Einzelbild herunterladen
 

118. Mittwoch, den 27. Mai 1885.

Jfulhdrr

Di- .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Viertel,ährlicher Abonnementsprers ohne Brmgerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. 50 Pfg-, belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. /0 Pfg-. auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.. sog. Platzannoncen 10 Pfg.; ber Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Für den Monat Juni werden Abonnements auf die .Fuldaer Zeitung' bei allen Postanstalten und Briefboten, sowie bei der Expedition und den Zeitungsträgern zum Preise von 50 Pfg. (excl. Bestellgeld) an­genommen.

-H- Die Sonntagsfeier.

Der Maßstab, wonach sich die Religiosität eines Volkes, seine sittlichen und gesellschaftlichen Tugen­den oder Untugenden, mit einem Worte sein christ­licher Gehalt beurtheilen läßt, ist die Antwort auf die Frage: Wie feiert es die Tage des Herrn? Mögen Einzelne noch so christlich denken und han­deln, das Volk als solches ist nicht mehr christlich, wenn nicht von der Staatsverfassung öffentlich an­erkannte Gesetze existiren, welche nöthigenfalls die Heilighaltung der Sonn- und Feiertage erzwingen. Als im Jahre 1874 das in der französischen Na­tionalversammlung abgegebene Votum, den einge­brachten Gesetzentwurf bezüglich der offiziellen Sonn- tagsfeier betreffend, von der Mehrheit der Kammer zurückgewiesen wurde, erklärte unsere offiziöse .Nord­deutsche Allgemeine", ein Staat, der das thun könne, sei nicht christlich, er stehe vielmehr auf dem Standpunkte des Heidenthums, indem er ohne, ja gegen den allmächtigen Gott operiren wolle — wie lange und mit welchem Resultate, werde die Zu­kunft lehren. Und am 9. Mai 1885 gab der Kanzler des deutschen Reiches, welcher die .Nord­deutsche' „täglich mit Nutzen liest", im Reichstage bezüglich der Sonntagsfeier solch' manchesterliche Auslaffuugen zum Besten, daß wir uns fragen müssen, ist Deutschland ein christlicher Staat, oder hat er sich die Grundsätze angeeignet, daß der Mensch nur ein veredelter Affe, die Frau „das weibliche Mutterthier", Gott, Seele und Ewigkeit Hirngespinst sei? An Ueberraschungen, welche uns Fürst Bismarck bietet, sind wir sattsam gewöhnt; so hat er die lange schlummernde braunschweigische Erbfolgefrage jetzt mit dem Anträge befürwortet, den er dem Bundesrathe unterbreitete, „die Ueber- zeugung auszusprechen, daß die Regierung des Her­zogs von Cumberland in Braunschweig mit dem inneren Frieden und der Sicherheit des Reiches nicht verträglich sei", was zweifelsohne die Fort­setzung des geflügelten Wortes ist, welches er im Reichstage den Welfen zurief: „Es ist Reichs- und

2) Maske gegen Maske. (58

Roman von A. Werner.

Lebrun that, als hätte er ihn nicht verstanden und redete ihn folgendermaßen an:

„Ist Ihnen etwa echter Portwein gefällig, mein Herr, der eigens für England fabrizirt worden ist. Sechsundzwanzig Shillings per Gallon, zahlbar in einem Jahre."

Kaum hatte Lebrun diesen Vorschlag ausge­sprochen, als der Andere das Glas so gewaltsam auf den Tisch stemmte, daß es in tausend Scherben zersprang. Dann richtete er wüthende Blicke auf den Eindringling, der es gewagt hatte, ihn in seiner Lieblingsbeschäftigung zu stören.

„Wer find Sie?" herrschte er Lebrun an; „ge­wiß ein spitzbübischer Commis wie alle Ihre Ka­meraden. Mich fängt man nicht, wohl aber schlage ich hin und wieder Anderen ein Schnippchen."

„Sie belieben zu scherzen, mein Herr," bemerkte, ohne die geringste Ungeduld zu verrathen, der verkleidete Lebrun. „Mein Portwein ist ganz vorzüglich und wird Ihren Beifall schon erringen. Echter Portwein von der Firma Rawson, Jen­kins & Co. Wie viel Fäffer wünschen Sie? Ich schreibe noch an diesem Abend nach Liverpool."

