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1885.

Freitag, den 19. Juni

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*W* Kirchenpolitisches. II.

Dem hohen priesterlichen Berufe gegenüber klingt diese Behauptung etwas materiell. Aber wir leben denn auch in einer materiellen Welt, in welcher auch die höchsten Ideale ihre materiellen Seiten haben. Ohne Feder, Tinte und Papier bleibt der erhabenste Gedanke ein tzauch, der in der Luft verweht.

Aber die materielle Frage des Berufes braucht nicht einmal von demjenigen auszugehen, der sich demselben widmet. Die Kirche hat von jeher große Mittel auf die Heranbildung junger Leute zum Priesterstande verwendet, Wenn diese Mittel feh­len, so sind diese berufenen Jünglinge zwar da, aber sie können dem Rufe nicht folgen. Wie viele Landgeistliche haben arme, talentvolle, fromme Knaben für das Gymnasium vorgebildet, haben ihnen Gönner gesucht, Stipendien verschafft, oft ihre eigene Armuth mit ihnen getheilt! Wenn aber der Landgeistliche nicht da ist, wenn er drei, vier Pfarreien zu versehen hat, wenn ihm seine Mittel gesperrt sind und er z. B. auf dem Wege der Schriftstellerei Nebenverdienste suä-en muß, dann hört das auf, und diese Fälle sind nicht selten. Die Hälfte der Geistlichen in der Diözese, der ich angehöre, hat nicht die Mittel gehabt, ganz qj>- gesehen vom Berufe, um auf eigene Kosten Gym­nasial- und Universitätsstudien zu absolviren. Da haben wir eine materielle Seite, welche die Höhe des priesterlichen Berufes absolut nicht berührt. Diese materielle Seite wird ihre auch für den Staat unheilvollen Wirkangen so lange fortäußern, bis die kirchliche Hierarchie durch alle Grade vollstän­dig und definitiv wieder geregelt ist. Auf die Dauer hat der Staat ein viel größeres Interesse, daß die Pfarrämter überhaupt besetzt sind, als daß er auf die Besetzung jeder einzelnen Pfarrstelle Einfluß nimmt. Denn selbst ein in seinem Sinne schlech­ter Pfarrer ist ihm lieber, als gar keiner; wenn man sich in Berlin fragt, welchen Schaden denn eigentlich diese nicht angezeigten Geistlichen bis zum Jahre 1872 dem Staate Preußen angerichtet haben, so wird man um die Antwort sehr verleben sein; aber das wird man nicht leugnen können, daß im Jahre 1870 hervorragende Centrumsmitglieder von Berlin nach München geeilt sind, um die damals sehr heiklen Patrioten zur Bewilligung der KriegS-

ö Marie Seewald.

Eine Erzählung aus dem Sehen von 6. D.

Marie war an diesem Abend früher als gewöhn­lich in ihr Erkerstübchen gegangen, sie fühlte das Bedürfniß, allein zu sein und fürchtete sich vor der Schwester, ja, wäre am liebsten wieder in den ! Garten gegangen, um im bleichen Mondstrahl ihr eigen Bild wieverzufinden.

Sie öffnete geräuschlos das Fenster und starrte hinaus in den monderhellten Garten, deffen lichter Glanz ihr ein Leichentuch dünkte. Wie ganz an­ders erschien ihr nach diesen letzten Stunden, ! wo sie alle ihre Träume hatte begraben muffen, die Natur, alles Leben schien gestorben, alle Freude ! eingesargt sein. Sie hatte keine Hoffnung mehr und kein Sehnen, für sie war der morgende Tag I wie jeder der folgenden fortan eine Qual und sie fürchtete sich vor der Nacht wie vor dem kommen­den Morgen mit seinem Sonnenlichte.

Da hörte sie die Stimme der Schwester, welche der alten Anna gute Nacht sagte. Horch, war das nicht eine Männerstimme? Sie beugte sich | weit aus dem Fenster, um zu lauschen. Ja, sie hatte recht gehört, es war seine Stimme, Rein­

anleihe zu bestimmen, welche die Betheiligung Bayerns am deutsch-französischen Kriege ermöglichte — und in Bayern ist die Anzeige ein altherge- brachtes Institut.

