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JM 121

Sonnabend, den 30. Mai

1885.

Fuldaer Jätung.

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Erstes Blatt.

* Fälschungs-Manie.

Unter der heutigen Menschheit hat der Hang zu Fälschungen fast aller Verkaufsartikel, insbe­sondere der Getränke und Nahrungsmittel, eine grauenerregende Ausbreitung erlangt, was offenbar mit dem Abfälle von dem Christenthum und folge­weise mit der Gewisienserschlaffung zusammenhängt. Es grassirt gewiffermaßen ein Verfälschungs- Wahnsinn, nichts in seinem natürlichen Ursprungs­zustande zu lasten, was in den Mund hineingeht oder auf dem Leibe getragen wird. Zu diesem Kapitel liefert der .Bayerische Kourier' einen sprechenden Beitrag aus München vom 21. Mai, indem das Blatt unter der Spitzmarke „Fälschung ohne Ende'' das Folgende schreibt:

„Unsere Leser haben wohl auch die kleine Er­zählung von den Fliegen gelesen, welche am Honig, Zucker und anderen Süßigkeiten naschten und dabei zu Grunde gingen, weil sie alle gefälscht waren. Die kleine Erzählung besagt dann weiter, daß ein Fliegenthier, welchem das Ende seiner Genossen nahe ging, sich in Verzweiflung auf einen Teller mit „Fliegengist" stürzte, den todtbrin- genden Stoff verzehrte und — gesund und munter blieb, weil eben das Fliegengift auch gefälscht war. An diese kleine Geschichte wurden wir er­innert, als wir den Bericht über den neuesten Bierpantschervrozeß lasen, welcher sich vor dem Landgerichte in 9teuburg rt! d. D'. äbspielte. Die Panischer, deren diesmal ein volles Dutzend auf der Anklagebank saßen, haben sich der bekannten Mittelchen: Salizyl, Bierkouleur, Azid, Süßholz, Natron, Gelatine, Hausenblase, zur „Verbesserung" ihres Gebräues bedient, wie es eben die von Memmingen, Regensburg rc. auch machten. Das wäre somit eine alte Geschichte, die hoffentlich nicht ewig neu bleiben wird, aber etwas besonderes hat die Verhandlung doch ergeben, nämlich die Thatsache — und das ist unsere Fliegengeschichte — das die Herren Bräuer, welche ihr Publikum mit geschmiertem Biere betrogen, selbst wieder von den biederen Fabrikanten mit ge­fälschten Schmie rmitteln betrogen worden sind. Die Sachverständigen konstatirten nämlich, daß das Natron, welches bei einem der Ange­

ld Maske gegen Maske.

Roman von A. Werner.

Bei diesen Worten verließ Pergon die Müllerin und begab sich, die Flasche und den Becher in der Hand, nach der bezeichneten Stelle. Der Weg führte durch eine anmuthige Allee zu der erwähnten Wiese, deren lachendes Grün ihn zur Ruhe einlud. Kaum hatte er sich auf den Rasen gelegt und einen tüchtigen Zug aus dem Becher geschöpft, als seine Blicke sich aufmerksam auf das-Aeußere der Mühle richteten. Die Räder drehten sich nicht, aber das Master ergoß sich in den Kanal, den eine Mauer von dem Bache trennte. Pergon glaubte zu entdecken, daß diese aus Cement er­richtete Mauer erst vor Kurzem aufgeführt worden war. Sie kennzeichnete augenscheinlich ein System von Schutzwehren, das in Frankreich ungewöhnlich war. Man glaubte eine Schleuse vor sich zu haben. Zu beiden Seiten waren fliegende Brücken, die, je nachdem man sie aufzog oder herabließ, das Master des Kanals zum Steigen oder zum Fallen brachten. Es entging auch den Späher­blicken des Polizisten nicht, daß zwischen der Mauer und der Müllerwohnung eine Verbindung in Form

