Dienstag, den 2. Juni
Fuldmr
1885.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnemeMspreis ohne Brü^erlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., - mit der belletriMcken Wockenbeilaae .Sterne und Blumen m Fulda 1 Mk. <0 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg-
Inserate: Die einsaitige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Die »allgemeine deutsche Lehrer- Bersammlung",
welche vorige Woche in Darmstadt abgehalten wurde erinnert lebhaft an die Falk'sche Aera (in welcher die Lehrer als die „Kampfgenossen" begrüßt wurden) und bedeutet im Vergleich zu den drei letzten Versammlungen zu Bremen, Kassel und Frankfurt offenbar eine Verschlechterung im christlichen Sinne. Die Versammlung, an der sich katholische Lehrer zum Glück in der Regel nicht betheiligen, schien, nach ihren Reden und Abstimmungen zu schließen, nicht aus christlichen Lehrern, sondern aus Logenbrüdern, Deisten oder gar Atheisten zu bestehen, und sie setzte sich in bewußten Gegensatz zu der übergroßen Mehrheit der deutschen Eltern. Dieser antichristliche Geist machte besonders kraß bei Besprechung der beiden Hauptthema: 1. „Aufgabe und Macht der Erziehung" und 2. „Die Simultanschule" sich geltend. Als charakteristisch hebt die ,Cocresp. Fallend.' hervor, daß die Hauptredner regelmäßig aus den freien Städten Hamburg und Bremen oder aus Frankfurt verschrieben werden, welche dann für ihr religions- und konfessionsloses „Schul-Ideal" Propaganda zu machen suchen. Auch der.Reichsbote' bemerkt: „Der Charakter dieser Versammlungen ist bis auf die dabei agirenden Persönlichkeiten ein sehr stereotyper: einige Bremenser, Hamburger und Frankfurter Lehrer oder Rektoren stehen als Entreprmure oder Redner im Vordergrund, und die große Maffe der Versammlung begnügt sich, jedem Redner, einerlei, was er gesagt hat, großen, lebhaften Beifall" zu spenden und ihre Resolutionen einstimmig zu beschließen." Das letztgenannte Blatt sagt dann weiter u. A.: „Aus allen Verhandlungen, Reden und Resolutionen tritt als die Haupttendenz dieser Versammlungen und ihrer Agitation die absolute Trennung der Schule von Kirche und Cyristenthum hervor. Christenthumslose Simultanschulen, in welchen an Stelle des Christenthums eine sogenannte allgemeine Religion, die sich natürlich jeder Lehrer für seinen Schulgebrauch erst zurecht machen müßte, welche für Juden-, Türken-, Heiden- und Christen-Kinder gleichmäßig bestimmt ist — das ist's, was diese Agitation will! Daß es einige unklare Schwärmer gibt, in derm Köpfen ein solcher undefinirbarer Unsinn von einer allgemeinen Re-
2) Maske gegen Maske. 163 Roman von A. Werner.
„Still! Kein Wort mehr; stelle Dich schlafend. Ich werde mir den Anschein geben, als sei ich durch den Sturz getödtet worden" , flüsterte Pergon ihr in's Ohr und blies gleichzeitig das Licht aus« Dann schlich er auf den Zehen zu seiner früheren Lagerstätte und warf sich auf den Sandhaufen, das Gcsicht in den Sand gedrückt. Kaum war dies geschehen, als sich durch die offene Luke eine große Laterne an einem Seile herabsenkte, die den ganzen Raum tageshell erleuchtete. Man wollte sich offenbar überzeugen, wie es in dem Keller aussah. Das Resultat schien die Bewohner der Mühle zufrieden zu stellen. Pergon lag nämlich platt auf dem Sandhaufen, mit gekreuzten Armen und ausgestreckten Beinen, kurz, wie Jemand, der sich durch einen schweren Fall den Tod zugezogen hat, während Pauline in einem Winkel gekauert, wit zusammengeschrumpften Körper und geschloffenen Lidern den Anblick eines mit dem Tode ringenden Kindes darbot.
