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J\£ 126

Sonnabend, den 6. Juni

1885

Fuldaer

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Erstes Blatt.

ö Der Götzendienst unserer Zeit.*)

Die wiederholt aufgestellte Behauptung, daß sich unsere gottentfremdete Zeit dem alten Heidenthume in bedenklicher Weise nähert, hat durch die Ereig­nisse der letzten Wochen wieder ihre Bestätigung gefunden. „Etwas muß der Mensch anbeten," sagt Aristoteles, „und wenn er Gott absetzt, schnitzt er sich Götzen." Unsere glorreiche Gegenwart hat mit ihrem Affenkultus Gott aus der Weltordnung aus­gestrichen; sie hat die menschliche Vernunft zum Altäre gemacht und auf diesen Altar Menschen als Götzen gestellt. Das Victor Hugo-Fieber der Pariser, über welches mit Recht die auswärtige, d. h. die nicht französische Presse ganze Kübel voll Spott; und Hohn ausgegoflen hat, ist im Grunde nichts anderes, als eine vereinzelte Erscheinung der allgemeinen Zeitströmung und die nothwendige Kon­sequenz der Tmdenzen des herrschenden Zeitgeistes. Wir haben keine Ursache, in allzugroße Entrüstung ob der lächerlichen und fratzenhaften Komödie, die Frankreich in Scene setzte, auszubrechen, und un­sere Nationalliberalen haben am wenigsten Ursache, zu behaupten, „Paris habe sich in ein Irrenhaus verwandelt," denn was sie in Menschenvergötterung geleistet haben, steht mindestens ebenbürtig neben der französischen Hugolatcie. Der Franzose ist leb­hafter, leidenschaftlicher als der nüchterne Deutsche; er geht leicht in's Maßlose und liebt die lieber» schwengiichkeil in Worten; wenn wir uns aber die abgeschmackien Lobhudeleien, welcher der national­liberale Bycantinismus in Deutschland am 1. April zum Besten gab — eine Kriecherei, die sogar auf den Reichshund kam — vergegenwärtigen, dann haben wir wahrlich keine Ursache, mitleidig und spöttisch auf die französischen Republikaner und Atheisten herabzusehen, welche mit der Hugofeier erstens für die Republik, zweitens für die Loge und drittens für den Atheismus Reklame machten. Der Personenkultus greift überall da Platz, wo der Gottesdienst in den Hintergrund ge­drängt wird, und der Pariser.Figaro' hat Recht, wenn er den Wahnwitz der Götzenverehrung ein Specificum der Neuzeit nennt und sagt: „Man entschlägt sich der Heiligen, aber man glaubte an die Gruppen, an die Comito's, an die Proscribir-

* Nachdruck ist nicht gestattet.

ten u. s. w.; man wähnt Gott beseitigt zu haben und gibt ihm nur einen andern Namen: Gam» betta, Victor Hugo." Der verstorbene Dichter hat dazu beigetragen, den Abgrund zu erhellen, an dem unsere Zeit steht, denn nichts ist im Stande, drastischer den Beweis zu liefern, wie tief die Menschheit gesunken ist, als wenn sie dazu über­geht, Menschen göttliche Ehren zu erweisen. Als Rom soweit gekommen war, krachte die ganze stolze Weltherrschaft mit all' ihrem Prunke in Trümmer zusammen, und da wir heute mit all' unserer Wis­senschaft und Kultur auf demselben Standpunkte angekommen sind, so liegt der Schluß nahe, daß die Katastrophe des religiösen, politischen, sozialen und moralischen Zusammenkrachs nicht mehr fern sein wird — abgesehen davon, daß die blutigen Skandale auf dem Pore-Lachaise wie unheilvolles Wetterleuchten das Gewitter angekündigt haben.

