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Mittwoch, den 13. Mai

1885.

Die .Fuldaer Heituna' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Wegen des Festes „Christi Himmelfahrt" ■R® wird die nächste Nummer dieses Blattes erst am Freitag erscheinen.

Die prozentuale Börsensteuer*) ist im Reichstage in dritter Lesung mit der ge­waltigen Mehrheit von 214 gegen nur 41 Stim­men angenommen worden. Das ist ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die Forderung einer entsprechender Heranziehung der Börsengeschäfte zu den öffentlichen Lasten, für wel­chen das Centrum und die konservative Partei schon seit einer Reihe von Jahren Propaganda gemacht haben, war im Laufe der Zeit so populär geworden, daß selbst die nationalliberale Partei, welche sich früher stets mit Händen und Füßen gegen eine Mehrbelastung der Börse gewehrt hatte, bei dem großen „Umschwung" von Heidelberg auch die Börsensteuerertzphung in ihr Programm auf» nahm und damit auch ihrerseits dem völlig un­zureichenden Stempelsteuergesetz von 1881 den Krieg erklärte. Man hat gewiß nicht mit Unrecht von Anfang an in die Aufrichtigkeit des national­liberalen Börsensteuerprogramms gelinde Zweifel gesetzt, wenigstens war die'von den Nationallibe­ralen geplante Börsensteuer nicht nach dem Sinne der weitaus größten Mehrheit des Volkes, wie sich in den letzten Tagen so evident als möglich ge- zeigt hat. Der nationalliberale Gegenantrag zu dem Wedell'schen Entwurf und zu dem im Wesent­lichen gleichlautenden Kommissionsantrag war nichts anderes, als ein Versuch, die Regelung dieser drin­genden Frage abermals aufzuschieben. Die Na­tionalliberalen schielten mit dem einen Auge zur Börse, mit dem anderen zum Volke hin, und wenn sie am Schluffe unter dem Hohngelächter der Freunde wie auch der Gegner der prozentualen Steuer den bisher so hartnäckig verfochtenen ab­gestuften Fixstempel und die sämmtlichen durch­gefallenen Anträge verläugneten und in den sauren Apfel der Prozentualsteuer und der gegnerischen Anträge bissen, so haben sie das nur gethan aus Furcht, sie möchten die ihrem schwachen Bestände so nöthige Gunst des Volkes einbüßen. Ans an­deren Gründen läßt sich die geradezu gesinnungs­lose urplötzliche „Schwenkung" der Nationallibe­ralen nicht erklären. Der Abg. Wörmann hat Namens seiner Partei die ausdrückliche Versiche-

Q) Maske gegen Maske.

Roman von A. Werner.

Gabriele hielt inne, als wenn sie befürchtete, ihr Geheimniß zu verratheu und bereits zu viel ge­sagt zu haben, allein Frau Nomont dachte nicht daran, weiter in sie zu dringen und dieses für sie wie für ihre Tochter peinliche Gespräch fort­zusetzen. Sie erhob sich hastig, küßte Gabriele auf die Stirn und erwiderte traurig:

„Ich will Gott bitten, daß er Dich vor Ver­zweiflung schützen möge!"

Das junge Mädchen antwortete nicht und begab sich, als sie sich allein sah, um sich zu erfrischen, in den Garten.

Der Tag ging zur Neige und das Abendroth beleuchtete im Purpurglanze den westlichen Himmel. Es war die Stunde, wo Liebende sich ihre Zärt­lichkeiten in's Ohr zu flüstern pflegen, oder die­jenigen, welche innig geliebt haben, sich ihres ent­schwundenen Glücks erinnern. Die Braut des zum Tode Verurtheilten ließ sich durch den melan­cholischen Reiz des Schweigens und der Abend­dämmerung hinreißen, in eine Allee einzubiegen, welche sich längs des Fluffes hinzog und zuletzt auf das freie Feld führte. Der Tag entschwand

