j\g 135. Mittwoch, den 17. Juni 1885.
Fuldaer Jätung.
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III. Quartal 1885
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Der Anfang der Erzählung „Marie Seewald" wird auf Verlangen gratis nachgeliefert.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Juni.
* Wie bestimmt verlautet, findet morgen eine Sitzung des Justizausschusses und übermorgen eine Plenarsitzung des Bundesraths wegen des preußischen Antrags über die Thronfolge statt. Der braunschweigische Geschäftsträger, von Gramm, ist heute nach Berlin abgereist. (,Fr. Z.')
* Unseren gestrigen Mittheilungen über den verstorbenen Prinzen Friedrich Karl haben wir noch Folgendes nachzutragen:
Nach dem Frieden trat er in seine frühere Stellung zurück, sand aber schon 2 Jahre später 'm tu-utfchen Krieg von 1866 weitere Gelegenheit zur Auszeichnung. Als Führer der ersten preußischen Armee (93,000 Mann; das 2., 3. und 4. Armeekorps) überschritt er am 23. Juni von der sächsischen Lausitz aus die böhmische Grenze, vereinigte sich mit der Elbarmee (46,000 Mann unter General Herwarth v. Bittenfeld) und schlug die Oesterreicher am 26. bei Liebenau und Podol, 28. bei Münchengrätz und tags darauf bei Gitschin. Am 30. Juni ließ er seine ganze Armee durch Gitschin weiter vorrücken, schob seine Vorposten bis Horsitz, focht den 3. Juli im Centrum der Entscheidungsschlacht bei Königgrätz, und drang auf dem weitern Marsche bis in die Nähe von Wien vor. Im deutsch-französischen Kriege von 1870 und 1871 Oberbefehlshaber der zweiten deutschen Armee, kam er am 16. August bei Vion- ville und 18. bei Gravelotte zuin Kampfe, leitete dann von Corny aus die Belagerung von Metz, das sich ihm 27. Oktober mit 173,000 Mann,
ä Marie Seewald.
Eine Erzählung aus dem Leben von <t. §.
Marie, die älteste, zählte 20 Jahre, — und gehörte zu jenem Wesen, welche absolut für die stille Häuslichkeit geschaffen, in der großen Welt, die nur glatte Außenseite, — Schein und Heuchelei von innen und außen, verlangt, stets vereinsamt und unglücklich werden müssen. Unter der Mutter sorgsamer Liebe war ihre Kindheit still und glücklich gewesen, sie war keine Schönheit, verstand es auch nicht, durch die Kunst der Gefallsucht, durch Toilettenkniffe und dergleichen die Augen der Männerwelt auf sich zu ziehen, doch bargen Geist und Herz unvergängliche Schätze des Wissens und der reinsten Unschuld und früh schon zog ihre ganze Seele sie zur Musik hin; sie wurde eine echte Künstlerin, welcher die Gottesgabe verliehen war, mit ihrem Zauberspiel den herrlichsten Gesangs zu verbinden — die Kunst war ihre Göttin, — alles, was die Jugend sonst erfreut und entzückt, gesellige Vergnügungen, Tanz - blieb ihr fremd, doch fühlte sie sich unaussprechlich glücklich, wenn es ihr vergönnt war, einer ernsten, wohl gar wissenschaftlichen oder künstlerischen Unterhaltung zuzuhören.
