JVf 128.
Dienstag, den 9. Juni
1885.
Fuldaer
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o Maske gegen Maske Roman von «. Werner.
des Kirchenregiments entschieden bekämpft wird." Die Versammlung ehrte durch Erheben von den Sitzen das Andenken der verstorbenen Mitglieder, des General-Superintendenten Schwarz in Gotha, des bekannten Freimaurers Diakonus Schiffmann in Stettin, des Kirchenrathes Schenkel in Heidelberg rc. Dekan Zittel aus Karlsruhe und Prof. Pfleiderer aus Berlin sprachen „über die Mittel, durch welche die Freisinnigen dem kirchlichen Leben wiedergewonnen werden können, und über die Thatsache, daß in Deutschland noch mehr als beispielsweise in England der traurige Gegensatz zwischen Unduldsamkeit und religiöser Gleichgültigkeit besteht." Wollen die in Darmstadt versammelten Lehrer aus der Schule die christliche Religion verbannen und statt derselben die „allgemeine Moral" einführen, so verlangen die rationalistischen Protestanten-Vereinler, „auf Grund des Schriftprinzips, ein weitherziges Glaubensbekenntniß" für Kanzel und Katheder „freie Regung des Geistes, d. h. ein Christenthum ohne Offenbarung, mit Bekämpfung der h. Schrift. Sie wollen Anhänger Luther's sein und bleiben. Aber was würde Luther sagen, wenn er sie an der Arbeit sähe! Freilich, er hat, wie seine Schriften bezeugen, prophezeit, daß es so kommen würde, wie es gekommen ist, und nach seinen eigenen Lehren mußte es so kommen. Das Recht, nach Belieben mit der Bibel umzuspringen, welches er sich beilegte, steht auch seinen Nachfolgern zu. Die ,Köln. Vztg.' erinnert in ihrer letzten Wochenschau daran, daß ein Protestantenvereinler, der Prediger Schumann aus Jeseritz in der Mark Brandenburg, vor Jahven (28. Februar 1876) im preußischen Abgeordnetenhause geklagt habe über „meine arme und zerspaltene Kirche". Der Protestantenverein wird diese Spaltung nicht wegschaffen.
„Ja, er nennt sich Tollart, muß aber der Geburt nach ein Engländer sein, oder wenigstens dort ge- wohnt haben, da er die Bekanntschaft der ermordeten Marie Fassit in England gemacht hat."
„Ich habe sie dort auch kennen gelernt", murmelte der Verurtheilte.
Bei diesen Worten näherte sich der Polizei- direktor.
„Ich bin zu sterben bereit, mein Herr," wandte sich Ferrand an den Letzteren, „und hatte mir vorgenommen, bis an mein Lebensende Stillschweigen zu beobachten. Da Sie indeß so gütig waren, mir zu erlauben, meinen Vater noch einmal sprechen zu dürfen, werde ich Ihnen ein offenes Geständniß meiner Mitschuld ablegen. Verzeihe mir, mein Vater," fügte er hinzu, indem er die Rechte seines Vaters ergriff, der vor Schmerz zusammenzubrechen drohte, „der Tod wird mir weniger Schrecken ein» flößen, und Du wirst vielleicht weniger über Deinen Sohn erröthen, nachdem ich die reine ungeschminkte Wahrheit gesagt habe."
„Mein Gott!" dachte verzweifelnd sein Vater, »sollte ich mich wirklich getäuscht haben?"
