Einzelbild herunterladen
 

1885.

Fuldaer

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 SH. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Ml. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

.1------ ------ ■ ■ ~

* Zwischen England und Rußland ist die Verständigung, die in naher Aussicht zu stehen schien, wieder in die Ferne gerückt durch neue Schwierigkeiten bei der Grenzregulirung. Diese Regulirung ist bekanntlich von dem Minister Granville und dem russischen Botschafter Staat zu London auf dem Papier festgesetzt worden, und anfangs hieß es bestimmt, daß das Abkommen der beiden Diplomaten in Petersburg im Prinzip an­genommen sei und sanktionirt werden würde. Nun heißt es plötzlich, es ständen noch weitere Erörterungen bevor und „einige Punkte" seien noch zu er-- ledigen. Welches sind nun diese Punkte? Die Oase von Pendschdeh (am Murghab) wird von Saryk-Turkmenen bewohnt, die sich unter russischen Schutz gestellt haben. Deshalb forderte Rußland beim Beginne des Streites als Grenze eine Linie, die sich etwas südlich von Zulficar (am Heri-Rud) in östlicher Richtung nach Chanur-iBaid am Kuschk- und Bala am Murghabflusse hinzog und von dort in nordöstlicher Richtung abschwenkte. Die geforderte russische Grenze hätte alle Saryk- Turkmenen Rußland unterstellt. England wollte aber eine etwas mehr nördliche Grenze und in der That ging der russische Botschafter, weil er ja in der Hauptsache befriedigt wurde, darauf ein, um England nicht allzusehr zu demüthigen. Die Saryk-Turkmeuen aber wollten sich, so versichert man, nicht theilen lassen, sie wollten alle unter die väterliche Zucht resp. Knute des Czaren, und haben sich mit einem Protest- gegen die diplomatisch festgesetzte Grenze nach Petersburg gewendet. Sonderbar ist nur, daß der Steppen- stamm so schnell von seiner Theilung Kenntniß erhielt, oder sein Schicksal vorahnt;. Oder hat General Komarow den Protest herbeigeführt? Rach den Erfahrungen in Merw gilt das nicht als unwahrscheinlich. Das würfe aber ein ganz bedenkliches Licht ans das Verhalten Rußlands bei den Verhandlungen. Solche Proteste und solche Wünsche lassen sich von den Steppenstämmen jeden Augenblick erhalten. Geht das nicht gutwillig, so braucht man Gewalt. Indessen unterliegt es keinem Zweifel, daß England auch diese neue Pille geduldig hinunterschlucken wird, obwohl Rußland bereits Miene macht, auch H e r a t in den Kreis seiner Machtsphäre zu ziehen. Es ist auffällig, daß gerade die ,Nordd.' heute aus dem persischen Blatte „Schams" einen solchen Fingerzeig abdruckt. Dort plädirt ein Kauf­