rung abgegeben, die Nationalliberalen „hielten die prozentuale Besteuerung auch heute noch für v e r - kehrt, nachdem aber die Majorität des Reichs­tages sich ebenso wie der Reichskanzler (aha!) da­für ausgesprochen, wollten auch sie dafür stimmen." Dieses offene Bekenntniß, daß die Nationallibe­ralen, um nur mit dabei gewesen zu sein, auch für etwas Verkehrtes stimmen, ist so interessant, daß es zur Berwerthung für kommende Zeiten festgenagelt werden muß. Der Hohn, mit dem die Abgg. Bamberger und Richter die tapfere Haltung der Nationalliberalen überschütteten, war gewiß mehr als berechtigt, und der satprische Hin­weis Richter's, die „Mitarbeit" der Nationallibe­ralen beschränke sich darauf, daß sie der Majorität die Steigbügel hielten, hat die Lakaiennatur gut gekennzeichnet.

Wir betrachten das erzielte Votum der 214 als einen bedeutsamen Erfolg der vom Centrum und den Konservativen seit vielen Jahren gegen den gesam.nten Liberalismus und im Kampfe gegen die allmächtige Börse geführten Agitation. Wenn auch noch nicht alles das erreicht ist, was wir im Interesse einer gleichen Lastenvertheilung für nöthig und nützlich halten, so ist doch schon das eklatante Stimmenverhältniß ein Sieg von sozialer Wirkung. Der Haupterfolg ist darin zu erblicken, daß der für unüberwindlich gehaltene Widerstand der Geldmächte endlich ge­brochen ist, ein Erfolg, um den man uns in Oesterreich beneiden wird, und der z. B. in Frank­reich kaum erreichbar wäre

Was die nächsten Wirkungen und Früchte des Gesetzes anbetrifft, so gibt man sich auf Seiten der Freunde der Sache keinen übertriebenen Hoff­nungen hin, denn der Ertrag wird nicht sehr hoch sein, auch wird möglichste Abwälzung stattfinden, endlich wird die Anwendung des Gesetzes noch Zweifel und Schwierigkeiten genug bieten. Aber daß das Gesetz viel besser ist, als dasjenige von 1881, wird kaum bezweifelt werden können.

*) Nachdruck ist nicht gestattet.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Mai.

* lieber den gegenwärtigen Stand der Unter­handlungen zwischen dem heil. Stuhle und der preußischen Regierung wird der ,®erm.' u. A. von ihrem römischen Korresponden-

schnell; unter den großen Buchen herrschte bereits völlige Finsterniß. Gabrielens Gedanken schweiften fort von diesem Park, in welchem Ferrand ihr zuerst seine Siebe gestanden hatte. Ein leises Geräusch scheuchte sie aus ihren Träumereien auf: ein Stein, der zu ihren Füßen niedergefallen war, hatte daffelbe verursacht. Der Stein war mit Papier umwickelt, welches die Worte enthielt:

„Wenn Sie erfahren wollen, wie es Ihrem Verlobten geht, so kommen Sie. Man erwartet Sie an der Landstraße."

Kaum hatte sie diese Worte gelesen, als sie, ohne zu erwägen, ob diese anonymen Zeilen nicht zur Vorsicht aufforderten, ihre Schritte beflügelnd, den Park verließ. Auf der Landstraße erblickte sie zwei Männer, welche sich bei ihrer Ankunft rasch in einen Graben zu verbergen schienen. In der Nähe derselben entdeckte sie einen dunklen Gegenstand, der einem Wagen ähnlich sah, sich aber nicht mehr genau erkennen ließ. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie allein und der Weg menschen­leer war. Der Stimme der Klugheit Gehör gebend, kehrte sie um, und sah nur, daß einer der Männer aus dem Graben hervorstürzte und ihr eiligst folgte. Er hatte sie bald erreicht und redete sie mit leiser Stimme an:

