1885.
Dienstag, den 12. Mai
M 107.
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An die deutschen Katholiken.
Die Geschichte der Päpste ist die Geschichte der christlichen Gesellschaft. Was wir sind und was wir haben an christlicher Gesittung und christlicher Bildung, das verdanken wir ihnen. Gott setzte sie zu Lehrern der Wahrheit und zu Führern des christlichen Volkes und gab ihnen die Kraft, das Schifflein Petri wie bei Meeresstille, so auch in den Stürmen mit hoher Weisheit und sicherer Hand zu steuern. In großen Zeiten stellte er große Männer an die Spitze seiner Kirche.
Am 25. ds. Mts. begeht die Kirche das 8. Centenarium des hl. Gregor VII., jenes großen Papstes des XI. Jahrhunderts, der mit erleuchtetem Auge die der Kirche drohenden Gefahren und ihre Feinde erkennend, dieselben trotz Verfolgung und Leiden aller Art mit hohem Opfersinn und unerschütterlichem Muthe bekämpfte. Ec sah nicht den Sieg seiner Sache; auf seinem Grabsteine im Dome zu Salerno stehen die Worte: „Ich liebte die Gerechtigkeit und haßte die Ungerechtigkeit, darum sterbe ich in der Verbannung." Aber die Kirche dankt es ihm, daß sie beschützt blieb vor der Unterdrückung und der Korruption, welche ihr drohte von Seiten ungerechter Fürsten, die mit frevelnder Hand in ihre Rechte und Freiheit eingriffen. Seinen Charakter drückte er feiner und der nach ihm folgenden Zeit auf und seine Heldengestalt ragt in der Geschichte hoch empor über alle Jene, welche in Hochmuth und Leidenschaft ihn und die Kirche Gotres bekämpften. Ihre Nachfolger kennt man nicht mehr; aber in ununterbrochener Reihenfolge nehmen die Päpste den Stuhl des heil. Petrus ein.
Auch unsere Zeit ist groß an Gefahren, groß an Kämpfen; mächtig stürmt die Revolution an gegen die göttliche Wahrheit und die Kirche Gottes. Aber auch in unserer Zeit legte Gott das Steuerruder der Krrche in die Hände großer Männer, groß an Tugenden und an Weisheit, groß an Duldersinn und Muth und an unerschütterlichem Gottvertrauen. Das katholische Volk hat sich um sie geschaart. Wir folgen dein Worte des heil. Vaters; wir harren mit ihm aus im Dulden und im Kämpfen. Auch in unseren Tagen wird der Sieg unserer heiligen Sache nicht fehlen, wie wir sie siegreich hervorgehen sahen ans den Kämpfen Gregor VII. Die Erinnerung an diesen großen
Streiter und Dulder wird unfern Muth neu beleben, unsere Kraft stählen und unsere Ausdauer befestigen. Laffet uns daher seinen 800jährigen Gedenktag als einen ernsten uno heiligen Festtag öffentlich feiern. Laffet uns aber auch an demselben unseren geliebten hl. Vater, die gesammte Kirche und auch unser Vaterland dem göttlichen Herzen Jesu und der unbefleckt empfangenen Gottesmutter in unfern Gebeten andächtig und warm empfehlen. ____________
Wegen der Kürze der Zeit war es nicht möglich, diesen Aufruf katholischen Männern aus allen Theilen Deutschlands zur Unterschrift vorzulegen; der allgemeinen Zustimmung gewiß, erlaube ich mir daher nach Rücksprache mit einigen Freunden, den Aufruf nur mit meiner Unterschrift der Oeffent- lichkeit zu übergeben.
Mainz, den 1. Mai 1885.
Felix Freiherr von Los.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Mai.
* Die allgemeine Volkszählung im deutschen Reiche steht zum 1. Dezember d. I. bevor; man kann alsbald die auf dem Gutachten des statistischen Reichsamts beruhenden Ausführungsweisungen erwarten. Im Ganzen dürften sie, einzelne Vereinfachungen abgerechnet, keine wesentlichen Aenderungen gegen früher erfahren.
