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JV 129.

Mittwoch, den 10. Juni

Fuld-icr jW Jrilung.

1885.

Die.Fuldaer Zeitung «scheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile ober deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Die internationalen Beziehungen zwischen England und Deutschland, die wiederholt während der letzten Reichstagssession Gegenstand der Mittheilungen der Weißbücher oder der parlamentarischen Aeußerungen des Reichs­kanzlers waren, sind infolge des jüngsten Besuches des englischen Ministers Lord Rosebery beim Fürsten Bismarck in den Vordergrund getreten. Man entsinnt sich noch, daß die Erklärungen des Fürsten Bismarck im Reichstage trotz der ziemlich scharfen Sprache der Weißbücher den Eindruck machten, als ob der Leiter der deutschen Politik eine Verständigung mit England für wünschens- werth und nothwendig halte. Daß Fürst Bis­marck zu einer solchen auch den ersten Schritt zu thun bereit sei, ergab sich aus der plötzlichen und Aufsehen erregenden Absendung seines Sohnes Herbert nach London. Schon damals hieß es, daß Minister Rosebery, als persönlicher Freund des Grafen Bismarck, desien Besuch persönlich in Ber­lin erwidern werde. Doch im letzten Momente wurde die bereits telegraphisch avisirte Reise Ro­seberys, angeblich aus Familienrücksichten, in Wirk­lichkeit aber wegen des hellauflodernden englisch­russischen Conflictes, sistirt. Damals war die Reise in der That nicht opportun, denn sie konnte als ein demüthigender Bittgang Englands aufge­faßt werden; und anderseits konnte sie in Peters­burg als Vorläufer von englischdeutschen Abmach­ungen angesehen werden und Verstimmungen an der Newa Hervorrufen. Sobald aber der Confliet zwischen London und Petersburg aus dem akuten Stadium heraus war, erfolgte Roseberys Reise, und selbstverständlich haben zwischen ihm und dem Reichskanzler mehrere Conferenzen stattgesunden, deren Inhalt und Bedeutung seither lebhaft erör­tert worden ist. Der Gegenstand der Besprechun­gen ist natürlich nicht bekannt geworden; indesien wie England schon früher, laut des Reichskanzlers eigener Erklärung, bei ihm in Betreff Egyptens sich Rath erbeten hat, so dürfte das Kabinet Glad­stone, das den englischen Karren glücklich in allen Welttheilen festgefahren hat, jetzt erst recht um guten Rath und wahrscheinlich noch um etwas m e h r nachgesucht haben. England hat seit 70 Jah­ren in der That niemals so tief in Roth und Rathlosigkeit gesteckt, als jetzt. Die Ausgebung des Sudans nach koloffalen Opfern ist ein trau*

Q) Maske gegen Maske. <70 Roman von A. Werner.

„Am Abend des 13.Januar", begann Ferrand der Aufforderung des Polizeidirektors entsprechend, „hatte ich bei Fräulein Romont zu Mittag gespeist. Um Morgen hatte ich einen Brief von Marie er­halten, worin sie mich beschwor, sie noch einmal zu besuchen, da sie in der Nacht nach England ab­reisen wollte. Dieser Brief war so dringend, daß ich nicht umhin konnte, der Aufforderung zu ent­sprechen. Unglücklicherweise traf ich erst gegen 10 Uhr bei ihr ein, während sie mich einige Stunden früher erwartet hatte. Ich fand sowohl die Garten- thür wie auch die Hausthür offen. Der Speise­saal war erleuchtet und ich sagte mir, daß Marie, die gewohnt war, sehr spät zu Abend zu effen, noch bei Tische säße. Als ich eintrat, befand ich mich dem Kaufmann Collin gegenüber. Er speiste ganz allein, was mich befremdete. Wo war Marie? Hatte sie sich vielleicht bei meiner Ankunft entfernt, um einem etwaigen Streite aus dem Wege zu gehen? Ich weiß e» nicht. Collin war ersichtlich berauscht und sprang wie ein Rasender von seinem Sessel auf. Ich wollte mich zurückziehen, allein

