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Sonnabend, den 16. Mai

Fuldaer Jeitung.

1885.

Die .Fuldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brrngerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.

** Der preußische Landtag

wurde nach viermonatlicher Dauer geschloffen, ohne daß auf kirchenpolitischem Gebiet ein weite­rer Schritt zur Wiederherstellung des inner« Frie­dens gemacht worden wäre. Daß es nicht ge­schah, liegt einzig und allein an der Re­gierung. Die Parteien des Landtages haben sich in zahlreichen Einzelfragen weit entgegenkom­mender gezeigt als die Regierungskreise. Auch die Windthorst'scheu Anträge auf Beseitigung des Sperrgesetzes und Freigebung des Meffelesens so­wie der Sakramentespendung haben in keiner früheren Session eine verhältnißmäßig so stattliche Minderheit auf sich vereinigt, namentlich deshalb, weil zahlreiche Mitglieder der konservativen Frak­tion, deren Gros aus bekannten Gründen dem Centrum nur so weit entgegenkommt, als die Re­gierung es zuläßt, wenigstens sich nicht entschließen konnten, gegen diese Anträge zu stimmen. Die Erklärungen, welche Namens der Deutschfreisinnigen der Abg. Zelle bei Berathung der Wiesbadener Petition abgab, waren befriedigender, als man sie sonst aus den Reihen dieser Fraktion zu hören gewohnt ist. Nur dies eigentlich mittelpar­teilichen Fraktionen: die Nationalliberalen und die Freikonservativen, verharrten stumm in ihrer verbisse« kulturkämpferischen Haltung. Die Stel­lung des Cent rums blieb auch im Landtage ausschlaggebend, wie der Abg. Wagner (Ost- Havelland) zu seinem großen Schmerze vor einigen Jagen zu bekunden hatte. Das Lehrer-Pensions- Gesetz sollte die eigentlich mittelparteiliche Kraft­probe sein; nun wird es in einer Fassung Gesetz werden, welcher prinzipielle Bedenken vom Staud- punkte des Centrums nicht entgegenstehen. Gerade Bestandtheile der Mittelpartei waren es aber, welche an demselben Verunzierungen angebracht haben, wodurch den Lehrern die Fürsorge der Freikonservativen und Gouvernemental-Konserva- tiven recht eigenthümlich erscheinen muß, so daß das Gesetz als mittelparteiliches Wahlmanöver, als welches es hauptsächlich geplant war, völlig unbrauchbar geworden ist. Das Gesetz war be­kanntlich im Herrenhause nach dem Wunsche der Regierung dahin abgeändert worden, daß der Maximalbeitrag des Staates von 750 M. auf 600 M. herabgesetzt und die Bestimmung ausge­nommen wurde, das Stelleneinkommen der Lehrer solle auch ferner zu Pensionen im bisher zulässigen

Q) Maske gegen Maske. (49

Roman von A. Werner.

„Können Sie mir den fremden Herrn näher bezeichnen?" fragte Gabriele nach kurzer Pause hastig.

„Ja," entgegnete der Weichensteller, „er war elegant gekleidet und konnte fünsundvierzig bis fünfzig Jahre alt sein. Vor Allem fielen mir seine unstäten grauen Augen auf."

„O, meine Ahnung!" rief Gabriele plötzlich erregt aus. „Ich täusche mich nicht! Es ist der­selbe Mann, der von Ferrand hier empfangen wurde und der ihn verderben will."

Diese Worte waren fast unbewußt ihren Lippen entschlüpft und bestürzt brach sie deßhalb ab. Sie fühlte mehr als je, daß gegen ihren Verlobten ein Complot geschmiedet sei, um ihn zu vernichten und ihre Liebe zu trennen. Es war ihr auch klar, daß sie selbst soeben fast dem Anschlag des geheimen Feindes zum Opfer gefallen wäre und diese schmerz­liche Gewißheit ergriff sie heftig, wenn auch ihre feste Ueberzeugung von Ferrand's Unschuld sie mit neuer Hoffnung erfüllte.

