Einzelbild herunterladen
 

j\£ Hl. Montag, den 18. Mai 1885.

Die .Fuldaer Bettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — nnt der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Der Reichstag

wurde, wie bereits gemeldet, am letzten Freitag geschlossen. Die Abhaltung von netto 102 Sitz­ungen in dieser einen, am 20. Nov. eröffneten Session war nur möglich durch Anspannung aller Kräfte und durch Anberaumung täglicher Sitz­ungen trotz der gleichzeitigen Arbeit des preußischen Landtages. Leider ist die Erledigung mancher Vorlage und manches Initiativantrages trotzdem nicht möglich gewesen. Der Grund liegt darin, daß einzelne Vorlagen, wie das Budget und der Zolltarif, naturgemäß viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Berathung des Reichsbudgets gestaltete sich besonders durch drei Dinge schwierig: 1. Die Nachtragsforderungen; 2. das Defizit, das eine gründliche Prüfung und sparsames Rechnen zur Pflicht machte; 3. dadurch, daß die Regierung es an jedem Hinweise auf die Quellen zur Deckung des Defizits fehlen ließ. Die Berathung des Zoll­tarifs ging aber nicht bloß deshalb langsam von Statten, weil über jede der vielen Positionen ge­sondert abgestimmt werden mußte, sondern nament­lich aus dem Grunde, weil die manchesterlichen Gegner der Zollreform durch ewiges und doch aus­sichtsloses Repetiren ihrer Einwürfe die Geduld der Anhänger der Reform mehr als einmal auf die Probe stellten. So nahmen die Etatsberath- ungen nicht weniger als 30, die Zolldebatten sogar 34 Sitzungen in Anspruch. Gleich beim Anfänge der Session gab es bei dem Diätenantrage sowie bei dein Anträge Windthorst aus Aufhebung des Priesterausweisungsg'esctzes erregte Debatten, bei denen namentlich die geringe Rück­sichtnahme des Fürsten Bismarck auf die Wünsche und Beschlüsse der Volksvertreter zu Tage trat. Dieser Umstand war nicht geeignet, das Vertrauen zur Reichsregierung zu erhöhen, und mußte zu desto genauerer Prüfung der Regierungsvorlagen führen. Von diesen gelangten zur Annahme (ab­gesehen von dem Budget und der Zollreform) die Dampfersubvention für 2 Linien; die Ausdehnung der Kranken- und Unfallgesetze auf die Transport­gesetze, während die auch beantragte Ausdehnung auf die landwirthschaftlichen Arbeiter vertagt wurde; ferner der Zollanschluß von Bremen, die Gesetze wegen der Steuervergütung für Zucker, die Novelle zum Militärgesetz und einige kleinere Vorlagen. Wichtig waren zwei aus der Mitte des Hauses

Q) Maske gegen Maske. (5°

Roman von A. Werner.

Frau Sorbier, welcher der Vater das Wohl seiner Tochter anvertraut hatte, zeichnete sich aller­dings weder durch Scharfsinn noch durch Intelli­genz aus, aber sie hatte ein treffliches Herz und kaum war sie inne, welches Unglück sie angerich­tet hatte, als sie sich der größten Verzweiflung überließ, aber endlich erwägend, daß es angemessener sei, zu suchen, den Fehler wieder gut zu machen, als die Hände in den Sckooß zu legen, näherte sie sich dem tiefgebeugten Vater und sagte:

„Kommen Sie schnell mit mir zur Polizei. Ich werde dort den Hergang wahrheitsgetreu erzählen und ein genaues Signalement der Dame, sowie ihres Fuhrwerks geben."

„Wohin fuhr der Wagen?" fragte der Weichen­steller tonlos.

„Er lenkte in die Straße ein, welche nach dem i Nordbahnhof führt."

t „Man hat sie aus Paris fortgeschafft, um sie r zu tobten," jammerte Cambrenner.

