1885.
Donnerstag, den 18. Juni
JV 136.
Fuldaer Zeilung.
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*W* Kirchenpolitisches.*) I.
Bezüglich der Regelung unserer kirchlich politischen Verhältnisse ist jüngst ein ganzer Blumenstrauß von Mittheilungen erfolgt, welche in der .Germania' von Rom aus gemacht worden sind. Dieselben haben auch die Runde durch die ganze katholische Presie gemacht; aber wir würden unserer Pflicht als Centrumsorgan nicht genügen, wenn wir uns auf die Wiedergabe der Thatsachen beschränken und nicht auch auf den Angelpunkt besonders hm- weisen wollten, um welchen sich die ganze Geschichte dreht. Dieser Angelpunkt ist bei der Volksmasie die Schule, und in der kirchen-politischen Frage die Erziehung und Heranbildung des Klerus.
Jene römischen Mittheilungen der .Germania' besagen dreierlei:
1. daß die Besetzung des erzbischöflichen Stuhles in Köln definitiv geregelt und über die Besetzung des erzbischöflichen Stuhles in Posen Stillstand herrsche;
2. daß man in Rom bezüglich der Frage über Erziehung und Vorbildung des Klerus sehr pessimistisch geworden;
3. daß eine Verständigung über die Anzeige- pflicht in Aussicht stehe.
Taktisch ist noch beigefügt, daß Rom die beiden letzten Punkte nicht trennen lasien werde. Wenn wir das recht verstehen, so heißt das: wir machen Konzessionen in der Anzeigepflicht, wenn Preußen Konzessionen in Bezug auf die Erziehung und Heranbildung des Klerus macht.
Wir hegen das vollste Vertrauen auf die Weisheit Roms; aber wir möchten darüber einen Gelehrten fragen, was Rom thut, wenn die beiderseitigen Konzessionen zehn Jahre bestanden haben, und Preußen durch Gesetz die in Sachen der Priestererziehung gemachten Konzessionen zurückzieht oder modifizirt? Man kann nicht annehmen, daß das undenkbar sei, denn die Presie hat ja ost genug darauf hingewiesen, welche vortrefflichen Garantieen die freie Ausübung der katholischen Religion in Preußen gehabt hat, und durch Gefetz sind alle diese wohlgeordneten Zustände umgeändert worden. Das erscheint uns bei all' diesen Transaktionen stets bedenklich. Wenn eine Nation in Haupt und Gliedern wirklich katholisch ist, so sind
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
ä Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von E. f).
„Nun, meine treue Schwester — erlauben Sie einem Freunde diesen Namen -- Sie werden es schon längst geahnt haben, was ich in diesem Liede ausgesprochen, daß ich Luise liebe mit einer Leidenschaft, von welcher Ihr ruhig klopfendes Herz keine Ahnung hat. Aber eben deshalb darf ich Ihnen mein Vertrauen schenken, Sie werden mir sagen, ob ich auf Gegenliebe hoffen darf und auf welche Weise ich dieses seltsame Wesen an mich fesieln, für mich gewinnen kann. Sie zieht an und stößt ab in derselben Minute, ich möchte oft rasen, wenn sie ein kindliches Spiel mit der Liebe eines Mannes zu treiben scheint, mich verlacht und verspottet, ja ich inöchte sie niederschmeltern, wenn ich ihre Bosheit gegen Sie oft anhören muß und dennoch —"
Er hatte ihr leise gesprochen, jetzt sank feine Stimme zu einem unhörbaren Geflüster herab, während er beide Hände vors Antlitz schlug.
Marie warf einen raschen Blick in's Nebenzimmer — die Mutter war hinausgegangen.