* Der fünfzehnte deutsche Protestantentag
wurde bekanntlich Ende vorigen Monats im Hamburg abgehalten. Rach den Berichten der liberalen Preffe waren die Gäste sehr zahlreich und zum Theil aus weiter Ferne erschienen, aus der Schweiz, aus Holland, England, Schweden und selbst Nordamerika. „Im Ganzen mag sich die Zahl der fremden imd einheimischen Theilnehmer auf etwa tausend belaufen haben. Nach Andern waren es 250, ja nur 150. „Von mächtiger Wirkung" war die Festpredigt. „Nicht furchtsames Festklammern an die Schablone, sondern freie Regung des Geistes, nicht rechthaberisches Vertheidigen kleinlicher Religionsparagraphen, sondern liebevoller Austausch aller geistlichen Errungenschaft, nicht die Kirchenzucht hierarchischer Machthaber und orthodoxer Zeloten, sondern die Selbstsucht, die nur auf dem Boden wahrer protestantischer Geistesfreiheit erwachsen könne, seien die Endziele der Bestrebungen, welche der Protestantenverein sich gesteckt habe." Der Jahresbericht, welcher in der Versammlung verlesen wurde, hebt hervor, „daß auf die festlichen Tage der Lutherfeier leider sehr bald wieder kirchliche Kämpfe gefolgt seien." „Den Anlaß dazu," so heißt es in dem Bericht, „gab in der preußischen Landeskirche das berech- tigte Aufsehen, welches die bedeutsame Lutherrede des Prof. Bender an der Universität zu Bonn erregt hatte. Die kräftige Kritik, welche der Redner an der pietistischenVerküm merung des reformatorischen Lebens-Ideals in den evangelischen Landeskirchen geübt, hatte einen wunden Fleck des modernen Kirchenlebens getroffen, und die Entrüstung des sehr selbstgefälligen, streng pietistischen Klerus überschritt so sehr alles Maß, daß die Gegner selbst unserer Sache Vorschub leisteten. Die Angriffe der rheinischen Synodal-Vorstände sind einstweilen abgeschlagen. In der hannoverschen Landeskirche, dem Schmerzenskinde der deutschen evangelischen Kirchen, ist eine wesentliche Aende- rung der Lage nicht eingetreten. Die Ultras .haben durch den Tod Harms' und den Zwiespalt in der gegenwärtigen Leitung des Missionswesens einen empstndlichen Schlag erlitten; auch die Ernennung des neuen Präsidenten des Landes-Con- sistoriums, Prof. Meyer in Göttingen, ist ein Zeichen, daß die welfifche Agitation von Seiten
haltlos. Es ist weder ein Kandidat für den Posener Erzstuhl gesucht, noch über Herrn Prä- laten Dr. Lämmer als Nachfolger des Herrn Bischofs von Ermland verhandelt worden."
♦ Die.Post' hatte erklärt, die ,Nordd. All» gern. Ztg.' sei offizielles Organ der deutschkonservativen Partei. Die,Kreuzztg.' bemerkt dazu: „Uns ist davon bisher nichts bekannt, auch wir sind gespannt, ob das offiziöse Organ die ihm zugesprochene Stellung acceptiren wird." Die .Post' hat trotzdem Recht, denn wenn auch nicht formell, so ist die ,Nordd. Allgem. Ztg.' doch thatsäch- lich das maßgebende Blatt für die Haltung der meisten Konservativen. Die deutsch-konservative Partei ist gar keine einheitliche Partei. Die Kreuz- zeitungs-Richtung in ihr will nichts davon wissen, daß die .Nordd. Allgem.' die Partei officiell ver- treten soll. Denn sie wird durch dieses Blatt fortwährend kompromittirt. Anders liegt die Sache für die Gouvernemental-Kons ervativ en, die ja gar nicht wissen würden, was heute recht und morgen unrecht sein soll, wenn sie nicht durch die ,Nordd. Allgem. Ztg.' auf dem Laufenden dar- über erhalten würden. So lange die Konservativen die,Nordd. Allgem. Ztg.' zu ihren offiziellen Publi- kationen (Wahlaufrufen, Ankündigungen von Irak- tionsversammlungen rc.) benutzen, müssen sie sich auch gefallen lassen, daß die ,Nordd. Allgem. Ztg.' als ihr offizielles Organ gilt.
* Der .Reichsanzeiger' bringt wiederholt folgende Bekanntmachung: „Die Besitzer der unterm 11. Juli 1874 ausgefertigten deutschen Reich s- kassenscheine werden daran erinnert, daß dieselben nur noch bis Ende Juni d. I. bei einer der Reichskassen und der Kasse eines Bun- desstaatcs in Zahlung angenommen ober bei der Reichs-Hauptkasse gegen baares Geld eingelöst werden. Vom 1. Juli d. I. ab ist nur noch die königlich preußische Kontrole der Staatspapiere in Berlin SW., Oranienstraße 92, ermächtigt, solche Scheine anzunehmen und einzulösen.