„Es ist mit ihnen vorbei", flüsterte eine spöttische Stimme, „jetzt nur schnell die Dritte herbei, um den Beiden Gesellschaft zu leisten."
ligion spukt, wundert uns nicht; aber daß _ so viele ehrenwerthe Lehrer sich verleiten lassen, diesem Schwindel mit Bravo beizustimmen — das ist's, was uns wundert. Jeder verständige Mensch weiß doch, daß schon bei den allgemeinsten religiösen Begriffen, wie z. B. dem Gottesbegriff, die Verschiedenheit der Religion beginnt und die Allgemeinheit aufhört. Der Gottesbegriff der Christen, der Juden, der Türken, der Pantheisten, Deisten und Heiden ist ein ganz verschiedener. Schon auf dieser ersten Stufe aller Religionen hört die Allge- meinheit auf, geschweige denn im weitern Fortgang. Der Ausdruck „allgemeine Religion" ist deshalb nur eine trügerische, durch und durch unwahre Phrase, hinter der sich nichts anderes als atheistischer, pantheistischer oder naturalistischer Unglaube verbirgt. Daß ein solcher Religionsunterricht, der entweder die Kinder ganz gottlos macht, oder ihnen nur ein paar allgemeine Redensarten von Gott beibringt, weder das Herz erwärmen und veredeln, noch den Willen stärken, noch den Geist erleuchten kann, ist ohne Zweifel. Den Gott eines solchen allgemeinen Religionsunterrichts kann man weder fürchten noch lieben, noch kann man ihm vertrauen. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn diese Agitatoren selbst nicht mehr an die erziehliche Wirkung eines solchen Religions-Unterrichts glauben und also der Herr Debbe bei Behandlung seines Thema's: „Die Aufgabe und Macht der Erziehung" als wichtigste Erziehungsmittel in erste Linie stellte: die Sauberkeit und die gute Luft der Schulstube, die Bewegung im Freien, auf Turn- und Spielplatz, Vorführung der Heroen der Weltgeschichte. Erst in letzter Linie führt er auch seine allgemeine Religion an, weist ihr aber nur eine negative Bedeutung zu; sie soll vorurtheilslose Religiösität wecken. Wenn man nur wüßte, was das für ein Ding wäre: „vorurtheilslose Religiosität"! Bei solchen Worten kribbelt es einem im Gehirn — aber einen klaren Begriff verbindet kein Mensch damit — und ein solches Ding soll sogar gelehrt oder, was noch wunderbarer ist, im Kinde geweckt werden, als hätte es dort schon im Schlafe gelegen!" Ganz zur rechten Zeit erinnert das Wiener .Vaterland' angesichts der Darmstädter Lehrer-Versammlung an eine Rote, welche Friedrich Wilhelm IV. nach 1848 an die liberalen Seminarlehrer in Berlin richtete, in der es hieß: „Richt
Pergon sah von der Seite, daß die Mörder einen Körper, der in graues Leinen verhüllt war, aus der Luke hinabwarfen, wie wenn man einen Leichnam vom Felsen in's Meer stürzt. Kaum hatte der Körper den Boden berührt, als die Laterne wieder heraufgezogen und die Luke wieder zugeschlagen wurde. Ein dumpfes Geräusch ließ den Gefangenen errathen, daß man jetzt die Luke mit Steinen betastete, unzweifelhaft um zu verhüten, daß man sie von unten ausheben und so einen Ausweg zur Flucht gewinnen konnte. Eine unnöthige Vorsicht, Da der Keller eine Höhe von sechszehn Fuß hatte und sich in demselben keine Leiter befand.
„Wir sind verloren," dachte Pergon, „wir müs- sen verhungern. Ein Trost nur, daß die Räuber vorläufig nicht wieder kommen werden, da sie das Grab wohl verwahrt glauben."
Er zündete nun wieder sein Licht an und beleuchtete das dritte unglückliche Opfer, um zu er- fahren, welchen Leidensgefährten er soeben bekommen hatte, der tobt oder lebend in dieses Grab gesenkt war, in welchem auch die Tochter des Weichenstellers ihren Tod finden sollte.