Man mag den Franzosen Wahnwitz, Komödian- tenthum, maßlose Leidenschaftlichkeit und Aehn- liches zum Vorwurf machen, aber man wird zuge­ben müssen, daß sie konsequent handelten, als sie mit dem Raube der Genovefakirche dem Menschenvergötterungs-Prinzipe die Krone aufsetz­ten. Der Götzentempel, in welchen die französische Republik eine herrliche Kirche umwandelte, ist eine Apotheose des Zeitgeistes, welcher den lieben Gott aus seinem eigenen Hause verdrängt, um mensch­lichen Götzen darin Platz zu machen. Alles stimmt herrlich zusammen; das gottesschänderische Raub­werk, die Reden und das ohrenzerreißende Geheul der Linken in der Kammer, die Zertrümmerung der Altäre, der Beichtstühle, der Kanzel und der Bänke in der Genovefakirche ; die wüsten Orgien des Pöbels und liderlicher Dirnen in dieser Kirche; die Herunterreißung des Kreuzes über der Vor­derseite derselben und die Beisetzung der Leiche Viktor Hugos in dem „Pantheon", — alles dies ist eine einzige Kette, in welcher sich mit Natur- nothwendigkeit ein Glied an das andere schließt, eine Kette, die im Kirchenhasse wurzelt, in der Menschenvergötterung sich fortpslanzt und mit der Revolution endet. „Wir sind die Söhne von 1789" rief Minister Gablet im französischen Senate aus und er hat leider nur zu sehr Recht, denn unsere Zeit fußt auf jenen destruktiven Tendenzen. „Ni Dien, ni maitre“, war der Wahlspruch des ver­storbenen Kommunisten Blanqui; den ersten Theil dieses Spruches hat das 19. Jahrhundert längst

auf seine Fahne geschrieben, den zweiten Theil hat es dahin ausgelegt, daß es verwesende Leich­name zu Göttern machte. „Stürzen sie doch das Kreuz unseres Gottes vom Pantheon herunter," rief Graf de Mun in der Deputirtenkammer aus; „Frankreich wird das Krachen dieses Herunter­sturzes hören und das Kreuz gegen Sie wieder aufrichten!" Unsere liberalen Blätter gehen mit Hohn und Spott über diese Rede und den Raub der St. Genovefakirche hinweg, natürlich, auch sie wären jeden Augenblick bereit, etwa den Kölner Dom in eine Ruhmeshalle für Dichter und Staats­männer umzuwandeln, und es fragt sich noch, ob dieser Tempel ihnen gut genug wäre, um dereinst als Grabstätte für den Fürsten Bismarck zu dienen.

Das widerliche Schauspiel, welches Frankreich in jüngster Zeit uns bot, findet seine richtige Beleuch­tung nicht in der Uebertreibungssucht und der Leidenschaftlichkeit des französischen Nationalcharak­ters, sondern einzig und allein in dem Brennspie­gel des modernen Zeitgeistes. Was die Franzosen bis in's Maaßlose steigerten, haben auch wir, wenn auch nicht in gleich hohem Grade, schon seit Jahren kennen gelernt: Paris nennt seinen Viktor Hugo „das Wunder der Welt," und ein Deutscher, Otto Jung mit Namen, erniedrigte die ganze deutsche Nation zum „Humus", zum Dün­gerhaufen, aus dessen kondensirter Kraft ein „Her­kules" wie Bismarck hervorgegangen. Noch ist Bismarck der Herkules, der Säkularmensch, der Riese des Jahrhunderts, der Atlas welcher die Welt trägt, — was wird er erst auf dem Parade­bette sein? Unser Nationalliberallismus hat sicher­lich keine Ursache, die Pariser Götzendiener zu ver­lachen. Der arme menschliche Wurm, der in fre­cher Aufgeblasenheit den allmächtigen Gott in die Rumpelkammer wirft, macht Würmer, die seines Gleichen sind, zum Gotte; er entwürdigt die dem Herrgott geweihten Häuser zu Pantheons, um seine Götzen darin unterzubringen, um sich selbst zu verherrlichen, — das ist es, was der Victor Hugo-Götzen-Dienst uns lehrt, und was charakteri­stisch für unsere atheistische Zeitrichtung ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Juni.

