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VM 138.

Sonnabend, den 20. Juni

1885.

Fuldaer Fatung.

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8 Der Sturz des englischen Kabinets.*)

Zum dritten Male ist der Premierminister Glad­stone, die Sonne des englischen Liberalismus, vom politischen Schauplatze abgetreten, und man fragt sich unwillkürlich und fast nicht ohne Humor, ob der alte Staatsmann jetzt endgiltig dem öffentlichen Leben fern bleiben, oder ob er es noch einmal versuchen wird, auf der Bildfläche zu erscheinen. Schon vor 11 Jahren, als er gezwungen wurde, das Ruder der englischen Politik anderen Händen zu überlasten, glaubte man, er werde sich als dilet- tuender Holzhacker, regierungs- und kampfesmüde, in's Privatleben zurückziehen; aber im Frühjahr 1880 stürzte er sich noch einmal mit dem ganzen Feuer seiner Beredtsamkeit in die wogende Bran­dung: Gladstone siegte, und Lord Beaconsfield mußte seine Entlastung nehmen. Ob die ministe­rielle Ruine sich noch einmal galvanifiren lasten und einen vierten politischen „Johannistrieb" trei­ben wird? So ernst der Rücktritt des Ministeriums in London an sich ist, so sinkt er durch die den­selben begleitenden Umstände doch zu einer Poste herab: nicht Afghanistan, nicht Egypten, nicht der Sudan, nicht Irland waren im Stande, ihm das Lebenslicht auszublasen; an der Absicht, „dem armen Manne das Bier zu vertheuern", sollte es zu Grunde gehen. Ein Kabinet, welches Jahre lang den heftigsten Stürmen und Angriffen der Gegner getrotzt, stolperte über die verlangte Er­höhung der Bier- und Schnapssteuer — das ist die Komik bei der Sache. Ist das englische Volk so hartherzig, das Bombardement von Alexandrien, die Blutbäder in Egypten und im Sudan und die Blamage in Afghanistan zu verzeihen, um sich hin­terher wegen der Vertheuerung seiner Getränke zu rächen? Steht ihm der Durst höher,' wie die nationale Ehre? Doch nein, seien wir gerecht, nicht die Bierfrage hat Gladstone gestürzt; sie war nur der äußere und willkommene Anlaß, von einem Aste zu springen, der bis auf die Sckale abgesägt war. Die Summe der Fehler, Mißer­folge und Dummheiten, die Kopflosigkeit und Täp- Agkeit in der äußeren Politik ist es gewesen, welche das verfloffene liberale Ministerium zu einer Art Selbstmord zwang. Es warf die-Flinte in's Korn, weil es nichr mehr aus noch ein wußte; es glich einem Menschen, der überall den Boden unter den

*) Nachdruck untersagt.

ö Marie Seewald.

Eine Erzählung aus dem Leben von 6. S.

Marie lag freilich mit geschloffenen Augen in ihrem Bette, doch schlief sie nicht, sie litt unaus­sprechlich bei dem Geschwätz der Schwester und dem Gedanken, wie oberflächlich doch das Heiz eines Mannes sein mußte, welcher ein solches We­sen anbeten, vergöttern konnte; ja, sie litt furcht­bar bei der Vorstellung, wie sie ihm dieses Ge­spräch mit der Schwester mittheilen sollte, ohne ihn tödtlich zu verwunden.

Endlich schlief sie ein, von unruhigen und angst­vollen Träumen gefoltert, während Luise von einer Feenwelt von Glanz und Schimmer, voll Reich- thum und Ruhm träumte.

So ist der Schein, die Oberflächlichlichkeit stets glücklich, selbst im Traume, während das echte Talent verkannt und übersehen mit Qual im Her­ren, auch diese mit in den Traum hinüber trägt.

Die arme Marie sah sich im Traume als Greisin, °ls arme, alte Klavierlehrerin, einsam und ver­lassen von der Welt, — sie kostete das herbste Geschick durch, welches schon im Stillen so oft °as Schreckbild ihrer Gedanken gewesen.

