Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Fuldser Zeitung.

Montag, den 15. Juni 1885.

Di- .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. V-erteliährlich-r Abonn-m-ntspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg.. - mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' m Fulda 1 Mk. 70 Pfg-, auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Was thnn die Katholiken für das irdische Wohlergehen der Arbeiter?

Diese Frage hat am Sonntag den 30. Mai d. I. der Landtagsabgeordnete Herr Rechtsanwalt Jul. Bachem aus Köln gelegentlich des fünften Verbandsfestes der katholischen Vereine von Dort­mund und Umgegend in seiner Festrede vor einer 15—20,000 Köpfe zählenden Versammlung, mei­stens aus Arbeitern bestehend, in trefflicher Weise beantwortet. Nachdem Redner in seiner Einleitung sich über den nicht genug anzuerkennenden sozial­reformatorischen Gedanken des Festes selbst: Zu­rückdrängen der maßlosen Vergnügungssucht und des unsinnigen Festschwindels unserer Tage, unter welchem sozialen Krebsschaden nicht nur der Geld­beutel, sondern sehr oft auch die gute Sitte, die Arbeitsfreudigkeit, das Familienleben und das rechte Vergnügtsein leide, verbreitet hatte, wandte er sich an die so zahlreich anwesenden Arbeiter, um einen Vorwurf zu entkräften, der von einer Seite, welche in der Gegenwart vorzugsweise, aber sehr mit Unrecht der katholischen Kirche und den politischen Führern der Katholiken häufig gemacht werde, um das katholische Bewußtsein zu unter- graben und die Liebe zur katholischen Kircbe aus ihren Herzen zu reißen, den Vorwurf nämlich: die Katholiken verwiesen immer nur auf den Him­mel, kümmerten sich aber nicht um das irdische Wohlergehen des Arbeiters. In großen Zügen schilderte Herr Bachem dem gegenüber die sozial- reformatorischen Bestrebungen der Katholiken in dem letzten Vierteljahrhundert und führte aus wie folgt:

Meine Herren, dieser Vorwurf wäre em unge­mein schwerer, wenn er begründet wäre. Die Lage des Arbeiterstandes ist in Folge der Entwickelung der modernen Industrie eine schwierige, eine ernste, nach manchen Richtungen eine unhaltbare gewor­den, und da wäre es eine große und schwere Ver­antwortung, da wäre es in der That ein schwerer Vorwurf, wenn die politischen Führer der Katho­liken sich um die Arbeiterverhältnisse, um die Ar­beiterfrage, die neben der kirchenpolitischen Frage im Vordergründe der Tagesordnung steht, nicht kümmerten. Ich werde Ihnen heute, an diesem festlichen Tage, nicht die Schwierigkeiten der Ar-, beiterfrage schildern — Sie kennen Sie beffer als ich, Sie wissen selbst am besten, wo Ihnen der Schuh drückt. (Beifall.) Aber gegen diesen Vor-

Q) Maske gegen Maske.

Roman von Ä. Werner.

(Schluß.)

„Also Du bist es, Antoine Lebrun!" schrie der Mörder wuthschäumend herunter. „Meine Stunde hat zwar geschlagen, aber was schadet das? Dein Sohn wird morgen den Tod erleiden und Du sollst in die Grube fahren!"

Ein Schuß aus einem Revolver unterstützte die Rede und eine Kugel streifte leicht die Schulter des Greises.

„Ziehen sie sich zurück, Herr!" sagte Bernard lebhaft. „Tollart hat es auf sie abgesehen, und wenn es ihm gelänge, sie durch eine zweite beffer gezielte Kugel zu tobten, würden Sie um­sonst versucht haben, Ihren Sohn zu retten".

Diese Worte erinnerten den Greis daran, daß die Stunden seines Sohnes gezählt seien. Er trat hinter einen Baum und zog seine Uhr aus der Tasche.

„Acht ein halb Uhr!" rief er verzweifelnd aus. Kommen Sie, Herr Pastor, es ist die höchste Zeit, um den Zug nach Paris erreichen zu können.