* Der,Staatsanzeiger' schreibt in seinem nicht amtlichen Theile: „Nachdem der Bischofsstuhl von Limburg durch den am 30.Dezember v. I. erfolgten Tod des Bischofs Dr. Blum erledigt worden, hat nach Maßgabe der bestehenden Vorschriften am 19. Februar d. I. durch das Domkapitel zu Limburg die Wahl eines neuen Bischofs staltgefunden, welche auf den seitherigen Domkapitular Christian Roos zu Limburg gefallen ist. Derselbe hat durch päpstliches Breve vom 27. März d. I. die Bestätigung zur Ausübung seines bischöflichen Amts erhalten. Se. Majestät der König haben mittels Allerhöchster Urkunde vom 1. Mai d. I. dem Bischof Roos die landesherrliche Anerkennung als Bischof von Limburg zu er- theilen geruht."
* Die.Nationalzeitung' meldet: Professor Koch reift als Delegirter des Deutschen Reiches zur Sa- nitätskonferenz nach Rom.
* Der Abg. Graf Herbert Bisiüarck theilt laut der ,Fr. Ztg.' mit, daß er zum Unterstaatssekretär im auswärtigen Amte ernannt sei, sein Mandat jedoch für nicht erloschen halte.
* Im Reichstage begann heute die dritte Lesung der Zolltarif-Novelle. Eine Generaldebatte wurde nicht beliebt, sondern sofort in dieSpezialdebatte eingetreten. Eine längere Debatte knüpfte sich zunächst an den Nähfadenzoll, welcher in zweiter Lesung gemäß dem Vorschläge der Regierung von 70 auf 120 M. erhöht worden war. Auf Antrag der Abgg. Frege und Gen. wurde der Zoll heute wieder auf 70 M. ermäßigt und zugleich eine Resolution angenommen, in welcher der Reichskanzler ersucht wird, über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation und der Confektions- branche, sowie über den Verkauf oder die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nähfäden u. s. ro.) seitens der Arbeitgeber an die Arbeiterinnen und über die Höhe der dabei berechneten Preise Ermittelungen zu veranlaffen und dem Reichstage über das Ergebniß in der nächsten Session Mittheilung zu machen. Eine von dem elsässischen Abg. Grad beantragte Resolution betreffend die Einführung des Gewichlsystens bei den Baumwollenzöllen wurde mit 174 gegen 114 Stimmen abgelehnt. Der in zweiter Lesung angenommene Zoll für Superphosphate wurde laut Bericht der ,Germ.' wieder gestrichen, dagegen auf auf Antrag der Abgg. Frege und Genoffen ein Zoll von 30 fg. für Schlemmkreide im Wege des Hammelsprunges mit 154 gegen 138 Stimmen angenommen. Der in zweiter Lesung beschlossene Cement- zoll (landwärts und flußwärts eingehend 30 Pfennige) wurde wieder gestrichen, nachdem Reichsschatzamts-Sekretair v. Burchard erklärt hatte, daß dieser Zoll der Schweiz gegenüber gebunden sei. Hieraus begann die Debatte über die Getreidezölle, zu welcher verschiedene Abänderungsanträge vorliegen. Fürst Bismarck griff in die Debatte ein und theilte mit, daß gestern mit der spanischen Regierung ein Abkommen getroffen sei, wonach Spanien auf die Bindung des Noggenzolls verzichtet gegen anderweitige Couzefsionen, namentlich gegen die zollfreie Einfuhr von Olivenöl.
* Von der deutschen Rompilgerfahrt wird u. a. noch geschrieben: Kardinal H e r g e n» röther hielt an die Pilger folgende Ansprache: „Trotz meines leidenden Zustandes trieb mich doch
Q) Maske gegen Maske.
Roman von A. Werner.
