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Donnerstag, den 28. Mai
1885.
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Die Sonntagsfeier.
(Schluß.)
Die Frage der Sonntagsfeier ist augenblicklich die brennenste von allen Fragen, nicht sowohl deshalb, weil der Kanzler dieselbe in so eigenthümlicher Weise behandelt hat, sondern weil das ganze sittliche Selbstbewußtsein des Volkes sich dagegen empört, daß die materialistischen Tendenzen nicht bloß in der Wissenschaft sondern auch in der Politik an unserem christlichen Fundamente rütteln, und daß die Lohnfrage die Sonntagsheiligung in den Staub treten soll. Jedes Volk wird so behandelt, wie es sich behandeln läßt. Die sogenannte „Nützlichkeit" ist über das Gottesgebot gestellt worden, und der deutsche Kanzler hat diesem materialistischen Grundsätze sein Siegel aufgedrückt.
Die moderne Industrie läßt leider vielfach keinen Unterschied zwischen Arbeitstag und Sonntag erkennen: auf Eisenbahnen und in Fabriken hat man an vielen Orten es dahin gebracht, daß der Sonn- und Feiertag gar nicht mehr zu exi- stiren scheint. Segen kann für keinen Theil daraus hervorgehen, nicht für den Arbeitgeber, nicht für den Arbeiter. Jene sollten doch bedenken, daß ein religiöser Arbeiter, ein gewissenhafter Mensch zum größten Vortheil des Herrn ist; und diese sollten doch gerne lieber selbst einen zeitlichen Nachtheil ertragen, als ihre Körper der nöthigen Sonntagsruhe und ihre Seele der Gnaden und Segnungen berauben, welche die gewissenhafte Heiligung der Tage des Herrn ihnen bietet. Manches freilich ist bei dem modernen Verkehr und Geschäftsbetrieb erlaubt, weil absolut noth- wendig; aber über diese Grenze hinausgehen, das ist für den Einzelnen Sünde und für die Ge- sammtheit die Quelle des ganz sicheren Ruins.
Die Sonntagsruhe ist in erster Linie eine religiöse, dann aber auch eine allgemein menschliche, wirthschaftliche und gesundheitliche Forderung und jeder Versuch in der Geschichte — wir erinnern nur an die große französische Revolution — diese Satzung Gottes umzustoßen, hat sich bitter gerächt. „Gedenke, daß Du den Sabbath heiligst", lautet das Gebot Gottes und daß gesundheitliche Rücksichten einen Ruhetag erheischen, ist ebenso selbstverständlich, wie das Bedürfniß nach Speise und Trank. In unserem Zeitalter des Materialismus und d.r Maschinen ist man frei»
Q) Maske gegen Maske. 159
Roman von A. Werner.
„Lasten Sie uns von etwas Anderem sprechen", sagte Lebrun. „Um nach Paris zurückkehren zu können, werde ich bald nach Savigny aufbrechen müsten. Statten Sie Paris häufig einen Besuch ab, Herr Atkins?"
„Niemals," schrie der Engländer, „Harry will es nicht zulasten."
„Schade, wir hätten in einem feinen Restaurant speisen und in'S Theater gehen können."
„Jn's Theater? Wie, Sie wagen es, in meinem Beisein von Theater zu reden? Es ist Ihnen also unbekannt, daß ich selbst Schauspieler gewesen bin, ~~ der beste Schauspieler, den England je beseflen hat — und daß ich die niedrige Stufe, auf der die erhabene Schauspielkunst gegenwärtig in Frankreich steht, von ganzem Herzen verachte."
„Sie sind selbst Schauspieler gewesen?"