* Fürst Bismarck beging gestern sein fünfzig­jähriges Dienst-Jubiläum. An diesem Tage vor fünfzig Jahren wurde er als Auscultator beim

3 Maske gegen Maske. 166

Roman von A. Werner.

„Ich werde mich dieses Auftrages noch heute entledigen und mir erlauben, den Herrn Georg Atkins morgen Ew. Hoheit vorzustellen."

„Es wird mich außerordentlich freuen, ihn zu empfangen und Ihnen eine Belohnung zuzustellen, welche Sie, mein werther Herr, selbsttaxiren mögen. Ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein und zolle Ihnen meine höchste Verwunderung, daß Sie diese schwierige Angelegenheit so schleunigst zum Abschluß gebracht haben "

„Sie ist noch nicht vollständig erledigt," er­widerte Herr Holtz mit bescheidener Miene. „Zwar besitze ich klare Beweise über die Abkunft des Herrn Georg Atkins, aber es fehlen mir noch immer die Todtenscheine der anderen Nachkommen des Majors."

„Und Sie glauben, daß Sie diese Dokumente werden bekommen können?"

„O, sehr leicht. Von den drei anderen Schwestern des Jacques Patrice sind zwei in Frankreich oer- heirathet worden, deren Spur ich bereits aufge­funden habe. In wenigen Tagen werde ich wissen,

ob diese beiden Zweige erloschen sind. Die jüngste Schwester hat nur eine Tochter gehabt, welche diesen Winter gestorben ist."

In diesem Augenblick wurde Jemand ange­meldet, der den Nabob dringend zu sprechen wünsche, aber, da er seiner Kleidung nach, ein gewöhnlicher Arbeiter sei, von dem Portier zurückgewiesen worden wäre.

„Er trete herein!" sagte der Nabob und ehe noch der angebliche Agent sich verabschiedet hatte, betrat der Fremde das Zimmer.

Es war Pergon, welcher unter der falschen Perrücke, den bemalten Wangen und der grünen Brille sogleich den verhaßten Tollart zu erkennen glaubte. Er ward durch die Anwesenheit desselben so verwirrt, daß er vergeblich nach einem Vorwand suchte, um sein Erscheinen zu rechtfertigen.

„Ah, Sie kommen wegen der Unterstützung, die ich Ihnen für eine arme Familie zugesagt habe," redete ihn der Nabob mit bedeutsamem Blicke an.

„Auf morgen also, mein Herr," wandte er sich an den angeblichen Agenten Holtz, „ich sehe Ihrer Ankunft mit Ungeduld entgegen, da ich darauf zähle, daß Sie Herrn Georg Atkins sobald als möglich zu mir führen werden."

„Morgen um dieselbe Stunde werde ich die Ehre haben, ihn Ew. Hoheit vorzustellen", ent­gegnete der verkleidete Tollart, indem er sich tief verneigte und gleich darauf das Zimmer verließ.

Kaum hatte er die Schwelle überschritten und den Thürgnff erfaßt, als Pergon seinem Herrn einen Blick zuwarf, der deutlich sagte: „Lassen Sie ihn nicht entschlüpfen." Aber Lebrun legte den Finger auf seinen Mund, wodurch ihm Schweigen auferlegt wurde.

„Seine Stunde hat noch nicht geschlagen," sagte der Greis mit dumpfer Stimme, als Tollart sich entfernt hatte. „Morgen wird der Elende mit seinen Complicen in die Falle gehen, die ich ihm gestellt habe."

„Das wird Tollart bleiben lassen!" rief Pergon verzweifelt aus. „Sie wissen ja nicht, was in der verwichenen Nacht geschehen ist, Sie wissen ferner nicht, daß man den Versuch gemacht hat, Fräulein Gabriele Romont, Pauline, die Tochter des Weichen­stellers Cambrenner und mich obendrein zu ermorden."

„Du redest irre, Pergon," erwiderte der Greis besorgt.

„Ich bin völlig bei Sinnen," lautete die Ent­gegnung Pergons, „und bitte Sie, meine Erzäh-