Diese Betrachtungen lassen die Anzeigepflicht von minder hoher Bedeutung erscheinen, namentlich, wenn man die Erziehung und Bildung des Klerus derselben als Gegengewicht anhängt. Wenn die Regierung den Klerus überhaupt heranbildet oder zum Mindesten einen maßgebenden Einfluß auf diese Heranbildung nimmt, dann kann es ihm sehr gleichgültig sein, auf welchen Posten die Kirche die so herangebildeten Geistlichen verwendet. _ Er hat die Sicherheit, daß in einem einzigen Menschenaller alle Geistlichen mit einem Chrysam ordinirt lind, zu welchem er das Oel und den Balsam geliefert. Aber man scheint umgekehrt in Rom der Ansicht zu sein, wenn man die Heranbildung der Priester in der eigenen Hand behalte, dann habe es minder Bedenken, dem Staate einen Einfluß auf die Be­setzung der Stellen zu gewähren; weil ja dann alle Priester im Geiste der Kirche erzogen seien.

Man sieht daraus, daß die Sache allerdings in einem engen Zusammenhänge steht. Aber die Schwie­rigkeit liegt eben darin, daß Beioe, der Staat wie die Kirche, an der Heranbildung des Priesterstan­des festhalten. In Berlin beweist man dadurch seine Friedensliebe, daß man Concessionen in der Anzeigepflicht macht, und in Rom sagt man: Aeußere Dich nur einmal erst in der Bildungsfrage, dann werden wir über die Anzeigepflicht einig.

Der Staat hat im Kulturkämpfe gesehen- ihm zum Siege mangelte, nämlich ein gefügiger Klerus, und die Situation scheint mir nun die zu sein, daß er bereit ist, alle Forderungen fallen zu taffen, mit Ausnahme jener einen, welche ihm den gefügigen Klerus sichert.

Und wenn er in einem Menschenalter diesen ge­fügigen Klerus herangebildet hat, wer garantirt uns dafür, daß er nicht alle diese Forderungen, die er heute fallen läßt, wieder erhebt?

Es klingt allerdings sonderbar, wenn wir da von einem Menschenalter reden, als sei das ein Zeitraum von heute auf morgen; aber die Dauer her Kirche ist derart, daß sie nicht mit Tagen und Wochen, sondern mit Menschenaltern zu rechnen hat, und man wird auch niemals finden, daß die römische Politik sich durch den Tageserfolg hat irgendwie bestimmen lassen. Sie wird auch hier

hold hatte die Schwester am Theater erwartet und nach Hause begleitet. Und sie? nun, sie lachte spöttisch zu seinen Worten und ließ ihn an der Pforte stehen, während sie der alten Dienstmagd gute Nacht wünschte.

Diese Bosheit gab Marie alle Ruhe und Festig­keit zurück, sie fühlte sich eben so sehr empört über die Schwäche des Mannes als über das Betragen der Schwester und wurde irre an dem Wesen der Liebe, — wie entwürdigend kam ihr ein sol­ches Gefühl vor. Sie leistete sich in diesem Au­genblicke den Schwur, eine Liebe zu vergessen, welche nicht allein hoffnungslos, sondern auch be­schämend für sie sein wußte.

Mit diesem Entschluß erwartete sie Luise, welche endlich in die Kammer trat.

„Ich denke, Du bist schon längst zur Ruhe," rief diese verwundert, „träumst wohl im Monden­schein von dem süßen Geiger oder schreibst gar ein Tagebuch. Doch, Scherz bei Seite, Marie, laß uns noch ein wenig plaudern, ich kann noch nicht schlafen. Die Melodieen des Postillons schwirren mir wie neckende Kobolde durch den Kopf, — Wachtel war himmlisch."

„Wer dem früheren Droschkenkutscher einst ge­sagt hätte, daß alle Damen dermaleinst für ihn

schwerlich einwilligen, die Erziehung ihrer Priester preiszugeben, selbst wenn ihr dafür ein recht hohes Gebot gemacht würde.