„Ich habe", hob Cambrenner hervor, „außer englifchen auch französische Namen auf der Stammtafel wahrgenommen. Unter andern ist mir der Name eines Banquiers Henry Romont aufgefallen, welcher ein Vetter meiner kleinen Tochter ist. Nach einer Anmerkung hat sich derselbe im Jahre 1855 verheirathet."
Pergon versank in tiefes Nachdenken und sagte nach einer Pause:
„Ich habe allerdings einen Banquier dieses Namens gekannt sogar mehrere Jahre für ihn gearbeitet. Er ist vor einigen Tagen gestorben. Sicherlich aus Kummer über den Schmerz feiner Tochter Gabriele," dachte er. „Unter den be» wandten Umständen würde ich an Ihrer Stelle nicht säumen, der Wittwe einen Besuch ai juftatten, und sie zu fragen, ob die Mutter ihres Mannes als Mädchen O'Sullivan geheißen habe."
„Das müßte ein Spiel des Zufalls sein, falls dies sich so verhielte, und ohne meiner Sache gewiß zu sein, wage ich mich der reichen Dame nicht vorzuftcllen. Unter welchen Umständen könnte ich mich überdies in ihre Wohnung begeben? Die
Wittwe eines Banquiers wird sich den Besuch eines armen Weichenstellers verbieten."
„Was das betrifft, so brauchen Sie nur anzugeben, daß Sie über eine Erbschaft Aufschlüsse zu ertheilen vermöchten. Man wird Sie bann zweifels- ohne vorlassen. Wer weiß, ob die Wittwe nicht ähnliche Dokumente aufzuweisen' hat, die für Herrn Vinet von unschätzbarem Werthe sind."
„Nun, ja", versetzte Cambrenner zögernd, „ich werde dahin gehen, obgleich ich es ungern thue, aber es geschieht ja für meine kleine Tochter. Ich wünsche nur, daß der liebe Gott sie glücklich machen möge."
„Wenn Sie damit andeuten wollen, daß Reich- thum nicht glücklich mache, so muß ich Ihnen doch bemerken, daß er immerhin bedeutend zum Glücke beiträgt. Vergessen Sie nicht, Ihre Dokumente mitzunehmen, wenn Sie Frau Romont besuchen."
„Nein, gewiß nicht, sie stecken in einem alten Koffer meiner Schwiegermutter. Der Besuch des Herrn Tollart, so heißt der Unbekannte, brachte mich auf den Gedanken, den Koffer zu durchstöbern, und da ich wieder auf diesen Menschen gekommen bin, weiß ich mir zur Stunde nicht zu erklären, weshalb er mich seiner Zeit beim Weichenstellen ausgesucht hat."
„Ich denke mir, daß er dasselbe Geschäft betreibt, wie Herr Vinet, keineswegs aber in guter Absicht. Wie Sie wissen, gibt es in Paris Leute, welche vakante Erbschaften suchen, um sie den wirklichen Erben gegen Provision zuzuwenden; es gibt aber auch solche, welche darauf ausgehen, sie für selbst zu erschleichen."
„Wie fangen sie das an? Um eine Erbschaft zu erzielen, muß man sich doch legitirniren können."
„Allerdings; wenn nun aber mehrere ein Anrecht auf eine gewisse Erbschaft haben, und einer der Erbschaftsberechtigten die übrigen Erben zu beseitigen weiß, — wie bann?"
„Aber auf welche Weise?"
„Die Kriminalgeschichte hat Beispiele genug aufzuweisen," erwiderte Pergon, „daß man schon oftmals sehr geringfügiger Erbschaften wegen Verbrechen verübt hat. An Ihrer Stelle würde ich Ihre Tochter aufmerksam bewachen."
„Ich hätte sie beinahe schon verloren, und nur einem Wunder ist es zuzuschreiben, daß die Eisenbahnwagen sie nicht zermalmt haben. Wer weiß, ob jener Tollart seine Goldstücke nicht absichtlich hat zwischen die Schienen fallen lassen."
„Das ist mir bis jetzt nicht eingefallen, aber Sie können Recht haben," versetzte Pergon hastig,