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1885.

Freitag, den 12. Juni

131.

Di« »Fuldaer Zeitung" scheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. V-erteliahrlicher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. 50 Pfg., - mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne «nd Blumen" m Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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A Die Währungsfrage.

(Schluß.)

Wer die Schuldner, wer die Gläubiger sind, brauchen wir nicht auseinander zu setzen, das weiß jeder. Die producirenden Klaffen, Landwirthe und Industrielle müffen durchweg dem Kapital Zinsen zahlen, steigt der Geldwerth, so bleiben diese Zin­sen scheinbar dieselben, in Wahrheit aber steigt das Arbeitsquantum, die Masse der Güter, welche er­forderlich ist, um den Kapitalisten zu befriedigen. Das Arbeitseinkommen des Producenten, der Ue- berschuß der Production vermindert sich demnach und — und die Börsenwelt triumphirt schließlich auf den Trümmern der arbeitenden Welt. Das ist der große, sociale Hintergrund der Währungs­frage 1 Man hat unfern Geldwerth auf den Gold- iverch basirt und der Goldwerth steigt beständig. Man mißt die.Schulden mit einer Elle, die inner­lich immer länger wird. Die Goldproduction nimmt beständig ab, schon jetzt wird nicht annäh­ernd genug Gold Producirt für den Bedarf, die Münzstätten feiern, während 'Bevölkerungszahl und Verkehr sich ausdehnt, schrumpft der Geldumlauf ein. Das ist der .wahre Grund der geheimniß- vollen wirthschaftlichen Krisis, die uns umgibt, Gold wird theurer, d. i. die Preise der Maaren sinkenund die niedrigen Preise sind es, welche Land- wirthschast und Industrie so schwer drücken. Kapita­lismus und produktive Arbeit ringen miteinander. Die Steigerung des Geldwerthes aminirt die produk­tive Arbeit und die Goldwährung steigert dsn Geld­werth beständig. Es kann des halb nicht zweifelhaft, sein, daß das arbeitende Golk sich gegen die kapitali­stische Ausbeutung durch die Goldwährung zur Wehr setzen muß. Dringt erst -die Erkermtniß der schwe­ren Schädigung in's Volk, welche der Währungs­wechsel über Deutschland gebracht hat, dann wird sich ein Sturm des Unwillens erheben, vor dem die Organe des manchesterlichen Liberalismus ver­stummen müffen, die jetzt mit allen Mitteln der Lüge und Täuschung die Mehrheit über die Wäh- .rungsfrage verschleiern möchten.

Das einzige Mittel, jene ungesunde Steigerung ldes Geldwerths zu hindern, ist die Wiedereinsetz­ung des Silbers in sein altes Recht neben dem Golde. An Silber und Gold Miro so siel all- säßrlich producirt, daß der Münzumlauf sich an- gemeffen vermehren und der Geldwerth, wie es der Gerechtigkeit entspricht, konstant bleiben kann.

Q) 9Jlaste gegen Maske. (72

Roman von K. Werner.

In der Ferne gewährte letzteres mit seinen beiden Spitzthürnien e inen malerischen Anblick, aber in der Nähe erblickte man nur baufälliges Gemäuer, das von verkrüppelten Bäumen umgeben war. Das ^genannte Schloß stand gänzlich isolirt.

„Dieses Raubnest ist zum Schlupfwinkel wie geschaffen", bemerkte Lebrun, als er mit seinem Stock an das Hofthor schlug, um Einlaß zu ver­langen. Es war eine unnölhige Bemühung, da daffelbe sich als nur angelehnt erwies. Man fand das Schloß von seinen Bewohnern verlaffen. Ueberall erblickte man Spuren, die auf eine kurz- uche, übereilte Abreise schließen ließen, offene Schiebladen, Koffer und Anzüge, bunt durchein­ander geworfen, und in allen Winkeln zerriffene vder halb verbrannte Papierreste.