3 Marschällen, 6000 Offizieren und einer großen Anzahl Adler, Geschütze, Gewehre und Kriegsmaterial ergab. Am andern Tage wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt. Am 2. Noobr. verlegte er sein Hauptquartier nach Pont-ü-Mousson und hielt den 10. November seinen Einzug in Troyes. Unaufhaltsam drang er hierauf gegen die zähe und sich stets ergänzende Loyre-Armee vor über Sens, Rambouillet, Nemours, Puiffeaux, Pithiviers, erfocht am 28. November den Sieg bei Beaune-la-Rolande und warf am 3. Dezember im Vereine mit denk Großherzog von Mecklenburg- Schwerin durch den Sieg bei Chevillx und Chilleues den Feind bis in den Wald von Orleans. Am 5. Dezember zog er in Orleans ein, von wo aus er gegen Tours weiter rückte und fein Hauptquartier 12. Dez. südwärts nach Beaugency verlegte. Am 4. Januar 1871 wandte er sich loire- abwärts, um die Offensive gegen den General Chanzy zu ergreifen, den er 6. bei Vendome traf. Nachdem er zwei Armeekorps zurückgeworfen und Azay wie Montoire eingenommen hatte, rückte er über Calais und Bouloire weiter vor und eroberte 12. Dezember Le Mans. Als 26. Februar die Friedenspräliminarien unterzeichnet waren, trat er 6. März seinen Rückmarsch nach Norden über Fontaineblau an und erhielt 22. das Großkreuz des Eisernen Kreuzes.
Der Prinz war ein leidenschaftlicher Jäger, abgehärtet und an strenge Lebensweise gewöhnt; trotz der strengsten Anforderungen an die Manneszucht bei seinen Untergebenen genoß er in der Armee eine große Popularität. Im Januar 1883 unternahm der Prinz eine mehrmonatliche Reise nach Egypten und Palästina in Begleitung des Professors Brugsch und mehrerer Offiziere.
Prinz Friedrich Karl hat vier Kinder: ^Prinzessin Marie, geb. 14. Sept. 1855, in erster Ehe vermählt mit Heinrich von der Niederlande, von 1879 Wittwe, in zweiter Ehe vermählt mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Altenburg; 2) Prinzessin Elisabeth, geb. 8. Februar 1857 in Potsdam, seit 18. Februar 1878 vermählt mit dem Erbgroßherzog von Oldenburg; 3) Prinzessin Louise Margarethe, geb. am 25. Juli 1860, seit 13. März 1879 vermählt mit dem englischen Prinzen Arthur; 4) Prinz Friedrich Leopold, geb. zu Berlin 14. November 1865, Offizier im 1. Garderegiment zu Fuß.
Sie hatte sich dem Musikuntericht geweiht, eine Dornenbahn für den ernsten Künstler, besonders und durchschnittlich in den bürgerlichen Kreisen, wo jetzt in keinem Hause das Klavier fehlen darf, um die Mitbewohner rasend und die heilige Musik« zu einer Ohrenfolter zu machen.
Der Ausspruch: „Unser Kind soll kein Künstler oder Künstlerin werden," ist von unserer klaviertollen Gegenwart in Permanenz erklärt, doch scheut sich ein solcher mit, Polkas und Potpourris großgefütterter Schüler nicht im geringsten, nach Ablauf seiner Lehrzeit sogleich das Lehramt anzutreten und nun Folterer heranzubilden. Fürwahr, es wäre^ wohl zeitgemäß, eine neue Steuer zu empfehlen für alle diejenigen, deren Kinder nur Klavier für den sogenannten Hausbedarf lernen sollen, eine Maßregel, deren Konsequenz sich als heilsam für die echte Kunst erweisen dürfte.
Daß unsere Marie sich unter solchen Umständen höchst unglücklich als Musiklehrerin fühlen mußte, ist natürlich, wozu noch der Umstand kam, daß ihre jüngste Schwester Luise, seitdem sie das siebzehnte Jahr erreicht und mit glücklicher Keckheit das Backfischalter hinter sich geworfen, rhr das Leben zu Hause recht ungemüthlich zu machen verstand.
