Dienstag, den 16. Juni
J\£ 134.
1885.
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Was thun die Katholiken für das irdische Wohlergehen der Arbeiter?
(Schluß.)
Die Centrumsfraktion war es, welche 1877 den Antrag Gahlen einbrachte, der zuerst die Nothwen- digkeil der Wiedererweckung der Jnnungsverbände betonte, der zugleich die Nothwendigkett einer Abänderung der Haftpflichtgesetzgebung betonte und in diesem großen sozialreformatorischen Anträge wurden die 4 Forderungen des Acbeiterschutzes erhoben, die noch heute — leider ungelöst — auf der Tagesordnung stehen: der gesetzliche Schutz der Sonntagsruhe, die Beschränkung und Beseitigung der Frauen- und Kinderarbeit, bessere gesetzliche Maßregeln zum Schutze des Lebens, der Gesundheit und Sittlichkeit des Arbeiterstandes und endlich Einführung einer gesetzlichen Maximalarbeitszeit. Als die Fraktion diese Forderungen erhob, ist sie zuerst, ich möchte sagen, mit einem Hohngelächter der übrigen parlamentarischen Körperschaften empfangen worden, man hatte noch kein Verständniß für diese dringenden und nothwendigen Forderungen und darum hat die Fraktion im Jahre 1882 in der Interpellation Hertling diese Anträge, diese Forderungen wiederholt. Damals sind die Anträge von dem leitenden Staatsmann, dem Fürsten Bismarck, zurückgewiesen worden. Inzwischen ist allerdings etwas geschehen: es ist das Krankenkassengesetz in's Leben getreten, die Unfallversicherung ist in's Leben getreten, Errungenschaften, die ich wahrlich nicht gering schätzen will, insbesondere nicht den Segen der Unfallversicherung. Aber damrt ist es nicht genug. Die wichtigsten Forderungen sind diejenigen des Arbeiterschutzes, denn ich muß sagen, über der Sorge für den kranken, für den verunglückten und invaliden Arbeiter steht doch noch die Sorge für den ganzen, großen und gesunden Arbeiterstand. Darum diese Forderungen für den Arbeiterschutz. Die Arbeilerschutzgesetzge- bung, wie ich sie angebeutet habe, muß immer wieder verlangt werden, und in diesem Jahre war es wieder die politische Vertretung der deutschen Katholiken, die im deutschen Reichstage diese Forderungen auf's neue eingebracht hat. Welchen Verlauf die Verhandlungen genommen haben, wissen Sie aus den Tagesblättern. Nach überaus mühevollen Arbeiten, nach 28 Sitzungen, meine Herren, ist endlich ein Antrag zu Stande gekommen, welcher die gesetzliche Sonntagsruhe, diese
ä Marie Seewald. 11
Eine Erzählung aus dem Leben von 6. H.*)
Ungefähr zehn Minuten vor dem Thore einer großen norddeutschen Stadt befindet sich, umgeben von prächtigen Landhäusern und deren ebenso luxuriös eingerichteten Gärten, ein kleines, bescheidenes Haus in einem nicht sehr großen, doch außerordentlich romantischen Gärtchen.
Von Bäumen und Gebüsch fast überschattet, liegt es wie ein friedliches Asyl versteckt und abgeschieden von der Außenwelt, von welcher es nicht einmal bemerkt worden, wenn nicht zur Zeit unserer Erzählung, im Jahre 1861, mancher Vorübergehende an der grünen Gartenpforte wie gebannt stehen geblieben wäre, um den Zauberklängen eines meisterhaft gespielten Pianos zu lauschen und alsdann einen neugierigen Blick durch Gebüsch und Bäume auf das bescheidene Häuschen zu werfen.
Der Autor hat das Recht, überall ohne Erlaub- niß einzutreten, und so folge mir der Leser an einem stillen Herbstabend in das Heiligthurn dieses Gartens, in welchem jetzt das raschelnde Laub die Vergänglichkeit alles irdischen Lebens predigte.