„Sehen Sie sich doch einmal diesen Reisekoffer 9et,°u an, Herr Lebrun", wandte Pergon sich an den Greis, „ist er nicht demjenigen, den man im Pavillon der Pique-Dame vorfand, so ähnlich wie 611 Ei dem andern? Und hier finde ich ein Brief« ?uvert, welches adressirt ist an Harry Dermott "v Schlosse Savigny."

Man wird nun fragen, ob es auch möglich sein wird, diese Doppelwährung praktisch aufrechtzuer­halten. Das würde wohl möglich sein, wenn Deutschland allein zur Doppelwährung überginge. Allein zum Glück ist eine ganze Reihe von Staa­ten, gleichfalls bedrückt durch die Goldwährung, bereit, mit uns gemeinsame Sache zu machen. Herrscht aber die gleiche Doppelwährung überall, dann hört die schwunghafte Agiotage zwischen den Ländern auf und es ist undenkbar, daß irgend eine Störung der gemeinsamen Doppelwährung eintritt.

Wir haben hier die Währungsfrage bei Weitem nicht erschöpfen wollen, wir haben nicht all' die schweren Schädigungen hervorgehoben, welche die Silberentwerthung gehabt hat, wir haben auch die großen Gefahren unerwähnt gelassen, welche bei Aufrechterhalten der Goldwährung drohen. Aber -schon unsere heutige Erörterung wird genügen, um den Leser über die Tragweite der Frage zu orten« tiren. Hoffen wir, daß die Prüfung der Frage, welche Fürst Bismarck versprochen, gegen die Par­tei der Geldverleiher und zu Gunsten der produk­tiven Arbeit ausfallen möge.

Wie dem aber auch sei, es ist Sache der öffent­lichen Meinung, sich nicht länger am Narrenseil der Abgeordneten Bamberger und Genossen herum­führen zu lassen, sondern die Augen aufzumachen und mit Nachdruck gegen die kapitalistische Aus­beutung durch die Goldwährung anzukämpfen. Im letzten Reichstage konnte der Antrag der Gegner der Goldwährung «och zu Fall gebracht werden. Wirken wir dahin, daß künftig die Volksvertretung ine Interessen der Nation besser wahrt.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juni.

* Die Eingaben auf Einführung der Doppel­währung sind heute vom Bundesrath abgewiesen worden. Der Beschluß lautet: „Der Bundesrath lehnt es ab, diesen Eingaben Folge zu geben." Das ist wenigstens klar und deutlich.

— Der Justizausschuß des Bundesraths hat heute eine Sitzung abgehalten, die aber nicht durch die braunschweigische Angelegenheit veranlaßt war. Es heißt jetzt, daß die Erledigung dieser Angelegenheit noch mehrere Wochen dauern werde.

„Dermott ist der rechte Name Tollart's", rief Lebrun aus, „wir haben also Hand an das Nest gelegt, aber — die Vögel sind ausgeflogen."

„Sie können noch nicht fern sein", tröstete ihn Pergon, Tollart hat, von Paris hierher zurück­gekehrt, kaum so viel Zeit gehabt, um sich mit den Räubern in der Mühle zu verständigen und die Vorkehrungen zu seiner Flucht zu treffen."

„Das ist wohl wahr, aber er wird den Zug nach Orleans benutzt haben."

„Man muß den Telegraphen nach allen Himmels­gegenden spielen laffen", meinte Pergon.

„Nein", entschied der Greis bestimmt, „das wäre vergeblich. Die Uhr schlägt gerade sieben und morgen schon, beim Sonnenaufgang. — Der Taub­stumme ist es, den ich brauche. — Hat Tollart denselben beseitigt, — hat er ihn mit sich ge­nommen oder ihn in dieser Gegend zurückgelassen? Wer kann mir diese Frage beantworten?"

Der unglückliche Vater sank bei diesen Worten wie gebrochen auf einen Sessel, verhüllte sein Haupt mit seinen Händen und versank in tiefes Nach­denken, welches Pergon nicht zu unterbrechen wagte.

Plötzlich erhob sich der Greis.