* Zu der Frage, ob dem Hofprediger Stöcker ein „Meineid" zur Last falle, schreibt die ,Corr. Nienk.' in objektiver, ruhiger Weise: „Am Sonnabend trat die Vertheidigung des angeklagten Gegners Stöcker's plötzlich mit der überraschenden Behauptung hervor, daß Stöcker eine unrichtige Aussage beschworen habe. Obschon die Polizei und der Minister des Innern dem dafür laudirten Hauptbelastungszeugen das freie Geleit verweigerte, gelang doch der Vertheidigung der Beweis für diesen Vorwurf gegen Stöcker, der Gerichtshof erkannte die Thatsache an. Wie Stöcker zu diesem Meineid gekommen, ist recht charakteristisch für den Charakter dieses Mannes, dem sozusagen feine Zunge fortwährend durchgeht. Er sollte im Januar d. I. vor Gericht Zeugniß darüber ablegen, ob der sozialdemokratische Stadtverordnete Ewald mit ihm über ein Wahlbündniß verhandelt habe. Er brauchte diese Aussage nur zu deinen- tiren, dann war Alles in schönster Ordnung. Statt dessen hebt Stöcker seine Aussage mit dem Kraftsatz an: „Ich sehe den Ewald heute zum ersten Mal". Niemand hatte ihn darnach gefragt. Er beschwor diese Ausfage, und sie war irrig, denn er hatte Ewald zu wiederholten Malen gesehen. Die Gegner Stöcker's wollen nun gar behaupten, daß die Aussage bewußt falsch gewesen sei. Aber das ist nicht anzunehmen. Denn Stöcker hatte Ewald nur in Volksversammlungen, vor Hunderten von Zuschauern gesehen und gesprochen; eine Thatsache, die so viele Zeugen hat, öffentlich und eidlich ableugnen zu wollen, wäre ja Heller Wahnsinn. Obendrein ist zu bedenken, daß Stöcker diesen Zusatz zu seiner Aussage aus reiner Redseligkeit, ohne jede Veranlassung machte, einen dolosen Meineid leistet doch aber Niemand ohne Veranlassung. Andererseits ist es aber ein starkes Stück, daß Stöcker seine vorherigen Begegnungen mit Ewald so ganz vergessen hatte. Im Jahre 1883 hatte Ewald selbst eine Versammlung bloß zu dem Zwecke anberaumt, um sich von dem Vorwürfe zu reinigen, daß er in Beziehungen zur christlich-sozialen Partei, d. h. zu Herrn Stöcker stehe; auf dem Podium, das als Rednerbühne diente, standen Stöcker und Ewald sich gegenüber und führten eine feierliche Zeugniß- Szene auf, welche die Unschuld Ewalds feststellte. So etwas darf man doch nicht vergessen! Und wenn man ein so schlechtes Namen- und Personen-
Luise war groß und schlank, ihr Gesicht von jener charakteristischen Schönheit, welche man, einmal geiehen, nicht im Stande ist, zu vergessen. Die großen stahlgrauen Augen erschienen wie in Nacht getaucht, — nur zuweilen von einem blitzartigen Aufleuchten erhellt. Reinholds Lied war ihr Bild, getreu bis zur boshaften Nixe, welche den Meeresschoße entsteigt, um treulos die Erdenbewohner hinabzuziehen in die Tiefe. Sie war wie der Sturm, der erbarmungslos Menschenglück zerstört, wie der Blitz, der blendend vorüberfährt, und wie die blühende Rose, deren Farbenpracht und Duft das Herz berauscht.
Wehe, wenn die Leidenschaft dieses Herz einst erfassen sollte, wie der glühende Sirocco, der alles verheert, müßte sie in dieses junge, seltsame Leben eingreifen.
Reinhold war der Sohn einer wohlhabenden i Wittwe, Frau Seewalds liebster Jugendfreundin. Er war erster Geiger an der fürstlichen Kapelle und feiner Kunst mit Leib und Seele ergeben.
Ais er nach einer fünfjährigen Abwesenheit vom Leipziger Konservatorium heimkehrte, um den ihm angebotenen P atz in der Kapelle mit dem Titel Kammermusikus anzunehmen, stand er überrascht vor den beiden Jungfrauen, welche er als Kinder