riges Blatt in der englischen Geschichte; die Ca- pitnlation vor den russischen Kosaken in Central- Asien eine beschämende Demüthigung; die endgil- tige Regelung der Dinge am Nil wird schwerlich die englischen Kosten werth fein, und zum Schluffe will diese dreifache Niederlage noch mit koloffalen Summen bezahlt sein, welche für das englische Budget des nächsten Jahres ein Deficit von 15 Millionen Pfund (300 Millionen Mark) in sichere Aussicht stellen. Aber auch der dreifache Rückzug Englands schützt daffelbe nicht vor den bösen Fol­gen, die sich im Sudan, am Nil und in Central- Asien bald geltend machen werden. Will England im nächsten Jahre an allen drei Punkten nicht die Nachwehen seiner Capitulationen fühlen, die sich zu wahren Katastrophen für Englands alternde Weltmachtstellung gestalten können, so muß es sich bei seiner vollständigen Jsolirung nach einem Ver­bündeten umsehen, bei dem es diplomatische und nötigenfalls auch militärische Unterstützung finden kann. Das muß um so nothwendiger erscheinen, als der centralasiatische Conflict nicht beseitigt, sondern blos vertagt ist und die Sicherheit Egyp­tens gegen sudanesische Horden schon wegen des Seeweges nach Indien absolute Nothwendigkeit ist. Natürlich gibt es viele, namentlich liberale Eng­länder, welche ein Zusammengehen mit Frankreich trotz alles Vorgekommenen wünschen. Indessen Frankreich wäre nur durch eine volle Capitulation Englands am Nil zu gewinnen und kann bei dem Ausbruch des Brandes in Centralafien wenig nützen. Anders steht ec mit Deutschland, das vereint mit seinem österreichischen Alliirten dem russischen Vorgehen gegen den Judas in Europa ohne große Anstrengungen Schach gebieten kann und, am Nil weniger als Frankreich intereffirt, auch geringere Dotierungen an die englischen In­teressen stellen wird. Allerdings suchte der als Aufschneider bekannte Pariser .Times'-Cortespon- dent (Opert aus Blowitz) sofort Roseberys Reise und Unterredung mit dem Fürsten Bismarck zu einer Aufhetzung Frankreichs und Rußland gegen Deutschland zu verwenden, indessen die englische bittere Noch zwang dasselbe Blatt Tags darauf, einen Lobartikel auf den Helfer in der Noth vom Stapel zu lassen, mit dem sich die .Norddeutsche' unter lobender Anerkennung einverstanden erklärte. In diesem ,Times'-Artikel, der das ausdrückliche Placet der .Norddeutschen' gefunden hat, liegt auch

er packte mich beim Arm — ich stieß ihn kräftig zurück und es entstand ein heißer Kamps. Ich war stärker als er und begnügte mich deshalb damit, ihn von mir abzuwehren, als ich plötzlich einen heftigen Schlag auf den Kopf erhielt. — Da war ich nicht mehr Herr meiner selbst — ich erhob meinen Stock und versetzte ihm einen Schlag — einen einzigen. — Er fiel und riß mich im Falle mit sich zur Erde nieder. Als ich mich wieder erhoben hatte, bemerkte ich, daß ich ihn erschlagen hatte, denn er tag leblos am Boden. Da verlor ich mein klares Nachdenken und entfloh."

„Ohne die Dame zu sehen, die dieses entsetz­liche Unglück angestiftet hatte?" fragte der Direktor lebhaft.

„Wollte Gott, mir wäre es eingefallen, sie zu suchen", antwortete traurig der Verurtheilte. „Ich würde ihr vielleicht das Leben gerettet haben. Aber ich war wie wahnsinnig. Ich stürzte auf die Straße hinaus, ohne mich umzusehen und ver­brachte eine furchtbare Nacht. Als ich am andern Morgen mich zu meinem Vater begeben mußte, litt ich entsetzliche Qualen. Ich wußte noch von nichts. Die Zeitungen hatten sich bis dahin noch nicht des furchtbaren Dramas in der Straße l'Alouette bemächtigt. Ich dachte an die schreck*