Mehrere Wochen waren nach diesem letzten Abend

Füßen wanken fühlt, und der sich selbst entleibt, um nicht im Sumpfe zu ersticken; einen Bankerot­teur, der seinen Konkurs anmeldet, weil die Pas­siva die Aktiva bedeutend übersteigen. Ob die Ab­dankung Gladstone's deshalb so schnell erfolgte, weil er der Königin erklärte, sein Entschluß sei unwiderruflich; oder ob die Königin Viktoria froh war, einen Mann los zu werden, der die Würde des Reiches so oft und so tief im Auslande geschä­digt, mag dahin gestellt sein — Thatsache ist, daß die nunmehr eingetretene Katastrophe unausbleiblich und nur eine Frage der Zeit war, und zu ver­wundern ist nur, daß sie nicht schon längst einge- treten ist.

Es dürfte nicht leicht ein Kabinet zu finden sein, welches so viele Sünden und Mißerfolge auf dem Kerbholze hat, wie das zu seinen Vätern berufene englische, und die Geschichte, welche berufen sein wird, ihr Uctheil hierüber abzugeben, wird die letzten fünf Jahre der englischen Politik mit dem Prädikate „mangelhaft" bezeichnen müffen. Es ist keine leichte Ausgabe, auszurechnen, wie oft Glad­stone in den verschiedenen großen und weltbewegen­den Fragen seine Politik geändert hat; Thatsache ist, daß sie sich wie eine Wetterfahne auf dem Dache drehte, und daß man nie wußte, ob der Beschluß von heute morgen noch Gültigkeit haben werde. Ueberall rief er Konflikte hervor: mit Frankreich am Kap, mit Deutschland in der Kolo- nialpolitik; in Irland machte er die Verwirrung nur noch größer, und die Fenier antworteten mit Dynamitbomben. Ohne jede vsrherige Kriegser- klärung ließ Gladstone das Bombardement auf Alexandrien eröffnen und die blutigen Kriege in Egypten und im Sudan endeten mit der Nieder­lage und dem schmachvollen Rückzüge der englischen Armee.

Drei Heere wurden geopfert; die besten Feld­herren fielen im Kampfe gegen die uncivilisirten Horden des Mahoi; Gordon Pascha wurde in Khar­tum hingeschlachtet, Millionen wurden geopfert, ganze Ströme von Menschenblut düngten den afri­kanischen Wüstensand und das Ende all' dieser Opfer an Gut und Blut war der Rückzug der Truppen — der Sudan wurde dem Mahdi preisgegeben! Geradezu entsetzlich war die Schwäche der Glad- stone'schen Politik in der afghanischen Frage, die das Ansehen Englands in Asien auf's Tiefste er­schütterte ; um die Ansprüche des russischen Erobe-

vergangen. Die Mutter hatte mit Luise hinsicht­lich ihres Entschlusses, Sängerin zu werden, einen harten Kampf gekämpft, — und war doch schließ­lich, wie gewöhnlich dieser Tochter gegenüber er­legen, besonders als Luise frische Hülfstruppen in den Kampf führte in Gestalt des Hofkapellmeisters Alexis, welcher die Mutter unausgesetzt bestürmte, ihr die Zukunft der Tochter mit so glänzenden Farben schilderte, daß sie endlich mit schwerem Herzen einwilligte und den Gesang-Unterricht er­laubte.

Reinhold war außer sich bei dieser Nachricht, — er wüthete auf sich, auf Frau Seewald, daß sie es der Eigenwilligen nicht untersagt, daß sie nicht für ihn bei der Schwester gesprochen. Das arme Mädchen litt unaussprechlich, und doch fühlte sie noch die Kraft in sich, den Freund, der sie so ungerecht behandelte, auf die Zukunft zu vertrösten und ihn durch eine Hoffnung, dereinst, wenn Luise erst verständiger geworden, sie noch zu gewinnen, aufrecht zu halten.