„Begieb Dich sofort nach Paris", sagte er zu seinem treuen Untergebenen, „und theile dem

— Die Ausführungsbestimmungen zu der Z o l l- tarif-Novelle werden in den nächsten Tagen erwartet.

♦ Nach Mittheilung verschiedener Blätter besteht die Absicht, dem Reichstage schon in der nächsten Session eine Vorlage wegen Erneuerung des M i - litärseptennats vorzulegen. Das jetzige läuft zwar erst am 31. März 1888 ab und es hätte also mit dieser Vorlage noch keine so besondere Eile. Der Reichskanzler mag indessen von der Ansicht ausgehen, daß die Bewilligung vielleicht auf Schwierigkeiten stoßen und eine Auflösung des Reichstags erforderlich machen könnte, zu deren Wiederholung eventuell die nöthige Zeit übrig blei­ben muß. Da auch die,Nordd. Allgem.Ztg.' von der Mittheilung Notiz nimmt, wird wohl etwas Wah­res daran sein.

* Seit Jahren ist die Unsicherheit in der Um­gebung Berlins nicht so groß gewesen wie Heuer. Fast täglich wissen die Blätter von Ueber- fällen, Attentaten auf die Sittlichkeit und blutigen Schlägereien zu berichten. Nach einer kaum über­triebenen Schätzung kampiren beispielsweise in der Hasenhaide bei Berlin wohl ca. 800 Personen, Männer, Frauen und Kinder, tie sich gegenseitig an Verwahrlosung und Frechheit den Rang streitig machen. Je mehr Berlin zur „Weltstadt" wird, um so größer wird auch fein Lumpenproletariat. Wer freilich in Berlin nur in den breiten und glanzerfüllten Hauptstraßen verkehrt, ohne die Vor­orte und die Viertel der armen Leute zu besuchen, der gewinnt über die Residenz ein durchaus schiefes Urtheil.

* Von protestantischer Seite wird über das nun eröffnete Reichs-Waisenhaus zu Lahr in der ,Bad. Landpost^ geschrieben: „Das absichtliche Fernhalten aller christlich positiven Faktoren hat es bei diesem Unternehmen fertig gebracht, das Humane in Gegensatz zum Religiösen zu bringen. Reden und Gesänge, Gesänge und Reden von Morgens bis Abends, heißt es in einem Berichte, von einem Gebete ist nirgends etwas zu finden. Die Festrede bei der Eröffnung hielt ein Mitglied des Protestantenvereins; Bürklin und Schauen­burg, die beiden entschiedensten Gegner positiven Christenthums, fraternifirten, einige Choräle dienten als Staffage, aber nach allen Berichten nahm man kein Wort aus dem Munde eines Geistlichen in Anspruch, der doch bei einem Werke christlicher

Polizeidirektor mit, was Du hier gesehen hast. Sage ihm, daß ich vollgültige Beweise gegen Tollart aufgefunden hätte, — zeige ihm diese Adreffe, — erzähle ihm, daß die Elenden in der Mühle und mit ihnen Tollart entflohen sind und betheure ihm, daß ich dem Stummen auf der Spur bin, — Alles, um den Gerichtshof zu be­wegen, einen Aufschub der Hinrichtung um vier­undzwanzig Stunden zu erlangen! Es ist mir ein Gedanke in den Sinn gekommen, eine plötzliche Eingebung, — ja, mein guter Freund, wenn ich einen Tag und eine Nacht bewilligt erhalte, bin ich jetzt meiner Sache gewiß, daß ich meinen Sohn werde retten können."

„Pergon befürchtete, daß Herr Lebrun feinen Verstand verloren hätte, hielt aber den Augenblick nicht für angemessen, darüber Betrachtungen anzu­stellen und erwiderte:

„Ich reise auf der Stelle und bitte Sie, zu glauben, daß es nicht meine Schuld ist, wenn es mir nicht gelingen sollte, einen Aufschub zu erlangen. Hoffentlich wird man meinen Aufklärungen ein williges Ohr leihen."

„Das gebe Gott!" sagte der Greis, welcher wußte, daß er keinen einsichtsvolleren und ergebenem Diener entsenden konnte.