Der Priester wünschte nunmehr selbst nichts

wurf, gegen diesen der katholischen Kirche, d n Katholiken und ihren politischen Führern gemachten Vorwurf werde ich mich wenden, und zwar nicht in einigen allgemeinen Redewendungen, sondern ich werde Ihnen einige Thatsachen in's Gedächtniß zurückcufen, die diesen Vorwurf als einen unwah­ren zurückweisen. Meine Herren, als durch die preußische Verfaffung der katholischen Kirche die Freiheit in Preußen gegeben war, da hat sich als­bald diese Kirche mit ihrem ganzen Eifer der sozia­len Frage und der Arbeiterverhältniffe angenom­men. Ich brauche Sie nur auf die zahllosen Ver­eine hinzuweisen, die unter der Aegide der katho­lischen Kirche gegründet sind, um das materielle und ideelle Wohl der Arbeiter zu fördern. Ich brauche Ihnen nur den Verein des seligen Vaters Kolping in Erinnerung zu rufen, von dem ich zu meiner Freude ja auch Anhänger hier sehe, der so unendlichen Segen über das Handwerk im deut­schen Vaterlande verbreitet hat und fort und fort verbreitet. (Bravo!) Sehen Sie nicht allüberall Mitglieder des katholiscken Klerus an der Spitze der sozialen Vereine stehen! Vor 20 Jahren war es ein großer Bischof, der selige Bischof von Ket- teler, der zuerst nachdrücklich die sozial-reformato­rischen Forderungen zu Gunsten des Arbeiterstan­des in seinen unvergleichlichen Schriften begründete und an seiner Seite wirkte und wirkt bis zur Stunde der Domkapitular und Bisthumsverweser Dr. Moufang. Ich erinnere an die großartige Wirksamkeit, die im Jntereffe der.Arbeiter die christlich-sozialen Blätter bis zur Stunde ausgeübt haben. Sodann, meine Herren, erinnere ich daran, daß Niemand eine solch' vorzügliche sozialpolitische Literatur aufzuweisen hat, wie die deutschen Katho­liken. Ich erinnere an die Thätigkeit des Vereins „Arbeiterwohl" und an seinen Sekretär, den hoch­verdienten Abgeordneten Kaplan Hitze (Bravo !) an die herrlichen Schriften, die dieser Verein im Jntereffe des Arbeiterstandes fortgesetzt verbreitet und die die Anerkennung der staatlichen Behörden in hohem Maße gefunden haben. Ich muß aber auch besonders auf die Thätigkeit Hinweisen, welche von den Führern der Katholiken in der Gesetzgebung zu Gunsten des Arbeiterstandes entfaltet ist. An dieser großen sozialen Frage müssen Alle Mitarbei­ten, jeder Einzelne, Kirche und Staat. Bei der Selbstsucht und dem Eigennutz der Menschen ge­nügt es nicht, daß man diese Dinge in den guten

sehnlicher, als abzureisen, denn der entsetzliche- Anblick, der sich ihm bot, zerriß ihm das Herz. Als aber auf's Neue zwei Schüsse aus dem Hause fielen, die von Tollart und dem Müller auf die Polizisten abgefeuert wurden, und als ein Polizist getroffen zusammenbrach, hielt der Pastor in sei­nem stillen Gebet für die Unglücklichen, die das Feuer bereits erreicht hatte, unwillkürlich inne.

In diesem Augenblick ertönte abermals ein herz­zerreißender Schrei. Er kam aus dem Munde einer Frau, die aus dem Fenster sprang und bewe­gungslos auf dem Straßenpflaster vor dem Schlöffe zusammenbrach.

Lebrun und der Geistliche eilten auf die Un­glückliche zu. Es war Arabella Disney, Tollart's Geliebte und Verbündete seiner Thaten, welche schwer verletzt am Boden lag.

Man trug sie hinweg. Gleich darauf stürzte die Decke der ersten Etage krachend ein und sämmt- liche Verbrecher versanken in ein Feuermeer, ohne 'Hülfe, ohne Rettung.