» Der vierte Band von Janssens großem Werke: „Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgange des Mittelalters" ist erschienen. Wenn wir ausnahmsweise an dieser Stelle auf diese literarische Erscheinung aufmerksam machen, so geschieht es, damit unsere Leser desto aufmerksamer werden auf die erfolgte Fortsetzung dieses großartigen Werkes. Während andere geschichtliche Handbücher nentng an unsere Zusammenkunft. Den Richtern erzählte ich, daß ich mit einem jungen Mädchen in Heidelberg ein vorrübergehendes Liebesverhältniß angeknüpft hätte, — es war ein Märchen, welches ich erfann, um Gabriele, meine Braut, von dem Verdachte abzulenken, daß ich die Ermordete ein» stens geliebt und geachtet. Daß ich dadurch meine Lage zu einer sehr mißlichen gestalten würde, ahnte ich nicht. Du brachtest mich nach Deutschland, Vater. Ich war damals fast noch ein Kind und vergaß sehr schnell meine Versprechungen, die ich Marie gegeben hatte. Marie aber konnte mich nicht vergessen. Vor etwa einem halben Jahre, als ich schon in reiner ungeteilter Liebe für meine engelgleiche Braut erglühte, führte mich der Zufall auf den EliseeischeN Feldern wieder mit Marie zusammen. Ich hätte sie meiden müssen, aber ich hatte nicht das Herz, sie von mir zu stoßen, als sie mich anflehte, zwar nicht, sie zu lieben — denn ich verhehlte ihr mein Verhältniß zu Gabriele Ro- mont nicht — sondern sie zu beschützen. Ihre Mutter war inzwischen gestorben und sie somit vollständig verwaist. Ihre Hilfsquellen waren er» schöpft, aber nichts desto weniger weigerte sie sich standhaft den Elenden, der sie zudringlich verfolgte, zu heirathen. Sie fürchtete sich vor ihm. Ich
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni.
• Die ,Schles. Volksztg.' schreibt: „Der Besuch, mit welchem der hochw. Herr Bischof Dr. Kre» mentz unseren hochw. Herrn Fürstbischof am vergangenen Sonntage erfreute, hatte keine andere Bedeutung, als daß er das freundliche und feste Zusammenhalten der beiden Kirchenfürsten von Neuem dokumentirt'. Die Kombinationen, welche die .Schles. Ztg.' daran knüpft, sind sämmtlich
„Ich habe bis jetzt Alles geleugnet", fuhr Ferrand mit fester Stimme fort, „von nun an werde ich nichts mehr zu verbergen suchen. Ich war es, der am Morgen nach dem Verbrechen in den Pa- villon der Straße l'Alouette eindrang. Das Por- trait, welches man bei mir fand, hatte Marie Fassit mir gegeben. Als man mich in ihrem Zimmer, wo ich sie aufsuchte, überraschte, war es mir noch unbekannt, daß sie ermordet war."
„Du hast sie also nicht getödtet!"
„Ich liebte sie nicht mehr, aber ich hatte sie einst geliebt mit der schwärmerischen Liebe, mit welcher man in einem Alter von achtzehn Jahren zu lieben pflegt", fuhr der Verurtheilte fort, ohne den freudigen Ausruf seines Vaters zu beachten. „Im Pensionat zu Clapham in London lernte ich sie kennen. Ihre Mutter, eine Schauspielerin, hatte sie für die Bühne bestimmt. Ihr verstorbener Vater war ebenfalls Schauspieler gewesen. In dem armseligen Hause, welches sie bewohnte, hatte Marie viel von den zudringlichen Bewerbungen eines Mannes zu leiden, der sie wieder ihren Willen heirathen wollte. Wir liebten einander und getobten uns, heimlich zu entfliehen. — Das Patiencespiel, die Karten, welche man in meiner Wohnung sand, waren eine Erin-