*) Nachdruck verboten.
ernste und wichtigste sozialpolitische Forderung vom deutschen Reichstage sanktionirt wissen will. Das Schicksal dieser Forderung kennen Sie auch. Die gesetzliche Sonntagsruhe in dem weiten Umfange, indem wir sie haben müssen, ist gescheitert, vorläufig gescheitert an dem Widerspruche desselben Staatsmannes, der Einspruch gegen die Interpellation Hertling erhob. Der Reichskanzler Fürst Bismarck will zunächst eine Enquete bei den Arbeitern veranstalten, ob sie den gesetzlichen Schutz der Sonntagsruhe für nothwendig erachten. Wenn ich heute hier vor dieser Versammlung von vielen tausend Arbeitern, ich für meinen Theil eine Enquete über diese Frage veranstalten wollte, würden Sie mir, — ich zweifle daran gar nicht — vieltausendstimmig auf diese Frage sagen: Wir wünschen, wir wollen die Sonntagsruhe, (Stürmischer Beifall) wir theilen die wirthschaftlichen Bedenken nicht, welche von dem Fürsten Reichskanzler dagegen erhoben worden sind. (Erneuter Beifall.) Sehen Sie, meine Herren, die großen Gottesordnungen das sind auch immer die besten WirthschaftSgesetze: sie zu beobachten bringt unend- lichen Segen und ungestraft fetzt man sich auf die Dauer über dieselben nicht hinweg. Darum, meine Herren, wird diese Forderung der gesetzlich geschützten Sonntagsruhe immer wiederkehren, und so lange wiederkehren, bis sie in befriedigender Weise gelöst ist. (Lebhaftes Bravo!) Ich darf wohl darauf Hinweisen, daß diese Frage der Sonntagsruhe so alt ist, wie die Menschheit selber, sie ist auf Die Tagesordnung gesetzt au dem Tage, wo unter Donner und Blitz auf dem Berge Sinai das Gebot gegeben wurde: Gedenke, daß du den Sonntag heiligest. Diese Frage wird nicht von der Tagesordnung verschwinden, so lange Christen auf dieser Erde wandeln. Das Verdienst, diese Frage lebendig zum Bewußtsein der Gesellschaft gebracht und in den parlamentarischen Körperschaften so recht auf die Tagesordnung gesetzt zu ha- den, gebührt den Katholiken; es gebührt den Vorkämpfern der deutschen Katholiken. Schon vor einer Reihe von Jahren war es der volkswirth- schastliche Verein für die Rheinprovinz, der sich in einer wohlformulirten Petition an das preußische Abgeordnetenhaus über die Frage verbreitete und in derselben ausführlich barlegte, wie er sie gelöst wissen wollte. Damals ist bie Petition von ber Kommission bes preußischen Abgeorbnetenhauses
Das reizenbe Häuschen, von Weinlaub umzogen, machte mit seiner stattlichen Treppe unb Essenge- länber ben Eindruck einer kleinen Villa. Hier wohnte die Wittwe Seewald mit ihren beiden Töchtern, der zwanzigjährigen Marie und der achtzehnjährigen Luise.
Draußen war es schon recht kalt und rauh, der Mond schien mit bleichem Glanze durch die Bäume und warf zitternde Streiflichter auf die Wege. Kein Laut drang augenblicklich durch die Stille, der Garten erschien wie ein Friedhof.
Dieser Gedanke schien eine Gestalt zu beseelen, welche, in ein großes Shawltuch gehüllt, auf der Veranda lehnte, die vor der Hausthür mit der Steintreppe in Verbindung stand.
Träumerisch schaute sie in den mondscheinerhellten Garten und breitete zuletzt sehnsüchtig die Arme nach den Schattenbildern des Mondlichtes aus, welche geheimnißvoll dort unter der großen Blutbuche und der phantastischen Traueresche hin und her zu schweben schienen.
„O wunderliche Räthsel hier unten auf Erden unb noch geheimnißvoller dort oben," flüsterte sie, „soll die Sehnsucht der Brust niemals gestillt werden, nie ihre endliche Lösung finden?"