Landesverrath, was sie treiben!" — Und zu die­sen Ueberraschungen gehört auch die Stellungnahme des Kanzlers der Sonntagsfeier gegenüber. Anfangs der siebziger Jahre, als der Nationalliberalismus Hochwasser hatte, war Fürst Bismarck durch und durch Manchestermann; später, als er, wie er selbst erklärte, seine Ansichten korrigirt hatte, huldigte er konservativen Anschauungen, und jetzt ift er wieder in's manchesterliche Lager zurückgekehrt; wenigstens haben ihm seine fünf Reden gegen die Sonntags­feier den Beifall der ganzen freffinnigen Partei in solchem Maße eingetragen, daß der sonst so ver­haßte Kanzler von ihr mit Lobsprüchen überhäuft wird; sie nennt ihn einen „klar und nüchtern blickenden Staatsmann", und rechnet es ihm als hohes Verdienst an, „den heuchlerischen und fröm­melnden Demagogen die Larve falscher Arbeiter­freundlichkeit abgerissen zu haben". Die liberalen Blätter aller Sckattirungen suchen diese Reden zu ihren Gunsten auszubeuten, d. h. mit Hilfe der Autorität des Fürsten Bismarck das Urtheil des christlichen Volkes über die Sonntagsheiligung zu Gunsten der naturalistischen Weltanschauungen ver­wirren. Leben wir aber in einem christlichen Staate, so sind wir auch verpflichtet, das dritte Gebot Got­tes zu reipektiren, und wenn wir „praktisches Chri- stenthum" treiben wollen, so sind wir nicht berech­tigt, zu sagen, daß der Arbeiter in 7 Tagen mehr verdiene, als in 6 Tagen, und daß der Lohn dem Arbeiter mehr werth sei, als die Sonntagsheiligung. Die Thatsache, daß die Linke, sowie die ganze glaubenslose Sippe der Nationalliberalen in allen Tonarten ihren Spott über die christliche Sonn­tagsfeier ausgießt, läßt erkennen, daß es „im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte" recht traurig aussehen muß, und unter allen Majestäts­beleidigungen ist wohl diejenige die schlimmste, welche es wagt, das Wort unseres Monarchen, daß „dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse", zu verhöhnen und zu verspotten.

Der Kanzler hat in der That wieder einmal „etwas Schönes angerichtet". Alle Diejenigen, welche jedes Wort aus seinem Munde für ein Evan­gelium halten, sind an der Arbeit, aus seinen Reden Kapital zu schlagen; da wird über „die schablonenhafte Sonntagsruhe" gewitzelt und in wahrhaft gotteslästerischer Weise gefragt, welche „materielle Gegenleistung" denn Gott für die Sonn­tagsheiligung gewähre? Die ganze offiziöse natio-

„Nach Liverpool! Sie find also ein Engländer? Fort mit Ihnen. Ich verabscheue die Engländer und wollte, daß Liverpool verbrannt würde. Dort hat man meine Mutter ausgezischt."

Von diesem heftigen Ausfall behielt Herr Lebrun nur die letzte Phrase in seiner Erinnerung. Anstatt zu gehen, wozu Georg Atkins ihn mit nichts weniger als höflichen Worten aufgefordert hatte, nahm er vielmehr Platz.

„Ist es zu fragen erlaubt," fragte er kalt- blüthig, „weßhalb man denn Ihre Mutter in Liverpool ausgezischt hat? In diesem Falle müßte ihre Mutter eine Schauspielerin gewesen sein."

„Schweigen Sie!" rief der Andere, indem er mit den Fingern auf den Tisch trommelte. „Ich habe weder ein Wort über „Auszischen" fallen lassen, noch meiner Mutter erwähnt, — und ich verbiete Ihnen hiermit, mich weiter zu be­helligen."

Mit diesen Worten füllte er ein anderes Glas bis an den Rand mit Punsch und leerte es auf einen Zug.