wohl das Ergebniß der Unterredung zwischen Bismarck und Rosebery vor. Unter aller­lei Einschränkungen, die wohl nur zur Verhüllung der Thatsache bestimmt sind, sind dort zwei Rath* schlüge resp. Anschauungen des Kanzlers verzeich­net: 1. die einzigeLösung des egyptischeu Problems ist die Collectivbesetzung und 2. das einzige Mittel zur Fernhaltung der Rus­sen von Indien sind nicht papierene Abmachungen, sondern thatsächliche Besetzungen. Gleich­zeitig wird, und das ist sehr zu beachten, gemeldet, daß die Colonialverhandlungen Englands mit Deutschland sich in günstigem Stadium befinden.

Lord Rosebery stammt aus vornehmer Familie, ist mit Vermögen reichlich gesegnet, hat feine glück­liche geistige Veranlagung benutzt, um feinen Schatz von Wissen auf den Gebieten der klassischen Lite­ratur und der Staatswissenschaften einzuheimsen. Die Universität von Aberden hat den noch jungen Gelehrten zu ihrem Rector ernannt und bei der Stiftungsfeier der Universität von Edinburg war Lord Rosebery ausersehen, eine Rede zu halten, die durch Gediegenheit des Inhaltes und Vollen­dung der Form die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Seine politische (Saniere ist glänzend gewesen, und als jüngster unter den englischen Ministern gilt er gleichzeitig als ein einflußreiches Mitglied der Regierung. Der Lord ist mit der Haute Finance verbunden, seine Frau ist eine Rothschild.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Juni.

* Aus offiziösen Nachrichten ist zu schließen, daß die geplante Verdrängung des Herzogs von Cum­berland aus seinem Erbrecht bei einigen Bundes­fürsten Widerstand findet. Doch wird Preußen siegen, weil es siegen will.

* Der ,Germ.' wird von ihrem römischen Korre­spondenten neuerdings das Folgende geschrieben:

„Die Meldung, daß gegenwärtig in der Posener Bischofsfrage absoluter Stillstand herrscht, kann ich heute dahin vervollständigen, daß, wie die Dinge augen­blicklich liegen, gar keine Aussicht auf eine Lösung dieser Frage vorhanden ist. Die preußische Regierung besteht darauf, keinem Prälaten von polnischer Nationalität die Besteigung des Gnesen-Posener Erzstuhles zu gestatten, und Leo XIII. ist fest entschlossen, der so schwer heimge­suchten Erzdiözese nur einen solchen Oberhirten zu geben, dem der Klerus und das Volk das vollste Vertrauen ent-

liche Lage, in welcher Marie Fassit sich befinden mußte und konnte den Gedanken nicht wieder los werden, so daß selbst meinem Vater mein ver­störtes Wesen ausfiel. Daß sie nicht mehr am Leben sei, fiel mir selbstredend nicht ein. Das Bild des erschlagenen Kaufmannes schwebte un­ablässig vor meinen Augen und ich sagte mir, daß ich ein Feigling wäre, wenn ich nicht dem unglück­lichen Mädchen zur Hilfe tarne, die um meinet­willen vielleicht unschuldig angeklagt werden würde. Zwar wagte ich es nicht, am hellen Tage jenes Gattenhaus zu betreten; kaum hatte ich mich aber von meinem armen Vater und von meiner Braut verabschiedet, als ich mir das Herz faßte, um nach Mariens Wohnung zu gehen. Ich steckte eine Polizeikatte zu mir, eine Karte, deren mein Vater sich früher bedient hatte und die seinen Namen trug, indem ich annahm, daß mir diese vielleicht von Nutzen fein könnte. Seife schlich ich mich, von der Dunkelheit der Nacht begünstigt, in das Haus, öffnete die Thüre zum Salon und fand das Zimmer leer. Ich rief Mattens Namen. — Das Weitere ist Ihnen ja bekannt."

„Ach", rief Herr Lebrun, indem er feinen Sohn in feine Arme schloß, „weshalb bist Du nicht offen mit der Wahrheit hervorgetreten? — Kein