„Das ist ein GotteSg^icht", sagte der Pfarrer tief erschüttert, währens Der Greis wie betäubt auf die Feuersäulen starrte, welche gleich nach dem Einsturz des Hauses zum Himmel empor­stiegen.

Willen des Einzelnen stellt, sondern es ist nöthig, daß die Gesetzgebung mit starker Hand auch zu denjenigen Reformen zwingt, die sich im Jntereffe des Arbeiterstandes als unumgänglich nothwendig erwiesen haben. Ich erinnere sodann daran, daß, sobald die Fraktion des Centrums zu Ende der siebenziger Jahre in dem schweren weltbewegenden Kampfe für die Freiheit der heiligen katholischen Kirche in etwa die Hände freibekam, als sie sich in etwa in diesem Kampfe Luft gemacht hatte und in etwa beffere Verhältniffe auf kirchenpolitischem Gebiete sich geltend machten, sie mit allem Eifer sich der sozialen Gesetzgebung angenommen hat.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Juni.

* Die Verzögerung der Berathung des preu­ßischen Antrages, betreffend die braunschweigische Thronfolgefrage im Justizausschuffe des Bundes­raths, ist zum Theil durch die nicht unerhebliche Erkrankung des mit dem Referate über den An­trag betraut gewesenen hanseatischen Bevollmäch­tigten Krüger veranlaßt worden. Das Referat ist laut der ,Fr. Z.' nunmehr dem hessischen Bevoll­mächtigten Neidhard übertragen worden.

* Von verschiedenen Seiten kommt jetzt die Be­stätigung, daß mehrere Regierungen eine Abänderung der Motivirung des preußischen Antragsin der Braun­schweiger Angelegenheit verlangen. Aus München wird berichtet, daß der Ministerrath beschlossen Hal Dem preußischen Anträge auf Ausschließung Cum­berlands stimmt die bayerische Regierung zu, ohne sich indessen der auf Artikel 76 der Verfassung ge­stützten Motivirung des Antrags anzuschließen, vielmehr in der Erwartung, daß eine anderweit e Motivirung gefunden werden wird. Aehnlich soll die Haltung Sachsens sein. Von der ,Nat.-Ztg.' wird Braunschweig bereits vertheilt. Derselben wird nämlich geschrieben, daß der Großherzog von Weimar aus Anlaß der Braunschweiger Frage zum König von Sachsen nach Dresden gereist sei. Der Großherzog hat dieser Frage von vornherein ernste Aufmerksamkeit und eingehendes Studium gewid­met. Von anderer Seite hört die ,Nat.-Ztg.' daß der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Reuß, der Schwiegersohn des Großherzogs von Weimar, für den Fall der Wahl eines Regenten von Braun­schweig für diese Stellung in Aussicht genommen sei.

34. Kapitel. Freigesprochen.

Am Morgen des zur Hinrichtung des verurtheilten Ferrand Lebrun bestimmten Tages verbreitete sich durch ganz Paris eine unerhörte Neuigkeit. Zum ersten Male in diesem Jahrhundert hatte man ein Schaffst errichten lassen, welches man niederriß, noch ehe es seinen blutigen Zweck erfüllt hatte. Die dichte Volksmenge, welche stundenlang in bewunderungswürdiger Ausdauer vor dem Ge­fängnisse harrte, um den Scharfrichter zu sehen, war zuletzt durch die Polizei vertrieben worden. Und bald darauf verkündeten Extrablätter mit hochtrabenden Worten die einzelnen Begebenheiten dieser wunderbaren ergreifenden Geschichte.

Die Erklärungen, welche Lebrun, der Geistliche und der Taubstumme abgaben, waren so über* zengend gewesen, daß der Polizeidirektor sich für berechtigt hielt, die Hinrichtung zu verschieben, bis der höchste Gerichtshof über diesen Fall sein Ver­dikt abgegeben hätte. Dieser entschied, daß eine Konfrontation des Taubstummen mit bem, Ver­urtheilten stattzufinden hätte und da diese zu Gunsten des Letzteren ausfiel, indem der Stumme erklärte, daß er Herrn Lebrun niemals gesehen hätte, ward Derselbe von der Anschuldigung, die