Arbeitseinstellung zu zwingen.
im Geiste des unsterblichen Meisters durchgeführt, doch besonders zeichneten sich Reinhold und Marie dabei aus, ihr Spiel war ganz Seele und Ver- ständniß und überwand mit wunderbarer Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten.
„So wie an diesem Abend haben die Beiden noch niemals gespielt," flüsterte der Hausherr den beiden Müttern des jungen Künstlerpaares zu, welche nebeneinander saßen. „Es ist mir", setzte er bedeutungsvoll mit einem feinen Lächeln hinzu, „als habe der Himmel kein passenderes Paar geschaffen."
Reinholds Mutter wechselte einen betrübten Blick mit Frau Seewald, sie wußten es beide nur zu gut, wie eitel diese Hoffnung war.
Professor Holberg applaudirte nicht beim Schluß des Musikstückes, wie die übrige Gesellschaft, doch begab er sich ohne weitere Präliminarien zu den Künstlern und sagte mit lauter Stimme: „Sie haben brav gespielt, ich danke Ihnen für den Genuß, bleiben sie nur hübsch bei der klassischen Stange, das ganze neue Zeug ist nichtswürdiges Gedudel und verdirbt den ganzen Geschmack."
„Das heißt, die Todten doch gar zu sehr auf Kosten der Lebenden vergöttern", versetzte Reinhold etwas bitter, „doch daran erkennt man seine
thnt, und daß er auch gesellig jedem ohne Unterschied in so freundlicher Weise entgegenzukommen und so auf gleichem Fuße mit ihm zu verkehren nicht unter seiner Würde hält."
* Die „Weser - Zeitung" schreibt in einem Re- krolog des Freiherrn von Manteuffel bezüglich feiner Wirksamkeit in Schleswig »Holstein: „Daß es Manteuffel nicht gelang, dem preußischen Regiment Beliebtheit zu verschaffen, ist kein Wunder. Dazu war er eben zu sehr Preuße, und das preußische Wesen besitzt ja anerkanntermaßen die Eigenthümlichkeit, eigentliche Popularität nirgends erringen zu können."
* In einem Erlasse des Kultusministers wird ausgeführt, daß die Verheirathung einer Lehrerin nicht von selbst deren Unfähigkeit zur ferneren Verwaltung des Amtes, den Verlust desselben und der vermögensrechtlicheu Ansprüche aus dem Dienstverhältnisse bewirke; doch sei bei der Anstellung von Lehrerinnen ein Vorbehalt zulässig, daß für den Fall der Verheirathung das Amts- verhältniß als aufgehoben und beendet gelten solle.
• Der Kultusminister hat sich dahin ausgespro- chen, daß, um zu den zahnärztlichen Stu- dien und Prüfungen zugelaffen zu werden, das Abgangszeugniß einer lateinlosen Ober-Realschule nicht genügt, dieses vielmehr noch durch das an einem Realgymnasium zu erwerbende Zeugniß der Reife in Latein für die Prima eines Realgymnasiums ergänzt werden muß.
* Mülhausen i. E., 20. Juni. Das Jour- nal „Expreß" widmet dem Statthalter, Getteral- Feldmarschall von Manteuffel; einen sympathischen Nachruf, in welchem es heißt: „Trotz der Diktatur kann man sagen, daß seine Verwaltung im Allgemeinen von einem großen Geiste der Versöhnung geleitet wurde; er hoffte so dem deutschen Reiche die Sympathien der Bevölkerung zu erwer- ben und diese früher oder später mit einer autonomen und regelmäßigen Regierung auszustatten. Das Land wußte ihm großen Dank für feine wohlwollenden und väterlichen Gesinnungen. Der Marschall nimmt die respektvolle Achtung der Elsässer mit sich, welche ihm immer Dank wissen werden für die wohlwollende Haltung, die er ihnen gegenüber beobachtete. Er ist gestorben, ohne fein Werk vollenden zu können, welches er mit Ausdauer verfolgte und welches der besten Erfolge würdig war."
deutschen Pappenheimer, welcher den Lebenden nicht genug verketzern kann, um ihn nachher, wenn er nichts mehr gebraucht, mit einem Denkmal abzufinden."