»Ich habe auf allen Bühnen der drei Königreiche gespielt. Ich bin auf den Brettern, welche me Welt bedeuten, geboren worden, und zwar ^tten meine Eltern die Ehre, neben den größten Schauspielern wie Kean und Ritschell zu figu- nren. Meine Mutter hat sich durch ihre vor«
lich so weit „fortgeschritten", dem Menschen erstens seine unsterbliche Seele abzusprechen und ihn zweitens zur willenlosen Maschine herabzuwürdigen. Hat der Mensch aber keine unsterbliche Seele, dann fallen selbstredend auch die religiösen Bedürfnisse und Pflichten weg, und ist der Arbeiter nichts weiter als der Theil einer Maschine, ein Zahnrad in dem großen industriellen Räderwerke, dann ist es ganz natürlich, daß manchesterlichen Arbeitgeber ihre menschlichen Maschinentheile im vollsten Maße ausnutzen, bis diese vor der Zeit entkräftet zusammenbrechen. Die Folgen hiervon sind die frühen Todesfälle der Abgehetzten, die religiöse Gleichgültigkeit vieler Arbeiter, die Zerrüttung des Familienlebens in weiten Arbeiterschichten und den Uebergang der Verzweifelten in's socialdemokratische und anarchistische Lager.
„Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebenten aber ruhen." Ueber dieses Wort des Herrn lacht die heutige Welt, aber die soziale Katastrophe, die unausbleiblich ist, wird auf dieses Lachen Antwort geben! Schon seit acht Jahren strebt das Centrum nach dem Ziele, den Arbeiter aus der Sklaverei gewiffenloser Arbeitgeber zu befreien; aber alle seine Anträge wurden mit dem Hinweis auf „die Bedürfnisse der Industrie" zurückgewiesen, und Fürst Bismarck stellte sich dabei jedesmal auf den staatlichen, nicht auf den christlich-menschlichen Standpunkt. Was kann den Kanzler veranlaßt haben, wieder im manchesterlichen Fahrwasser zu segeln? Derselbe Kanzler stieß ein berechtigtes und erfüllbares Verlangen des Centruifls und der Konservativen von sich, aus deren Händen er zu gleicher Zeit Millionen zur geregelten Führung des Reichshaushalts annahm, und ohne deren Unterstützung seine ganze Sozialreform wie Spinngewebe zerfallen würde. So ist die dringlichste, für Leib und Seele wichtigste Arbeiterforderung an dem Widerspruche des Fürsten Bismarck gescheitert. Er allein trägt die Verantwortung dafür; aber wie wir einestheils glauben, daß ihm die innere Befriedigung fehlen wird, — denn der Beifall der Freisinnigen muß ihn stutzig machen, — so hoffen wir andererseits, daß er bei seiner wiederholt betonten „Belehrungsfähigkeit" einsehen wird, in dieser Hinsicht eine falsche Bahn zu wandeln, und daß er später, wenn das Centrum den Antrag wiederholen wird, andere Wege gehen werde. Die deutschen Arbeiter aber haben aber-
treffliche Leistung der Desdemona unsterblich gemacht. Sie hieß —"
In dem Augenblick jedoch, als der Berauschte den ersehnten Namen, auf den Lebrun mit ängstlicher Ungeduld wartete, aussprechen wollte, öffnete sich die Thür. Herr Lebrun sah sich um und erblickte zu seiner Verwunderung einen Gens» darmen auf der Schwelle. Sein Anblick flößte dem Greise Besorgniß ein, obschon sein Antlitz keine Veränderung erkennen ließ.
„Ich möchte mit einem gewiffen Herrn Calumet ein Wort unter vier Augen reden," sagte der Gensdarm höflich.
„So heiße ich," antwortete, sich erhebend, der falsche Weinreisende.
„Würden Sie die Güte haben, mir in den Vorsaal zu folgen, mein Herr?"
„Zu dienen," versetzte Lebrun, dem, trotz seiner Ungeduld, den Namen der Mutter des Engländers zu erfahren, es in diesem Moment erwünscht war, daß die Unterredung sich den Ohren Atkins entzog. Zum Unglück fiel es jedoch demselben ein, sich in etwas zu mischen, was ihn nicht kümmerte.
„©ie scheinen mit der Gerechtigkeit dieses Landes in Konflikt gerathen zu sein," rief er aus. „Sie hätten in Liverpool Bürger werden sollen,
mals erfahren, welche Partei für sie eintritt und ihre Rechte vertheidigt, und daran mögen sie bei den nächsten Wahlen denken!
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Moi.