„Ich begreife nicht," nahm Madame Romont

Umfange mit herangezogen werden. Um das ganze Gesetz nicht scheitern zu lassen, hat das Ab­geordnetenhaus dasselbe in der Faffung angenom­men, die es im Herrenhause erhalten. Einen großen Erfolg erzielte das Centrum mit Durch­setzung des Antrags Huene. Die Aussichten des Antrages schienen anfangs gering; der schließliche Erfolg ist die Frucht des festen und wohlbedachten Auftretens der Landtagsfraktion und des Rück­haltes, welchen dieselbe an der ausschlaggebenden Centrums-Fraktion des Reichtages hatte. In einem geradezu kläglichen Lichte stellten bei dieser wich­tigsten Aktion des Landtags die Nationalliberalen sich dar, bereit Haltlosigkeit und Zerfahrenheit kaum noch überboten werden kann. Wie man bei der Stellung der Regierung zu dem Anträge Huene annehmen durfte, ist auch das Herrenhaus demfelben beigetreten und hat den Gesetzentwurf angenommen. Nach dem aufgestellten Vertheilungs- modus sind die Beträge, welche nach diesem Ge­setze einzelnen Gemeinden zufallen werden, recht erheblich.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai.

* Der Reichstag ist heute im Allerhöchsten Auftrage durch den Minister v. Bötticher geschloffen worden. Damit hat die I. Session der 6. Legis­laturperiode ihr Ende erreicht. In der heutigen (102.) Plenarsitzung, welche nur kurze Zeit in Anspruch nahm, wurde zunächst eine Rechnungs- n-üprsichi bebattelos genehmigt. .Eine kurze De­batte knüpfte sich an den Bericht der Geschäfts­ordnungs-Kommission über die Frage, ob das Mandat des Abgeordneten Graf Herbert von Bismarck-Schönhausen durch besten Ernennung zum Unterstaatssecretair im Auswärtigen Amt erloschen sei. Entgegen der Ansicht der Kommission, daß das Mandat nicht als erloschen zu erachten sei, weil eine Erhöhung in Rang oder Gehalt mit der Ernennung nicht verbunden sei, suchte Abg. Hasen­clever nachzuweisen, daß in der That eine Gehalts­erhöhung vorliege. Das Haus schloß sich jedoch dem Beschlüsse der Kommission an. Die dritte Lesung der Novelle zum spanischen Handelsverträge führte nur zu einer unerheblichen Diskussion; die­selbe wurde in namentlicher Abstimmung mit 225 gegen 50 Stimmen angenommen. Hierauf geb der

das Wort, „welche Beziehungen zwischen dem Be­suche, der Ferrand galt, und demjenigen, welchen jener Herr empfangen hat, bestehen sollten."

Gabriele schwieg einen Augenblick, dann fragte sie, anscheinend ruhig, gegen Cambrenner gewendet:

„Kennen Sie vielleicht den Namen des Herrn, der Ihnen im letzten Winter so wichtige Mit- theilungen machte?"

„Er heißt Tollart."

„Ich werde mir den Namen merken," sagte Gabriele.

„Mein gutes Kind," äußerte die Matrone, welche die Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte, „die Umstände, die Du er­wähnst, interessiren den Herrn nicht im Mindesten, und ich mache mir bereits Vorwürfe, ihn seiner kostbaren Zeit schon so lange beraubt zu haben."

Der Weichensteller verstand die Andeutung und erhob sich.

„Ich danke Ihnen für Ihre gütige Aufnahme," sagte er. „Gestatten Sie mir, ehe ich gehe, noch die Anfrage, ob es mir erlaubt ist, dem Rechts­anwalt, welchem ich meine Dokumente übergeben werde, zu sagen, daß Sie ebenfalls von der Fa­milie O'Sullivan abstammen?"

„Ich bitte Sie sogar darum, und ersuche Sie,

Präsident v. Wedell-Piesdorf die übliche Geschäfts­übersicht, worauf Minister v. Bötticher die auf den Sessionsschluß bezügliche Allerhöchste Botschaft verlas, und die Session für geschlossen erklärte^ Nach einem dreimaligen Hoch aus Se. Majestät den Kaiser schloß der Präsident die letzte Sitzung.