„Muth, mein Freund," äußerte die Wäscherin. „Ich kenne von hier bis zum Bahnhofe fast jeden

hervorgegangene Anträge: der schon genannte Antrag Windhorst, bei welchem die Unnachgiebigkeit des Reichskanzlers in der Kirchenpolitik hervortrat, und sodann die Börsen st euer, die zwar nicht die rein prozentuale Steuer festsetzt, aber doch anderseits den Großgeldverkehr in wirksamerer Weise, als bisher, zur Deckung der Reichsein­nahmen heranzieht. Unter den unerledigten Gegen­ständen verdienen, laut der ,Pf. Z.', die Postspar- kassenvorlage und das Verbot der Sonn­tagsarbeit Erwähnung. Die erstere Vorlage scheiterte an dem centralisirenden, die jetzt bestehenden Sparkassen schädigenden Systeme, das dem Ent­wurf zu Grunde lag; die zweite kam in Folge des Widerspruchs des Reichskanzlers nicht zu Stande. Das auffallendste Zeichen der Lage ist die Suspendirung weiterer Sozialreformen, denn die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Transportgewerbe ist kaum nennenswerth. Die Sozialreform, die früher das A und Z der Offiziösen war, ist eben leider in den Hintergruud getreten. Ob es zum Heile und namentlich zum inneren Frieden Deutschlands dient, daß statt der Fort­führung der Sozialreform jetzt die Kolonial­politik über alles dominirt, läßt sich mit Fug bezweifeln.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Mai.

* Wie die ,Magdeb. Ztg.' mit Bestimmtheit er­fährt, liegt es in der Absicht der Reichsregierung, dem Reichstag in der. nächsten Session Vorlagen über Arbeiter-AlterSversörg'ung zu machen; es sollen jedoch zuvor sämmtliche noch rückständigen Entwürfe bezüglich der Ausdehnung der Unfallge­setzgebung im Reichstage festgestellt werden. Diese Richtung der Gesetzgebung wird also den Kern­punkt der nächsten Session bilden.

* In der gestrigen Sitzung des Bundesraths wurde die vom Reichstage angenommene Börsen­steuer-Vorlage, den Ausschüssen überwiesen und der Gesetzentwurf über die Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung genehmigt. — Der Bttn- desrath wird nach offiziöser Verlautbarung erst kurz vor dem Pfingstfeste seine Arbeiten vorläufig abschließen können und es steht noch dahin, ob dann schon eine längere Ferienpause eintreten werde. Der Bundesrath hat zunächst noch zu den letzten

Bewohner und es sollte doch seltsam zugehen, wenn nicht Jemand den Wagen gesehen hätte."

„Ja, das ist auch meine letzte Hoffnung; gehen wir," drängte Cambrenner unö verließ eiligst mit Frau Sorbier das Haus.

28. Kapitel.

Die Erbschafts-Dokumente.

In einem eigens zu diesem Zwecke gemietheten Zimmer des Boulevard l'Jtalien saß am Abend des nächsten Tages der Rechtsanwalt Vinet, oder beffer Herr Lebrun, welcher auch diese Rolle spielte und blätterte zwischen Papieren umher. Man klopfte an die Thür.

Gleich darauf erschienen zwei Männer, Pergon und der Weichensteller Cambrenner. Vinet ließ seine Blicke prüfend auf dem Antlitz des Letzteren weilen und fragte sich verwundert, ob dies der Mann sei, von welchem Pergon ihm eine Schilde­rung entworsen hatte. Er hatte ihn als einen ein­fachen Arbeiter mit ruhigen Gesichtszügen geschil­dert, und Cambrenner hatte verzerrte Mienen, düstere Blicke und flammende Augen. Sein Be­nehmen war im höchsten Grade aufgeregt.

Pergon ließ seinen Herrn indeß nicht lange in Ungewißheit, sondern redete ihn mit folgenden Wor­ten an:

Beschlüffen des Reichstages Stellung zu nehmen und sodann auch eine ganze Reihe zum Theil recht belangreicher Verwaltungs - Angelegenheiten abzu­wickeln. Auch die Entscheidung über die Angebote wegen Uebernahme der unterstützten Dampferlinien ist noch zu treffen.