„Mir ist es auch weit angenehmer, von meinen Geschäftssachen zu reden," rief der angebliche Weinreisende aus. „Sie scheinen die Engländer

nalliberale und freikonservative Presse bis zu den kleinsten Winkelblättern zu, welche aus oem Ber­liner Futternapf gespeist werden, finden ein won­nigliches Behagen darin, das Volksbewußtsein be­züglich des Sonntags zu schädigen und zu! er­schüttern. Auf die nichtswürdigen Blasphemien der .Kölnischen Zeitung' ernzugehen, verbietet uns die tiefe Verachtung, mit welcher jeder anständige Mann diese charakterlose Wetterfahne straft; wenn aber die freikonservative .Post' aus­führt, „die katholische Kirche kenne eine strenge Sonntagsfeier gar nicht, denn der Gläubige habe nur die Pflicht, an Sonntagen eine Messe zu hören und dann sei er frei", so möchten wir dem Botschafterorgan den Rath geben, sich vom ersten besten Schulkinde eines Besseren belehren zu lassen. Fürst Bismarck scheint die Nothwendig- keit empfunden zu haben, seine materialistischen Auslassungen in der offiziösen und liberalen Presse entschuldigen zu lassen und den Reptilienfond in Bewegung zu setzen, um mit Hilfe der Kreisblätter dem Volke klar zu machen, esseiganz „unmöglich", die Geschäfte auch nur theilweise Sonntags zu schließen. Wir sind keine „puritanischen Schwärmer" und keine Freunde des puritanischen Sonntags, wie er in England existirt; wir verkennen nicht, daß es gewisse Industrien gibt, bei denen die Sonntagsarbeit unentbehrlich ist, aber, wie der Reichskanzler, die Sonntagsruhe als das Anormale und die Sonntagsarbeit aus angeblichen praktischen Gründen als das Normale hinstellen, das ist, gelinde gesagt, eine Unbedachtsamkeit, welche ihm den Protest aller Arbeiter, der christlichen, wie der sozialistischen einbrmgen wird, und mögen ihm auch einige Fabrikanten zehnmal entgegenjubeln. Der Verschleppungsantrag der Nationalliberalen, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob die Arbeiter die Sonntagsfeier wünschen oder nicht, hat schon ihre theilweise Beantwortung in der Resolution gefunden, welche eine Arbeiter- und Handwerkeroersammlung in Dortmund am 14. Mai faßte und dem Fürsten Bismarck zukommen ließ; in derselben heißt es, die Versammlung sei voll und ganz einverstanden mit Dem Anträge Hertling resp. den Vorschlägen der Arbeiterschutzkommission des Reichstages; sie sei der Ueberzeugung, daß die deutsche Arbeiterwelt die Bedenken und Ansichten des Reichskanzlers gegen diesen Antrag nicht theile.

(Schluß folgt.)

zu Haffen! Mir aus der Seele gesprochen, denn ich bin mit Leib und Seele Franzose."

„Weßhalb befinden Sie sich denn im Dienste dieser Liverpooler Weinhändler?"

„Weil sie gut bezahlen und ihre Weinsorten von so ausgezeichneter Güte find, daß sie einen Weltruf erlangt haben. Sehen Sie, ich bin vor Allem ein praktischer Mann. Von vaterländischen Gesinnungen kann man nicht leben.

„Wie heißen Sie?" fragte Atkins plötzlich.

„Calumet Das klingt, denke ich, französisch. Sie werden in ganz England einen solchen Namen nicht finden."

„Was trinken Sie?"

„Ich ziehe Punsch allen anderen Getränken vor", erwiderte Lebrun, von einer plötzlichen Idee er­griffen.

„Wollen Sie ein Glas in meiner Gesellschaft leeren ? Glauben Sie mir, ich v.rstehe mich auf einen guten Punsch. Hier mein Rezept: Drei Kannen Rum, drei Kannen Gin, drei Finger­spitzen Pfeffer und eine Muskatnuß. Diese Mischung ordentlich gekocht, gibt ein ganz vorzüg- lichcs Getränk. Mit Wasser und Zucker bleibe man mir vom Leibe."

Kaum hatte er seinen Punsch diese Lobrede