Es ist auch in der That ein recht sonderbares Ansinnen, welches man staatlicherseits mit diesem Gesetze über die Erziehung des Klerus an die Kirche gestellt hat. Die Kirche ist eine Anstalt, welche durch Gottes Gnade besteht und nicht durch die Gnade des Staates; sie erstreckt sich über die ein­zelnen Staaten und ist auch, soweit es sich dabei um staatliche Dinge handelt, den Staatsgesetzen unterworfen; das letztere mag nach Zeit und Ort auch anders gewesen fein; aber dann war das anders nach Gesetz und Vertrag, nicht kraft eigenen Rechtes der Kirche. Allein die Kirche hat auch ein Gebiet, auf welchem sie vollständig souverän ist, und wenn sie dieses Gebiet nicht behauptet, so würde sie ihre Mission verleugnen. Zu diesem Ge­biete gehört doch vor Allem das Recht, diejenigen Organe zu wählen, welche sie als zur Erreichung ihrer Zwecke für geeignet hält und da hinein hat ihr doch unbedingt fein Mensch etwas zu reden.

Der Staat hat unzweifelhaft ebenso das Recht zu sagen, wenn Du mich nicht mitreden läßt, dann geb ich Dir auch keine Privilegien und namentlich zahle ich Dir keine Staatsgehalte svoraus- gesetzt, daß der Staat diese Pflicht nicht in Folge der sog. „Säkularisation", d. h. Einsäckelung der Kirchengüter vertragsmäßig und gesetzlich über­nommen hat. Anin. d. Red.j Wir könnten jedem kulturkämpferischen Staate nur anheimgeben, das zu thnn, was speziell Preußen anlangt, so möge es nur dem Volke diejenigen politischen Freiheiten gewähren, welche auch andere Völker besitzen, und die ihm niemals hätten vorenthalten werden dürfen. Und wenn man uns Katholiken unter den Schutz dieser bürgerlichen Freiheit stellt, dann wollen wir damit schon für unsere Religion aufkommen; und wenn man unserer Kirche all' das Eigenthum reftituirt, das man derselben ohne den Schalten eines Rechtsgrundes abgenommen hat und theil- roeife noch besitzt, so werden wir uns auch mit, Gottes Hilfe über den Mangel an Benevolenz zur Bestreitung unserer finanziellen Bedürfnisse zu trösten wissen.

Aber ist denn das wirklich so gefährlich, wenn der Staat fordert, daß die katholischen Theologen bestimmte Universitäten besuchen?

Ja, das ist's; der Staat besetzt ausschließlich

schwärmen wurden," lächelte Marie, auf die Idee der Schwester willfährig eingehend.

„Nicht war!" fuhr diese glühend vor Lust und Aufregung fort, indem sie sich die Locken vor dem Spiegel ordnete und sich dabei wohlgefällig musterte.

„Das einzige Glück auf der Welt besteht heute nur noch in einer schönen Stimme und ich denke —"

„Nun?" fragte Marie gespannt, als Luise nach­denkend schwieg.

„Ich will Dir nachher etwas mittheilen," fuhr diese rasch fort, „vorher wollte ich Dir sagen daß Musje Reinhold nachgerade anfängt, mir fürchter­lich zu werden. Der alberne Mensch verfolgt mich so beharrlich mit seinen Liebesanträgen, daß ich die Mutter schon allen Ernstes Morgen bitten werde, ihm unser Haus zu verbieten."

„Luise!" rief Marie bestürzt, „das wird die Mutter nicht thun."

„Nun, dann thu ich's selber," sprach Luise schnip- pisch, sich leicht wie eine Elfe auf dem Absatz herumdrehend, „ich werde ihm dabei sagen, daß er für Dich jetzt der rechte Mann wäre. Wahrhaf­tig, warum bin ich nicht früher schon darauf ge­kommen, Ihr würdet ein prächtiges Paar abgeben, weil Ihr beide so langweilig sentimal seid; sei