mann aus Herat für den sofortigen Abschluß eines russisch-afghanischen Zoll- und Handelsver­trages. Daß Zollverträge die Vorläufer poli­tischer Verträge werden, weiß man auch von Europa her. Unter diesen Umständen hat eine Verständi­gung zwischen beiden Rivalen, selbst wenn sie zu Stande kommt, nicht den Charakter eines längeren Friedens, sondern lediglich den eines zeitweili­gen Waffenstillstandes. Das beiderseitige Verhalten trotz der Friedensaussichten bestätigt die Unausbleiblichkeit einer Auseinandersetzung. Die Russen beeilen in ganz auffälliger Weise den Bau ihrer transkaspischen Bahn, die neueren Meldungen zufolge nicht nur bis Merw, sondern auch von dort nordöstlich bis Samarkand fortgeführt werden soll. Die Bahn hat vorläufig lediglich eine stra­tegische Bedeutung. Ihre Beschleunigung weist also darauf hin, daß Rußland doch demnächst das Wie­dererwachen des Konflikts in Aussicht nimmt. Was England anbetrifft, so setzt es feine Rüstungen, deren feine Flotte und Armee allerdings dringend bedürfen, fort und außerdem scheinen augenblicklich in London eingehende Berathungen darüber gepflo­gen zu werden, ob man Indien in Afghani­stan ober erst amJndus vertheidigen soll. Man fühlt in Landon, daß es jetzt zu spät ist, Indien bei Herat zu vertheidigen, dem die Russen viel näher stehen und dessen Emir sie bald in ihre Arme nehmen werden. Darum dürfte man auf den Ripon'scheu Vorschlag zurückkommen, welcher bef^te : Gewinnung der eingeborenen Indier durch Reformen, starke Befestigung der indischen Grenze und dauernde Vermehrung der indischen Landmacht. In der That dürfte den Engländern jetzt bei der schwankenden Haltung der Afghanen, die bald ganz russenfreundlich fein wird, nichts anderes übrig bleiben, als dieser Rückzug auf . die Grenzverthei- digung am Indus. Aber soll England auf die­selbe vertrauen können, so wird es sein Land- Heer verfünffachen müssen und die Kosten nicht scheuen dürfen. Gleichzeitig aber wird es sich be­mühen müssen, aus seiner Jsolirung herauszukom­men und Bundesgenossen, zumal die Indier selbst zu gewinnen.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Mai.

* Ueber die Besetzungsfrage des Posener Erzstuhles wird der ,Germ.' in Bestätigung

der gestrigen diesbezüglichen Nachricht aus Rom weiter gemeldet: „Dieser Tage habe ich in meh­reren katholischen Blättern Deutschlands die von hier datirte Nachricht gelesen, daß eine Verständi­gung zwischen dem hl. Stuhle und der preußischen Regierung in Bezug auf die Person des Nach­folgers des Kardinals Ledochowski auf den erz­bischöflichen Stuhl von Posen-Gnesen nahe bevor­stehe. Zu meinem lebhaften Bedauern kann ich diese Nachricht nicht bestätigen, da mir von zuver­lässiger Seite her versichert wird, daß, nachdem die preußische Regierung die Kandidatur des Propstes Grafen Poninski definitiv abgelehnt, von Seiten des hl. Stuhles zwei neue Kandidaten für den Erzstuhl, die Herren Ma . . . ski und Czo . . . cki, in Vorschlag gebracht wurden, die jedoch ebenfalls in Berlin nicht acceptirt worden feien. Nach allen diesen Erfahrungen ist kaum noch daran zu zweifeln, daß Fürst Bismarck fest darauf besteht, nur einen Prälaten von nichtpol­nischer Nationalität den ehemaligen Primatialsitz des Königreichs Polen besteigen zu lassen. Der Aufschub in der Posener Angelegenheit ist die Ursache, weshalb die schon seit Wochen vereinbarte Lösung der Kölner Bischofsfrage noch immer nicht zur Ausführung gelangt."

* Der Bundesrath hat in der letzten Sitzung folgende Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz betreffend die Steuervergütung für Zucker, sowie die Verlängerung der Frist für die Ent­richtung der im Venicbsjahre 1884—8drre0rr irren Rübensteuer beschlossen: 1) Die in den Mo­naten Mai bis August 1885 fälligen Rübenzucker­steuer-Kredite können von den Behörden, welche den Kredit ertheilt haben, um drei Monate ver­längert werden, wenn der Kreditnehmer a: einen bezüglichen Antrag bis zu dem Fälligkeitstag ein­schließlich stellt; b: die Verpflichtung übernimmt, den betreffenden Kreditbetrag vom Tage der ersten Fälligkeit ab bis zum Ablauf des Monats, in welchem die Einzahlung stattfindet, nach dem Zins­füße von jährlich 4 pCt. zu verzinsen und die Zinsen bei der Krediteinzahlung zu entrichten; c: den Ansprüchen der Steuerbehörde in Bezug auf die Sicherstellung des verlängerten Kredits nebst Zinsen Genüge leistet; 2) Bei Berechnung der Zinsen wird die Zeit vom 25. des einen bis zum 24. (einschließlich) des folgenden Monats als ein Monat (Ziffer 1, b), angesehen. 3) Die er«

Q) Maske gegen Maske. 153

Roman von A. Werner.