Sie ergriff Reinholds Hand und fragte leise:
alle derartigen gesetzlichen Kanteten nicht noth- wendig. Wenn das aber nicht der Fall ist, so wird man die katholische Kirche als Feind betrachten, und es wird nur von Oportunitätsrücksichten abhängen, inwieweit die Existenz derselben unbehelligt bleibt. Es sei denn, daß der Staat sich grundsätzlich gar nicht um die Religion bekümmert. Dann muß aber die Religion aus den Schulen, aus den Gerichtssälen, aus der staatlichen Statistik, überhaupt aus Allem hinaus. Das ist ein Zustand, zu welchem man in einem Akte der Verzweiflung kommt; aber am Ende ist derselbe immer noch bester, als die Bevormundung der Kirche durch den Staat.
Doch heute haben wir es nicht mit dieser Frage zu thun, sondern mit jenen drei Punkten, welche in der römischen Korrespondenz der ,Germania' enthalten sind.
Aus die Lösung der persönlichen Fragen legen wir nur ein sehr geringes Gewicht. Allerdings geräth die ganze kirchliche Verwaltung in's Stocken, wenn die Posten nicht besetzt sind. Aber wir legen um deswillen wenig Gewicht darauf, weil diese Vakanz der Posten nie lange dauern kann. Der Staat hat ein zu großes Interesse daran, um diese Besetzung dauernd unmöglich zu machen; er hat auch gleich bei Beginn des Kulturkampfes in Berücksichtigung der möglicher Weise drohenden Verwaisung der Pfarreien gegenüber sofort gesetzliche Vorbeugungsmaßregeln getroffen. Das ging ja so weit/ daß In letzter Instanz die Gemeinden ihre Geistlichen wählen sollten und wenn so viele Gemeinden trotzdem verwaist sind, so muß man nicht glauben, daß der Slaat daran sein Ver- gnügen habe; er hat sich damals auf Döllinger verlassen und geglaubt, es fänden sich genug Geistliche, welche auch ohne kanonische Sendung Seelsorgestelle an den Patronen und den Gemeinden annähme; er hat geglaubt, daß die Gemeinden ihrer ungeheueren Majorität nach ohne Anstand die Wahlen vornehmen würden. Das war die Tendenz, und nachdem sich der Organismus der katholischen Kirche dieser Tendenz gegenüber widerstandsfähig erwiesen hatte, war der Staat an der Regelung dieser Seite der Frage viel zu sehr interessirt, um kalt zu bleiben. Am Ende weiß man in Berlin recht gut, daß jeder katholische Geistliche, ob maigesetzlich, ob unmaigesetzlich, ob er den Titel Pfarrer, Kaplan ober Vikar führt,
„So weiß Luise von Ihrer Liebe?"
„Wie sollte sie es nicht wissen," rief er ungestüm, „unzählige Beweise habe ich ihr heimlich gegeben. Die Rose, welche sie am Sonntag Abend so unbarmherzig entblätterte und für welche Sie liebe Marie, so rührend baten, — sie war von mir."
„Von Ihnen," wiederholte das junge Mädchen leise, indem ein stechender Schmerz ihr Herz durchzuckte „und Sie hoffen noch? Armer Reinhold!"
„Soll ich die Hoffnung aufgeben, dann muß ich verzweifeln," sprach er dumpf, „ich kann nicht einmal mehr ohne ihren Anblick leben. In der Stunde, wo die Hoffnung mich verläßt, zertrümmere ich meine Geige, das heißt, mich selber."
„Das verhüte Gott," rief Marie vorwurfsvoll, „steht Ihnen ein junges, flatterhaftes Mädchen höher als die Kunst, die hehre, heilige, dann ver- dienen Sie nicht, ihr Jünger zu sein."
Er seufzte tief auf und wandte sich ab, dieses Mädchen war zu kalt, wie konnte sie die Liebe verstehen, — so wähnte, so dachte er. Er schlug auf die Tasten, als wollte er sie zertrümmern.