* Im Bundesrath soll, wie verschiedene Abendblätter melden, die Mehrheit für den preußischen Antrag in der Braunschweiger Erbfolge- Frage bereits gesichert sein. Die Angaben über angekündigte Proteste fallen nur auf Vermuthung beruhen.
* Aus Anlaß des Antrages Preußen über die Verhinderung der Cumberland'schen Erbfolge wird der ,Germ.' aus Braunschweig geschrieben :
„Die Sympathien, welche der Herzog von Cumberland hier im Lande und in der Stadt hat, sind durchaus nicht so gering, wie sie von den meisten Blättern dargestellt werden. In allen Kreisen gibt es noch Leute, welche das legitime Recht des Herzogs voll und ganz anerkennen und von Herzen wünschen, daß er, der letzte Sproß aus dem Welsengeschlechte, das in früherer Zeit in den braunschweigischen Landen geherrscht, auch jetzt wieder den Thron besteigt. Man gesteht sich aber zu, daß ein solcher Wunsch an der Macht Preußens scheitern muß und hält daher jeden Widerstand gegen diese Macht und gegen die vollendete Thatsache für nutzlos. Zöge der Herzog Ernst August jedoch hier in Braunschweig ein, er würde sicherlich allseitig von der alten Braunschweigischen Bevölkerung mit offenen Armen ausgenommen werden. Etwas anderes ist es bei demjenigen Bestandtheile der Bevölkerung, welcher aus Nichtbraunschweigern besteht, und gerade von diesen habe., sich i». bin letzten Jahren hier sehr oioc nir^rgelasscn. Und diese sind es denn auch, welche die sogen. „Stimmungsbilder" in die Welt hinausschicken. So ging es auch nach dem Bekanntwerden des preußischen Antrags. Die Nichtbraunschweiger triumphirten und schrieben und tele- graphirten in dieser Stimmung an die auswärtigen Blätter. Die Altbraunschweiger waren bestürzt und überrascht, man hatte immer noch gehofft, daß sich die Angelegenheit zwischen Preußen und dem Herzog Ernst August regeln lassen würde. Wir sprechen hier nicht von der streng welfischen Partei, wie sie in Hannover existirt; diese ist hier allerdings nickt sehr stark vertreten. Aber auch ebenso klein ist Die Partei, welche ein Aufgehen Braunschweigs in Preußen wünscht, und daß dieses mit dein Antrag Preußens endgiltig bezweckt wird, daran zweifelt hier Niemand. Die Wahl eines Regenten oder eines neuen definitiven Herzogs wird durch Preußen stets vereitelt werden, wie das schon einmal geschehen, als man vor dem Jnsleben- treten des Regentschaftsgesetzes noch zu Lebzeiten des Herzogs Wilhelm einen Regenten wählen wollte, der nach des Herzogs Tode die Regierung des Landes vorläufig übernehmen sollte. Die Fürsten, denen die
— in England gibt es keine Gensdarmen." Dann wandte er sich zu Lebrun. „Vergeffen Sie die zehn Fäfler Wein nicht. Ein Jahr ist rasch ver» floffen und wenn der Zahlungstermin da ist, werde ich ein Millionär sein, während Sie vielleicht im Gefängnisse sitzen."
Lebrun hätte ein Vermögen dafür geopfert, den Namen der Mutter des Engländers zu erfahren und begriff, daß er jetzt darauf verzichten müßte. Nichtsdestoweniger behielt er aber seine Fassung und erwiderte auf die höhnische Anrede:
„Seien Sie unbesorgt: ich werde noch diesen Abend nach Liverpool schreiben und die erwähnten Fässer Portwein werden zur bestimmten Zeit eintreffen."
Mit diesen Worten grüßte er den Engländer in höflichster Weise, obschon er ihn hätte erwürgen mögen. Auf dem Flur begegnete er dem roth- haarigen Diener, welcher bereits einen zweiten Kessel voll Punsch gebraut hatte, um seinem würdigen Herrn für die leere Bowle sofort Ersatz bieten zu können. Er hatte den Gensdarmen die Treppe hinauf gewiesen und konnte sich nicht erwehren, laut zu lachen, als er den Reisenden, der ihm so rasch ein Faß Wein zugesagt hatte, in Begleitung des Soldaten die Treppe herab-