Lebrun ward aus feinen Grübeleien durch den Eintritt seines vertrauten Dieners unterbrochen, der ihn daran erinnerte, daß es die höchste Zeit sei, die große Oper zu besuchen, da man, wie er ver­nommen, bereits den dritten Akt der „Hugenotten" begonnen hatte.

Das neue Opernhaus stößt an das Grand-Hotel, so daß Herr Lebrun sich zu Fuß dorthin begab, zum großen Jubel der versammelten Jugend, die feinen prächtigen Anzug und feinen Turban zur Zielscheibe ihrer Scherze machte. Der Nabob war indeß an solche Kundgebungen schon gewöhnt und ließ sich dadurch nicht im mindesten stören.

Als der Indier in's Opernhaus trat, erhob sich bereits der Vorhang zum vierten Akt der „Huge­notten". Man segnete die Waffen und der Gesang des glänzenden und ansehnlichen Chores ließ das ganze Hans erzittern. Die Zuschauer, von der grandiosen Melodie hingerissen, wandten sich nicht, wie gewöhnlich, nach dem Nabob um, so daß er diesmal, ohne Aussehen zu erregen, in feiner Loge

Platz nehmen konnte. Er gewann dadurch Ge­legenheit, seinen Operngucker unbemerkt auf die Zuschauer richten zu können und entdeckte alsbald in den Vordersitzen des Parquets die Personen, welche er suchte, nämlich Herrn Tollart und die schöne Frau Disney.

Arabella war in glänzender, mit kostbaren Dia­manten besetzter Toilette erschienen, während Tollart das Ansehen eines reichen Edelmannes hatte. Sie schienen übrigens der melodischen Musik von Meyerbeer wenig Geschmack abzugewinnen, denn sie waren im eifrigen Gespräche mit einander be­griffen. Herr Lebrun yörte seinerseits um so weniger auf den Chorgesang, welcher die Rieder- metzelung der Hugenotten vorangeht, als er nur für die Engländerin und deren Begleiter Augen hatte. Für ihn gipfelte das Drama in der ersten Reihe des Parquets und nicht auf der Schau­bühne, denn je mehr er die Ereignisse erwog, desto fester ward er in dem Glauben bestärkt, daß die Erbschaftsangelegenheit O'Sullivan's mit dem in der Straße l'Alouette verübten Verbrechen in enger Verbindung stand.

„Tollart hat mich noch nicht entdeckt", dachte er. „Wüßte er, daß ich ihn beobachte, er würde nicht so viel mit dieser Dame plaudern. Was

mag er ihr zu erzählen haben? Ich zweifle nicht daran daß er, sobald er mich erblickt, zu mir kommen wird."

In diesem Augenblick richtete Tollart sein Opernglas nach allen Richtungen des Opernhauses, als wenn er Jemanden suchte und erblickte den Nabob, den er ehrerbietig grüßte. Letzterem ent­ging es nicht, daß Tollart, während er sich vor dem vermeintlichen Fürsten von Bahour verneigte, Frau Disney leise mit seinem Arm berührte und daß diese ihm ein Zeugniß des Einverständnisses gab. Der Nabob erwiderte den Gruß nach asia­tischer Sitte mit würdevoller Gleichgültigkeit und gab sich dabei den Anschein, als fei er tief in die Schönheiten der Meyerbeer'schen Musik versenkt. Er unterließ jedoch nicht, verstohlene Blicke auf das Parquet zu richten und fah alsbald, daß Tollart feinen Platz verließ. Nach einigen Minuten öffnete sich die Logenthür und der Erwartete trat leise herein. Der Nabob empfing ihn mit höflicher Aufmerksamkeit.

„Ew. Hoheit wollen verzeihen", begann Tollart, „daß ich Sie während der Vorstellung zu belästigen wage, allein ich muß Sie nothwendig sprechen. Da Madame Disney sich vor Beendigung der Oper nach Hanse begeben will, ist es meine Pflicht,