klagten gefunden wurde, stark mit Chlornatrium und schwefelsaurem Natron gefälscht war. Uns wundert das von den einschlägigen ehrenwerthen Firmen eigentlich gar nicht. Betrügst Du Deine Kunden, so denken sie, warum sollte ich die meinigen nicht betrügen? Daß auf diesem Wege das konsumirende Publikum eventuell an Leib und Leben geschädigt wird, genirt diese Leute nicht. Hat sich doch einer der Panischer in Neuburg damit ausreden zu können geglaubt, daß er er­klärte, er habe das geschmierte Bier nur seinen Dienstboten und den Bauern in Fäßchen ge­geben! Natürlich, — „was braucht denn der Bauer an Huat?" heißt es in einem bekannten Liede, und was braucht er, obwohl es auch sein gutes Geld kostet, einen gesunden Trunk. Für ihn ist Wasser mit Bierkouleur, Glycerin, Moussir- pulver und Süßholz versetzt, gut genug.

Die in Neuburg sestgestellte Thatsache einer Fälschung der Schmiermittel gibt aber zu einer Erwägung anderer Art Anlaß. Es scheint in den maßgebenden Kreisen einige Neigung zu bestehen, den von unfern chemischen Bräuern als ganz un­schuldig erklärten Zusatz von Salizyl unter Um­ständen gestatten zu wollen. Wenigstens lassen die Versuche, welche in Memmingen angestellt werden, diese Annahme gerechtfertigt erscheinen. Es ist möglich, daß die kundige Hand eines Chemikers, welchem überdies reine und gute Mittel zur Ver­fügung stehen, es fertig bringt, das Salizyl in einer Weise zu verwenden, daß es durchaus un­schädlich bleibt, wie ja auch. der Arzt dasselbe und viele entere Dinge w woblbemesienen Dosen als Heilmittel anwendet. Daraus aber folgern, daß man die Verwendung eines solchen Stoffes, dessen Qualität gar nicht kontrolirt ist, jedem Bräuburschen anheimstellen könne, das scheint uns ein durchaus falscher und in seinen Wirkungen unheilvoller Schluß. Im Uebrigen ist gut ver­gorenes Bier verzapft worden, ehe man von Salizyl etwas wußte und wird solches noch, wie wir an­nehmen dürfen, in der großen Mehrzahl unserer Brauereien ohne künstliche Mittel fertig gebracht. Unsere Volksvertretung würde es sich wohl zweimal überlegen, ehe sie der Chemie zu Liebe in unser Malzaufschlagsgesetz ein weites Loch machen ließe, dem zweifellos bald andere folgten. Auch hier müßte es heißen: Principiis obsta, weise den ersten Versuch unerbittlich ab. Ist einmal ein

eines lose eingesügten Brettes hergestellt war. Er glaubte ferner zu bemerken, daß über die Brüstung der Mauer ein Kopf seine Bewegungen beobachtete, und hielt es deshalb für richtig, seine Studien für's Erste einzustellen, um sie zu geeigneter Zeit wieder aufzunehmen.

Pergon, welcher weder zu träumen, noch zu schlummern Neigung bezeigte, zündete sich eine Cigarre an und ließ, behaglich auf dem Rasen ausgestreckt, seine Blicke nach allen Himmelsgegenden schweifen. Sein Auge blieb indeß unwillkürlich auf der Mühle haften, denn es überraschte ihn zu sehen, daß oben auf der Brustwehr des Tages ein Mann ein Fernrohr handhabte, mit welchem er anscheinend die Wiesen und den Wald von Savigny beobachtete. Der Mann, welcher das Fernrohr hielt, war keineswegs Jacquot; denn während dieser eine schmächtige, dürre Figur hatte, nahm der breite Körper des über die Brüstung _ sich lehnenden Mannes solche ganz ein. Durch seine Hände und das Instrument verdeckt, war sein Gesicht nicht zu unterscheiden. Pergon vermuthete jedoch, daß es Caufaille, der Ehemann der Müllerin sein müsse.