„O, schonen sie mein armes Instrument," bat Marie, traurig lächelnd, „es kann ja nichts für ihr Lieben und Bangen."
einen Art Herd bildet, von welchem jene großen Lehren der Sittlichkeit ausgehen, ohne welche der Staat nun einmal nicht bestehen kann. Wenn die katholische Kirche in Deutschland zu Grunde geht, so roirb ihr das sehr leid thun; aber sie kann sich nicht dadurch erhalten, daß sie ihre Prinzipien aufgibt; denn das hieße weiter nichts, als die Selbstvernichtung an die Stelle der staatlichen Vernichtung gesetzt, und im letzteren Falle ginge doch nur die Kirche in Preußen zu Grunde, während im ersteren Falle die katholische Kirche als solche aufhörte. Aber die fortwährend urnsichgreifende Jrreligiösität und Verwilderung würde auf die Dauer in Preußen unzweifelhaft diejenigen Elemente zu Grunde richten, die das meiste Interesse an dem Fortbestand Preußens haben. Ich hoffe, wir brauchen uns nicht deutlicher darüber auszudrücken.
Wenn wir deshalb der Ansicht sind, daß die Verwaisung der Bischofssitze und Pfarreien ihr Heilmittel in sich trägt, so folgt daraus, daß auch über die Frage der Anzeigepflicht eine Lösung in der einen wie in der anderen Weife sich finden muß, man kann die verwaisten Pfarreien provisorisch besetzen, so lange man Priester hat; aber es werden sich viel weniger Leute dem priesterlichen Berufe widmen, so lange das ganze Verhältniß dieses Standes staatlicherseits nur als ein provisorisches betrachtet und anerkannt wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Juni.
* Kaum hat unser Königshaus den Tod des verstorbenen Fü sten Karl Anton von Hohen- zollern in seine Annalen eingetragen, noch befindet es sich in Trauer um den verstorbenen Prinzen Friedrich Karl, da wird es von einem neuen Schlage getroffen. Frhr. v. Manteuffel, der Statthalter von Elsaß-Lothringen. ist in Karlsbad, wo er zur Cur weilte, heute früh an einem Lungenschlage gestorben. Es ist zweifellos, daß dieser neue Todesfall unseren Kaiser auf's Schmerzlichste berühren wird, weil er an dem Dahingeschievenen einen treuen Diener der Monarchie und des Vaterlandes, einen Feldherrn und sturmerprobten Waffen- genosien verloren hat.
Edwin Hans Karl Freiherr von Manteuffel war am 24. Februar 1809 in Dresden geboren. Er war ein Vetter des 1879 verstorbenen Exministers Otto v. Manteuffel und trat 1827 in das preußische Gardedragoner-
„Welche zarte, mitleidige Seele," lachte er bito ter, „sie bangt für diesen Kasten, während di Saiten meines Herzens zerspringen."
„Wie unrecht sind Sie, mein lieber Freund !" sprach sie leise, „wie gern möchte ich Sie glücklich und zufrieden sehen, wie gern mit meinen schwachen Kräften dazu beitragen. Wünschen Sie, daß ich Luisens Herz erforsche?"
„Ob ich das wünsche?" rief er, stürmisch ihre beiden Hände ergreifend, „welche Frage? Dieser Wunsch ist ja der Inhalt aller meiner Gedanken und Träume."
„Nun wohl es soll an diesem Abend noch geschehen," versetzte Marie mit wunderbarer Festigkeit. „Was aber wollen Sie mit diesem Siebe beginnen?"
„Was ich damit beginnen will? O, ich werde es drucken lassen und es ihr als öffentliche Huldigung zu Füßen legen."
Ein Gefühl des Widerwillens durchzog ihr Herz. War das Liebe, welche ihr tiefinnerstes Geheim- niß, das wie die Perle in der Muschel, im Herzen verborgen ruhen soll, unentweiht vor jedem fremden Auge — der ganzen Welt preisgab? — O, wie so ganz anders lebte in ihr das Ideal der reinen, vom Hauch der Poesie geistig verklär-