** Das mehrfach berührte Dementi des Reichs­tagsabgeordneten Dr. Lingens in Sechen der Romreise will trotz seiner Bestimmtheit immer noch nicht von der Tagesordnung verschwinden. Die ,Köln. Ztg.' läßt sich neuerdings wieder von ihrem römischen Korrespondenten schreiben:

Der Abg. Lingens hat in dem Moniteur de Rome' leb­haft gegen die Meldung der ,Rordd. Allgem. Ztg.' prote- stirt, daß er von den Herren Melchers und Windthorst mit einer Mission bei dem Vatikan betraut sei. Nach mir zu­gegangenen guten Mittheilungen ist dieser Protest halb rich­tig und halb falsch. (??) Ich kann versichern, (??) daß Herr Lingens sich im Vatikan dafür bemüht, daß der Papst die zur Errichtung einer Universität in Fulda ge­sammelten Gelder für die Gründung einer ultramontanen Universität in Salzburg bestimmen möge. Richtig ist es, daß er dazu keinen Auftrag von Herrn Melchers erhalten haben kann, da der letztere, der einzige noch über­lebende Kurator des Fuldaer Fonds, entschieden gegen die Verwendung desselben für Salzburg ist. Der Auftrag rührt nur (So! so!) von Herrn Windthorst her, was nicht zu verwundern ist; merkwürdig aber ist es, daß auch die va­tikanischen Behörden von dem Anliegen des Herrn Lingens nichts wiffen wollen, Herr Windthorst also wieder einmal ultramontaner als der Vatikan gewesen ist.

Diese Spitzfindigkeiten find doch gar zu einfä'.tig. Der Abgeordnete Dr. Lingens erklärt, er habe weder von Erzbischof Melchers noch von Excellenz Windthorst eine Mission gehabt. Wenn das ein Mann wie Dr. Lingens sagt, glaubt man es ohne Weiteres, das erklärte sogar die Norddeutsche', obwohl fte allerdings dann verlogener W-Ue die Sache so darzustellen suchte, als ob der .Moniteur de Rome' Zweifel hege. Das macht dieser römische Korrespondent viel einfacher und hält aufrecht: Dr. Lingens hat eine Mission gehabt, und zwar von Dr. Windthorst. Das ist ja ein „grundgescheuter" Mensch, dieser römische Korrespondent der ,Köln. Ztg.', denn er ist über die Absichten des Abg. Dr. Lingens beffer unterrichtet, als selbst der Träger dieses Namens. Wir lassen ihm von Polonius die Antwort geben: „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!"

* Die Gesellschaften für Erdkunde und für An­thropologie hielten heute dem Andenken Dr. Nachtigall's zu Ehren eine gemeinsame Sitzung in der Singakademie ab. Professor Dr. Virchow

„Wie ich Ihnen bereits mitgetheilt habe, wünscht dieser Herr wegen einer großen Erbschaft mit Ihnen zu sprechen, wozu sich noch ein anderer Umstand gesellt hat, der nicht vorauszusehen war» Man hat ihm seine Tochter, die Erbin des er­wähnten Vermögens, geraubt."

Herr Lebrun zuckte bei dieser Nachricht schmerz­lich zusammen, ermannte sich aber bald und sagte, sich an Cambrenner wendend:

„Wollen sie mir den Vorgang schnell erzählen?"

„Was hätte ich Ihnen zu sagen!" rief Cam­brenner schluchzend aus. „Seitdem man mir mein Kind geraubt hat, bin ich wie wahnsinnig. Ich würde auch, uneingedenk des Versprechens, welches ich meinem Kameraden gegeben hatte, diesen Abend nicht zu Ihnen gekommen sein, wenn mich nicht die Hoffnung beseelt hätte, daß Sie mir vielleicht beim Auffinden meiner Tochter würden behülflich sein können."

„Sie haben wohl daran gethan, sich in dieser Angelegenheit an mich zu wenden," sagte Herr Lebrun, „da ich mich hauptsächlich mit Nach­forschungen in Familienangelegenheiten beschäftige. Sie müssen mir also genau den Sachverhalt mit­theilen, mein Herr, zuvor mir aber die Frage beantworten: Ist das Kind, welches man, wie