* Die Beschränkung der Zahl der Rechts­anwälte scheint bei der Reichsregierung ernstlich be­absichtigt. Sowohl im preußischen Justizministerium als im Reichsjustizamt fei es beschlossene Sache, dem Uebermaß der Anwälte durch Bestimmung einer geschlossenen Anzahl Anwälte Einhalt zu thuu. Für jedes Gericht soll auf Vorschlag des Vor­standes des Landgerichts und der Anwaltskammer, mit Entscheidung des Justizministers, die höchste Zahl der zuzulassenden Anwälte bestimmt werden. Ist die Zahl erfüllt, so werden die sich Meldenden vorgemerkt und nach dem Alter ihrer Meldung berücksichtigt. Eine Vormerkung bei mehreren Ge­richten ist statthaft. Lehnt oer Vorgemerkte ab, so ist sein aus der Vormerkung erlangtes Recht erloschen.

* Der vierte Bant von Janssen's Geschichte des deutschen Volkes wird, rote man aus Frei­burg mittheilt, in der Woche nach Pfingsten aus- gegeben werden. Er zerfällt in folgende drei Bücher: 1. Die kirchlich-politischen Parteikämpfe und die Zu­stände des Volkes bis zum Ausgang der Grumbach- Gotha'schen Verschwörung im Jahre 1567; 2. die Einwirkung des französischen Calvinismus und die Erfolge der internationalen Revolutionspartei bis zum Jahre 1575; 3. Die katholischen Reform­bestrebungen und die Gegenwirkungen bis zur Ver­kündigung d'er 'Cöncordmformet tm Iahte 1580. Der fünfte Band ist unter der Presse.

* Das Resultat der denkwürdigen Bismarck- Spende wurde dieser Tage in der Schlußsitzung des Centralcomito's in Berlin festgestelll. Der Vor­sitzende, Herzog von Ratibor, eröffnete die Sitzung mit der Mittheilung über das Gesammtergedniß der Sammlungen, die einen Ertrag von 2,750,049,44 Mk. ergeben haben, der nach Abzug der Kosten von 20,905,50 Mk. eine Summe von 2,729,143,94 Mk. repräsentirt. Hiervon sind 1,500,000 Mk. zum Ankauf von Schönhausen verwendet und der Rest von 1,229,143,94 Mk. zur Disposition des Herrn Reichskanzlers für die zu bildende Stiftung gestellt. Aus der Nachweisung des Totaleingangs für die Spende geben wir folgende Ziffern:

mir seiner Zeit das Resultat Ihrer Nachforschungen mittheilen zu wollen."

„Und ich hoffe, daß Sie mir recht bald meine kleine Cousine vorstellen werden," sagte Gabriele, ihm mit einem seelenvollen Blick die Hand reichend, die er kaum mit seinen Fingerspitzen zu berühren wagte.

Im Freien angelangt, empfand Cambrenner plötzlich eine solche Sehnsucht nach seinem Kinde, das er während seiner Abwesenheit einer mit ihm in einem Hause wohnenden Wäscherin anvertraut hatte, daß er, um möglichst schnell nach Hause zu gelangen, die Ausgabe für einen Wagen nicht scheute. Die Hausthür seiner niedrigen Wohnung stand offen und in dem Zimmer, worin seine Nach­barin sich aufzuhatten pflegte, bewegten sich mehrere Gestalten hin und her.

„Vortrefflich", dachte er, indem er dem Kutscher den Fuhrlohn bezahlte, „die Wäscherinnen der Frau Sorbier sind noch in voller Arbeit. Ich war ein Thor, daß ich mich ängstigte."

Von drinnen klang eine Stimme, welche sagte: „Horch, ein Wagen! Man wird sie zurück- bringen!"

Der Weichensteller verstand diese Worte nicht, aber eine unheimliche Ahnung stieg in seinem