Er beugte sich zu dem verhüllten Körper herab und entdeckte, daß er derjenige einer weiblichen
den Pöbel fürchte ich, aber die ungläubigen Lehren einer modernen, frivolen Weltweisheit."
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juni.
♦ Aus der heutigen offiziellen Mittheilung über den Gesundheitszustand des Kaisers geht hervor, daß die Besserung eine sehr langsame und von neuen Störungen unterbrochene ist. Der Kaiser wird auch in den nächsten Tagen das Zimmer noch nicht verlaffen können, obwohl sein Befinden heute nach einer ruhigen Nacht wieder etwas bester ist. Die Großherzogin von Baden, welche noch immer an der Seite ihres kaiserlichen Vaters weilt, unterrichtet täglich die Kaiserin in schonendster Weise über das Befinden Sr. Majestät. Ueber das Leiden der Kaiserin sind die Blätter nicht gut unterrichtet. Die hohe Frau ist kränker als man glaubt. Ein Bruchleiden rst aufgebrochen und verursacht der Kaiserin große Schmerzen, die durch Einspritzungen von Morphium gedämpft werden. Der Appetit ist sehr mangelhaft, so daß die hohe Patientin nur wenig Nahrung zu sich nehmen kann.
* Unter Bismarck's Vorsitz fand gestern eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums statt, und bildete die braunschweiger Frage den Gegenstand der Berathung. Der Justizausschuß des Bundesraths hält erst Mittwoch eine Sitzung über den preußischen Antrag ab. Ob in dieser Sitzung schon Beschluß gefaßt wird, dürfte allein davon abhängen, ob die stimmführenden Bevollmächtigten sämmtlich mit Instruktionen versehen sein werden. Uebrigens hat, nach der ,Kreuzztg.', der Bundesrath sich bereits unmittelbar nach dem Tode des Herzogs von Braunschweig mit der Angelegenheit befaßt, und dabei der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß der für Braunschweig erbberechtigte Agnat die Regentschaft im Herzogthum nicht antreten könne.
* Der Reichskanzler wird sich nach den neuesten Dispositionen am Mittwoch nach Kissingen begeben, wo er bis zum 27. d. M. bleibt. Graf Herbert ist heute aus dem Haag hierher zurückgekehrt.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' druckt an hervorragender Stelle der.Passauer Ztg.' die Notiz nach, daß Herr Dr. Windthorst am 24. d. Abends auf der Rückreise von Gmunden nach Hannover Person war. Die untere Hälfte des Antlitzes war durch ein großes Taschentuch bedeckt, das man ihr in den Mund gesteckt hatte; ihre Haare umrahm- ten in dichten Locken eine schneeweiße Stirn; ihre Hände waren gesestelt und über die Brust zusammengeschnürt. Pergou befreite sie sogleich von dem Taschentuch, strich ihr die Locken aus der Stirn zurück und erkannte jetzt jenes reizende Mädchen, das, obgleich er es nur einmal gesehen hatte, ihm dennoch nie wieder aus dem Sinn gekommen war: Gabriele Romont, die Braut des unglücklichen Sohnes des Herrn Lebrun. Sie war blaß abgezehrt, entstellt, aber, — sie lebte! Als sie ihn über sich herabgebeugt sah, schien sie anzunehmen, daß er sie tobten wolle, benn sie sagte, inbem sie ihre schönen Augen schloß:
„Töbte mich, aber laß' mich nicht leiben!"
Ihr Retter verlor keine Zeit, sie burch Reben zu beruhigen, in solchem Falle sind Thateu besser als Worte. Er durchschnitt mit seinem scharfen Mester bie Stricke, welche Gabrielen die Arme festelten, nahm ihr das grobe Leintuch ab, worin man sie gehüllt halte und nöthigte sie, sich auf dasselbe, welches er auf dem Sandhaufen ausbreitete, zu setzen.
„Wo bin ich?" murmelte sie.