„Aber Kind, Du erkältest Dich ja furchtbar,"
zurückgewiesen worden; auf Antrag von Mitgliedern der Centrumsfraktion ist indessen die Petition im Plenum des Hauses eingehend behandelt worden. Ich möchte sagen: die Stellung zu dieser Frage ist gewissermaßen der Prüfstein für d en sozialreformatorischen Beruf des Politikers und d es einzelnen Staatsmannes. (Bestall.) Denn, meine Herren, die soziale Frage, so weit sie gelöst werden kann, kann nur gelöst werden im Geiste des Christenthums (Bravo!), sie kann nur gelöst werden von einer von den Geboten des Christenthums tief durchdrungenen Gesellschaft. Wir feiern heute den Dreifaltigkeitssonntag. Früher und ich glaube auch noch heute wurden die Friedensverträge geschlossen im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, im Mittelalter wurden Bauten errichtet im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, selbst in der großen Zeit unseres deutschen Vaterlandes schloß der Kaufmann seine Verträge im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit und so möchte ich sagen: es kann die soziale Frage nur richtig bearbeitet unb richtig gelöst werben im Namen ber allerheiligsten Dreifaltigkeit. (Lebhafter Beifall.) Meine verehrten Herren und insbesondere Ihr Mitglieder aus dem Arbeiterstaude! haltet treu und fest an unserer heiligen katholischen Kirche, seid aber auch überzeugt, daß diese Kirche niemals ihren sozialreformatorischen Ruf vergessen wird, den Beruf, den ste niemals so treu urtb so schön erfüllt hat, wie gerade im deutschen Vaterlande zur Verwunderung der anderen Konfessionen. (Brave!^ Ja; meine Herren, da weisen nun unsere Gegner auf andere katholische Länder, auf Frankreich, Italien u. a. hin. Aber kann man das mit einigem Rechte? Seit wann ist in Frankreich eine katholische Negierung am Ruder? Ich sehe nichts davon! Dieses arme unglückliche Volk taumelt fast von einer Revolution zur anderen und scheint gegenwärtig wieder reif zu fein für eine ber furchtbaren Kuren, bie unser Herrgott zuweilen, nach ber Weltgeschichte, die ja bekanntlich das Weltgericht ist, mit armen verblendeten Völkern vornimmt. Ich sehe auch in Italien nichts von einer katho- tischen Regierung. Ich glaube aber, daß in Belgien, wo wir ja glücklicherweise wieder eine katholische Negierung haben, diese Regierung sich auch ihrer sozialreformatorischen Aufgabe bewußt ist; sie würde eine schwere Verantwortung auf sich laben, wenn sie nicht bei Zeiten bie vorhanbene
tönte plötzlich bie Stimme ber Mutter burch bie geöffnete Thür, „zur Monbschwärmerei ift's boch wahrlich jetzt zu kalt, unb viel vernünftiger, im warmen Stübchen Beethovens Monbschein-Sonate anzuhören."
„Das junge Mäbchen schreckte zusammen unb wollte schweigend in's Haus treten. Da tönten eilige Schritte durch den Garten, sie blieb wie festgebannt auf der Schwelle stehen, die Hand aufs Herz gedrückt.
Im nächsten Augenblick stand ein junger Mann oben auf der Treppe, ihr die Hand herzlich ent« gegenstreckend.
„Guten Abend, Fräulein Marie! Es ist etwas spät geworden, komme ich angenehm?"
„Seien Sie mir herzlich willkommen, Herr Reinhold!" versetzte Marie leise, „ich erwartete Sie allerdings nicht mehr, da ich Sie im Theater beschäftigt wähnte."
„Ich habe mich frei gemacht," erzählte der junge Mann, ihr in's Haus folgend, „um Ihnen eine Komposition zu zeigen."
Sie traten in ein kleines, freundliches und behaglich durchwärmtes Stübchen, dessen geöffnete Thür ein größeres Zimmer mit einem prachtvollen Piano, an welchem zwei Lichter brannten, zeigte.