Es war am Weihnachtsabend; — Frau See­wald war mit ihren beiden Töchtern, welche ihrer so verschiedenartigen Talente wegen überall sehr beliebt waren, zu einer befreundeten Familie ein­geladen, um den Weihnachtsabend im geselligen

rers zu befriedigen, wurde Alles bewilligt, und dennoch ist die Gefahr einer neuen Streitigkeit nicht ganz beseitigt. So häufte sich Niederlage auf Nie­derlage, Blamage auf Blamage, und nichts als ein wüstes Chaos hat das gestürzte Kabinet znrückge- laffen. Die englische Politik ist dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen und das einst so stoize, meerbeherrschende Albion hat nur noch Anspruch auf Mitleid.

Aber nicht nur in den großen politischen Fra­gen hat das Ministerium Gladstone ein Fiasko nach dem andern aufzuweisen — auch in den kleinen Fragen hat es eine höchst sonderbare Rolle gespielt und es ist der Vorwurf ihm nicht erspart geblie­ben, daß es bei Verfolgung ferner Ziele sich manch­mal der kleinlichsten und verwerflichsten Mittel be­diente: die in einem Briefe an Karolyi getanen beleidigenden Aeußerungen gegen Oesterreich mußte Gladstone öffentlich zurücknehmen; Arabi Pascha hat erklärt, daß England ein nichtswürdiges Spiel mit ihm getrieben, denn er sei von Seiten Eng­lands zur Rebellion aufgestachelt worden, damit England Ursache fände, in Egypten einzufallen; die Krone aber setzte Gladstone seiner unberechen­baren Politik damit auf, daß er im vorigen Jahre allen Ernstes an die Türkei das Ansinnen stellte, mit Waffengewalt im Sudan einzuschreiten und erst der Hohn der ganzen Welt vermochte den Premier, die Zumuthung zurückzuziehen.

Das neue konservative Kabinet tritt eine böse Erbschaft an; die Vorgänger haben die Brücke hin­ter sich abgebrochen und nichts als Kehricht und Unrath zurückgelaffen. Es gilt vor allen Dingen, die Grenzbestimmungen in Afghanistan, die immer noch nicht geregelt sind, zu ordnen und mit Ruß­land ein freundschaftliches Verhältniß anzubahnen; es gilt ferner, die egyptische Angelegenheit, die so sehr im Argen liegt, in's Reine zu bringen und dürste es sich unter den obwaltenden Umständen empfehlen, die in Vorschlag gebrachte Neutralität des Pharaonenlandes gutzuheißen; es gilt weiter, die Eifersucht der Franzosen zu dämpfen, die Län­dergier der Italiener zu zügeln und geeignete Maß­regeln zu treffen, welche es verhüten, daß der siegreiche Mahdi weiter nach Norden vordringt und die abendländische Kultur im Norden Afrika's mit Füßen tritt. Die Lösung jeder einzelnen dieser Auf­gabe erfordert Kraft, Umsicht, Besonnenheit, und zu diesen äußeren Verwickelungen treten die Schwie-

Kreise angenehm zu verleben. Wie gerne wäre Marie daheim geblieben, um sich wieder einmal glücklich zu träumen, doch mochte sie es der Mut­ter nicht zu leide thun, welche es so sehr wünschte, in der Hoffnung, das Gemüth der im Stillen Lei­denden ein wenig zu erheitern. War doch Marie ihr einziger Trost, da das zweite Kind ihrem Her­zen immer fremder wurde.

Luise strahlte im Glanze einer eleganten Toi­lette, welche ihre auffällige Schönheit vortheilhaft hervorhob. Neben dieser glänzenden Gestalt sah Marie unbedeutend aus, ja mußte gänzlich über­setzen werden. Das war's ja auch nur, was die Eitle, Gefallsüchtigte wollte, die unschöne Schwe­ster sollte ihr nur als Folie dienen.

Ob Marie diese Absicht merkte? — wer möchte daran zweifeln, sie war zu feinfühlend, um den Unterschied zwischen sich und der Schwester nicht aufs peinlichste zu empfinden, doch hob das Ge­fühl ihres inneren Werthes und die Liebe der Mutter sie leicht über diese Klippe ihrer Zufrie­denheit wie ihres Selbstgefühls hinweg und nim­mer hätte sie jene um die schalen Huldigungen der Thoren beneidet, wenn nicht ihr eigenes Herz in diesen Kreis hineingezogen worden wäre und Schiff­bruch gelitten hätte.