„Eine kecke Behauptung, meiner Treu!" ruckte der Profeffor, „es steckt Wahrheit darin, wie denken Sie über diesen Punkt, mein Kind?"
Erschreckt wandte sich Marie um und eine tiefe Gluth bedeckte ihr Angesicht bei der vertraulichen Anrede des fremden Mannes.
„Sprechen Sie mit mir, mein Herr?" fragte sie unwillig, denn ringsum begegnete sie lachenden und fpöttifchen Mienen.
„Mit wem denn fönst?" versetzte der Professor mit lauter Stimme und seine Stirne kräuselte sich, während die durchdringenden Augen kalt und verächtlich die Gesellschaft überflogen. „Sie scheinen mir in vielen Dingen, das heißt, was Kunst betrifft, eine lobenswerthe Ausnahme ihres gedankenlosen Geschlechts zu sein, weshalb ich neugierig auf Ihre Antwort bin, da mir diese ein Grad- meffer Ihres Gehirns sein soll. Ich würde mich in derThat freuen, wenn ich dasselbe schwerer, als das der großen Mehrzahl der Weiber finden würde."
„Und ich bin Ihnen durchaus nicht dankbar für die absonderliche Auszeichnung, welche Sie mir
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IH. Quartal 1885
wolle man bei der nächsten Postanstalt, den Boten oder in der Expedition baldigst machen.
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Der Anfang der Erzählung „Marie Seewald" wird auf Verlangen gratis nachgeliefert.
ist es zu Krawallen und zum Einschreiten der Gensdarmerie gekommen.
* Aus Hannover wird der ,Weser-Ztg.' geschrieben: „Es ist nicht ohne Jntereffe, zu beobachten, welche Stellung sich die kleine Excellenz von Meppen, der bekannte Centrumsführer Windt- horst im Hannover sch en Provinziallandtage, dem er zum ersten Male angehört, im Handumdrehen erworben hat. Obwohl in der Versammlung von 100 Personen nicht 10 sitzen, die für Windthorst's politische oder kirchliche Richtung die geringste Sympathie haben, so ist er doch nicht allein der Mittelpunkt des Jntereffes, sondern man kann sagen, der Gegenstand allgemeiner Huldigung. Wo er steht, bildet sich ein Kranz von Zuhörern. Will er gehen, was ihm bei seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit ohne Führung oft schwer wird, so finden sich konservative Landräthe und liberale Bürgermeister, die ihm ihre Dienste anbieten. Erhebt er sich zum Reden, so herrscht tiefste Stille in den eben noch ziemlich lebhaft sich unterhaltenden Reihen. Kommt er Abends zu den geselligen Zu- sammenküuften, so räumt ihm bereitwillig Jeder trotz Platzmangels den besten Platz ein. Sehr ernstlich wird seine Wahl in den Provinzialausschuß geplant, und ohne alle Rücksicht auf den Parteistandpunkt iuteressiren sich eine Menge konservativer wie liberaler Elemente für die Wahl, obwohl doch auch andererseits Stimmen laut werden, welche vor dieser Wahl entschieden warnen. Daß Windthorst schon jetzt einen unbestreitbar großen Einsiuß im Provinziallandtage erlangt hat, liegt eberffo auf der Hand, wie daß dieser Einfluß mit dem Anwachsen seiner Kenntniß der Personen und Ver- hältniffe noch steigen wird. Politisch verwerthen wird Windthorst den Einfluß allerdings nicht können. Denn eben nicht seine politische Stellung ist es, welcher er seine ausgezeichnete Aufnahme im Provinziallandtage verdankt, sondern es ist lediglich das trotz seiner politischen Haltung auch bei seinen ausgesprochensten Gegnern herrschende Gefühl der Befriedigung, daß ein Mann von so hervorragender Bedeutung, einer unserer ersten Parlamentarier, ein selbst von Bismarck gewürdigter und unter Umständen gefürchteter Politiker es nicht verschmäht, den im Verhältniß zu seiner sonstigen öffentlichen Thätigkeit doch nur geringfügiges Interesse bietenden provinziellen Angelegenheiten einen so regen Eifer zuzuwenden, wie Windthorst das
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