ten geschrieben: ' „Wenn Jemand ftchZin dieser Sache genau informiren will, so braucht er nur die Ansprache des hl. Vaters an die deutschen Pil­ger in der Audienz vom 3. Mai recht aufmerksam zu lesen. Leo XIII. konstatirt, daß er seit dem Beginn seines Pontifikats jein Streben auf die Beendigung des Kulturkampfes gerichtet und sich zunächst bemüht habe, eine genaue Kenntniß der Verhältnisse zu erlangen, daß er dieses Ziel stets mit dem gleichen Eifer verfolgt habe und in den Unterhandlungen bis zu den äußersten Grenzen der Nachgiebigkeit gegangen sei. In diesen letzteren Wor­ten spricht sich der feste Wille aus, keine anderen Zugeständnisse, als die bisher angebotenen zu machen. Von einem Erfolge, den seine Friedensliebe bisher erzielt habe, sagt der hl. Vater kein Wort, was er zweifelsohne doch wohl gethan haben würde, wenn er in den der preußischen Regierung abge* rungenen Zugeständnissen einen wesentlichen Fortschritt erblickte. Se. Heiligkeit erklärt sich fer­ner bereit, auch weiterhin das gleiche Entgegenkom­men wie bisher zu betätigen; aber daraus, daß er auch keinen entfernten Hoffnungsschimmer auf ein befriedigendes Resultat ber Unterhandlungen durchblicken läßt, darf man wohl schließen, er habe die Ueberzeugung gewonnen, noch sehr weit vom ersehnten Ziele entfernt zu fein. Nur von Gott allein erwartet der Papst die Befferung der Lage, und er fordert deshalb die Katholiken Deutschlands auf, im Vertrauen auf den göttlichen Beistand aus­zuharren im Kampfe um ihre religiöse Freiheit. In bestimmterer Weise konnte Leo XIII. den deut­schen Katholiken wohl schwerlich zeigen, daß sie ganz unbesorgt sein dürfen in Bezug auf die Unterhand­lungen zwischen dem hl. Stuhl und ihrer Regie­rung, daß jener ihre kirchlichen Rechte und Jnter- effen mit unerschütterlicher Standhaftigkeit wahren werde. Auch dem Verhalten des katholischen Vol­kes, sowie seiner parlamentarischen Vertreter und Führer hat Leo XIII. so volle Anerkennung aus­gesprochen, daß in Bezug auf diesen Punkt nicht der geringste Zweifel möglich ist."

* Der heutigen geselligen Vereinigung bei dem Reichskanzler wohnten weit über dreihundert Personen bei. Die Mitglieder des Bundesraths, dieStaatsminister und Reichstagsabgeorvneten waren zahlreich erschienen, die Konservativen fast voll­ständig; auch von den Nationalliberalen fehlten wenige, vom Centrum waren unter Anderen

„Sein Vater wünscht Sie zu sprechen."

„Sein Vater?" wiederholte Gabriele; „ach, ich wußte es wohl, daß er ihn nicht verlassen würde! Wo ist er?"

„Nur wenige Schritte von hier, in jenem Wagen, dessen Umrisse Sie dort sehen. Er wagt es nicht, sich öffentlich zu zeigen, da die Polizei ihn, wie Sie wissen, sucht. Er kann nur eine sehr kurze Unterredung mit Ihnen haben und wird den Wagen nicht verlassen. Es handelt sich um eine seyr wichtige Frage, die Sie ihm, wie er hofft, beant­worten können."

„Führen Sie mich zu ihm, mein Herr," sagte Gabriele, nur ihrem Herzen folgend.

Der Mann schritt ihr voran und sie folgte ihm. Als sie aber au der Stelle des Grabens vorüder- gingen, wo die beiden Männer sich verborgen ge­halten hatten, fühlte sie sich plötzlich von zwei kräftigen Armen umschlungen, während der Mann, welcher vorauf ging, sich rasch umwandte und ihr ein Taschentuch vor den Mund hielt, so daß sie nur mit halb erstickter Stimme rufen konnte:

„Zu Hülfe, Mutter, zu Hülfe!"

27. Kapitel.

Die Rettung.

Dieser Schrei der Verzweiflung konnte von Ga-