Wie konnte aber Caufaille, der, wie die Alte ihm berichtet, sich mit Mehl nach Corbeil begeben

Schmiermittel gesetzlich zulässig, dann wird der Schmuggel mit den anderen erst recht nicht mehr kontrolirt werden können."

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Mai.

* In den letzten Tagen waren in der Stadt viel­fach beunruhigende Gerüchte über das Befinden des Kaisers verbreitet. Wie die ,Nat.-Ztg.' von zuverlässiger Seite erfährt, war dasselbe nur am Dienstag in Folge einer schlaflosen Nacht, welche einen ungünstigen Einfluß auf die Kräfte des Monarchen ausgeübt hatte, so, daß es als unbe­friedigend erachtet werden mußte. Nachdem die beiden Nächte zum Mittwoch und Donnerstag aber ruhigen Schlaf gebracht, haben auch die Kräfte sich wieder in erfreulicher Weise gehoben, und es ist keinerlei Grund zu Besorgnissen vorhanden. Der hohe Herr wohnte heute mit der Großherzogm von Baden am Fenster des Palais dem glänzen­den Huldigungszuge der Drechslerinnung bei, die Begrüßungen der Festtheilnehmer vielfach durch Verneigen erwidernd.

* Die Angabe, daß die Arbeiten der Commission zur Bearbeitung eines bürgerlichen Gesetz­buches auf Betreiben des Fürsten Bismarck mit besonderem Eifer geführt werden, läßt die Ver- muthung zu, daß diese Arbeiten nicht so schnell abgewickelt werden, als es in dem Wunsche der leitenden Kreise liegen möchte. Diese Voraussetz­ung wird der Magdeburger Zeitung' als eine irrige bezeichnet. Der Geschäftsplan, den die Comnüssivn ovu vornherein arfgeftellt hotte, fei vollständig innegehalten worden und es haben dar­nach die Arbeiten bisher ihre Erledigung gefunden; es sei auch nicht anzunehmen, daß der bisherige Gang der Arbeiten eine Beschleunigung besonders wünschenswerth gemacht hätte. Man darf daher nicht annehmen, daß der Abschluß der Berathungen srührer erfolgen wird, als von Anfang an ange­nommen worden war.

* Ueber die in Darmstadt stattgehabte 26. allgemeine deutsche Lehrerversammlung schreibt das Mainz. Jl.':

Ihr ganzer seitheriger Verlauf, wie auch die für sie in Scene gesetzte „Mache" bewiesen, daß sich hier der mo­derne Schulliberalismus und die Loge ein Stelldichein gegeben und die Schule gewissermaßen nur als Aushänge­schild dienen muß. Daß unter diesen Umständen trotz

hatte, sich indeß in der Mühle zu Ivette befinden? Weshalb war er auf das Dach geklettert, wie ein Hatrose, welcher in den Mastkorb steigt, und welchen Reiz konnte ihm diese Gegend bieten, daß er sich sogar eines Fernrohrs bediente? Die Alte hatte gelogen, als sie berichtete, daß sie allein im Hause sei, das war so klar, wie der Umstand, daß ihr Mann seltsame Gewohnheiten hatte und an­scheinend neben seinem Geschäfte abenteuerlichen Geschäften nachging.

Was mochte die Aufmerksamkeit desselben in so hohem Grade fesseln? Doch nicht etwa die Höhe des Grases auf den Wiesen, der Fluß Ivette, das daranstoßende Gehölz? Pergon, welcher sich einer außerordentlichen Sehkraft erfreute, inspizirte von Haus zu Haus die Wohnungen von Morsang, konnte aber nichts Auffälliges daran entdecken. Es waren recht hübsche, im ländlichen Styl ge­haltene Wohnungen, weiß mit grünen Fensterläden, welch' letztere zum Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen sämmtlich'vorgesetzt waren und mit Schieferdächern, die im Sonnenschein wie Spiegel erglänzten. Die Blicke des Polizisten schweiften nun von dem Dorfe auf das Schloß und hier fiel ihm sogleicb eine mächtige weiße Fahne in's Auge, die lustig im Winde flatterte und an einem